E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Mette Espenlaub
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96122-269-8
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman.
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-96122-269-8
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jürgen Mette (*1952) ist Theologe und war bis 2013 geschäftsführender Vorsitzender der Stiftung Marburger Medien und Lehrbeauftragter an der Evangelischen Hochschule Tabor. Er ist verheiratet, Vater von drei Söhnen und Großvater von sechs Enkelkindern. Seit ihn 2009 die Diagnose Parkinson getroffen hat, schreibt er Bücher, u. a. den Spiegel-Bestseller 'Alles außer Mikado', und ist als Referent unterwegs.
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Abgrund
Wieder einmal war es Herbst geworden, hoch droben auf der Alm, oberhalb des Pustertaler Bergdörfchens Terenten. Es roch modrig und erdig, als Vorspiel zum nahenden Sterben der Vegetation. Alles musste bald in den frostigen Tod des Winters sinken, um später wieder zum Leben zu erwachen. Doch zunächst zeigten die Bäume unterhalb der Almhütte noch ihr buntes Blätterkleid in leuchtenden Herbsttönen. In der Frühe des Tages glitzerten die Tautropfen, verwoben von Milliarden feinster Spinnfäden, die in den Strahlen der Morgensonne funkelten.
Viele Jahre verbrachte er nun schon den Sommer hier oben. Jahr für Jahr hinauf und wieder hinunter. Leben im Winterquartier, Leben im Sommerquartier. Und immer ein Leben für die Kühe. Auf 1732 Metern Höhe. Fern von Menschen, Geschäften und Fabriken. Das moderne Leben spielte im Tal.
Hier oben diktierte der Rhythmus der Kühe den Alltag des Menschen. Denn der Kuhhirt überwacht und begleitet das Leben einer Kuhherde. Einer der ältesten Berufe überhaupt macht aus einst wilden Tieren zahme Haustiere, die ihrem Besitzer Milch, Leder und Fleisch liefern. An diesem Lieferanten hing die Versorgung der Großfamilie und der wirtschaftliche Ertrag des Hofes. Darum war ihm die Betreuung der Herde zu einer Berufung geworden.
Zum Dank dafür streckten ihm die gutmütigen Vierbeiner das meistens verkleckerte und verkrustete Hinterteil hin. Die Kuh frisst immer, verdaut ausgiebig rauf und runter und übersät alles mit ihren spinatartigen Hinterlassenschaften. „Eine vegetarisch angetriebene Milch- und Fleischproduktion auf vier Beinen, mit zwei Haltegriffen vorne am Kopf!“, so hat es einmal ein Lehrer der Fachschule für Almwirtschaft formuliert. Im Flachland kann man sie fast sich selbst überlassen, die Schwarz-Bunten, auch Holsteiner genannt. In den Bergen brauchen sie hingegen besondere Betreuung, die Rot-Bunten, auch Fleckvieh oder Braunvieh genannt.
Die Kuh will geführt und vor den Abgründen bewahrt werden. Dazu braucht sie einen Menschen, und zwar einen geduldigen. Keinen überdrehten Hektiker, sondern einen gemütlichen und seelenruhigen Hirten, der vorangeht. Einen wie Anton Hinteregger.
Ein Leben für die Kühe am Abgrund, immer mit dem Wetter, den Pflanzen und Tieren im Einklang: Das Hirtenleben hat etwas Archaisches, es ist eine Berufung jenseits aller technischen Errungenschaften. Kein Wunder, dass diese seit Jahrtausenden existierende Beschäftigung das wohl bekannteste biblische Sinnbild für Vertrauen hervorgebracht hat: „Meine Schafe hören meine Stimme und sie folgen mir.“
Die achtzig Jahre alte Almhütte bestand aus einem Raum zum Buttern und Käsen, zum Kochen und Essen und aus einer Schlafkammer mit Schrank, Bett und Stuhl. Unter Tisch und Bett waren die breiten Dielen des Fußbodens noch so glatt, als wären sie gestern erst verlegt worden. Doch überall dort, wo der Hirte mit seinen genagelten Schuhen seine Spuren eingegraben hatte, waren sie abgewetzt. Diese Spuren im Holz waren die Trampelpfade eines eintönigen Hirtenlebens. Es gab keine Abweichungen vom Kurs, alles war auf dem Holzboden vorgezeichnet, sodass die schlurfenden Füße auch nachts den Weg fanden, wenn der Hirte schlaftrunken, mit halb geöffneten Augen, ins Freie wankte.
Die Schlafkammer war mit kleinen Heiligenbildern geziert, mittendrin ein Porträt des Papstes. Auch einige vergilbte Fotografien von Kühen mit festlichem Kopfschmuck beim Almabtrieb waren zu sehen. In der Ecke stand ein grob gezimmertes Bücherregal, vollgestopft mit stark strapazierten Büchern, die auf gründliche und eifrige Lektüre schließen ließen. An der Wand neben dem Bett hing auf Kopfhöhe eine Fotografie von einer jungen Frau, liebevoll eingerahmt und mit frischen Almblumen verziert. Die Farben waren blass geworden, so als hätte der Betrachter das blühende Antlitz täglich neu in sich aufgesogen.
Auf der Fensterbank des Hauptraumes mit gemauertem Herd stand eine Petroleumlampe mit einem schlanken Glaszylinder, der mit feiner Gravurarbeit verziert war und eigentlich gar nicht zum grob gezimmerten Mobiliar passen wollte. An der Wand über dem Esstisch hing ein Regal, in dem die flachen runden Brotlaibe wie Bücher aufgestellt waren. Davor befand sich ein stabiler Tisch mit der Bruatgromml drauf – eine Holzlade mit einem Messer, das auf einer Seite mit einer Schraube und Öse beweglich befestigt war und am anderen Ende einen Holzgriff hatte, eine Art Brotschneidemaschine für den Handbetrieb.
An der Wand hingen weiße Leinensäckchen, in denen – der lästigen Fliegen wegen – der Speck und die Wurst gelagert wurden, die kräftigenden Grundbestandteile jeder Mahlzeit. Neben dem Herd stand ein Schrank, in dem Grieß, Gerste, Haferflocken, Maismehl, Zucker, Salz und Öl aufbewahrt wurden. Die schwere gusseiserne Pfanne auf dem Herd wurde nie richtig kalt, irgendetwas schmorte immer vor sich hin. Meistens gab es Rahmmuas oder Melchermuas.
Dazu brachte der Hirte in der Eisenpfanne selbst gemachte Butter zum Schmelzen, gab Milch dazu und rührte mit dem Schneebesen Maismehl, Grieß, Zucker und Salz ein. Unter ständigem Rühren wurde die Masse zum Kochen gebracht. Dann musste das Zeug eine halbe Stunde am Rand der Herdplatte schmoren, bis am Boden eine schöne Kruste, die Raschp’n, entstand. Nun ließ man die Pfanne etwas abkühlen, erhitzte Butter in einer kleinen Pfanne, bis sie schön braun war, und goss sie über das Melchermuas. Zum Schluss bestreute man das Ganze mit Zimt und Zucker und aß die bescheidene Alltagsleckerei direkt aus der Pfanne.
Manchmal gab es auch Knödel, Schmarrn oder Plente, ein Brei aus Buchweizenmehl. Einfach, aber nahrhaft. Es roch immer nach Rauch und nach feuchten Kleidern, die am Ofen hingen und trockneten. Denn eine Garnitur Arbeitskleidung war immer nass, die landestypische Südtiroler blaue Schürze mit bunt gesticktem Wappen sowieso. Und über allem lag dieser würzige Geruch aus Käse und Kuh, irgendwie süßlich.
Die Almhütte war unterkellert – dort war es kühl, ideal zum Aufbewahren der Lebensmittel. Da standen die Käseregale und da war auch Platz für eine kleine Werkstatt. Neben der Almhütte befand sich der Kuhstadel mit einem Heulager darüber. Und in Sichtweite, ganz am Abhang, stand das bewusste Herzhäuschen.
Die Holzfassaden der kleinen Gebäude waren von der schroffen Witterung so malträtiert, dass die rauen Bretter silbrig schimmerten. Die Dächer waren mit großen Schindeln gedeckt, die mit Rundhölzern und schweren Feldsteinen gesichert waren.
In den kurzen Sommermonaten kamen hin und wieder Wanderer vorbei, die zur Eidechs- oder Steinspitze hinaufwollten, zum Kompfossee oder zur Tiefrastenhütte, um dort zu übernachten und den Pfunderer Höhenweg entlangzugehen. Aber sonst war es ein ruhiger Ort, abgeschieden vom Touristenstrom unten im Tal. Für Wintersportler war das Hochtal uninteressant, es gab keine Skilifte und keine präparierten Pisten. Ganz selten wagten sich mal Schneewanderer mit ihren unförmigen untergeschnallten Brettern hier hoch.
Das Dörfchen Terenten auf dem Hochplateau auf 1210 Metern Höhe war erst spät vom Tourismus entdeckt worden. Erst Mitte der Siebzigerjahre konnte der Ausbau der sogenannten Sonnenstraße von Vintl über Terenten bis nach Bruneck abgeschlossen werden. Und dann kamen die Touristen. Sie veränderten den sonst so verschlafenen Ort – überall wurde gebaut. Es entstanden Hotels, die Bauern richteten kleine Ferienwohnungen und Pensionen ein. Damit hatten sie einen schönen Zuverdienst zur Landwirtschaft und zum Handwerk.
Anton Hinteregger wurde von dieser Aufbruchstimmung nicht erreicht. Er stand in jeder Hinsicht über den Dingen. Doch manchmal beschlich ihn das Gefühl, sein Leben gelebt zu haben. Was sollte noch kommen?
Er war in seinen besten Jahren, aber er sah nicht so aus. Die breiten Schultern hingen etwas herunter, so als hätte die schwere körperliche Arbeit den einstmals kräftigen Körper zusammengepresst. Dadurch wirkte er 20 Jahre älter: ein gebeugter Mann mit zäher Gangart und auffälligen Trippelschritten. Hager war er und in sich verkrümmt.
Sein markantes Gesicht war braun gebrannt, aber es wirkte wie von grauem Staub überzogen. Sein makelloses Gebiss wurde von einem stachligen Wochenbart eingerahmt. Das Rasieren war inzwischen mühsam geworden, sodass er nur sonntags zu Messer und Seife griff. Und dies auch nur, wenn er anschließend zur Messe hinunter ins Dorf ging. Das Haar war immer noch dicht und füllig, aber es war meistens von einem grauen, speckigen Filzhut behütet.
Sein Leib war das kantige Relief seiner Lebensgeschichte, sein Gesicht ein trauriges Bilderbuch, in dem keiner lesen wollte.
Er war alleinstehend. Ja, noch stehend, aber unendlich allein. Er konnte nicht mit den jungen, wilden Bauernburschen mithalten, diesen rausgeputzten Muskelprotzen, diesen Kleiderschränken mit großer Klappe und kleinem Gewissen. Die quälende Einsamkeit hatte ihn so verletzt und entwurzelt, dass er irgendwann den Wunsch nach einem baldigen Ende in sich trug. Ach, würde sich doch der Hang über der Almhütte lösen und ihn, wie sein Elternhaus damals, für immer verschütten! Er lebte am Abgrund – stets in der Hoffnung, dass dieser sich erlösend auftun würde.
Immer öfter stieg der Gedanke in ihm auf, nicht auf den Tod zu warten, bis er von alleine kommt. Das Ende seines Lebens beschäftigte ihn unablässig: Wie würde es wohl werden? Wer würde ihn vermissen? Würde er hier oben verenden? Oder würde er im Winter unten im Dorf in seiner Kammer oder im Spital in Bruneck...