E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Meister Lessons of Hearts and Magic
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96981-072-9
Verlag: Moon Notes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-96981-072-9
Verlag: Moon Notes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bereits als Kind erdachte sich Marion Meister Welten voller Magie. Ihr größter Wunsch war es, auch in unserer Welt echte Magie zu finden - und es ist ihr gelungen: beim Schreiben von Büchern.
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1
Zur Sicherheit las ich die Notiz, die ich heute Mittag in der ausgehöhlten Mauerfuge des Markthauses abgeholt hatte, ein fünfzehntes Mal.
Das war heute. Und mir blieb eine knappe Stunde, um pünktlich zu sein.
Mit angehaltenem Atem lauschte ich auf die Geräusche unter mir. Vaters Stimme drang bis in meine Dachkammer. Seine Worte konnte ich nicht verstehen, doch die Sprachmelodie verriet mir, dass er eine vermeintlich lustige Geschichte zum Besten gab. Also würde meine Mutter höflich zuhören. Vincent war vermutlich eingenickt und Noé noch nicht zurück von seiner Schicht. Ich hatte ihnen gesagt, ich würde zu Bett gehen. Es vermisste mich also keiner.
Noch einmal musterte ich mich in dem schmalen, an den Rändern bereits blinden Spiegel, der neben meinem Bett am Dachsparren hing. Zwischen den fürchterlich wirren Locken lugte nur meine Nasenspitze über dem dicken Schal hervor. Ich hatte ihn mir mehrfach umgeschlungen, denn der Herbst meinte, unfreundlich und kalt zu sein.
Ich öffnete das Fenster im Giebel. Meine Heimatstadt Olresa lag in der abendlichen Dämmerung vor mir. Runenlichter erhellten den entfernt liegenden Villen-Stadtteil mit den hübschen grünen Gärten und ließen die Gegend der Reichen wie ein Juwel funkeln. Gleich daneben erhob sich die Akademie. Majestätisch sah die Festung mit der hohen Mauer und den Türmen aus, die dunkle Silhouette nur von einzelnen erleuchteten Fenstern durchsetzt. Direkt vor mir breitete sich mein Wohnviertel wie ein schwarzes Loch aus. Hier gab es keine Straßenlichter, keine Runenlampen in den Fenstern, keine Gärten oder gar Bäume. Hier wohnten jene, die in den Fabriken schufteten und Luxusgüter anfertigten, die sie sich selbst niemals leisten konnten.
Geübt schwang ich mich in den Fensterrahmen und zog mich hinaus aufs Dach. Dass ich diesen Fluchtweg noch immer nutzen konnte, war ein winziger Vorteil, den mir meine schmale Gestalt verlieh. Vermutlich würde ich mein Leben lang ein Strich bleiben. Milène, die im selben Monat wie ich geboren war, hatte bereits mit zwölf einen mächtigen Busen bekommen. Und mit vierzehn ihre Magie. Und mit fünfzehn ihr erstes Kind. Jetzt, sieben Jahre später, hingen zwei weitere an ihrem Rockzipfel. Hin und wieder neidete ich ihr die Magie. Die Kinder jedoch nicht.
Vorsichtig balancierte ich auf den Dachziegeln bis zur Kante. Der Schiefer war durch den Herbstregen glitschig, doch die aufgenagelten Holzstangen, die im Winter den Schnee stoppten, gaben mir Halt. Inzwischen fand ich den Weg nach unten wie im Schlaf. Fast jede Woche schlich ich mich im Schutz der Nacht aus dem Haus. Hätte meine Familie gewusst, wohin ich ging – sowohl meine Mutter als auch meine Brüder hätten ein riesiges Theater veranstaltet. Ich brach so gut wie jede Regel von Sitte und Anstand, Gesetzen und Vorsicht.
Vom Dachrand ließ ich mich auf den Rand des Regenfasses herunter und sprang zu Boden. Geduckt huschte ich unter dem Fenster vorbei, hinter dem meine Eltern und mein ältester Bruder am Kamin gemütlich zusammensaßen. Ob ich ihnen irgendwann von Tom erzählen würde? Eher nicht. Die Einzige, die von dem reichen Fabrikantenspross und meinem außergewöhnlichen und absolut illegalen Handel mit ihm wusste, war Peg, meine Tante.
Eilig lief ich die Gassen hinunter, an den endlosen Reihen ewig gleich aussehender Wohnhäuser entlang. Wand an Wand, schmal und aneinandergequetscht, reihten sich die Steinhäuser. Die Fabrikbesitzer hatten sie vor etlichen Jahren errichten lassen. Komfort boten die Häuschen kaum. Sie waren für die Arbeiter der großen Manufakturen vorgesehen, damit sie einen möglichst kurzen Arbeitsweg hatten. Wir wohnten im Gläserviertel, da mein Vater bei einem Glashersteller für Runenlampen schuftete.
Bald weitete sich die Gasse zu einer Straße, und schließlich bog ich auf die Avenue Liveru ein und betrat damit die schimmernde Welt der Reichen. Hier gab es Laternen, die die breite Straße säumten. Und Bäume! Die Häuser standen in diesem Stadtteil nicht so dicht wie bei uns. Sie gaben sich gegenseitig Raum. Und so entfalteten sich Gärten mit üppigem Grün vor und zwischen den imposanten Villen.
Wer in diesem Teil von Olresa lebte, war anders als die Menschen im Arbeiterviertel. Meine Leute waren irgendwie alle grau und rau. Und müde und oft kränklich. Die Menschen im Villenviertel waren hell und glatt. Voller Kicherei und Musik. Selbst an so einem kalten Herbstabend flanierten Paare durch die Straßen. Vermutlich folgten sie einer Einladung in ein Speiselokal oder zu einem amüsanten Theaterstück.
Für mich glich ein Besuch hier jedes Mal einem Spießrutenlauf. Denn sollte mich einer dieser reichen Schnösel bemerken, hätte ich sofort Agenten der Akademie auf dem Hals. Nicht wegen Magiemissbrauchs, noch besaß ich ja keine Magie. Sondern weil ein Arbeiterspross nichts in den sauberen Straßen der Reichen zu suchen hatte.
Nach einem Blick auf die Uhr, die sich auf der Spitze einer Säule neben einem Parkeingang drehte, beschleunigte ich meine Schritte. Es war später, als ich vermutet hatte.
Ein Zeitungsjunge hatte sich unter der Uhr aufgestellt und schrie die Schlagzeilen der Abendausgabe heraus.
»Josuah kündigt neue Handelsallianzen mit dem Süden an! Landesfürsten aller Nationen zu großer Zusammenkunft erwartet! Sicherheitsvorkehrungen für Olresa werden verschärft! Razzien gegen die Rebellinnen!«
Für einen Augenblick hielt ich inne und beobachtete einen Herrn mit Zylinder und Pelzmantel, der dem Jungen eine Zeitung abkaufte. Ob Peg davon wusste? Sie hatte mir gegenüber noch nie zugegeben, dass sie mit diesen Frauen zu tun hatte. Aber sie stellte illegal Runenmagie her und vertickte sie auf dem Schwarzmarkt. Mit Sicherheit hatte sie Kontakte zu den aufständischen Frauen.
Ich nahm mir vor, mit ihr über diese Razzien zu sprechen, wenn ich sie das nächste Mal besuchte.
Ein Ehepaar schlenderte an mir vorüber, während ich mich in den Schatten einer Werbesäule drückte. Die breite, übermannshohe Säule war mit verschiedenen Plakaten beklebt. Eines pries eine neue Variante eines durch Runenmagie betriebenen Kehrbesens an. Der Hersteller verlangte zwei Monatslöhne für seine alberne Erfindung. So ein Unsinn. Sobald ich Magie hatte, würde ich Peg unterstützen. Wir brauchten keine Besen, die selbst kehrten. Wir brauchten Dachziegel, die keine Risse bekamen, Decken, die immer warm hielten, Jacken, die sich nicht mit Regen vollsogen. Aber Runenmagie wurde von Männern gemacht. Und alle Gegenstände, die sie mit ihrer Magie aufwerteten, waren für Reiche bestimmt. Denn dort lag das Geld. Und darum ging es dabei. Runenmagie war der Grundstein der Wirtschaft in Olresa. Damit verdienten die Runenmagier und die Fabrikbesitzer ihr Geld. Viel Geld.
Aus meinem Versteck heraus prüfte ich die Straße. Niemand zu sehen. Das Ehepaar von eben musste in eine andere Straße abgebogen sein.
Toms Haus war eines der besonders prächtigen in der Straße. Eine Runenlampe direkt neben dem Gartentor tauchte die Fassade in angenehm helles Licht. Die Villa hatte drei Stockwerke und war in einem goldenen Gelb gestrichen, das die weißen Schmuckelemente um die Fenster leuchten ließ. Im Garten hatte der Herbst aufgeräumt und sämtliche Blätter von den Ästen geschüttelt, und irgendein Mensch hatte das Laub eingesammelt. Es sah furchtbar ordentlich aus.
Ich eilte weiter und schlüpfte durch das schmiedeeiserne Tor in Toms Garten. Dort folgte ich dem breiten, gepflasterten Weg, der zur protzigen Eingangstür führte. Sie war weiß lackiert und mit geometrischen Schnitzereien verziert. Der Knauf blitzte golden. Dies war jedoch nicht der Eingang für mich. Ich verließ den Weg, duckte mich in den Schatten eines großen Baums und schlich am Haus entlang zur Rückseite. Hier befand sich ein schmaler Kellerabgang. Das Runenlicht reichte kaum bis hierher, doch inzwischen kannte ich jede Unebenheit der Stufen auswendig und huschte die Treppe hinunter.
Hastig strich ich meine Locken zurück und klopfte an die Holztür. Kurz, kurz. Pause. Kurz, kurz. Unser verabredetes Zeichen.
Konzentriert lauschte ich.
Es war ein gewaltiges Risiko, dass ich hierherkam. Allerdings mehr für mich als für ihn. Mein gesellschaftlicher Stand war zu niedrig, um solch ein Haus zu betreten. Noch dazu war ich eine Frau. Niemand durfte wissen, was ich hier dank Tom tat. Wenn die Agenten davon erfuhren, würden sie mich in den tiefsten Kerker werfen, den die Akademie zu bieten hatte.
Die Köchin hatte Tom einmal erwischt, als er für mich etwas Essen in den Keller schmuggelte. Vermutlich wusste sie nicht, wen er traf. Und weshalb dieser Jemand so regelmäßig zu ihm kam. Aber sie hatte uns nicht verraten. Ob es allein Toms charmantem Lächeln oder einer Extrazahlung zu verdanken war, wollte ich gar nicht wissen.
Ich legte mein Ohr an das Türblatt. Stille dahinter.
Noch einmal wiederholte ich unseren Code.
Endlich erklangen Schritte, und ich hörte, wie der Schlüssel gedreht wurde. Die Tür öffnete sich.
Toms glattes, sauberes Gesicht tauchte aus der trüben Dunkelheit auf, und er musterte mich prüfend. »Verlernt, Uhren zu lesen?«
»Akademische Viertelstunde.«
Überrascht zog er die Augenbrauen hoch, was niedliche waagerechte Falten auf seine Stirn zauberte. »Was weißt du von akademischen Viertelstunden?«
Ich quetschte mich an ihm vorbei. Wie immer umwehte ihn ein feiner Duft nach Seife und Lavendel. »Jetzt komm mir nicht mit diesem Mist. Ich dachte, das hätten wir hinter uns.«
Betreten schwieg er und schloss leise die Tür.
In den ersten Wochen, in denen wir uns hier getroffen hatten,...