Meyer | Die Winterprinzessin | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 341 Seiten

Meyer Die Winterprinzessin

Ein unheimlicher Roman um die Brüder Grimm
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8412-1209-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein unheimlicher Roman um die Brüder Grimm

E-Book, Deutsch, 341 Seiten

ISBN: 978-3-8412-1209-2
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Phantastisch, abenteuerlich!

Dezember 1812. Wie ein Flüchtiger reist der vor Moskau geschlagene Napoleon durch Europa. In tiefer Nacht macht er in Weimar Station und sucht Goethe mit einem dringenden Anliegen auf ... Wenige Tage später reisen die Brüder Grimm an den Hof zu Karlsruhe - mit einer Empfehlung Goethes. Der Herzog sucht einen Lehrer für sein neugeborenes Kind. Doch in Karlsruhe stoßen sie bald auf schaurige Warnungen. Wer drängt sie, von ihrem Auftrag abzulassen? Was hat es mit dem herzoglichen Sohn auf sich? Als die Brüder der Wahrheit auf den Grund gehen wollen, geraten sie selbst in tödliche Gefahr ... 



Kai Meyer, geboren 1969, gilt als der Meister der Phantastik. Aus seiner Feder stammen Bestseller wie 'Die Wellenläufer' und 'Seide und Schwert' und zuletzt die Trilogie 'Die Seiten der Welt'. Weltweit beträgt seine Auflage mehrere Millionen Exemplare. Übersetzungen erscheinen in 30 Sprachen. Kai Meyer studierte Film- und Theaterwissenschaft, volontierte als Journalist bei einer Tageszeitung und war Redakteur, bevor er sich 1995 ganz auf das Schreiben von Büchern verlegte. Er lebt in der Nähe von Köln.Im Aufbau Taschenbuch sind seine Romane 'Die Geisterseher' und 'Die Winterprinzessin' lieferbar.Mehr Informationen zum Autor unter Mehr Informationen zum Autor unter www.kai-meyer.de.

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Zweiter Teil


Die Wahrheit? – Aufbruch mit ungewissem Ziel – Der schmerzlichste Verrat – Ihre Herrlichkeit, noch herrlicher – Die Legende vom Polarstern – Was am Grunde des Ozeans lag – Pathos – Blut im Getriebe der Zeit – Warum ausgerechnet sie?

1


Endlich!« rief Dalberg erleichtert aus, als er uns kommen sah. »Ich befürchtete schon das Schlimmste. Wo um alles in der Welt haben Sie gesteckt?«

»Bei Hadrian«, nahm Stanhope unsere Antwort vorweg. Welch ein Flegel! Ich sah ihn vorwurfsvoll an, doch er überging meinen stillen Protest.

Dalbergs Miene verfinsterte sich. »Hadrian? Sie kennen ihn?«

»Flüchtig«, entgegnete Jacob. Der Minister und Stanhope tauschten finstere Blicke.

Wir standen inmitten einer hufeisenförmigen Gruppe von Tannen. Die dichten Äste der Bäume schützten uns vor den Eiswirbeln, die der schneidende Nachtwind mit sich trug. Es war stockdunkel, nur eine Öllampe, die Dalberg vorsichtig im Schnee abgestellt hatte, gab ein wenig Licht. Ihr Schein flackerte von unten über unsere Gesichter. Durch die Öffnung im Tannenring waren die hellen Fenster des fernen Schlosses zu sehen. Es sah aus, als sei ein Stück Sternenhimmel am Boden gestrandet.

Instinktiv griff ich in meine Brusttasche, um einen Blick auf die Uhr zu tun. Wieder entsann ich mich ihres Verlustes. Der Gedanke daran schmerzte noch immer.

Dalberg wandte sich an Lord Stanhope. »Würdest du uns bitte allein lassen?«

Stanhope parierte den Affront mit Würde. »Wenn du es wünschst«, entgegnete er knapp, dann drehte er sich um und stapfte in Richtung des Schlosses davon. Ich sah ihm nach, bis er eins wurde mit der pechschwarzen Nacht.

»Ein Freund von Ihnen?« fragte Jacob mißtrauisch.

Dalberg nickte. »Wir kennen uns schon lange. Der Lord ist ein Mann von hohem Ehrgefühl und Anstand. Manchmal etwas mürrisch, aber immer da, wenn es darauf ankommt.«

»So wie heute, als die Jesuiten im Schloß waren?«

Dalberg blinzelte erstaunt. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Nichts. Gar nichts.« Jacob sah sich demonstrativ um. »Ein merkwürdiger Ort für eine Unterredung.«

Dalberg schluckte den Spott meines Bruders ohne Widerspruch. Ein Mann in seiner Stellung war es gewohnt, daß man ihn angriff.

»Ich habe Ihnen Antworten versprochen«, sagte er und zog seinen Schal bis zum Kinn. »Es schien mir angebracht, unser Gespräch an einen sicheren Ort zu verlegen. Man sagt, daß manche Wände Ohren haben, und wenn es einen Ort auf der Welt gibt, auf den dies ganz besonders zutrifft, dann ist es fraglos dieses Schloß. Tatsache ist, daß ich niemandem trauen kann, außer vielleicht dem guten Stanhope.«

»Sie zweifeln an der Loyalität Ihres Sekretärs?« fragte Jacob, der die Anspielung Dalbergs viel schneller begriff als ich.

»Auch an der seinen, ja«, bestätigte der Minister. »Aber lassen Sie uns zum eigentlichen Grund unseres Hierseins kommen. Wir müssen uns unterhalten – über viele Dinge.«

»Als erstes über das Kind«, schlug ich vor.

Dalberg nickte. »Ja – das Kind.« Ihm war anzusehen, wie seine Gedanken in die Vergangenheit schweiften. »Ein wenig wissen Sie ja bereits darüber. Und wenn ich Ihre Aktivitäten am heutigen Abend und in den vergangenen Tagen richtig einschätze, scheint mir dieses wenige sehr viel mehr zu sein als das, was ich selbst Ihnen mitgeteilt habe.«

Ich scharrte betreten mit einem Fuß im Schnee, während Jacob den Minister unbeirrt ansah. Immer schon war ich der Reumütigere von uns beiden gewesen.

Dalberg blickte sich fröstelnd um. Die Tannenspitzen lagen außerhalb des Lampenscheins, ein gewaltiges schwarzes Sägeblatt, das in den Nachthimmel schnitt. »Ich möchte von vorne beginnen«, sagte Dalberg, »auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen. Am 29. September, vor etwas mehr als drei Monaten also, wurde der badische Erbprinz geboren, der Sohn des Großherzogs Karl und seiner Gattin Stephanie. Siebzehn Tage später, am 16. Oktober, wurde der Tod des Kindes bekanntgegeben. Die Ärzte, die den Leichnam untersuchten, versicherten, es sei mit ganz natürlichen Dingen zugegangen; ein Mord wurde ausgeschlossen. Dies, meine Herren, ist die offizielle Schilderung der Ereignisse und eine, an der ich Sie bitten möchte festzuhalten.

Natürlich ahnen Sie – oder wissen Sie bereits –, daß die Wahrheit ein wenig anders aussieht. Tatsächlich wurde das Kind gleich nach der Geburt ausgetauscht. Der kleine Junge, der fortan in der herzoglichen Wiege lag und einige Tage später verstarb, war in Wirklichkeit der Sprößling einer verläßlichen Bediensteten. Nicht einmal der Großherzog und seine Frau ahnten etwas von dem Kindertausch. Beide nahmen weiterhin an, der Junge, den sie bereits in ihr Herz geschlossen hatten, sei ihr leibhaftiger Sohn.« Wieder schaute Dalberg mißtrauisch in die Finsternis. Er machte einen Schritt auf uns zu und senkte seine Stimme. »Eine Intrige von solchem Ausmaß, die in so delikatem Umfeld und ohne Wissen des Großherzogs stattfindet, kann zwangsläufig nur in höchsten – und ich meine wirklich in allerhöchsten – Regierungskreisen ersonnen worden sein.«

»Vom Kaiser«, flüsterte Jacob.

Dalberg nickte. »Von ihm und seinen Beratern, ja.«

»Zu denen auch Sie zählen.«

Er lächelte, fast ein wenig kokett. »Er vertraut mir, wenigstens in einem gewissen Maße.« Eine Untertreibung, natürlich, denn immerhin hatte Bonaparte sich dem Minister soweit ausgeliefert, daß er durch ihn seine Adoptivtochter und seinen Schwiegersohn um ihr Kind bringen ließ.

Dalberg fuhr fort: »Der Kaiser fürchtet den Einfluß gewisser Kreise am badischen Hof auf das Kind. Deshalb hielt er es für unumgänglich, seinen Thronfolger verschwinden zu lassen, um ihn erst, wenn er die Zeit für gegeben hält, wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu entlassen.«

»Welche Kreise sind das?« fragte ich.

Die Antwort gab nicht Dalberg, sondern Jacob: »Die Gräfin Hochberg.«

»Gut kombiniert«, bestätigte der Minister ohne Erstaunen. »Die Gräfin Hochberg ist eine gefährliche Frau. Es gibt viele, die ihr blindlings folgen, ohne dies nach außen zu zeigen. Selbst einige der engsten Vertrauten im Umfeld des Großherzogs stehen mit dem Herzen auf ihrer Seite. Alte Verbindungen sind schwer zu kappen, gerade an einem Hof wie diesem. Viele haben sie noch als Gattin des früheren Regenten in Erinnerung.«

»Ich nahm an, die Gräfin habe keinerlei Einfluß mehr auf die Regierungsgeschäfte Badens«, sagte ich verwundert.

»Ich selbst und einige andere halten sie aus allem heraus, und bisher ist es uns gelungen. Das aber wird sich ändern, falls sie das ehrgeizigste ihrer Ziele erreichen sollte. Denn die Gräfin plant nichts Geringeres, als ihre eigenen Söhne zu Badens Thronfolgern zu machen.«

»Wie sollte ihr das gelingen?«

»Wie Sie sicher wissen, war die Gräfin Hochberg die zweite Frau des früheren Großherzogs Karl Friedrich. Erbberechtigt sind aber nur seine Kinder aus erster Ehe und deren Nachkommen, wie etwa der derzeitige Großherzog Karl. Die Gräfin aber wünscht nichts sehnlicher, als daß ihre eigenen Söhne den Thron besteigen. Der neugeborene Sohn des Großherzogs stand dem natürlich im Wege, denn mit jeder neuen Generation verringert sich ihre Aussicht, jemals die eigenen Kinder als Regenten Badens zu sehen.«

Jacobs Stirn lag in nachdenklichen Falten. Trotzdem schien er weniger Mühe zu haben als ich, den Ausführungen Dalbergs zu folgen. »Also fürchtete Napoleon, die Gräfin würde dafür sorgen, daß der kleine Sohn des Großherzogs ihr nicht länger im Wege steht – durch einen Unfall oder einen geschickt getarnten Mord.«

»So ist es«, bestätigte Dalberg. »Der Kaiser beschloß insgeheim, der Gräfin zuvorzukommen. Er sorgte dafür, daß das Kind verschwand.«

Ich begriff noch immer nicht ganz. »Aber damit erreicht er doch das genaue Gegenteil seines eigentlichen Strebens, denn der Weg für die Söhne der Gräfin ist damit frei.«

»Vorerst, ja. Möglicherweise werden die Hochbergs in einigen Jahren den Thron besteigen, stolz und selbstzufrieden, wie sie sind. Dann aber wird eines Tages ein junger Mann auftauchen, bei dem es sich um den totgeglaubten Sohn des Großherzogs Karl handelt. Die Ansprüche der Hochbergs werden damit auf einen Schlag fortgewischt, und der Junge wird über Baden und später über das gesamte Kaiserreich herrschen. Sie, Herr Grimm« – und dabei sah er mich an – »sollen dafür sorgen, daß er die nötige Bildung, ja das Genie aufweist, das einem Nachfolger des großen Napoleon zusteht.«

»Mein Bruder war dabei wohl kaum Ihre erste Wahl, oder?« fragte Jacob skeptisch.

Dafür hätte ich ihn prügeln mögen!

»Nun ja, um ehrlich zu sein, nein. Der Kaiser brachte sein Anliegen erst bei Ihrem Gönner Goethe vor. Nun wissen Sie beide und auch ich sehr gut, daß unser großer Dichter sich kaum auf derlei einlassen würde; ich halte ihn auch für um einiges zu alt und verschroben für diese Aufgabe. Napoleon aber, der Goethe vor einigen Jahren beim Erfurter Fürstenkongreß kennen- und schätzenlernte, ließ sich nicht umstimmen und bestand darauf, sein Angebot vorzutragen. Daß Goethe ablehnte, mag ihn enttäuscht haben, aber um so größer wurde seine Beharrlichkeit, als Goethe Sie, Herr Grimm, als gleichwertigen Ersatz vorschlug. Für den Kaiser stand daraufhin fest, daß Sie unser...



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