E-Book, Deutsch, 88 Seiten
Meyer Fatalitäten
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-1589-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 88 Seiten
ISBN: 978-3-7412-1589-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robin Meyer (*1998) stammt aus Bahlingen, einer rund 4.000 Einwohner zählenden Gemeinde am Kaiserstuhl nördlich von Freiburg. Momentan besucht der 17-jährige Schüler das internationale Wirtschaftsgymnasium und strebt im kommenden Jahr sein Abitur an. Im Jahr 2013 hat er mit "Falsche Familie" seinen ersten Jugendkrimi im Selbstverlag veröffentlicht, 2016 folgte sein zweites Buch "Fatalitäten", ein biografischer Kriminalroman. Jonas Peters (TV Movie) bezeichnet seinen Schreibstil als "höchst beeindruckend".
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Ich bin fest davon überzeugt, dass nichts passiert, sondern alles seinen Grund hat. Kann schon sein, dass man diesen Grund nicht immer erkennt, es ist schwer vorstellbar, das gebe ich zu, und auch ich musste diese Sichtweise erst lernen, sie mir selbst beibringen, ich war anfangs ein wenig skeptisch, ob es Sinn macht, in allem einen Sinn zu suchen. Doch mittlerweile ist mir klar geworden, dass man mit dieser Einstellung schwere Zeiten besser überstehen kann, man muss sich lediglich immer wieder vor Augen halten, dass alles, was gerade passiert, seinen Grund hat und man den Sinn dahinter wahrscheinlich irgendwann einmal verstehen wird. Es ist eine der simpelsten Arten, die es gibt, sich selbst aus seinem eigenen Tief zu befreien. Und aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass es wirklich funktioniert.
Bis heute warte ich immer noch auf den Sinn hinter all dem, was ich miterleben musste, ich habe nicht vergessen können, was damals passiert ist, jeden Tag muss ich an diese schrecklichen Bilder zurückdenken, obwohl ich sie schon vergessen hatte, sie sind auf einmal wieder da, und das trotz meines schlechten Gedächtnisses. Es fühlt sich für mich so an, als sei seither kein Tag vergangen, dabei ist es schon fast drei Jahre her, seit diese Geschichte zu einem Teil meines Lebens geworden ist. Leider musste sie zu einem Teil meines Lebens werden, wenn auch zu einem dunklen.
Ich habe seither nie über das Geschehene gesprochen, aber jetzt möchte ich zum ersten Mal diesen Schritt wagen. Vielleicht kann ich auf diese Art endlich damit abschließen, denn ich will vergessen, ich wünschte, ich wäre damals nicht dabei gewesen, hätte nicht dabei sein müssen. Oft mache ich mir Gedanken darüber, wie mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn nur eine einzige Situation damals anders gewesen wäre. Aber wahrscheinlich musste wirklich alles genau so kommen, wie es gekommen ist.
Meine Geschichte beginnt an Tag eins nach endlos lange scheinenden und ereignisarmen Sommerferien. Nun war ich in der zwölften Klasse und das Abitur stand unmittelbar bevor. Ich möchte ganz ehrlich sein, Schule war nicht so mein Ding und mir hätte eigentlich ein durchschnittlicher Abschluss an einer Realschule vollkommen ausgereicht. Meine Familie war aber schon damals ganz anderer Meinung, und wehren konnte ich mich nach Beendigung der Grundschule mit gerade einmal elf Jahren nicht wirklich.
Na gut, Familie ist ein bisschen zu sehr pauschalisiert, mein kleiner Bruder gehörte sicherlich nicht zu meinen größten Motivatoren, was die Schule betrifft, er war diesbezüglich ähnlich eingestellt wie ich. Besonders meine Mutter war es, die sehr interessiert an einer erfolgreichen Schullaufbahn ihres ältesten Kindes war. Zwar versuchte sie mir immer wieder zu suggerieren, dass sie überhaupt keinen Druck auf mich ausübe, gleichzeitig betonte sie allerdings, wie gerne sie es sehe, wenn ich mich für die Schule und für einen guten Abgang von dieser so richtig ins Zeug legte.
Folglich brachte ich immerhin sieben Jahre am Gymnasium hinter mich und hatte nun lediglich noch das letzte vor mir. Das würde ich wohl auch noch schaffen, so sagte ich mir dieser Tage immer wieder. Und wenn ich etwas angefangen hatte, brachte ich es auch stets so gut wie nur irgendwie möglich zu Ende. Also wollte ich mich noch einmal richtig hineinknien, um einen möglichst guten Schulabschluss zu bekommen. Nicht für meine Familie, sondern für mich selbst.
Allerdings muss ich zugeben, dass ich selbst gar nicht so recht wusste, was ich am Ende meiner schulischen Laufbahn machen oder geschweige denn, was ich einmal für den Rest meines Lebens tagtäglich tun sollte. Überhaupt hatte ich das Gefühl, noch keine echte Vorstellung von meinem Leben zu haben.
Früher versicherte ich mir, ich würde alles erst einmal auf mich zukommen lassen wollen und hatte mir wohl deshalb nie ernsthafte Gedanken darüber gemacht, wie ich in einigen Jahren einmal dastände. Aber mittlerweile war ich achtzehn geworden und sollte mir langsam überlegen, wie ich mein Leben gestalten möchte.
Um noch keine Antwort auf diese Frage parat haben zu müssen, plante ich ein Jahr im Bundesfreiwilligendienst in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung ganz in der Nähe meines Zuhauses hier im Westen Hamburgs. Das hatte neben dem Vertagen der Planung meiner Zukunftsvisionen den zusätzlichen Nebeneffekt, dass ich bedürftigen Menschen helfen durfte, was nicht nur diese Menschen, sondern auch mich glücklich machte. Und ich hoffte, dadurch etwas zu finden, was mir richtig Spaß machen würde.
Ich freute mich schon jetzt auf dieses Jahr, obwohl ich Vorfreude eigentlich stets eher zu vermeiden versuchte. Nicht aus Gewohnheit, sondern um mich selbst vor zu großen Enttäuschungen zu schützen.
Zunächst einmal musste ich noch ein Jahr lang für die Schule und besonders für die anstehenden Abschlussprüfungen ackern, obschon ich das immer wieder gerne vergaß und, bewusst oder unbewusst, vor mich herschob. Umso kälter wurde ich am besagten Tag erwischt, welcher mich als erster Schultag seit rund eineinhalb Monaten wieder zurück in mein normales Leben holte.
Ich war wie gesagt ganz froh darum, denn schon nach den ersten drei Wochen hatte ich alle Erledigungen getätigt, die ich mir vorgenommen hatte, und jegliche Aufgaben abgehakt, die ich mir im Vorfeld selbst gesetzt hatte. Die restliche Zeit hatte ich mehr schlecht als recht herumgehen lassen und ohne konkreten Plan auf mich zukommen lassen, war mal ins Kino gegangen und hatte mal Sport mit Freunden getrieben, mehr nicht. Von einem Kurztrip in die Schweiz für drei Tage mit meinem kleinen Bruder Rüdiger mal abgesehen.
Das Einzige, was sich aus jenen Ferien zu erzählen lohnt, war die Tatsache, dass ich seit meinem Geburtstag am 24. Juli volljährig war. Nur deshalb war es Rüdiger und mir möglich gewesen, alleine ein Wochenende in Zürich zu verbringen, das uns meine Mutter geschenkt hatte. Wir waren sogar mit meinem kleinen Auto gefahren, das ich mir kurz vor dem Sommer zugelegt hatte. Es war nichts Besonderes, ein roter der dritten Generation, einen guten Ruf hatte er zudem nicht, aber es reichte mir vollkommen und ich war glücklich gewesen über mein Auto, immerhin war der Großteil meines Ersparten dafür von meinem Konto geflossen, und es gefiel mir auch gar nicht schlecht.
Noch viel glücklicher war ich allerdings, dass ich nun endlich alleine fahren durfte, ohne dass mir meine Mutter von der Seite scheinbar kluge Ratschläge zuwerfen wollte und mich damit nur verwirrte und aus der Konzentration brachte. Ich war froh, dass an ihrer Stelle nun Rüdiger neben mir saß, da er noch keine Ahnung vom Autofahren hatte und mir somit glücklicherweise keine Anweisungen geben konnte. Er saß einfach nur neben mir, dabei stets gut gelaunt, und war zufrieden damit, wie ich fuhr.
Auch an diesem Tag, dem ersten nach den Ferien, saß Rüdiger neben mir in meinem Wagen. Er hatte heute ebenfalls seinen Start ins neue Schuljahr und musste sich von nun an wieder für seine eigenen schulischen Erfolge ins Zeug legen, wenngleich mit weitaus weniger Euphorie als ich.
Ich konnte mir diese Lust auf Schule selbst nicht so recht erklären, es musste wohl nicht nur am Ende der fast schon langweiligen freien Zeit liegen, sondern besonders auch an der Tatsache, dass ich erstmals mit meinem eigenen Auto zur Schule fahren durfte und mich auf diesen Tag schon jahrelang gefreut hatte.
Die Fahrt sollte eigentlich nur wenige Minuten dauern, so hatte ich kalkuliert, denn wir wohnten relativ nahe bei unserer Schule, doch wie fast immer war ich auch an diesem Tag spät dran. Zeitmanagement zählte leider absolut nicht zu meinen Stärken, und so musste ich nach einem erschrockenen Blick auf die Uhr wieder einmal die letzten drei Seiten des Sportteils unserer Tageszeitung überspringen. Eigentlich war es fast jeden Morgen dasselbe, fast schon ein tägliches Ritual, nur irgendwie bekam ich es einfach nicht auf die Reihe, mir meine Zeit besser einzuteilen oder ein paar Minuten früher aufzustehen. Weshalb verstand ich selbst auch nicht, es wäre eigentlich nicht schwer gewesen.
Da es mir jedoch einfach nicht gelang, kamen Rüdiger und ich – wenn auch nur ein paar wenige Minuten – zu spät in der Schule an, und das gleich am ersten Tag. Das Jahr konnte also beginnen.
Mein kleiner Bruder hasste es zutiefst, zu spät zum Unterricht zu kommen und nach dem heutigen Tag verstand ich auch weshalb. Meine Verspätung zog zwar glücklicherweise keine weiteren Folgen nach sich, schon gar nicht, nachdem mein sonst ziemlich strenger Klassenlehrer sie in gelassenem Tonfall als kommentiert hatte.
Bei Rüdiger muss das allerdings anders gewesen sein, denn wenig später schrieb er mir eine Nachricht, er müsse eine Stunde länger in der Schule bleiben als geplant, zudem fügte er freundlicherweise hinzu, ich wisse den Grund dafür sicherlich. Ein schlechtes Gewissen konnte er mir dadurch jedoch nicht machen, dafür kannte ich ihn zu gut und wusste, er würde das nach seiner Heimkehr schon wieder vergessen haben.
Eigentlich hatte ich Rüdiger versprochen, auf ihn zu warten und...




