Merz Alpengold - Folge 194
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-1170-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Neuanfang für Marie
E-Book, Deutsch, Band 194, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7325-1170-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Für die junge Hallhuber-Marie ist der charmante Christian Leitner der Bursch, auf den sie immer gewartet hat - egal, was die Leute über ihn sagen! Auch wenn er bisher keinem hübschen Madel widerstehen konnte, so hat er ihr nun ewige Treue geschworen. Und so stimmt Marie überglücklich zu, als Christian sie bittet, seine Frau zu werden.
Doch am Abend vor der Verlobung werden Marie schmerzlich die Augen geöffnet: Sie überrascht Christian in flagranti mit einer anderen! Zutiefst gedemütigt und bis ins Mark verletzt, löst Marie die Verlobung. Aber sie hofft vergeblich auf den Beistand ihres Vaters - im Gegenteil: Als der alte Hallhuber trotz Christians Betrug auf einer Hochzeit der beiden besteht, erkennt Marie schweren Herzens, dass sie Abschied nehmen muss: vom Hallhuber-Hof, dem Tal ihrer Kindheit und allem, was ihr lieb und teuer ist.
Doch kann sie in der Fremde wirklich glücklich werden?
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Bernd Hallhuber blickte schweigend aus dem Stallfenster.
Es war Abend geworden, der klare Maihimmel bezog sich allmählich mit dem matten Grau der Dämmerung, und die Schatten wurden länger. Drei Wildenten flogen über den Wirtschaftshof in Richtung Hintersee.
Der Bauer dachte daran, wie er als Bub im Sommer oft dort schwimmen war, meist zusammen mit seiner Schwester Marie. Ihr blondes Haar hatte im Sonnenlicht geschimmert wie Gold, und sie hatte fröhlich gelacht. Damals, als sie noch Kinder gewesen waren und die Welt ihnen groß und schön erschienen war …
»Bauer, schau, die Milch ist nimmer flockig.« Loisl, der Großknecht vom Hallhuber-Hof, trat neben den hochgewachsenen, kräftigen Burschen mit dem flachsblonden Haar und hielt ihm eine Edelstahlkanne unter die Nase. »Der Viehdoktor hat gesagt, wenn die Flocken weg sind, kann die Kuh normal gemolken werden.«
»Ist schon recht«, erwiderte der Bauer müde.
Loisl musterte Bernd Hallhuber fragend. Er war ein eher schmächtiger Kerl, der aber für zwei schaffen konnte. Wenn er den Bauern anschaute, musste er immer blinzeln, weil er den Kopf verdrehte und nach oben blickte. »Stimmt was net?«
Bernd lächelte schmal. »Alles wie immer. Kümmere dich um die Kuh, es ist bald Zeit fürs Abendbrot.«
Der Bauer verließ den Stall. Loisl schaute ihm kurz hinterher, dann ging er wieder an seine Arbeit. Es war schon ein rechtes Kreuz mit dem jungen Bauern. Ein Kerl wie ein Baum, fleißig und klug, und doch hatte er keinen frohen Tag auf dem Erbhof.
Das lag ganz sicher nicht an ihm, denn Loisl kannte keinen Menschen auf Gottes weiter Erde, der es geschafft hätte, mit Bernd Hallhuber Streit anzufangen. Der war nämlich der friedlichste und freundlichste Charakter, den man sich nur denken konnte. Das gute Gemüt hatte er von seiner Mutter selig geerbt. Vom Vater gewiss nicht.
Loisl grinste schief. Franz Hallhuber war ganz sicher keine freundliche Seele. Er war das genaue Gegenteil.
Der Großknecht vom Erbhof in Wolfenstein, einem Flecken, idyllisch im Berchtesgadener Land gelegen, musste es wissen. Schließlich arbeitete er schon an die zwanzig Jahre für den Hallhuber. Darin hielt er den Rekord, denn für gewöhnlich blieb keiner der Angestellten sehr lange auf dem Hof. Der Altbauer war ein Tyrann und Leuteschinder. Überall sah er Faulheit und Verschwendung. Er ging schon mal einen Knecht an, weil der zehn Minuten zu lange für seine Brotzeit gebraucht hatte.
Loisl hatte in den vergangenen beiden Jahrzehnten unzählige solcher Vorfälle miterlebt. Franz Hallhuber war eine imposante Erscheinung, groß und kräftig, mit einer tiefen, weit dröhnenden Stimme, die allein schon einschüchtern konnte.
Früher, als die Bäuerin noch gelebt hatte, da war er etwas »zahmer« gewesen, denn Ursula Hallhuber hatte es verstanden, seinen Feuerkopf abzukühlen. Sie war eine schöne, sanfte Frau gewesen, das genaue Gegenteil zu ihrem cholerischen Heißsporn. Vielleicht hatten die beiden sich deshalb seinerzeit ineinander verschaut.
Wirklich glücklich war die Ehe aber wohl nicht gewesen. Mit den Jahren war das auffahrende Temperament des Bauern immer stärker durchgebrochen. Und seit die Bäuerin nicht mehr da war, konnte ihn niemand mehr bremsen in seiner giftigen Knurrigkeit und seinem unerträglichen Grant.
Einzig Marie, Bernds Schwester, hatte noch einen gewissen Einfluss auf den Altbauern. Das mochte daran liegen, dass sie ihrer Mutter so ähnlich war, äußerlich wie auch im Wesen.
Bernd aber hatte sehr unter seinem Vater zu leiden. Franz nahm den Burschen nicht für voll, machte sich über ihn lustig und bedachte ihn regelmäßig mit Schimpfworten, von denen »Depp« und »Trottel« noch die harmlosesten waren. Dass sein Sohn mit Erfolg die Landwirtschaftsschule abgeschlossen hatte und ein sehr tüchtiger Jungbauer war, interessierte ihn nicht. Bernd durfte zwar auf dem Hof arbeiten, aber dass er irgendwann den Betrieb übernehmen würde, stand nicht zur Debatte.
Aus zahlreichen lautstarken Auseinandersetzungen wusste das gesamte Gesinde, dass der Altbauer ganz andere Pläne hatte.
»Eine Schande ist das«, sagte Loisl zu der Kuh, deren Milchfieber endlich abgeklungen war. Das Tier käute gelassen wieder und kümmerte sich nicht darum. »Es ist aber eine Schande«, beharrte der Großknecht. »Statt dem lieben Herrgott auf Knien zu danken für so einen gut geratenen Sohn, versündigt sich der Bauer jeden Tag aufs Neue. Dabei kann doch nix Gutes herauskommen, nie und nimmer.«
Er verließ den Stall und marschierte über den Wirtschaftshof Richtung Gesindehaus, um sich zu waschen. Drüben im Haupthaus hörte man schon wieder den Altbauern wütend brüllen.
***
»Du kannst gleich das Tablett ins Esszimmer tragen, Elke.« Marie Hallhuber stellte eine Kanne mit frischer Milch auf das Tablett, die Küchenmagd wollte nach den Tellern greifen, zuckte aber heftig zusammen, als die Stimme des Altbauern unvermittelt durch das Haus dröhnte.
Zwei Teller rutschten ihr aus der Hand und landeten auf dem Boden, wo sie zersplitterten. Elke wurde blass.
»Tut mir leid, das wollte ich net. Aber ich kann mich einfach nicht an die Brüllerei gewöhnen.« Sie machte ein bekümmertes Gesicht. »So ein Malheur.«
»Ist net weiter schlimm. Feg nur die Scherben weg, damit sich keiner verletzt«, bat das hübsche Madel mit dem hellblonden, schulterlangen Haar und den klaren blauen Augen. »Ich schau rasch nach, was wieder los ist.«
Marie schämte sich für das Benehmen ihres Vaters, dessen Unbeherrschtheit im ganzen Dorf für Gesprächsstoff sorgte. Vor allem die Tatsache, dass der Alte seinen Sohn ständig als Fußabstreifer benutzte, stieß dabei auf Ablehnung und Unverständnis.
Jeder, der Bernd Hallhuber kannte, wunderte sich darüber, dass dieser nicht längst sein Bündel geschnürt hatte und gegangen war. Ein tüchtiger Jungbauer fand leicht eine Anstellung als Verwalter auf einem größeren Hof.
In der Umgebung gab es öfter vakante Stellen. Für Bernd hätte das nicht nur geregelte Arbeitszeiten und ein anständiges Salär bedeutet, sondern und vor allem, dass er respektiert und angemessen behandelt wurde. Viele seiner Spezln rieten ihm immer wieder, sich auf eigene Füße zu stellen.
Doch Bernd war treu. Er war nun mal der Jungbauer auf dem elterlichen Hof. Und was seinen Vater anging, da legte er eine geradezu aberwitzige Geduld und Nachsicht an den Tag.
Nie wehrte er sich gegen die ständigen ungerechtfertigten Angriffe, nahm jede Gemeinheit hin und schwieg, wenn der Alte ihn hemmungslos beschimpfte. Vielleicht hätte es geholfen, dem Vater einmal Paroli zu bieten, ihm Grenzen aufzuzeigen. Aber das konnte Bernd nicht. Er war keineswegs ein Feigling, er war einfach nur ein herzensguter Mensch, der sich selbst ständig zurücknahm.
»So was von deppert kannst auch nur du sein!«, polterte Franz Hallhuber gerade wieder. »Den Viehdoktor einfach wegfahren zu lassen, obwohl die Ferkel noch net geimpft sind. Ja, mei, ich sag’s halt immer wieder: Wenn du willst, dass was recht erledigt wird, dann tu es selbst. Auf keinen kann man sich verlassen. Und auf dich am allerwenigsten, du hirnloser Hornochs!«
»Ich ruf gleich morgen in der Früh an und sag Bescheid, dann wird der Dr. Brunner es gewiss noch schaffen, vorbeizukommen und …« Bernd verstummte, als der Alte ihm mit einer wütend-herrischen Geste das Wort abschnitt.
»Darum geht’s doch gar net, du Malefiz! Wenn er noch mal kommen muss, berechnet er auch eine Extraanfahrt. Die hätten wir uns heut sparen können, wenn du in der Lage wärst, wie ein vernünftiger Mensch deine Gedanken beisammenzuhalten. Aber wer darauf spekuliert, der kann lange warten.«
»Die Anfahrt ist ja net weit«, hielt Bernd dem Vater mit ruhiger Stimme entgegen. »Ich hab noch auf keiner Rechnung gesehen, dass er dafür was nimmt.«
Franz Hallhuber lachte schallend. »Als ob das so offen draufsteht, du Lackel! Das sind die berühmten versteckten Kosten, die kriegt man immer und überall untergejubelt, wenn man so deppert ist wie du und sich von einem jeden aufs Kreuz legen lässt. Mei, oh, mei, wie ist so was nur möglich!«
»Vater, bitte!« Marie hatte das Arbeitszimmer betreten und machte eine beschwichtigende Geste in Richtung ihres Vaters.
Wie ein kleiner Tyrann erschien er ihr hinter seinem protzigen Schreibtisch aus Wurzelholz. Sein roter Kopf ruckte herum, die eben noch zornsprühenden Augen wurden ein wenig ruhiger, und seine Stimme klang beinahe normal, als er fragte: »Was ist denn, Marie? Ist das Nachtmahl fertig? Ich komm gleich.«
Das hübsche Madel trat neben seinen Bruder, drückte ihm leicht den Arm und bat den Vater dann: »Schrei doch net so! Alle auf dem Hof können dich hören. Man muss sich ja vor dem Gesinde schämen.«
»Ich schrei, so viel ich will«, beharrte der Bauer unwirsch. »Wenn dein Bruder sich ständig wie ein Nichtsnutz und Trottel benimmt, dann muss ihm ja einer die Meinung geigen. Ich dulde auf meinem Hof keine Verschwendung und keine Faulheit!«
»Der Bernd ist der Fleißigste von allen. Und ein Verschwender ist er ganz gewiss net«, trat Marie entschieden für ihren Bruder ein. Der aber schüttelte leicht den Kopf und murmelte: »Lass doch gut sein, Marie.« Er ertrug es nicht, wenn sie seinetwegen auch noch Ärger mit dem Alten bekam.
»Ich hab jetzt keinen Nerv, mich darüber zu streiten«, knurrte der Bauer unfreundlich. »Lasst mich allein, ich muss noch was erledigen.«
»In fünf Minuten gibt’s...




