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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 528 Seiten

Reihe: Die Seiten der Welt

Meyer Die Seiten der Welt

Blutbuch
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-403578-9
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Blutbuch

E-Book, Deutsch, Band 3, 528 Seiten

Reihe: Die Seiten der Welt

ISBN: 978-3-10-403578-9
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der dritte Band der Bestseller-Trilogie Das Ende der Bibliomantik 'Schreibe etwas in den Büchern der Schöpfung um, und du veränderst die Vergangenheit. Und mit ihr die Gegenwart und Zukunft. du hast die Macht, diese Welt zu einer besseren zu machen. Wer schlägt so eine Chance aus?' 'Ich', sagte sie. Das Sanktuarium ist untergegangen, aber die Bibliomantik wird von einer neuen, übermächtigen Gefahr bedroht. Die Ideen steigen aus dem goldenen Abgrund zwischen den Seiten der Welt auf und verschlingen ein Refugium nach dem anderen. Bald ahnt Furia, dass sie die einzige ist, die die Katastrophe abwenden kann, und dass sie dafür einen sehr hohen Preis zahlen muss. Doch ist sie dazu bereit? Das große Finale der Bestseller-Trilogie ?Die Seiten der Welt? Sie waren in dieser Nacht nach London gekommen, um mehr über die rätselhafte Gefahr in der Tiefe herauszufinden. Beim Untergang des Sanktuariums hatten die Ideen Furia verschlungen - Furia Salamandra Faerfax, letzte Bibliomantin des Hauses Rosenkreutz, gerade mal sechzehn Jahre alt und seit Tagen verschollen. Möglicherweise tot. Nur dass Isis das nicht wahrhaben wollte. Sie würde alles tun, um Furia wiederzufinden oder Gewissheit über ihr Schicksal zu erlangen. Und ihr blieb nicht viel Zeit.

Kai Meyer, geboren 1969, ist einer der wichtigsten deutschen Phantastik-Autoren. Er hat über fünfzig Romane veröffentlicht, Übersetzungen erscheinen in dreißig Sprachen. Seine Geschichten wurden als Film, Hörspiel und Graphic Novel adaptiert und mit Preisen im In- und Ausland ausgezeichnet.
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Erster Teil Die Portalschiffe


1


Die Geister der Bücher bevölkerten den leeren Saal. Ihr Duft war längst verflogen, doch selbst nach Jahren hallten die Echos ihrer Geschichten flüsternd zwischen den kahlen Wänden wider.

Im einen Moment war der ehemalige Lesesaal des British Museum wie ausgestorben, im nächsten standen eine Frau und ein Mann auf einer der beiden Galerien hoch über der kreisrunden Halle. Für die Dauer eines Wimpernschlags glühte Gold in ihren Augen wie die Spiegelung einer verzauberten Dämmerstunde.

Isis griff mit einer Hand nach dem Metallgeländer. »Ist nur wegen der Höhe«, sagte sie und kämpfte gegen das Zittern ihrer Beine an. Sie wollte nicht, dass ihr Begleiter bemerkte, wie erschöpft sie war.

Duncan schaute über das Geländer in die Tiefe. Er war nicht gut darin, seine Sorge um Isis zu überspielen – natürlich durchschaute er sie. Früher einmal waren sie Experten darin gewesen, Menschen zu belügen und Geheimnisse zu wahren. Doch wenn sich heute ihre Blicke trafen, waren all ihre Täuschungstalente nutzlos. Sie lasen die Mimik des anderen wie Zeilen auf Papier.

Drei Etagen hoch hatten hier einst die Regale gereicht, doch seit die Nationalbibliothek das Museum verlassen hatte und in einen anderen Stadtteil Londons gezogen war, blieben die Wände rund um den Lesesaal kahl. Eine Weile lang hatte man den Kuppelbau im Innenhof des Museums als Ausstellungsraum genutzt, aber nun blieben seine Türen verschlossen, seine Lampen erloschen.

Durch die hohen Fenster rund um die Kuppel fiel der Schein der Nachtbeleuchtung des Hofs, ein fahles Gelb, das kaum bis zum Boden des Lesesaals reichte. Die andere Seite des gewaltigen Rondells ließ sich nur erahnen. Falls sich dort jemand im Schatten verbarg, war er aus der Ferne nicht zu erkennen.

»Wir sind allein«, sagte Duncan, der einmal mehr denselben Gedanken hatte wie Isis.

»Ich weiß.« Sie war geschwächt, aber nicht so sehr, dass sie die Anwesenheit eines Fremden nicht gewittert hätte. Und das, obwohl die Atmosphäre im Lesesaal auch Jahre nach dem Abtransport der Bücher mit Bibliomantik gesättigt war. Dafür gab es mehrere Gründe. Der wichtigste verbarg sich tief unter dem Boden des Saals, in der geheimen Gruft seiner Erbauer.

Das Sprungbuch, das Isis und Duncan benutzt hatten, um hierherzugelangen, hatte sich bereits in Luft aufgelöst. Auch sein Gegenstück, das vor langer Zeit mit vielen anderen in einem Geheimfach in der Wand deponiert worden war, musste verschwunden sein. Nur eine Handvoll Eingeweihter wusste von den Büchern in der Mauer, zumeist Agenten der Adamitischen Akademie.

Seit dem Untergang des Sanktuariums waren erst wenige Tage vergangen, die bibliomantische Welt war in Aufruhr. Das sogenannte , das derzeit die Regierung stellte, hatte alle Hände voll zu tun, seine Position zu festigen und Rachelle Himmel als neue Repräsentantin der Akademie zu etablieren.

Hinzu kam die Bedrohung durch die Ideen, die aus dem goldenen Abgrund zwischen den Seiten der Welt aufstiegen und ein Refugium nach dem anderen zerstörten. Noch waren sie weit entfernt von den hohen Refugien wie Libropolis und Unika, aber man hörte von panischen Evakuierungen in den tieferen Regionen. Und niemand wusste, wie der Aufstieg der Ideen aufzuhalten war.

Duncan stützte sich auf das Geländer und blickte ins Halbdunkel. Sie befanden sich auf der höheren der beiden Galerien. »Mir gefällt das nicht. Falls Atticus wirklich hier gewesen ist, dann muss er einen verdammt guten Grund dafür gehabt haben. Und das wiederum bedeutet aller Wahrscheinlichkeit nach, dass es Sicherungen gibt. Schutzmechanismen. Bibliomantische Sperren.«

Atticus Arbogast war ihr Lehrer am Lyceum LeCarré gewesen, das Oberhaupt aller Akademieagenten und der Erzfeind des Widerstands. Duncan hatte ihn im Sanktuarium getötet. Erst gestern war es Isis endlich gelungen, einen Informanten am Lyceum zu kontaktieren. Von ihm hatte sie erfahren, dass Atticus bis vor wenigen Wochen versucht hatte, mehr über frühere Begegnungen von Bibliomanten mit den Ideen herauszufinden. Eine Fährte hatte ihn hierher ins British Museum geführt, in die geheime Büchergruft unter dem Lesesaal.

Duncan ließ seinen Blick umherwandern, und auch Isis suchte nach Anzeichen von Gefahr. Sie konnte nicht hundertprozentig ausschließen, dass der Informant sie in eine Falle gelockt hatte. Sie wusste aus Erfahrung, dass Loyalität das erste Opfer eines jeden Umsturzes war. Männer und Frauen, die die Drei Häuser verachtet hatten, mochten jetzt dem neuen Komitee treu ergeben sein. Und noch wusste keiner, welche Rolle Rachelle Himmel künftig spielen würde und ob ihre Jugend und ihr hübsches Gesicht den neuen Machthabern nicht unverhoffte Sympathien einbrachten.

Einen Moment lang beobachtete Isis Duncan von der Seite. Dunkles Haar fiel ihm bis auf die Schultern, sein Vollbart war kurz und dicht. Seine Wangen erschienen ihr eingefallener als noch vor wenigen Tagen, und schuldbewusst wurde ihr klar, dass sie kaum einmal innegehalten hatten, um etwas zu essen. Sie verspürte keinen Hunger mehr, seit die Sucht nach dem Absolonbuch wie ein Schatten über ihrem Denken lag. Es versetzte ihr einen Stich, dass Duncan so selbstlos war, seine eigenen Bedürfnisse den ihren unterzuordnen. Am liebsten hätte sie die Hand ausgestreckt und sein Gesicht berührt, aber sie fürchtete, dass er das missverstehen könnte. Sie wollte nicht, dass er ihre Annäherung für den Versuch hielt, ihm das Absolonbuch zu entwenden. Allein die Vorstellung, dass er sie für derart verzweifelt halten könnte, beschämte sie so sehr, dass sie lieber ganz auf solche Gesten verzichtete.

Sie waren in dieser Nacht nach London gekommen, um mehr über die rätselhafte Gefahr in der Tiefe herauszufinden. Beim Untergang des Sanktuariums hatten die Ideen Furia verschlungen – Furia Salamandra Faerfax, letzte Bibliomantin des Hauses Rosenkreutz, gerade mal sechzehn Jahre alt und seit Tagen verschollen. Möglicherweise tot.

Nur dass Isis das nicht wahrhaben wollte. Sie würde alles tun, um Furia wiederzufinden oder Gewissheit über ihr Schicksal zu erlangen. Und ihr blieb nicht viel Zeit. In vier, spätestens fünf Wochen würde die Sucht nach dem Absolonbuch Isis umbringen. Schon jetzt spürte sie, wie es an ihren Kräften zehrte und ihren Verstand vergiftete. In manchen Momenten konnte sie nicht mehr klar denken, und dann war ihr einziger Wunsch, das Absolonbuch aufzuschlagen und darin zu lesen.

In lichten Augenblicken musste sie sich eingestehen, dass sie sich kaum mehr unter Kontrolle hatte und gierige Blicke zu Duncan hinüberwarf, der das Buch für sie aufbewahrte. Einige Male war sie drauf und dran gewesen, es ihm mit Gewalt zu entreißen, so als ob Furia, der Widerstand, selbst ihre Gefühle für Duncan nie existiert hätten.

»Erledigen wir das hier so schnell wie möglich«, sagte sie. »Je früher wir verschwinden, desto besser.«

Er nickte. »Dann los.«

Leise verließen sie die Galerie über eine schmale Treppe und erreichten den Boden des Kuppelsaals. Früher hatten hier Gelehrte aus aller Welt die Bücher der British Library studiert. An einem der Lesepulte, die längst entfernt worden waren, hatte Karl Marx geschrieben. Tagsüber präsentierte sich die gewölbte Decke als Kunstwerk aus goldenen Verzierungen und taubenblauen Flächen auf cremefarbenem Grund. Bei Nacht aber sah sie aus, als wäre sie mit schwarzen Spinnweben überzogen, Schicht um Schicht aus Schattengespinst.

An der Ostseite des Lesesaals legte Isis beide Hände an die Wand. Sie konnte spüren, dass hier anderthalb Jahrhunderte lang Bücher gestanden hatten, in Regalreihen von vielen Meilen Länge. Sie fühlte einen Anflug von Trauer darüber, dass sich die Zeiten gewandelt hatten und das Gebäude seine Bücher verloren hatte. Jede aufgegebene Bibliothek verströmte eine Melancholie, die selbst Jahrzehnte später in Gebälk und Mörtel hing wie der Geruch eines alten Feuers. Und da war immer noch der Nachhall des geschrieben Wortes, jenes Echo, das sie schon bei ihrer Ankunft vernommen hatte.

Sie schloss die Augen und richtete ihre Aufmerksamkeit ganz auf den unsichtbaren Mahlstrom aus Wörtern, der bis in alle Ewigkeit durch den runden Saal kreisen würde. Sie konzentrierte sich, bis sie die Buchstaben vor ihrem inneren Auge erkennen konnte, und tastete nach Atticus’ Spuren, bibliomantischen Artefakten, vergleichbar mit Fingerabdrücken. Unter großer Anspannung entdeckte sie eine ganze Reihe davon auf einzelnen Lettern. Sie vergewisserte sich, dass sie keine übersehen hatte, und ordnete die entsprechenden Buchstaben inmitten des Chaos zu einem Losungswort. Als sie es schließlich vor sich sah, bemerkte sie, dass etwas mit der Wand im Hintergrund geschah. Ein mannshohes Rechteck löste sich flirrend auf und gab den geheimen Zugang frei.

Als sie Duncan signalisierte, ihr zu folgen, wurde ihr klar, dass er nichts von all dem bemerkt hatte. Der Umgang mit der Macht, die ihr als Siebenstern-Exlibra innewohnte, ging ihr allmählich in Fleisch und Blut über. So sehr, dass sie vergaß, dass Duncan zwar ein hochbegabter Bibliomant war, aber nicht mal ansatzweise ihre Fähigkeiten besaß.

»Wie hast du das gemacht?«, fragte er mit verblüfftem Blick auf die Öffnung in der Wand. Er hatte weder die kreisenden Buchstabenströme noch das Losungswort gesehen.

»Der Schutzmechanismus, den du befürchtet hast«, sagte sie und kämpfte gegen den Schwindel an. »Ich hab ihn ausgeschaltet.«

»Einfach so?«

»Na ja, einfach …« Sie...


Meyer, Kai
Kai Meyer, geboren 1969, ist einer der wichtigsten deutschen Phantastik-Autoren. Er hat über fünfzig Romane veröffentlicht, Übersetzungen erscheinen in dreißig Sprachen. Seine Geschichten wurden als Film, Hörspiel und Graphic Novel adaptiert und mit Preisen im In- und Ausland ausgezeichnet.

Kai Meyer
Kai Meyer, geboren 1969, ist einer der wichtigsten deutschen Phantastik-Autoren. Er hat über fünfzig Romane veröffentlicht, Übersetzungen erscheinen in dreißig Sprachen. Seine Geschichten wurden als Film, Hörspiel und Graphic Novel adaptiert und mit Preisen im In- und Ausland ausgezeichnet.



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