E-Book, Deutsch, 293 Seiten
Merle Der Tod ist mein Beruf
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8412-1328-0
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 293 Seiten
ISBN: 978-3-8412-1328-0
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von der Banalität des Bösen.
Inspiriert vom Tagebuch des Lagerkommandanten Rudolf Höß schrieb Merle diesen ersten Holocaust-Roman aus Tätersicht, der ihn weltberühmt machte. Die einzigartige Psychostudie eines Massenmörders aus Gründlichkeit und Gehorsam erschüttert selbst ein halbes Jahrhundert nach ihrem Erscheinen noch in ihrer schonungslosen, banalen Logik.
Robert Merle (1908-2004) wurde in Tébessa (Algerien) geboren. Schulbesuch und Studium in Frankreich. 1940 bis 1943 in deutscher Kriegsgefangenschaft. 1949 Prix Goncourt für seinen ersten Roman 'Wochenende in Zuydcoote'. Merles umfangreiches literarisches Werk spannt sich in einem großen Bogen von seinem Welterfolg 'Der Tod ist mein Beruf' über die ironische Zukunftsvision von 'Die geschützten Männer' bis zur historischen Romanfolge 'Fortune de France', die im Aufbau Verlag vollständig in deutscher Übersetzung erschienen sind.
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1913
Ich bog um die Ecke der Kaiserallee, böiger Wind und eiskalter Regen schlug an meine nackten Beine, und ich dachte voll Angst daran, daß Sonnabend war. Die letzten Meter legte ich im Laufschritt zurück, verschwand im Hausflur, raste die fünf Treppen hinauf und klopfte zweimal leicht.
Mit Erleichterung erkannte ich den schleppenden Schritt der dicken Maria. Die Tür ging auf, Maria strich ihre graue Locke nach oben, ihre guten blauen Augen sahen mich an, sie beugte sich zu mir nieder und sagte leise und verstohlen: »Du kommst aber spät.«
Und mir war es, als stände Vater vor mir, schwarz und mager, und sagte in seiner abgerissenen Redeweise: »Pünktlichkeit – ist eine deutsche Tugend – mein Herr!«
Ich flüsterte: »Wo ist er?«
Maria schloß behutsam die Vorsaaltür.
»In seinem Arbeitszimmer. Er macht die Geschäftsabrechnung.« Sie setzte hinzu: »Ich habe dir deine Hausschuhe mitgebracht. Da brauchst du nicht erst in dein Zimmer zu gehen.«
Ich mußte an Vaters Arbeitszimmer vorbei, wenn ich in mein Zimmer wollte. Ich kniete mit einem Bein nieder und fing an, meine Schuhe aufzuschnüren. Maria stand dabei, massig und unbeweglich. Ich hob den Kopf und sagte: »Und meine Schultasche?«
»Die nehm ich selber mit. Ich habe noch dein Zimmer zu bohnern.«
Ich zog meine Windjacke aus, hängte sie neben Vaters großen schwarzen Mantel und sagte: »Danke schön, Maria.«
Sie schüttelte den Kopf, ihre graue Locke fiel wieder auf die Augen herunter, und sie klopfte mir auf die Schulter.
Ich konnte zur Küche gelangen, öffnete leise die Tür und schloß sie hinter mir. Mama stand am Ausguß und wusch.
»Guten Abend, Mama.«
Sie drehte sich um, ihre blassen Augen blickten über mich weg, sie sah nach der Uhr auf dem Küchenschrank und sagte in ängstlichem Ton: »Du kommst aber spät.«
»Es waren heute viele Schüler zur Beichte. Und nachher hat mich Pater Thaler zurückbehalten.«
Sie fing wieder an zu waschen, und ich sah nur noch ihren Rücken. Sie fuhr fort, ohne mich anzusehen: »Deine Schüssel und deine Lappen sind auf dem Tisch da. Deine Schwestern sind schon bei der Arbeit. Beeile dich.«
»Ja, Mama.«
Ich nahm die Schüssel und die Lappen und ging auf den Korridor. Ich ging langsam, um das Wasser in der Schüssel nicht zu verschütten.
Ich kam am Eßzimmer vorbei, die Tür stand offen, Gerda und Bertha standen auf Stühlen am Fenster. Sie kehrten mir den Rücken zu. Dann ging ich am Salon vorbei und in Mamas Zimmer. Maria stellte den Schemel vors Fenster. Sie hatte ihn für mich aus der Rumpelkammer geholt. Ich sah sie an und dachte: ›Danke schön, Maria‹, aber ich öffnete den Mund nicht. Man durfte nicht sprechen, wenn man Fenster putzte.
Nach einer Weile trug ich den Schemel in Vaters Zimmer, holte die Schüssel und die Lappen herüber, kletterte auf den Schemel und machte mich ans Putzen. Ein Zug pfiff, die Eisenbahnstrecke drüben füllte sich lärmend mit Rauch, ich ertappte mich dabei, daß ich mich zum Fenster hinausbeugen wollte, um zuzuschauen, und sagte ganz leise voller Entsetzen: »Lieber Gott, gib, daß ich nicht auf die Straße hinausgesehen habe.« Dann setzte ich hinzu: »Lieber Gott, gib, daß ich beim Fensterputzen keinen Verstoß begehe.«
Danach sprach ich ein Gebet, fing an, halblaut einen Choral zu singen, und fühlte mich etwas wohler.
Als Vaters Fenster fertig waren, wollte ich in den Salon gehen. Am Ende des Korridors tauchten plötzlich Gerda und Bertha auf. Sie kamen hintereinander, jede mit ihrer Schüssel in der Hand. Sie wollten nun das Fenster ihres Zimmers drannehmen. Ich stellte den Schemel an die Wand, machte mich dünn, sie gingen an mir vorüber, und ich wandte den Kopf weg. Ich war der Älteste, aber sie waren größer als ich.
Ich stellte den Schemel vor das Fenster des Salons und kehrte in Vaters Zimmer zurück, um die Schüssel und die Lappen zu holen; in einer Ecke setzte ich sie ab. Ich bekam Herzklopfen, schloß die Tür und betrachtete die Porträts. Es waren die drei Brüder, und Vaters Onkel, sein Vater und sein Großvater: Offiziere alle, alle in großer Uniform. Das Porträt meines Großvaters betrachtete ich länger: Er war Oberst gewesen, und man behauptete, ich sähe ihm ähnlich.
Ich öffnete das Fenster und kletterte auf den Schemel; der Wind und der Regen drangen herein. Ich stand auf Vorposten und spähte im Sturm nach dem sich nähernden Feind aus. Dann wechselte die Szene, ich befand mich auf einem Kasernenhof und wurde von einem Offizier bestraft; der Offizier hatte die leuchtenden Augen und das hagere Gesicht von Vater; ich stand still und sagte ehrerbietig: »Jawohl, Herr Hauptmann!« Ein Prickeln lief mir über den Rücken, mein Lappen fuhr mit mechanischen Bewegungen kräftig über die Scheiben, und ich fühlte die starren Blicke der Offiziere meiner Familie mit wollüstigem Behagen auf Schulter und Rücken.
Als ich fertig war, trug ich den Schemel in die Rumpelkammer, holte Schüssel und Lappen und ging in die Küche.
Mama sagte, ohne sich umzudrehen: »Setz dein Zeug ab und wasch dir hier die Hände.«
Ich trat an den Ausguß, Mama machte mir Platz, ich tauchte die Hände ins Wasser, es war heiß. Vater hatte uns verboten, uns in heißem Wasser zu waschen, und ich sagte leise: »Aber das Wasser ist ja heiß.«
Mama seufzte, nahm die Schüssel, goß sie wortlos im Ausguß aus und drehte den Wasserhahn auf. Ich nahm die Seife, Mama trat beiseite und wandte mir zur Hälfte den Rücken zu, die rechte Hand auf den Ausgußrand gestützt und die Augen fest auf den Küchenschrank gerichtet. Ihre rechte Hand zitterte leicht.
Als ich fertig war, hielt sie mir den Kamm hin und sagte, ohne mich anzusehen: »Kämm dich!«
Ich stellte mich vor den kleinen Spiegel, hörte, wie Mama wieder das Waschfaß in den Ausguß stellte, betrachtete mich im Spiegel und fragte mich, ob ich meinem Großvater ähnlich sähe oder nicht. Es war für mich wichtig, das zu wissen, denn wenn ja, konnte ich hoffen, wie er Oberst zu werden.
Mutter sagte hinter meinem Rücken: »Der Vater erwartet dich.«
Ich legte den Kamm auf den Schrank und fing an zu zittern.
»Leg den Kamm nicht auf den Schrank«, sagte Mama.
Sie tat zwei Schritte, nahm den Kamm, wischte ihn an der Schürze ab und legte ihn in die Schublade des Küchenschranks. Ich sah sie verzweifelt an, ihr Blick glitt über mich weg, sie kehrte mir den Rücken zu und nahm wieder ihren Platz vor dem Ausguß ein.
Ich ging hinaus und langsamen Schritts nach dem Arbeitszimmer meines Vaters. Auf dem Korridor kam ich wieder an meinen Schwestern vorbei. Sie warfen mir tückische Blicke zu, und ich begriff, daß sie erraten hatten, wohin ich ging.
Ich blieb vor der Tür des Arbeitszimmers stehen, bemühte mich mit aller Gewalt, nicht mehr zu zittern, und klopfte an. Vaters Stimme rief: »Herein!«, ich öffnete die Tür, schloß sie wieder und nahm Haltung an.
Sofort drang eine eisige Kälte durch meine Kleider hindurch bis auf die Knochen. Vater saß an seinem Schreibtisch, dem weit offenstehenden Fenster gegenüber. Er drehte mir den Rücken zu und rührte sich nicht. Ich verharrte im Stillgestanden. Der Wind trieb Regenböen ins Zimmer, und vor dem Fenster war eine kleine Pfütze.
Vater sagte in seiner abgerissenen Sprechweise: »Komm her – setz dich.«
Ich ging hin und setzte mich auf einen kleinen niedrigen Stuhl links von ihm. Vater ließ seinen Sessel herumschwingen und sah mich an. Seine Augen lagen noch tiefer als gewöhnlich, und sein Gesicht war so mager, daß man alle Muskeln hätte einzeln zählen können. Die kleine Schreibtischlampe brannte, und ich war glücklich, im Schatten sitzen zu können.
»Frierst du?«
»Nein, Vater.«
»Du – zitterst doch nicht – hoffe ich?«
»Nein, Vater.« Und ich bemerkte, daß es ihm selbst sehr schwerfiel, sein Zittern zu unterdrücken. Sein Gesicht und seine Hände waren blau.
»Bist du fertig – mit Fensterputzen?«
»Ja, Vater.«
»Hast du – dabei gesprochen?«
»Nein, Vater.« Er senkte wie geistesabwesend den Kopf, und da er nichts mehr sagte, fügte ich hinzu: »Ich habe einen Choral gesungen.«
Er hob den Kopf wieder und sagte: »Begnüge dich damit – auf meine Fragen – zu antworten.«
»Ja, Vater.«
Er fuhr in seinem Verhör fort, aber zerstreut, gleichsam aus bloßer Gewohnheit: »Haben deine Schwestern – gesprochen?«
»Nein, Vater.«
»Hast du – Wasser verschüttet?«
»Nein, Vater.«
»Hast du – auf die Straße gesehen?«
Ich zögerte eine Viertelsekunde.
»Nein, Vater.«
Er sah mich fest an.
»Gib gut acht. Hast du – auf die Straße gesehen?«
»Nein, Vater.«
Er schloß die Augen. Er mußte wirklich zerstreut sein. Sonst hätte er mich nicht so schnell davonkommen lassen.
Ein Schweigen entstand. Sein großer steifer Körper bewegte sich auf dem Sessel hin und her. Der Regen drang mit böartigen Windstößen ins Zimmer, und ich fühlte, daß mein linkes Knie naß war. Die Kälte ging mir durch und durch, aber es war nicht die Kälte, unter der ich litt. Es war die Furcht, Vater könnte bemerken, wie ich wieder zu zittern anfing.
»Rudolf – ich habe mit dir zu reden.«
»Ja,...




