E-Book, Deutsch, 486 Seiten
Mereschkowski Der 14. Dezember
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3155-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 486 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3155-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein historischer Roman aus der Zeit des Dekabristenaufstands 1825 in Sankt Petersburg. Während die 'Geheime Gesellschaft', unter der Herrschaft Alexanders I. entstanden, immer mehr an Macht gewinnt, stirbt letzterer. Die Nachfolge seiner Herrschaft ist nicht klar geregelt und stürzt Russland fast ins Chaos.
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Golizyn hatte sich vor seiner Abreise nach Petersburg vorgenommen, im Demutschen Gasthause an der Moika, neben der Polizeibrücke abzusteigen. Er wollte nicht in seine eigene Wohnung im Bauerschen Hause an der Wäscherinnenbrücke, weil diese Wohnung den ganzen Sommer über unaufgeräumt blieb und sein einziger Dienstbote, der alte Kammerdiener, im Urlaub auf dem Lande war – außerdem hatte er Angst vor Spitzeln: Er wußte von Rylejew, daß man ihn beobachtete. Als er aber mit seinen beiden Begleiterinnen, der Frau Tolytschowa und ihrer Tochter in Petersburg ankam, sie der Natalja Kirillowna Rschewskaja ablieferte und Abschied nehmen wollte, um ins Gasthaus zu fahren, wollte die Alte es nicht zulassen.
"Was fällt dir ein, Väterchen, ich bitte dich! Wo hat man es gehört, daß man einen Menschen aus einem anständigen Hause in ein Gasthaus ziehen läßt? Sind etwa wenig Zimmer hier? Das ganze Haus ist ja leer. Wohne da, so lange du willst. Du bist uns doch kein Fremder."
Natalja Kirillowna stellte gleich in den ersten Augenblicken eine sehr entfernte Verwandtschaft fest.
Golizyn ging auf den Vorschlag um so lieber ein, als er glaubte, daß der Aufenthalt in diesem Hause für ihn gefahrloser sein würde, und auch, weil er sich nicht gerne von Marinjka trennen wollte.
Das Haus der Frau Rschewskaja lag an der Fontanka, neben der Alartschin-Brücke. Eine öde, menschenleere Gegend. Ringsherum unbebaute Plätze. Nur am Rande dieser Wüste standen niedere Häuschen. Zuweilen ertönten in dieser Einöde in finsterer Nacht Schreie: "Zur Hilfe! Räuber!" Die erschrockenen Leute sprangen aus den Betten, öffneten die Fenster, steckten die Köpfe heraus und riefen möglichst eindringlich: "Wir kommen!" Sie kamen aber nicht, sondern verkrochen sich wieder in ihre warmen Betten und steckten die Köpfe unter die Bettdecken.
Von einem alten, einst regelmäßig angelegten, aber schon längst verwilderten Garten umgeben, erinnerte das Haus an ein Landschloß eines der Paladine Katharinas.
Im großen Flur mit Säulen und einer Marmortreppe saßen die alten Diener schlummernd, strümpfestrickend oder mit gedämpfter Stimme die Psalmen lesend. Die Seidentapeten in den weiten Sälen waren verblichen und verschossen. Die Kristallgehänge an den Kronleuchtern, dunkel und durchsichtig wie Rauchtopase, glitzerten trüb und klirrten, wenn jemand durchs Zimmer ging. Die riesengroßen holländischen Öfen aus blauen Kacheln glühten. In allen Räumen roch es nach Ambra und herrschte eine Grabesstille.
Das Zimmer der Großmutter war ein Eckzimmer. Die Wände waren mit Bosketten bemalt. Wie in einem Trödlerladen erinnerte hier alles – die Chiffonieren, Etageren, Glasschränkchen mit Porzellanpuppen, die runden Tischchen mit Messinggitter und die dickbauchigen Kommoden mit eingelegter Arbeit im chinesischen Geschmack – an ein anderes Jahrhundert. Vor den Fenstern standen niedere Lichtschirme mit himbeerfarbenen Gläsern, die auf alle Gegenstände und Gesichter einen rosa Schein warfen, der an ein ewiges Abendrot gemahnte. Vor einem der Fenster standen ein Käfig und eine Kletterstange für den weißen Papagei mit gelbem Schöpfchen, namens Potap Potapytsch.
Großmutter war eine kleine, vertrocknete Alte mit einem wächsernen, leichenblassen Gesicht; man hatte den Eindruck, sie habe einen Tag und eine Nacht im Sarge gelegen und wäre dann zu neuem Leben auferstanden. Sie trug stets große Toilette: ein stahlgraues Seidenkleid mit einer Halskrause, eine weiße Tüllhaube mit breiter Rüsche und kleine glänzende falsche Locken ›en grappes de raisin‹; an den Schultern hing ihr eine Pelzjacke: Großmutter fror es immer. Eine halbe Stunde, bevor sie aus dem Schlafzimmer kam, mußte eine deutsche Gesellschafterin, die so feist wie ein Pferd war, sich in ihren Sessel setzen und den Platz vorwärmen.
Großmutter saß in ihrem Sessel trotz der vielen kleinen, mit Wolle, Seide und Perlen bestickten Kissen, kerzengerade. Auf dem Tischchen neben ihr stand ein Schächtelchen mit Puder: Die Alte puderte sich oft und rieb sich dann das Gesicht mit einem Tüchlein oder einem Stück Ochsenblase ab. Auf dem runden Bänkchen zu ihren Füßen lag zusammengerollt der weiße, furchtbar böse Bologneser Fideljka.
"Sag mir mal, warum zittert dir das Tablett in den Händen?" fragte Großmutter das Dienstmädchen Marfuschka, wenn sie ihr den Tee brachte. – "Die Fideljka beißt mich furchtbar in die Füße."
"Muß deswegen das Tablett so zittern?" fragte Natalja Kirillowna erstaunt.
Sie war stets um ihre Gesundheit besorgt; beim geringsten Unwohlsein legte sie sich ins Bett und wickelte um die ›Pulse‹ mit Essig gefeuchtete Läppchen. Sie mochte nicht von Todesfällen hören. Wenn die alte Gesellschafterin Sacharowna zuweilen von einem Todesfalle hörte, pflegte sie zu ihr ins Schlafzimmer zu kommen und es ihr leise ins Ohr zu sagen.
"Schweig, sage niemand, daß ich es weiß. Du hast es mir nicht gesagt, hörst du?!" pflegte ihr die Großmutter streng zu sagen.
Einmal starb im Mezzanin, fast direkt über Großmutters Schlafzimmer, eine andere Gesellschafterin, – es gab ihrer im Hause eine ganze Menge.
"Sie ist gestorben", flüsterte Sacharowna der Großmutter zu, mit dem Finger nach oben weisend. – "Ja, schweig."
Man trug die Verstorbene heimlich hinaus und beerdigte sie, und Großmutter erwähnte sie mit keinem Wort, als ob sie niemals gelebt hätte.
Sie hatte schon vieles erlebt; darum hatte sie vor allem Angst und klagte oft darüber, daß "Fortuna so wetterwendisch sei".
"Das ganze Leben ist nichts anderes als ein Hazardspiel!"
Nach den beiden leichten Schlaganfällen, die sie erlitten, verfiel sie leicht in einen halbbewußtlosen Zustand; dann saß sie tagelang stumm und unbeweglich da und beobachtete mit trüben Blicken den Papagei, der auf seiner Stange schaukelte und dabei durchdringend schrie: "Potap Potapytsch Potapow!" Dann wurde sie wieder lebhaft und gedachte ihrer Jugend, als sie noch Hofdame im Gefolge Katharinas war. Sie teilte mit geheimnisvollem Flüstern als die letzte Neuigkeit mit, daß Fürst Piaton Subow, ›ce charmant vaurien‹ es fertig gebracht habe, ihre Majestät von seiner ›angenehmen Gesinnung‹ zu überzeugen. Sie erzählte gerührt von der freundlichen Art der alten Kaiserin.
"Wenn sie mal sah, daß die Sonne jemand ins Gesicht schien, ging sie gleich zum Fenster und ließ mit eigenen Händchen den Vorhang herunter. Dafür war sie gegen die Frechen ohne jede Nachsicht: Einmal mußte der Obersekretär der Geheimen Expedition Scheschkowskij die allzu geschwätzige Generalin Koschina direkt vom Maskenball holen, einer leichten körperlichen Züchtigung unterwerfen und dann unter Wahrung jeglichen Anstandes auf den Maskenball zurückbringen."
Sie erzählte auch gerne über den Herrn de Fontenelle, den sie in Paris noch vor der Revolution kennengelernt hatte.
"Er war ein echter Philosoph: Niemals erhob er seine Stimme, niemals zürnte er, niemals weinte er, niemals lachte er. ›Herr Fontenelle‹, fragte ich ihn einmal, ›haben Sie denn niemals gelacht?‹ ›Nein‹, sagte er, ›ich habe niemals Ha-ha-ha gemacht!‹ Er kannte keine Gefühle, hatte niemand geliebt, die Menschen gefielen ihm nur. ›Herr Fontenelle‹, sage ich ihm, ›achten Sie mich?‹ – ›Je vous trouve fort aimable, madame!‹ – ›Und wenn man Ihnen sagte, daß ich jemand umgebracht habe, würden Sie es glauben?‹ – ›Ich würde abwarten, gnädige Frau‹, sagte er drauf und lächelte. War ein kräftiger Greis, hat über hundert Jahre gelebt. Und so klug. Heute findet man solche nicht mehr!"
Die Menschen des neuen Zeitalters mit ihren gestutzten Gedanken und gestutzten Fräcken mißfielen der Großmutter.
"Wenn ich euch so anschaue, so seid ihr alle wie gerupft, als kämet ihr gerade aus dem Dampfbade, Gecken, Stutzer!"
Sie konnte sich unmöglich an die neuen weiten und langen Beinkleider gewöhnen, die an Stelle der einstigen kurzen Hosen mit Strümpfen und Schnallenschuhen getreten waren.
"Von den Sansculotten kommt diese Mode, von diesen schamlosen Ohnehosen, daß Gott mir verzeih!" brummte sie und erzählte, wie auf einem Balle zu Moskau der Gastgeber auf einen jungen Elegant losgestürzt sei, der als erster in langer Hose erschienen war: "Was ist dir eingefallen? Man hat dich auf den Ball geladen, damit du tanzt, und nicht damit du auf Masten kletterst, du hast dich aber als Matrose verkleidet!"
"Seit dem Jahre 1812 ist Moskau degeneriert", klagte...




