E-Book, Deutsch, 640 Seiten
Mereschkowski Leonardo da Vinci
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30843-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 640 Seiten
ISBN: 978-3-293-30843-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dmitri Mereschkowski, geboren 1865 in St. Petersburg, gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Russischen Symbolismus. Bekannt wurde er durch eine Reihe historischer Romane und Novellen. Sein Roman Leonardo da Vinci wurde unmittelbar nach Erscheinen 1901 vielfach übersetzt und erreichte weltweit hohe Auflagen. Neunmal war Mereschkowski für den Literaturnobelpreis nominiert. Er starb 1941 in Paris.
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1
Die weiße Teufelin
Neben der Kirche Orsanmichele in Florenz befanden sich die Warenlager der Färberinnung.
An den Häusern klebten plumpe Vorbauten, Speicher, ungleiche Erker auf schrägen Holzstützen, und stießen mit ihren Ziegeldächern so dicht zusammen, dass nur ein schmaler Spalt des Himmels sichtbar blieb und die Gasse auch bei Tag im Dunkel lag.
Vor den Ladentüren hingen an Querhölzern Muster fremdländischer, in Florenz gefärbter Wollstoffe. In der Mitte der mit flachen Steinen gepflasterten Straße lief ein Graben, der bunt schillernde, aus den Bottichen der Färbereien stammende Abwässer führte. Über den Toren der ansehnlichsten Lager – Fondachi – hingen Schilder mit dem Wappen von Calimala, der Färberinnung: ein goldener Adler im roten Feld, auf einem runden Ballen weißer Wolle.
In einem dieser Fondachi saß, von Geschäftspapieren und dicken Kontobüchern umgeben, der reiche florentinische Kaufherr und Konsul des »edlen Handwerks von Calimala«, Messer Cipriano Buonaccorsi.
Den alten Herrn fröstelte im kalten Licht des Märztages und dem feuchten, seinen vollgestopften Warenlagern entströmenden Dunst. Er wickelte sich fester in den schon recht abgetragenen, an den Ellbogen durchgescheuerten Eichhornpelz. Ein Gänsekiel steckte hinter seinem Ohr. Mit schwachen, kurzsichtigen, doch alles sehenden Augen prüfte er, nur scheinbar nachlässig, in Wahrheit aber sehr genau, die Pergamentblätter eines gewaltigen Kontobuchs, dessen durch Längs- und Querlinien in Rubriken geteilte Seiten rechts das Soll, links das Haben verzeichneten. Mit gleichmäßig runder Handschrift waren hier auch die Waren eingetragen, ohne große Anfangsbuchstaben, ohne Punkte und Kommas, die Zahlen in römischen, nicht in arabischen Ziffern, die bisher noch als leichtfertige, für Geschäftsbücher unpassende Neuerung galten. Auf der ersten Seite stand in großer Schrift zu lesen: »Im Namen unseres Herrn Jesu Christi und der Heiligen Jungfrau Maria wird dieses Kontobuch begonnen im Jahr 1494 nach Christi Geburt.«
Als Messer Cipriano die letzten Eintragungen nachgeprüft und sorgfältig einen Fehler im Verzeichnis der als Pfand angenommenen Posten von Wollwaren, Pfefferschotenballen, Mekka-Ingwer und Zimtbündeln verbessert hatte, lehnte er sich müde im Sessel zurück und überdachte einen Geschäftsbrief, den er an seinen Repräsentanten auf der Tuchmesse zu Montpellier in Frankreich schreiben wollte.
Da trat jemand in den Laden. Der Alte schlug die Augen auf und erblickte den Bauern Grillo, der ihm das Ackerland und die Weinberge bei seiner Vorstadtvilla in San Gervasio im Tal des Mugnone abgepachtet hatte.
Grillo machte eine Verbeugung. Er hielt einen Korb mit dunkelgelben, vorsichtig in Häcksel verpackten Eiern in Händen. Zwei an den Beinen zusammengebundene, mit den Köpfen nach unten baumelnde Hähnchen zappelten an seinem Gürtel.
»Ah, Grillo, du bist es!«, sagte Buonaccorsi in der herzlichen Art, die er im Verkehr mit Vornehmen wie mit Geringen an sich hatte. »Wie geht es? Ein schöner Frühling dieses Jahr, nicht?«
»Uns Alten bringt auch das Frühjahr nichts Erfreuliches mehr, Messer Cipriano. Die Knochen tun weh und sehnen sich nach dem Grab. Ich bringe Euer Gnaden Eier und ein paar Hähnchen zum Osterfest«, fügte Grillo nach einer Pause hinzu. Dabei zwinkerte er freundlich verschmitzt, wobei sich feine bräunliche Runzeln um seine grünlichen Augen bildeten, wie sie an Sonne und Wind gewöhnten Menschen eigen sind.
Buonaccorsi dankte dem Alten und begann ihn über geschäftliche Dinge zu befragen: »Nun, sind die Arbeiter draußen bereit? Werden wir bis Tagesanbruch fertig?«
Grillo seufzte nachdenklich und lehnte sich auf seinen Stock. »Es ist alles bereit. Auch Arbeiter haben wir zur Genüge. Doch möchte ich vorschlagen, Messere, die Sache lieber noch etwas zu verschieben.«
»Du hast doch neulich selbst gesagt, Alter, wir dürften nicht zaudern, damit uns keiner zuvorkommt!«
»Das stimmt schon. Aber ich habe Angst. Jetzt in den heiligen Fastentagen! Und unsere Sache ist keine gute …«
»Die Sünde nehme ich auf mich. Hab keine Furcht, ich verrate dich nicht. Werden wir aber wirklich etwas finden?«
»Weshalb nicht? Alle Anzeichen sprechen dafür. Schon unsere Väter und Großväter kannten den Hügel hinter der Mühle, an der Nassen Senke. Nachts flimmern sogar Irrlichter über San Giovanni. Es gibt viel zu viel solch Zeug hierzulande! Die Leute erzählen, erst kürzlich habe man beim Brunnenbau in einem Weinberg von Marignola einen Teufel aus dem Lehm ausgegraben.«
»Was redest du da? Was für einen Teufel?«
»Aus Kupfer. Mit Hörnern, zottigen Ziegenbeinen und Hufen. Sein Gesicht war sehr spaßig, als ob er lachte. Er tanzte auf einem Bein und schnippte mit den Fingern. Ganz grün und schimmelig war er vor Alter.«
»Und, was hat man mit ihm gemacht?«
»Eine Glocke für die Kapelle des Erzengels Michael hat man aus ihm gegossen.«
Messer Cipriano fuhr zornig auf. »Weshalb hast du mir das nicht längst erzählt, Grillo?«
»Ihr wart damals in Geschäften abwesend und weiltet in Siena.«
»Du hättest mir schreiben können. Ich hätte jemand hingeschickt oder wäre selbst gekommen. Es wäre mir nicht ums Geld leid gewesen, den Leuten zehn Glocken gießen zu lassen. Diese Dummköpfe! Aus einem tanzenden Faun eine Glocke gießen zu lassen! Vielleicht war es gar ein Werk des griechischen Bildhauers Skopas!«
»Die Leute waren wirklich Dummköpfe! Seid ihnen nicht böse, Messer Cipriano. Sie haben ihre Strafe. Seit zwei Jahren, seit die neue Glocke hängt, frisst der Wurm ihnen die Äpfel und Kirschen in den Gärten, und die Oliven geraten auch nicht. Die Glocke hat nicht einmal einen schönen Klang.«
»Wieso?«
»Wie soll ich das näher beschreiben? Sie hat eben nicht den rechten Klang. Sie erquickt Christenherzen nicht – sie bimmelt nur so, ohne Sinn und Verstand. Nun ja, natürlich: Wie soll aus einem Teufel eine gute Glocke werden? Euer Gnaden mögen nicht zürnen; aber vielleicht hat der Pfarrer doch recht: Aus unreinen Dingen, sagt er, die man aus der Erde gräbt, kann nie Gutes entstehen! Also, wir müssen die Sache mit großer Vorsicht betreiben; Kreuz und Gebet müssen wir zu Hilfe nehmen, denn der Teufel ist schlau und arglistig: Zu einem Ohre kriecht er hinein, der Hundsfott, zum andern hinaus. Auch mit der Marmorhand, die Zacchello im letzten Jahr am Mühlenhügel ausgegraben hat, hat uns der Teufel genasführt: Nur Unglück hat sie gebracht, Gott bewahre uns! Der bloße Gedanke daran ist schon schrecklich.«
»Erzähl mir, Grillo, wie hast du damals die Hand gefunden?«
»Im Herbst war das, am Abend vor St. Martin. Wir saßen beim Nachtessen, die Frau hatte gerade ein Brotgericht auf den Tisch gestellt, da kam der Neffe meines Gevatters, der Knecht Zacchello, ins Zimmer gestürmt. Ich hatte ihn abends beim Mühlenhügel auf dem Felde gelassen – er sollte einen Olivenbaumstumpf ausroden, weil ich Hanf an der Stelle säen wollte. ›Herr, Herr!‹, stammelte Zacchello. Er sah schrecklich aus; er zitterte am ganzen Leib, und die Zähne klapperten ihm. ›Der Herr sei mit dir, Lieber‹, antwortete ich ihm. Er fuhr fort: ›Auf dem Feld geht Arges vor: Unter dem Baumstumpf kriecht ein Toter aus der Erde! Glaubt Ihr mir nicht, so geht selbst hin und überzeugt Euch mit eigenen Augen!‹ Wir nahmen unsere Laternen und machten uns auf den Weg. Es dunkelte schon. Hinter dem Wäldchen ging der Mond auf. Wir sahen den Baumstumpf. In der aufgewühlten Erde schimmerte etwas Weißes. Ich bücke mich und sehe eine Hand aus der Erde ragen: weiß, mit hübschen, feinen Fingern, wie sie die Stadtfräulein haben. Dass dich der Schinder!, denke ich, was ist das für eine Teufelei? Ich leuchte mit der Laterne in das Loch; da regt sich die Hand, und die Finger winken. Da hielt ichs nicht mehr aus; ich brüllte laut los und wäre beinahe lang hingefallen. Aber Großmutter Monna Bonda – sie ist Hebamme und Zauberin und immer noch ein rüstiges Weib, wenn auch schon alt – schreit uns an: ›Wovor habt ihr Angst, ihr Dummköpfe? Seht ihr nicht, dass die Hand nicht lebt und auch nicht tot ist? Aus Stein ist sie!‹ Sie packte die Hand und zog sie aus der Erde wie eine Rübe. Gerade im Gelenk war sie abgebrochen. ›Lass lieber, Großmutter!‹, rief ich, ›rühr sie nicht an! Wir wollen sie vergraben, damit sie uns kein Unglück bringt.‹ – ›Nein‹, meinte sie, ›das wäre nicht richtig. Erst müssen wir sie in die Kirche schaffen, damit der Pfarrer sie beschwört.‹ Sie hat mich aber begaunert, die Alte; sie brachte die Hand gar nicht zum Pfarrer, sondern versteckte sie im Winkel ihrer Truhe, wo sie allerhand Kram aufhebt: alte Lappen, Balsam, Kräuter und Amulette. Ich schalt sie und verlangte die Hand zurück. Aber sie gab sie nicht heraus. Seitdem vollbrachte Monna Bonda wunderbare Heilungen. Wenn jemand Zahnschmerzen hatte, berührte sie ihm nur die Backe mit der Götzenhand; sofort war die Schwellung weg. Fieber, Bauchweh, Fallsucht heilte sie auch. Wenn eine Kuh sich quälte, weil sie nicht kalben konnte, hielt ihr die Großmutter nur die steinerne Hand an den Bauch; dann brüllte die Kuh, und eh man sichs versah, lag das Kälbchen im Stroh.
Die Kunde verbreitete sich in der ganzen Gegend, und die Alte verdiente viel Geld....




