Merz Das Turnier der Bleistiftritter
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7099-7527-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Achtzehn Begegnungen
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7099-7527-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Klaus Merz, geboren 1945 in Aarau, lebt in Unterkulm/Schweiz. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Hermann-Hesse-Literaturpreis 1997, Gottfried-Keller-Preis 2004, Aargauer Kulturpreis 2005, Werkpreis der schweizerischen Schillerstiftung 2005 sowie zuletzt Basler Lyrikpreis und Friedrich-Hölderlin-Preis (beide 2012). Bei Haymon: Am Fuß des Kamels. Geschichten & Zwischengeschichten (1994, bei HAYMONtb 2010), Kurze Durchsage. Gedichte & Prosa (1995), Jakob schläft. Eigentlich ein Roman (1997, 6. Auflage), Kommen Sie mit mir ans Meer, Fräulein. Roman (1998), Garn. Prosa & Gedichte (2000), Adams Kostüm. Drei Erzählungen (2001), Das Turnier der Bleistiftritter. Achtzehn Begegnungen (2003), Löwen Löwen. Venezianische Spiegelungen (2004), LOS. Roman (2005, HAYMONtb 2012), Priskas Miniaturen. Erzählungen 1978-1988 (2005), Der gestillte Blick. Sehstücke (2007), Der Argentinier. Novelle (2009), Aus dem Staub. Gedichte (2010). Seit Herbst 2011 erscheint bei Haymon die Werkausgabe Klaus Merz in sieben Bänden.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Daheim & daneben
Mein Aarau ist nicht mein Aarau. Es gehört den Aarauern. Ich bin ein zugewandter Ort, genauer: Mein eigentlicher Ort erstreckt sich von Aarau (AG) bis Schwarzenbach (LU). Und um dem Vorwurf allfälliger Unverschämtheit gleich zuvorzukommen: Ein Londoner oder eine Pariserin beanspruchen für ihre Stadt und deren Gärten mindestens so viel Platz wie ich.
In der Mitte des Wynentals, am Rande des Bezirkshauptortes von Kulm, steht das Haus, in dem ich zu innerst daheim bin, und hält tagsüber die Nordsüdrichtung, den Wanderweg Hamburg-Rom im Auge. Stirnseits der zackige Alpenkranz, im Nacken sanfte Hügelzüge, Nachbarschaft und Zerhäuselung, Mischwald, Wiesen, Industrie. Morgen und Abend betten sich an die nahen Kuppen. An Starkstrom, Satellitenschüssel, Kuhpfad, Immergrün. Darüber der internationale Flugverkehr und die Loopings des ortsansässigen Fabrikanten. Wir bewohnen seinen Absturzraum. Die Zürcher auf der Autobahn, die von meiner Gegend nichts sehen, sehe ich nicht.
In Aarau bin ich geboren. Ein Kaiserschnitt am Tag der Deutschen Einheit, als es diese noch nicht oder gerade nicht mehr gab. Meine Mutter hatte vor ihrer Heirat in Aarau gedient. Bei Aarauern. Wir zogen uns nach meiner Geburt sofort hinter den südlichen Sackbahnhof der Wynentalbahn, also an die Kantonsgrenze zurück und überliessen die Stadt und ihr Tagblatt dem heraufziehenden Kalten Krieg. Wer von der letzten Weiche her auf einer Schiene bis zum Prellbock zurückbalancieren konnte, hatte drei Leben.
In Menziken, am Rande des Katholizismus, der in unseren Fünfzigerjahrköpfen insgeheim noch immer nach der Weltherrschaft strebte, blieben wir vorerst auf einen neuen Anlauf der Gegenreformation gefasst, bis sich dank Wirtschaftsblüte und regem Grenzverkehr zwischen den beiden Nachbarkantonen die Situation zunehmend entspannte und wir an Auffahrtstagen vom Wegrand aus – ohne Erbsen in den Schuhen, dafür mit einer leichten Hühnerhaut auf dem Rücken – die Prozession verfolgten.
Nah an meinem Elterhaus vorbei donnerte die Beinwil-Beromünster-Bahn. Eine Katholikin winkte mir jeden Morgen und Abend im Vorbeifahren zu. Ich wollte konvertieren, begnügte mich dann aber nach gutem Zureden mit ein paar Maiandachten und verzog mich, kaum war ich einigermassen herangewachsen in die luzernischen Wälder. Das katholische Wild war zutraulicher als die reformierten Rehe.
Im Schatten eines Kugelfanges, der im Niemandsland lag, den Scheitel am Alpenrand, den Jura zu Füssen, linker Hand den grossen runden Rücken des Stierenbergs (der bis heute kein Aufhebens davon macht, dass er die höchste Erhebung ist im Kanton), die rechte Hand im lauen Wasser des Hallwilersees, Fischgrund, Klärbecken und Badeanstalt in einem, liess sich am tiefsten träumen. Wieder aufgewacht, stand ich unterm Schutz und Schirm des Landessenders Beromünster, der nach hereingebrochener Nacht mit seinen roten Lichtern die Position meines innergeografischen Epizentrums bezeichnete und gleichzeitig in alle Himmelsrichtungen zeigte. Später auch Richtung zu Schwarzenbach, der schönsten Wirtschaft im grenznahen Luzernerland, wo Frau Draga dem älter werdenden Wirt während Jahrzehnten treu ministriert.
Was aber zeichnet Aarau aus?
Mutter starb später in Aarau. Mein Bruder starb in Aarau, und auch mein Vater wurde in Aarau kremiert. In Aarau holt man die Asche ab. Aarau ist die Kantonshauptstadt.
In Aarau fahren wir, aus dem Tal herabkommend –
wie immer ein wenig benommen, nein, betört vom wechselnden Lichtspiel auf und über den alten Jurahügeln im Rücken der Stadt – von Osten her ein. nennen die Astronomen den Zeitraum, während dessen die hellsten Sterne am Himmel zu scheinen beginnen. Es ist Aaraus Stunde:
200 Jahre nach Napoleons Einflussnahme und eigener revolutionär-liberaler Kraftentfaltung am Ort, 150 Jahre nach der darauffolgenden Gründung des modernen Bundesstaates betreten wir Aarau selbstredend nicht durch die Altstadt, sondern via Laurenzen Vorstadt, über die Paradestrasse, vom Kreuzplatz her.
Wir lassen das Zeughaus ungetarnt vor der Stadt liegen, drücken uns am Aargauischen Versicherungsamt, an Brand, Hagelschlag und drohender Sintflut vorbei, um vor der alten Kantonsschule, stellvertretend für die zahllosen erlauchten Geister dieser Stadt, wenigstens dem Gerücht von Albert Einstein als eines hiesigen Studenten der Frühzeit und Hermann Burger, der zu seiner Zeit ebenfalls das Wynental herabstiess, die Referenz zu erweisen, bevor wir, weil es rasch Abend wird, ins Sauerländer-Areal einschwenken. Zum : „I’ll be your Mirror“ wird dort gezeigt.
Schön leuchtet uns am nächsten Morgen das Rot der Kaserne ins wilde Schneetreiben hinein. Zwischen den Ställen ruht der Starrkrampf seit langem. Und auch die Infantristen haben Urlaub, sind daheim und schlafen. – Manchmal bin ich in den Träumen heute noch durch diese Treppenhäuser und Kellergänge, über den endlosen Exerzierplatz unterwegs. Oder rutsche, wenn alles gutgeht, den Vorgesetzten in meinen prima Nagelschuhen wie ein prähistorischer Skater sämtliche Buckel hinunter.
Blieben wir nicht auf der Laurenzi, wäre jetzt ein Schwenker an die Aare angezeigt – am schmalen Ärmel des Philosophenwegs, wenn sich kein anderer Arm anbietet, dem Fluss entlang – vorbei an der vor über zwanzig Jahren schon konsiprativ umgenutzten Täfelifabrik unterm , wo der Architekt und Querdenker Hans Rusterholz nach wie vor die Dachpfetten der Welt zusammenhält, während Heinrich Zschokke (1771-1848), Volksaufklärer, Politiker, Schriftsteller, Naturwissenschafter und Pädagoge, noch bevor die Laurenzen Vorstadt in die Altstadt einmündend wieder enger wird, in Bronze unter freiem Himmel steht. Er behält die starke Kontur des neu gestalteten Saalbaus und das erste Bundeshaus der Helvetik im Auge, das nach seiner Nasen-, Ohren-, Halszeit als Geschenk der hiesigen Ortsbürgerschaft an allerhand Schöne Künste übergegangen ist: Ein Ort unter anderen Orten an meiner Einfallsachse in die Stadt, die sich rechts ab vor Jahren ein kleines linkisches Theater geleistet hat, das uns, die wir mit dieser Bühne zu tun hatten, bald einmal den Ruf schräger Vögel und rotrückiger Würger eintrug.
Die Voliere wurde in einem schnellen Schlussakt dicht gemacht, bis man bemerkte, dass der Stadt mit ihrem Wappen-Adler die Flügel fehlten, das Geflügel – und sie nun seit ein paar Jahren (fast) wieder ein ähnliches Theater hat: Hut ab, Hut ab vor der , dem Kleintheater meiner Stadt, die unter seit ein paar Jahren auch eine Kulturzeitschrift anbietet, die dem gesamten Alphabet – darf man’s so sagen? – Ehre macht. Während , soweit ich sehe, nur noch einen Aussichtspunkt am Jurafuss bezeichnet. Das gleichnamige anarchisch-kreative Blatt ist im Lauf der Zeit vermutlich dem Kinderwunsch, Häuserkäufen und der Gartenarbeit seiner Redaktionen zum Opfer gefallen.
Ja, es stimmt, auch hier sind nachts die Strassen oft wie leergefegt. Doch es muss nicht immer an einer Fussballübertragung, am Heimspiel der wackeren Aarauer Elf oder am Jassen liegen. Manchmal liegt es auch am Jazz. Im , im , im : Kultur in der Futterfabrik. Nahrung. Pneuma. Grove. Das sprödere Aarau, die Beamtenstadt, läuft zur Zeit, pardon, der lustigen Stadt Baden vor Zürichs Toren auch als Kulturhauptstadt fast den Rang ab: „BadenWest“! – Vielleicht ist dieses Aarau doch mein Aarau. Ich habe Freunde in der Stadt. In Aarau kaufe ich meine Bücher, besteige ich die Intercity-Züge, fahre ab. Und kehr ich heim. Die beiden Eidgenossen, dunkle Bronze, im Weiher auf dem Bahnhofplatz hören nicht auf zu grüssen. In Aarau kam das eine unserer beiden Kinder zur Welt, gingen sie, schon etwas grösser, auch zur Schule und kamen nachts immer später nach Hause. Schrieb ich im Lauf der Jahre in wechselnden Ateliers an Büchern.
Da die dieser Stadt wie ein vermeintlicher Abreisserspunten morgens und nachmittags geschlossen bleibt, zieht es uns notgedrungen und schnurstracks aus der gleichnamige Gasse hinaus. Wir queren, zweimal Wurfdistanz, hinterrücks den Oberturm, auf dessen Vorderfassade unter der grossen Uhr jahraus und jahrein der Totentanz unterwegs ist.
Wer vom Aargauerplatz her in die Vordere Vorstadt einbiegt, hat, wenn er sich nicht vom rechterhand ablenken und zu einem Bier reinziehen lässt, den Turm stets vor sich. Es ist der Blick, der sich auch unseren Gross- und Regierungsräten an klaren Tagen anböte, höben sie zuweilen beim Referieren und Regieren ihre Augen kurz Richtung Jura und Stadt: Anstelle von New Public Management das Memento mori:
Wir gedenken auf der Stelle unserer lieben Frau Maria Poo, der wunderbaren Hüterin des Aargauer Kunsthauses, die im Kunsthaus starb. Mensch und Artefakt in einem. Ihr Herz versagte seinen Aufsichtsdienst ausgerechnet an dem Abend, als die Sache der Frau im heutigen...




