E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Mercer Und dann, eines Tages
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-13908-7
Verlag: Diana
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-641-13908-7
Verlag: Diana
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eines Tages flieht Anna Jones vor dem Regen in eine Londoner Buchhandlung – und steht plötzlich vor Victor, ihrer ersten großen Liebe. Siebzehn Jahre sind seit der Trennung vergangen, und doch konnte sie Victor nie vergessen. Diese zufällige Begegnung ist dazu bestimmt, Annas Leben zu verändern. Doch erst muss sie bereit sein, sich der Geschichte ihres gebrochenen Herzens zu stellen.
Alison Mercer wurde im englischen Reading geboren und verbrachte ihre Studienzeit in der Stadt Oxford, die auch Schauplatz ihres Romans "Und dann, eines Tages" ist. Heute lebt die Autorin mit ihrer Familie in Oxfordshire.
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1
Anna Jones?
2011
»Anna? Du bist es doch, oder?«
Ich blickte von dem Tisch mit den Neuerscheinungen auf, und da stand er. Victor Rose starrte mich an, eine Augenbraue hochgezogen. Kein Wunder, denn ich musste lächerlich aussehen. Ich hätte mir keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können, um der verflossenen Liebe meines Lebens über den Weg zu laufen.
Meine Haare tropften. Ich war klitschnass, außerdem trug ich ein grässliches bodenlanges lilafarbenes Kleid über dem Arm. Es war völlig offensichtlich, dass es sich um ein Brautjungfernkleid handelte. Was sonst würde ich mit einem derart rüschigen und mädchenhaften, einem derart hoffnungsvoll-romantischen Kleid anstellen? Selbst die nasse Cellophanhülle reichte nicht aus, um seinen Satinglanz zu verbergen.
Und jetzt errötete ich wie ein Teenager in Gegenwart eines umschwärmten Idols. Als ich bemerkte, dass mir der Mund offen stand, schloss ich ihn schnell. Sprechen konnte ich auf gar keinen Fall.
Victor … In jeder Hinsicht Victor … Dunkelhaarig, dunkle Augen, groß, gut gebaut, diese aufrechte, stramme Haltung … Aber alt! Na ja, nicht alt, aber mittleren Alters, mit ergrauten Schläfen, Ringen unter den Augen und Fältchen in den Augenwinkeln.
Zugenommen hatte er allerdings nicht. Er legte wohl immer noch Wert darauf, in Form zu bleiben. Außerdem war er insgesamt nicht der Typ, der dazu neigte, Fett anzusetzen.
Als ich das letzte Mal so dicht bei ihm gestanden hatte, war er erst zweiundzwanzig gewesen. Meine letzten Worte an ihn waren auch an das Mädchen an seiner Seite gerichtet gewesen und an die anderen, den Rest des engen kleinen Kreises, der wir einst gewesen waren. Damals war es mein sehnlichster Wunsch gewesen, keinen von ihnen jemals wiederzusehen.
»Hallo, Victor«, sagte ich. »Wie geht es dir?«
»Gut, danke«, erwiderte er. »Und dir?«
»Oh, prima. Ein bisschen durchnässt.«
»Es ist ziemlich mies da draußen«, pflichtete er mir bei.
»Wie ich sehe, hast du dir etwas Lesestoff besorgt«, sagte ich mit Blick auf die Tüte in seiner Hand. Trug er einen Ehering? Ich konnte es nicht richtig sehen.
»Die allerneueste postmoderne avantgardistische Belletristik … Nein, gar nicht. Fünf-Freunde-Bücher für meine Tochter.«
»Die Bücher habe ich früher geliebt«, sagte ich.
»Ja, sie ist auch eine ziemliche Leseratte«, meinte Victor.
Ich war versucht, mehr zu erfragen, hielt es aber nicht für ratsam. Victors Leben, und was daraus geworden war, hatte schließlich nichts mit mir zu tun – dafür hatte ich gesorgt.
Ja, ich hatte ihn einst geliebt, aber er war nicht der Einzige, an den ich im Laufe der Jahre gedacht und den ich vermisst hatte. Es war nie nur um uns gegangen. Und jetzt ging es überhaupt nicht um uns, und das würde auch so bleiben.
»Es war nett, dich wiederzusehen«, sagte ich, »aber ich sollte mich besser auf den Weg machen.«
Unbewusst trat ich einen Schritt zurück, und ich merkte erst, dass ich an den Tisch neben mir gestoßen war, als ein Bücherstapel krachend zu Boden fiel.
»Lass mich dir helfen«, sagte Victor. Ich faltete das Brautjungfernkleid zusammen und legte es auf den Boden. Wir machten uns daran, die Bücher aufzusammeln, und auf einmal war er mir sehr nahe, so nahe, dass ich nur meine Hand hätte ausstrecken müssen, um ihn zu berühren …
Doch nein, das war bloß eine verrückte Eingebung, die Art selbstzerstörerischer Unsinn, die einem manchmal einfach so durch das Gehirn schießt. Es war nur der Schock, ihn einfach so aus heiterem Himmel zu sehen: Jemand, der jahrelang nur in der Erinnerung und in Träumen existiert hatte, der beinahe zu einem Gespenst geworden war, kniete jetzt neben mir auf dem Boden einer Buchhandlung, siebzehn Jahre älter als bei unserer letzten Begegnung und vollkommen real. Kein Wunder, dass ich nicht recht wusste, was ich mit mir anfangen sollte.
Sobald der Bücherstapel wieder mehr oder weniger an seinem Platz war, sah ich zu Victor hoch. Zu meiner Erleichterung tat mein Herz nichts Außergewöhnliches.
»Danke«, sagte ich. »Ich mache mich dann besser auf den Weg. Ich bin spät dran.«
»Musst du gleich weiter?«, fragte er. »Wir könnten doch vielleicht einen Kaffee trinken gehen. Ein bisschen quatschen.«
»Es tut mir leid, ich kann nicht. Ich bin bloß wegen des Regens hier hereingekommen. Ich muss zurück in die Arbeit.« Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. »Eigentlich schon seit fünf Minuten. Ich beeile mich besser. Mach’s gut, Victor. Hoffentlich gefallen deiner Tochter ihre neuen Bücher.«
Ich wandte mich zum Gehen – diesmal darauf bedacht, nichts umzuwerfen – und hielt schon auf den Ausgang zu, als ich ihn sagen hörte: »Hast du nicht etwas vergessen?«
Ich blickte zurück, und da war er und hielt mir das Brautjungfernkleid entgegen.
»Danke.« Ich ergriff es.
Er holte einen Regenschirm aus seiner Plastiktüte. »Ich könnte dich begleiten. Dann wirst du nicht noch einmal nass.«
»Oh, der Regen hat sich mittlerweile bestimmt gelegt«, wehrte ich ab.
»Schauen wir mal«, meinte er, und wir machten uns gemeinsam auf den Weg zum Eingang des Ladens.
Es goss immer noch in Strömen. Vor den gläsernen Eingangstüren drängte sich ein bunt zusammengewürfelter Haufen Passanten und sah zu, wie der Regen in den Pfützen auf dem Gehsteig aufspritzte.
»Wohin gehen wir?«, fragte Victor.
»Richtung Leicester Square«, antwortete ich.
Er schob sich durch die Tür und öffnete seinen Regenschirm, und ich folgte ihm nach draußen auf die Straße. Ein kleines Stück gingen wir schweigend nebeneinander her. Dann bot er mir seinen Arm mit den Worten an: »Auf diese Weise bleibe ich auch trocken«, und mir wurde klar, dass er den Regenschirm ausschließlich über meinen Kopf gehalten hatte.
Was blieb mir anderes übrig? Es schüttete wirklich. Ich nahm seinen Arm, und wir schlenderten in aller Öffentlichkeit die Charing Cross Road entlang, als wären wir immer noch ein Liebespaar oder zumindest Freunde.
Problematisch war nur, dass es sich gut anfühlte. Manche Menschen verfallen in Laufschritt, andere sind zu langsam. Manche sind zu klein oder zu groß oder stolpern dahin und schaffen es nie, denselben Rhythmus zu finden. Doch wir gingen mehr oder weniger im Gleichschritt nebeneinander her, ohne das geringste Aneinanderstoßen, Zerren oder Drängen. So war es bei uns schon immer gewesen, bis zu dem Zeitpunkt, als ich ihn am Flughafen in Los Angeles zurückließ und nach Hause flog, um mein letztes Jahr in Oxford zu beginnen. Als ich ihn das nächste Mal sah, tanzte er mit einer anderen.
»Gibt es einen besonderen Anlass?«, fragte Victor.
»Du meinst das Kleid? Ja, sicher. Tippy heiratet. Erinnerst du dich noch an Tippy?«
Tippy war meine Halbschwester. Wir hatten dieselbe Mutter, und ihr Vater – mein Stiefvater – war der einzige Vater, den ich je gekannt hatte. Wir waren zusammen aufgewachsen und auf dieselbe weiterführende Schule gegangen, standen einander allerdings nicht sonderlich nahe. Ich war gerührt, weil sie mich gebeten hatte, eine ihrer Brautjungfern zu sein, doch gleichzeitig wünschte ich mir, sie hätte ein vorteilhafteres Kleid ausgesucht.
»Klar erinnere ich mich«, antwortete Victor. »Als ich sie kennenlernte, ging sie noch zur Schule. Ich fasse es kaum, dass sie alt genug ist, um zu heiraten. Aber sie dürfte wohl über dreißig sein.«
»Ja, richtig erwachsen«, sagte ich. »Herzlichen Glückwunsch übrigens zur neuen Stelle. Ich habe in der Zeitung davon gelesen.«
Victor war vor Kurzem zum künstlerischen Leiter des Ploughshare ernannt worden, eines Londoner Theaters, das bekannt dafür war, neue oder vergessene Stücke aufzuführen, die durch gelegentliche Auftritte von Stars aus Hollywood oder aus erfolgreichen Fernsehserien aufgepeppt wurden. Als ich las, dass er die Leitung übernahm, hatte ich mich – nur einen Augenblick lang – wahnsinnig glücklich gefühlt, beinahe, als handelte es sich um meinen eigenen Triumph.
»Danke«, sagte Victor.
»Wirst du Clarissa herüberholen?«, fragte ich unwillkürlich.
Clarissa. Clarissa Hayes. Sie war immer der Star in unserem kleinen Freundeskreis gewesen. Und mittlerweile war sie richtig berühmt: überall auf der Welt bekannt, ein Publikumsliebling, jedermann ein Begriff.
Ich musste nur in der U-Bahn die Rolltreppe vorbei an den Werbetafeln nehmen oder spätabends den Fernseher einschalten, und da war sie. Blond, rothaarig oder manchmal brünett, ihr Akzent normalerweise, aber nicht immer, amerikanisch. Gekleidet in Dienstmädchenuniform oder einen Latex-Catsuit oder einen Reifrock aus Vorkriegszeiten, aber dennoch unverwechselbar Clarissa. Es war jedes Mal wieder seltsam, sie zu erblicken, wie ein kleiner Stups aus einem anderen Leben.
»Ich habe sie nicht gefragt«, antwortete Victor. »Anna, wahrscheinlich ist dieser Zeitpunkt auch nicht schlechter als jeder...




