Merz Alpengold - Folge 186
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-0954-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie war sein ganzes Glück
E-Book, Deutsch, Band 186, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7325-0954-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als der junge Moosbacher-Thomas seine Verlobte Lissi in den Armen seines Bruders überrascht, bricht für ihn eine Welt zusammen.
Enttäuscht und außer sich vor Verzweiflung rennt er davon, steigt in den Wagen und braust durch die Nacht! Auch in den engsten Kurven bremst er nicht ab.
Als man sein Auto wenige Stunden später ausgebrannt in einer Klamm findet, erkennt Lissi, was sie verloren hat. Doch da scheint es zu spät zu sein ...
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Thomas Moosbacher zog den warmen, wollenen Janker über und verließ das Haus. Ein eisiger Nordwind blies ihm ins Gesicht, feiner Schnee wehte ihn an und schien mit tausend kleinen Nadeln in die Haut zu piksen.
Der Bauer Anfang dreißig senkte den Kopf, sein dichtes, dunkles Haar, das ein wenig lockig und stets widerspenstig war, wehte im Winterwind.
Es ging auf fünf Uhr zu, doch vom neuen Morgen war noch längst nichts zu merken. Jetzt, Mitte Februar, ging die Sonne erst in ein paar Stunden auf. Und Wärme würde sie kaum bringen.
Der Winter hatte den kleinen Flecken Burghausen im Werdenfelser Land fest im Griff. Heuer war er besonders streng. Es war keine Seltenheit, dass die Temperaturen in der Nacht im zweistelligen Minusbereich landeten. Das Leben wurde beschwerlich, denn der Schnee türmte sich auf den Wegen. Manch einer beschwerte sich über die hohen Heizkosten und sehnte den Frühling herbei.
Auf dem Moosbacher-Hof war das Holzlager gut gefüllt, der große Kachelofen in der guten Stube spendete behagliche Wärme. Das traditionsreiche Anwesen war bereits seit mehreren Generationen im Besitz der Familie. Thomas hatte den Hof vor fünf Jahren übernommen. Damals war sein Vater überraschend an einem Infarkt verstorben.
Hier gab es keine materiellen Sorgen, denn der Bauer war tüchtig und fleißig. Glücklich war Thomas Moosbacher allerdings nicht. Doch das hatte andere Gründe.
Nun öffnete der junge Mann die Stalltür und trat ein. Drinnen herrschte eine angenehme Wärme. Das weiß-bunte Milchvieh, das für die Region typisch war, verbrachte nur den Winter im Stall.
Im Frühjahr ging es hinaus auf die Weiden, ein Teil wurde auch zur Krameralm hinauf getrieben, um über Sommer besonders würzige und hochwertige Milch zu geben. Die wurde dann vom alten Franz, der sich auch auf die Arbeit eines Senns verstand, zu Käse verarbeitet. Der Altknecht lebte und arbeitete nun bereits über vierzig Jahre auf dem Erbhof.
Er hatte die Geburt von Thomas und seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Christian miterlebt, und er hätte viel über die Familie Moosbacher erzählen können, wäre er nicht so verschwiegen und treu gewesen. Auch wenn er am Wochenende gerne mal im Wirtshaus eine Maß trank, kam doch nie ein schlechtes Wort über seinen Brotherrn aus seinem Mund. Er stand treu zu Thomas, den er heimlich so lieb hatte wie einen eigenen Sohn.
Als der Bauer nun in die Box trat, in der eine hochträchtige Kuh sich mit dem Kalben schwertat, blickte Franz überrascht auf.
»Mei, Bauer, du hättest net extra so früh aufstehen müssen. Hast schließlich noch genug anderes zu tun. Ich kümmere mich schon um die Milli und ruf den Viehdoktor, wenn es losgeht«, meinte der Alte und rieb sich über sein wettergegerbtes Gesicht.
Franz war früher ein Baum von einem Mann gewesen. Mit den Jahren war er ein wenig schmächtig geworden und konnte nicht mehr so schaffen wie einst. Doch vom Ruhestand wollte er nichts wissen. Er konnte sich mit dem Gedanken, die Hände in den Schoß zu legen, einfach nicht anfreunden.
»Ist schon recht, ich konnte eh nimmer schlafen«, wehrte Thomas ab. Er setzte sich neben Franz auf einen Hocker und betrachtete die Kuh. »Noch keine Veränderung?«
»Sie hat angefangen zu schwitzen, aber das Blaserl ist noch zu«, erstattete Franz Bericht.
»Na gut, dann kannst du jetzt schlafen gehen. Ich bleib da und kümmere mich um alles.«
Der Altknecht konnte sich nicht recht entscheiden, zu gehen. Er musterte Thomas nachdenklich. Dessen markantes Profil trat an diesem frühen Morgen stärker hervor als sonst. Er war blass, und seine klugen, grauen Augen wirkten dunkel vor Kummer.
Franz kannte diesen Ausdruck nur zu gut. Er hatte ihn bereits bei dem Buben von zwölf gesehen und bemerkte ihn nun auch an dem Mannsbild von zweiunddreißig. Er wusste um all die einsamen, trüben Stunden, die Thomas bereits erlebt hatte. Und es schnitt ihm ins Herz, den aufrechten, guten Charakter leiden zu sehen.
»Was hast du?«, fragte der Bauer ihn nun, denn er hatte seinen aufmerksamen Blick wohl bemerkt. »Stimmt was net?«
»Das frag ich dich, Bauer. Ein junges Mannsbild wie du sollte einen gesunden Schlaf haben. Machst du dir Sorgen um die Mutter?«
Marie Moosbacher hatte vor ein paar Monaten einen Schlaganfall erlitten. Sie war lange im Spital gewesen, ihr Zustand hatte sich nur allmählich stabilisiert. Nun lebte sie wieder daheim auf dem Hof, war aber pflegebedürftig. Thomas hatte deshalb eine Krankenschwester angestellt, die im Kammerl neben Maries Schlafzimmer wohnte und stets verfügbar war.
»Oder denkst du eher über die Lissi nach?«
Thomas’ Miene verschloss sich, er knurrte: »Red keinen Schmarren daher, Franz. Geh jetzt und lass mich in Ruh. Mir fehlt nix. Jedenfalls nichts, worüber ich reden mag.«
»Ist schon recht.« Der Altknecht erhob sich ein wenig schwerfällig, klopfte dem Bauern freundschaftlich die Schulter und nickte ihm mit einem schmalen Lächeln zu, eh er den Stall verließ.
Franz hatte seine Kammer im Gesindehaus. Als er sich noch ein wenig ausstreckte, fand er aber keinen Schlaf mehr, denn seine Gedanken kehrten noch einmal zu seinem jungen Brotherrn zurück. Und sie schweiften weit in die Vergangenheit ab …
Damals, als Franz noch ein junges, fesches Mannsbild gewesen war, hatte er den kleinen Thomas oft weinend im Stall gefunden. Der Bub hatte sich bei den Milchkälbern versteckt oder im Heu mit seiner schwarzen Katze geschmust. Die Kindheit des Buben war ein einziges Trauerspiel gewesen. Doch das hatte erst angefangen, als sein jüngerer Bruder geboren wurde und heranwuchs. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Bauer seinen Älteren gut behandelt und durchaus bemerkt, wie aufgeweckt und interessiert der an allem gewesen war, was mit der Landwirtschaft zu tun hatte.
»Der Thomas wird mal ein guter Bauer«, hatte Franz ihn öfter sagen hören und sich darüber gefreut. Denn bereits damals hatte er den ernsten, klugen Buben gern gehabt.
Dann aber war Christian auf den Plan getreten. Ein zartes, schwächliches Kind, das oft krank gewesen war. Die Eltern hatten ihn verwöhnt und wegen seiner schwachen Konstitution dem älteren Bruder stets vorgezogen. Wenn Thomas einmal murrte, wurde ihm seine robuste Natur als Egoismus vorgeworfen, und es hieß, er solle Rücksicht nehmen.
Der Bub hatte unter dem Mangel an elterlicher Zuwendung sehr gelitten, sich aber bemüht, es keinen merken zu lassen. Nur Franz wusste Bescheid, denn Thomas hatte ihm schon damals vertraut.
Je älter Christian wurde, desto tiefer wurde der Graben zwischen den Brüdern. Als sich herausstellte, dass der jüngere Moosbacher ein heller Kopf war, der Matura machte und sich hernach entschied, Medizin zu studieren, war der Bauer vor Stolz fast geplatzt.
Nun konnte der verwöhnte Christian sich Thomas gegenüber einfach alles erlauben. Er machte sich ständig über seinen älteren Bruder lustig und trampelte, unterstützt vom Vater, auf Thomas herum. Er benutzte ihn als Blitzableiter für seine Launen und liebte es, ihn dumm dastehen zu lassen.
Besonders gern machte er sich bei seinen Kommilitonen, die er natürlich oft zu sich einlud, über den »tumben Dorfdeppen« lustig. Seine Scherze wurden immer gemeiner und verletzender. Drohte Thomas ihm einmal Prügel an oder wehrte sich zumindest verbal, hatte er sofort den Vater am Hals. Der machte ihn noch viel heftiger nieder und verbot ihm, sein Herzblatt zu beschimpfen.
Marie war mit alldem nicht glücklich gewesen. Sie hatte ihre beiden Buben lieb und hatte sich stets bemüht, ausgleichend zu wirken, damit aber nie wirklich etwas erreicht.
In den vergangenen Jahren, vor allem seit dem Tod des Vaters, hatten die Brüder sich kaum noch gesehen.
Franz wusste, dass Christian in Tansania ein Buschhospital aufgebaut hatte und leitete. Er war sehr engagiert, hatte schon in Studienzeiten in der Entwicklungshilfe gearbeitet. Er schien ein brillanter Mediziner zu sein, auch wenn da menschlich wohl einiges zu wünschen übrig blieb.
Nach dem Schlaganfall der Altbäuerin war er nach Burghausen gekommen, um sich zu kümmern, doch die ganze Zeit hatten die Brüder nur erbittert gestritten. Schließlich war Christian beleidigt abgereist.
Der Altknecht seufzte leise. Thomas hatte sein ganzes bisheriges Leben im Schatten des bevorzugten Bruders verbracht. Franz hatte gehofft, dass der Tod des Altbauern und die Krankheit seiner Frau die beiden einander doch noch ein wenig näherbringen würden. Dass die Brüder sich aussprechen und zumindest lernen könnten, sich gegenseitig zu respektieren. Doch das war leider nicht passiert. Offenbar konnte es zwischen den beiden keine Versöhnung geben. Dazu waren die Gräben zu tief.
Franz wusste, wie schlimm das für Thomas war. Sein Bruder hatte ihm das Selbstbewusstsein geraubt. Jedes Madel, das sich für den älteren Moosbacher interessiert hatte, musste er ihm abspenstig machen. Es schien fast so, als hätte Christian einen abseitigen Spaß daran, Thomas in den Dreck zu treten.
Und nun war der Bauer, nach außen hin ein fesches, fleißiges Mannsbild, eine der besten Partien im Tal, innerlich ein gebrochener Mann. Er konnte keinem mehr vertrauen, er mochte nicht glauben, dass ein Madel ihn um seinetwillen gern hatte. Er glaubte nicht mehr an die Liebe. Und vielleicht, so vermutete Franz mit bangem Herzen, glaubte er sogar an gar nichts mehr.
Das alles nahm den Altknecht sehr mit. Nicht nur, weil er Thomas gern hatte und ihm ein glückliches, erfülltes Leben wünschte. Sondern auch, weil es...




