Lösungsansätze für komplexe Pflegesituationen
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-17-043668-8
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
3 Erstellung von Concept Maps
Matthias Mertin und Irene Müller In der täglichen Praxis sehen sich professionelle Pflegekräfte häufig mit Entscheidungen in komplexen Pflegesituationen konfrontiert, die eine sorgfältige Bewertung und Analyse erfordern. Bei der Feststellung von Pflegediagnosen geht es darum, die individuellen Bedürfnisse und Probleme von Patient*innen zu identifizieren und angemessene Pflegeinterventionen auszuwählen. Kritisches Denken spielt dabei eine zentrale Rolle. Es umfasst die Fähigkeit, Informationen zu analysieren, zu interpretieren und Hypothesen aufzustellen, um zu fundierten Entscheidungen zu gelangen. In komplexen Pflegesituationen müssen Pflegekräfte verschiedene Aspekte berücksichtigen, wie die medizinische Geschichte der Patient*innen, die aktuellen Symptome, die Reaktion auf Behandlungen sowie die psychosozialen und emotionalen Bedürfnisse. Kritisches Denken ermöglicht es Pflegekräften, diese Informationen zu erfassen, zu bewerten und in einen ganzheitlichen Kontext zu stellen. Concept Mapping ist eine visuelle Darstellungstechnik, die es Pflegekräften erleichtert, komplexe Informationen strukturiert zu organisieren und Zusammenhänge zwischen verschiedenen Faktoren zu erkennen. Es erleichtert das kritische Denken, indem es eine visuelle Repräsentation der relevanten Informationen bietet und es den Pflegekräften möglich macht, diese Informationen effektiv zu analysieren und zu interpretieren. Durch die Verwendung von Concept Mapping können Pflegekräfte komplexe Pflegesituationen leichter erfassen und die Zusammenhänge zwischen den Symptomen, Problemen und Ursachen besser verstehen. Es hilft ihnen dabei, eine fundierte und umfassende Pflegediagnose zu stellen und geeignete Pflegestrategien zu entwickeln. Durch die visuelle Darstellung und Verknüpfung von Informationen werden auch komplexe Zusammenhänge und mögliche Pflegeinterventionen sichtbarer. Insgesamt ist Concept Mapping ein wertvolles Werkzeug in der Pflegepraxis, das kritisches Denken fördert und Pflegekräften dabei hilft, in komplexen Pflegesituationen angemessene und wirksame Entscheidungen zu treffen. Es ermöglicht eine umfassende Analyse von Informationen und unterstützt die Entwicklung von individuell angepassten Pflegeplänen, um die bestmögliche Patient*innenversorgung zu gewährleisten. 3.1 Die Bedeutung des kritischen Denkens in komplexen Pflegesituationen
In der Pflege müssen tagtäglich sowohl fachliche, organisatorische als auch ethische Entscheidungen getroffen werden, die Auswirkungen auf die Patient*innenergebnisse, auf die Versorgungsqualität und auf Kolleg*innen oder die Organisation haben (Bensch, 2015; Wittmann & Petersen, 2022). Beispielsweise müssen Pflegekräfte entscheiden, ob eine Maßnahme für eine individuelle Person sinnvoll ist, ob es z.?B. gerechtfertigt ist, einem Patienten bzw. einer Patientin mit herausforderndem Verhalten ein Einzelzimmer zuzuweisen, selbst wenn dadurch andere Patient*innen abgelehnt werden müssten, oder ob eine Pflegekraft im Nachtdienst einen Patienten/eine Patientin zur Dekubitusprophylaxe umlagern sollte, obwohl sie weiß, dass die Person das nicht gerne hat und Schlaf benötigt. Wenn Pflegekräfte bei diesem komplexen Entscheidungsprozess kritisches Denken anwenden, kann die Qualität der Versorgung spürbar verbessert werden. Kritisches Denken wird von der American Nurses Association (ANA) als wesentliche Fähigkeit angesehen, um den Pflegeprozess korrekt umzusetzen und eine hochwertige Patient*innenversorgung zu gewährleisten (Wittmann & Petersen, 2022). Kritisches Denken beinhaltet wichtige Fähigkeiten wie Analyse, Interpretation, Hypothesenbildung und -testung sowie die Fähigkeit, Informationen zu synthetisieren. Es ist ein aktiver und gezielter Prozess des Denkens, bei dem wir Informationen aufnehmen, sie auf verschiedene Weisen betrachten, daraus Schlüsse ziehen und unsere Gedanken mit anderen teilen. Kritisches Denken basiert auf Beobachtungen, persönlichen Erfahrungen, Reflexion und Kommunikation, um unsere Einstellungen und Handlungen zu beeinflussen (Müller Staub, 2022). Kritisches Denken gilt als ein wichtiges Merkmal beruflicher Verantwortung und trägt zur Qualität der Pflege bei, da pflegerisches Handeln auf komplexen Denkprozessen beruht. Der Pflegeprozess umfasst die Einschätzung des aktuellen Gesundheitszustands der Patient*innen, die Analyse von Pflegeproblemen und die Formulierung von Pflegediagnosen. Darüber hinaus beinhaltet er auch die Auswahl evidenzbasierter und geeigneter Pflegeinterventionen, ihre Umsetzung und die Überprüfung ihrer Wirksamkeit. Bei Bedarf können neue Pflegeinterventionen, basierend auf einer erneuten Einschätzung und Bewertung der Situation, festgelegt werden. Kritisches Denken bildet die Grundlage für klinische Entscheidungsfindung und ist gleichzeitig eine Voraussetzung für den pflegediagnostischen Prozess, die Auswahl von Pflegeinterventionen und die Bewertung von Pflegeergebnissen (ebd.). Das Stellen von Pflegediagnosen ist kein einfacher Prozess, sondern erfordert mehrere Schritte und komplexe Überlegungen. Im diagnostischen Prozess werden Informationen gesammelt, analysiert, synthetisiert und schließlich ein diagnostisches Urteil gebildet. Dieser Prozess beinhaltet verschiedene Komponenten, die individuell auf die Patient*innen abgestimmt werden müssen. Kontextuelle Faktoren wie Alter, Entwicklungsstand, Geschlecht, Kultur und bestehende Krankheiten spielen eine wichtige Rolle bei der pflegerischen Einschätzung und Diagnosestellung. Jeder zu pflegende Mensch ist einzigartig, daher müssen Pflegekräfte diese individuellen Faktoren berücksichtigen, um geeignete Pflegediagnosen zu finden (Müller Staub, 2006). Concept Mapping kann bei der Identifizierung von geeigneten Pflegediagnosen hilfreich sein. Durch das Erstellen einer Concept Map können Zusammenhänge und Beziehungen zwischen verschiedenen Informationen visuell dargestellt werden. Dies erleichtert das Verständnis der komplexen Zusammenhänge und ermöglicht, die relevanten Informationen zu identifizieren und zu organisieren. Das Concept Mapping fördert auch das divergente Denken, bei dem verschiedene Möglichkeiten und Hypothesen generiert werden. Es ermöglicht den Pflegekräften, flexibel zu bleiben und nicht zu schnell zu einem Schluss zu kommen. Durch die Elaboration, also die Verfeinerung der analysierten Informationen, kann eine genaue und fundierte Pflegediagnose gestellt werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Pflegediagnose ist die Wahrnehmung und das Bündeln von Hinweisen, Zeichen und Symptomen. Die Pflegeperson muss in der Lage sein, relevante Informationen durch Beobachtung, Befragung und Reflexion zu erkennen. Durch die gezielte Datensammlung und Suche nach geeigneten Pflegediagnosen können die Informationen gebündelt und analysiert werden. Es ist wichtig zu beachten, dass Pflegediagnosen nicht einfach aufgrund einzelner Symptome oder Hinweise gestellt werden können. Oft haben Patient*innen gleichzeitig verschiedene Pflegediagnosen, die unterschiedliche Prioritäten haben können. Das bedeutet, dass die Pflegeperson sorgfältig abwägen und verschiedene Möglichkeiten berücksichtigen muss, um die geeignete Pflegediagnose zu finden (ebd.). Um genaue Pflegediagnosen zu stellen, sind Kenntnisse und Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen erforderlich. Dazu gehören zwischenmenschliche Fähigkeiten, um eine vertrauensvolle Beziehung zu Patient*innen aufzubauen. Fachspezifische Fähigkeiten sind erforderlich, um körperliche Untersuchungen durchzuführen und spezifische Informationen zu sammeln. Im intellektuellen Bereich benötigen die Pflegekräfte Wissen über menschliche Reaktionen, Denkprozesse und den Zusammenhang zwischen bestimmten Denkprozessen und Pflegediagnosen (ebd.). Insgesamt ist das Stellen von Pflegediagnosen ein komplexer Prozess, der sorgfältige Überlegungen, Wahrnehmung, Analyse und eine breite Wissensbasis erfordert. Concept Mapping kann dabei als hilfreiches Werkzeug dienen, um Informationen zu organisieren und Zusammenhänge zu visualisieren, was letztlich zu genauen und fundierten Pflegediagnosen führt. 3.2 Concept Maps
Eine Möglichkeit, Zusammenhänge und Verbindungen zwischen einzelnen Aspekten in Texten bzw. Fallgeschichten besser zu verstehen, sind Visualisierungen. Concept Mapping ist eine Methode, mit der sich gesammelte Informationen nicht nur bildlich darstellen, sondern auch strukturieren und ordnen lassen. Beim Concept Mapping werden Schlüsselbegriffe aus einem bestimmten und genau definierten Bereich miteinander verknüpft, um die Beziehungen, Zusammenhänge sowie wechselseitigen Beeinflussungen zwischen den Begriffen aufzuzeigen (Taylor & Wros, 2007). Darüber hinaus eignet sich diese Methode insbesondere dafür, sich Sachtexte zu erschließen bzw. den Durchblick durch Erzählungen mit komplexen oder vielschichtigen Zusammenhängen zu erhalten. Eine Concept Map ist ein schematisches Hilfsmittel zur Darstellung einer Reihe von Begriffsbedeutungen, die in einen Rahmen von Propositionen eingebettet sind (Daley & Torre, 2010). Eine Concept Map funktioniert daher wie ein grafisches Werkzeug, das zur Visualisierung...