E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Meyer Die Welt des weißen Tigers
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-99130-566-8
Verlag: novum Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-99130-566-8
Verlag: novum Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nicole Meyer, Jg. 1976, hat bereits zwei Bücher mit je zehn Kurzgeschichten und eigenen Illustrationen veröffentlicht. Mit 'Die Welt des weißen Tigers' legt sie nun ihren ersten großen Roman vor. Geboren in Freiburg im Breisgau lebt die Autorin heute mit ihrem Mann, einem Hund und einem Pferd in Schwerte bei Dortmund. Sie hat einen erwachsenen Sohn und ist nach dem Tod ihres ersten Mannes seit 2019 in zweiter Ehe verheiratet. Nach dem Besuch der Rudolf-Steiner-Schule in Villingen-Schwenningen absolvierte Meyer eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau, bildete sich später als Lohnbuchhalterin fort und arbeitet als Selbstständige. Am liebsten reitet sie in ihrer Freizeit mit ihrem Pferd aus, wandert, malt - oder schreibt. Sie selbst bezeichnet sich als fantasievolle und kreative Künstlerin.
Autoren/Hrsg.
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Die Ankunft: Begegnung mit seltsamen Wesen und einem Tiger
Bevor ich die Augen öffnete, konnte ich ihn riechen. Den von der Sonne aufgewärmten Waldboden.
Vorsichtig öffnete ich meine Augen, über mir konnte ich die Kronen von riesigen, mir unbekannten Bäumen sehen. Hier und da schaffte es das goldene Licht der Sonne einen Weg bis zum Waldboden zu finden. Das Brummen und Summen in der Luft zeugte von zahllosen Insekten, die frohgemut ihr Leben lebten. Ich richtete mich auf und versuchte, mich zu erinnern, wie ich hierhergekommen war. Aber es gab nur ein paar dunkle Fetzen, die verschwanden, sobald ich mich darauf konzentrierte.
Ich hatte alte, abgetragene Kleidung an, die mir um den Körper schlabberte. Es war ein junger Körper, so viel wusste ich, allerdings ausgemergelt.
Ich ging zu einem umgestürzten Baumstamm und setzte mich. Interessiert schaute ich mich um.
Der Wald um mich herum bestand aus riesigen alten Bäumen, von deren Ästen Moose herunterhingen.
Die Kronen der Bäume bildeten eine Art Dach, welches die Welt darunter vor allen möglichen Wetterlagen zu schützen bereit war.
Allerdings kam auch die Sonne nicht so richtig durch, sodass hier unten am Boden ein dämmriges Licht herrschte. Die Bäume schienen große Früchte zu tragen, die vereinzelt am Boden lagen.
Sie waren umgeben von einer harten Schale, fast wie eine Nuss, nur sehr viel größer.
Reglos ließ ich diese Welt auf mich wirken, ich griff mit meinen Sinnen hinaus, um die Energien meines Umfeldes zu erfassen. Die Natur war sehr vielfältig und reich an mannigfachem Leben. Hier gab es keine Angst und keine Not, nur Kraft und pulsierendes Leben. Ein guter Ort, wenn man in das Rad des Lebens eintreten möchte.
Erst einmal gab es keinen Grund für mich weiterzugehen, in einiger Entfernung trat sprudelnd Wasser an die Oberfläche, um dann geborgen zwischen hohem Schilf in einen größeren morastigen Tümpel wieder zu versickern. Zwischen dem Schilf wuchsen kleine knorrige Sträucher, die eine weiche, weiße Frucht trugen.
Ich beschloss, etwas Wasser zu trinken und die Tierwelt zu beobachten, um geeignete Nahrung finden zu können.
Nachdem ich ausgiebig von dem etwas muffig schmeckenden Wasser getrunken hatte, gab ich der bleiernen Müdigkeit nach und schmiegte mich so dicht wie möglich an einen toten Baumstamm und schlief innerhalb von Sekunden ein.
Etwas hatte mich geweckt, ich versuchte, mich zu orientieren, was mit den Augen nicht möglich war, da tiefschwarze Dunkelheit mich umgab. So nahm ich meine Sinne zu Hilfe und griff hinaus, da war ein Lebewesen, das genau dasselbe tat. Unsere Energien trafen sich und prallten voneinander ab. Es gab keine Art von Verbindung, allerdings auch keine Gefahr, das Wesen hatte keinerlei Interesse an mir. Ich konnte nicht sagen, nachdem es lautlos verschwunden war, ob es gelaufen oder geflogen war. Ich blieb wach und lag bis zum ersten Licht des Tages reglos da.
Als die Dämmerung langsam die Schatten vertrieb, gab ich dem großen Durst, der meine Lippen aufeinander kleben ließ, nach. Und ging als Erstes zu jener kleinen Quelle, um zu trinken. Danach setzte ich mich wieder auf den Baumstamm, um nachzudenken. Mir fiel auf, dass jemand oder etwas sich an den großen nussartigen Baumfrüchten in der Nacht zu schaffen gemacht hatte, eine war aufgebrochen. Neugierig ging ich näher, um mir anzusehen, was im Inneren war. Die Frucht war innen ausgekleidet mit einer weichen Pflanzenfaser, die einen faustgroßen Kern, der zart und butterweich war, schützte. Dieser lag halb angenagt außerhalb der schützenden Schale, so als ob der Esser bei seiner Mahlzeit unterbrochen worden wäre. Vorsichtig nahm ich die Reste des Kerns in die Hand und roch daran. Meine Nase konnte einen sehr zarten Duft nach Butter und Vanille ausmachen. Überrascht ließ ich den Rest des Kerns wieder auf den Boden gleiten. Das hätte ich nicht erwartet. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob er für meinen Körper genießbar war.
Danach sah ich mir die weißen Früchte der Büsche am Tümpel an, sie waren weich und hatten kleine schwarze Kerne in ihrem Inneren. Der Geruch war süßlich, aber auch modrig. Fast so wie das Wasser schmeckte.
Ich sah mich weiter um: Zahllose Pilze wuchsen in allen Farben und Formen am Boden, aber auch an den Stämmen und Astgabelungen der Bäume. Wenn ich nur wüsste, was nahrhaft war und was giftig, es gab mehr als reichlich, der Tisch des Waldes war gedeckt.
Ich trank viel Wasser, damit ich nicht so sehr den nagenden Hunger spürte, und vergrößerte meinen Radius um die kleine Quelle.
Wenn ich mir den Boden und die Bäume ansah, konnte man von großen Mengen Regenwasser ausgehen.
Ich brauchte einen Unterschlupf.
Es gab Bäume, die einen Durchmesser von mindestens drei bis vier Metern hatten, in einiger Entfernung lag einer dieser Riesen am Boden. Ich wollte mir lieber nicht ausmalen, welche Kraft ihn zu Boden gezwungen hatte. Aber das Holz war schon an vielen Stellen mürbe und weich. Ich fing an, mit den Händen probeweise eine Höhlung aus dem weichen Holz zu kratzen. Es dauerte lange und war mühsam, aber es war eine Möglichkeit, mir einen wettergeschützten Unterschlupf zu bauen, in dem ich auch bei Nacht schlafen konnte. Ich ließ den Blick über den Waldboden gleiten, auf der Suche nach Gegenständen, die mir als Werkzeug dienen konnten, da fiel mir die zerbrochene Schale der großen Nuss wieder ein. Ich ging zurück, um sie zu holen. Überrascht blieb ich stehen, als ich sah, dass noch weitere aufgebrochen da lagen. Nur der Kern fehlte. Das war sehr gut für mich. Ich sammelte alle Schalenreste ein und brachte sie nach und nach zu meinem Baumstamm.
In eine Hälfte hatte ich mir Wasser von der Quelle gefüllt, sodass ich erst einmal in Ruhe an meinem Unterschlupf arbeiten konnte.
Mithilfe der Schalen kam ich gut voran, sodass ich bei beginnender Dunkelheit schon einen kleinen Vorsprung herausgearbeitet hatte, unter dem ich mich zusammenkauern konnte. Der Hunger nagte mittlerweile sehr in meinen Eingeweiden.
Ich beschloss, mir die Kerne aus der Riesennuss genauer anzusehen und frisches Wasser zu holen.
Ich suchte mir einen großen Stein, um die Schale aufschlagen zu können. Es war ein hartes Stück Arbeit, aber es gab einen Trick und bei der zweiten Nuss ging es schon besser.
Wasser und Kerne füllte ich jeweils in eine halbe Schale. Unentschlossen blieb ich vor den kleinen knorrigen Büschen mit den weißen Früchten stehen. Eine nahm ich mit, dann ging ich wieder zurück zu meinem unfertigen Unterschlupf.
Vorsichtig probierte ich den Kern der Nuss, er zerging zart auf der Zunge und schmeckte tatsächlich nach Vanille-Butter. Er schien sehr fetthaltig zu sein und machte gut satt.
Die Reste des Wassers und der Früchte ließ ich für das Frühstück übrig. Ich rollte mich in der kleinen Höhlung zusammen und schlief ein.
Erst als die Sonne durch die Blätter schimmerte, wachte ich wieder auf. Ich fühlte mich kräftig und gut. Zum Frühstück konnte ich mit Vergnügen den anderen Kern essen und den Rest Wasser trinken. Die weiße Frucht ließ ich noch liegen.
So gestärkt konnte ich mit neuer Energie an meinem Unterschlupf arbeiten.
Heute ging es leicht, da ich an eine weiche, schon weit vermoderte Stelle des Holzes gelangt war. Das abgeschabte Holz legte ich wie einen Teppich vor den Eingang. Im hinteren Teil ließ ich einen Vorsprung in Form einer Bank oder Bett stehen zum Setzen oder Liegen. Ich hatte bedingt durch das Material, was mir zur Verfügung stand, einen Knick im Flur direkt hinter dem Eingang, da ich dem weicheren Material gefolgt war.
Stolz und zufrieden beendete ich an diesem Abend meine Arbeit. Um dann müde und verschwitzt Erfrischung in der Quelle zu suchen.
Freudig legte ich an diesem lauen Abend meine Kleidung neben der Quelle ab und watete nackt in das kalte Wasser. Prustend und lachend platschte ich in dem seichten Wasser, bis ich vor Kälte zu zittern anfing. Ich breitete die Arme aus und lief über die kleine Lichtung, bis das zirkulierende Blut mich wieder von innen wärmte, dann schlüpfte ich in meine fadenscheinige Kleidung.
Im Vorbeigehen nahm ich noch zwei Nüsse mit.
Als ich satt und müde an diesem Abend vor meiner Höhle saß und zusah, wie das Tageslicht schwand, fühlte ich mich frei, aber auch einsam und traurig.
Ich konnte die Zukunft nicht abschätzen. Es gab Lebewesen in diesem Wald, aber ich wusste fast überhaupt nichts über sie.
Gab es mehr auf diesem Planeten außer diesem Wald?
Würden die Jahreszeiten einen Winter mit Eis und Schnee bringen?
Aber trotz allem konnte ich zufrieden sein. Ich konnte mich heute Abend satt und müde auf mein schmales hartes Bett legen und geschützt vor Wind und Wetter einschlafen.
Als ich am nächsten Morgen aus meinem Eingang hinaussah, regnete es in Strömen. Ein kühler Wind blies durch die Baumwipfel und ließ große Nüsse von den Bäumen fallen. Ich legte ein paar Schalen nach draußen in den Regen, in der Hoffnung, sie würden sich mit Wasser füllen.
Danach ging ich hinein....




