Meister / Frey | Spuk auf der Hallig | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 172 Seiten

Meister / Frey Spuk auf der Hallig

Eine Seegeschichte von Friedrich Meister
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-7782-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Seegeschichte von Friedrich Meister

E-Book, Deutsch, 172 Seiten

ISBN: 978-3-7412-7782-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Silvester 1892: Kapitän Jaspersen erleidet vor der Küste von Westerstrand Schiffbruch. Schwer verletzt wird er von Paul Krull, dem 16-jährigen Sohn des Pastors, aus der eiskalten Nordsee gezogen. Jaspersen überlebt und Paul heuert bei ihm an. Er will Kapitän werden, über alle Bedenken seines Vaters hinweg. Auf ihrer gemeinsamen Fahrt auf der Hamburger Bark "Hallig Hooge" haben sie zahlreiche Abenteuer zu bestehen. »Spuk auf der Hallig« ist der zweite Band aus der Reihe der neu gefassten Erzählungen von Friedrich Meister. Die Neufassung nimmt leichte Veränderungen am Originaltext vor, die der Lesbarkeit und der Übertragung in die heutige Zeit geschuldet sind. Ziel ist es, den Charakter des Originals so weit wie möglich zu erhalten. Im alphabetisch geordneten Glossar finden sich Erläuterungen zu den Fachbegriffen aus der Seefahrt.

Friedrich Meister wurde 1848 in Baruth in Brandenburg geboren und starb 1918 in Berlin. Er war ursprünglich ein Seefahrer der alten Schule. Zu seiner Zeit wurde der überseeische Handelsverkehr zum größten Teil noch durch Segelschiffe besorgt. Auf solchen Segelschiffen fuhr Friedrich Meister zehn Jahre lang durch alle Meere - die Polarmeere ausgenommen - und bei Sonnenschein und Sturm erlebte er manches Abenteuer. Dabei lernte er fremde Länder und Völker kennen. Er bereiste China, Siam, Japan und den Südsee-Archipel bis zur Küste von Neu-Guinea und nördlich davon, die Philippinen. Er war in Westindien, Nord- und Südamerika, England, Italien und Griechenland. Er sah die 'Sultansstadt am Goldenen Horn', das heutige Istanbul, und die Westküsten des Schwarzen Meeres. In Japan erkrankte er an einem Augenleiden, das ihn schließlich dazu zwang, den Seemannsberuf aufzugeben. An Land wusste er zunächst nicht, wovon er leben sollte. Er versuchte dies und das und gelangte schließlich zur Schriftstellerei. Friedrich Meister ist Autor zahlreicher Jugendbücher. Aus dem Vorwort von 'Burenblut'
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Erstes Kapitel




»Hast du soeben den Kanonenschuss gehört, Vater? Noch einer! Und noch einer! Da ist ein Schiff aufgelaufen. In diesem Nordweststurm kann es nur auf den Muschelsand geraten sein, und wenn es da ist, dann ist es verloren. Adieu, liebste Mutter, ich muss mit in das Rettungsboot! Halte alles bereit für die Schiffbrüchigen, die wir an Land bringen werden!«

»Paul, bleib hier!«, flehte die Mutter. »Es sind genug Leute da, auch ohne dich! Bleib hier, der Sturm ist fürchterlich!«

»Wieder ein Schuss! Ich muss hinaus! Adieu alle!«

Paul umarmte seine Mutter, riss hastig Ölzeug und Südwester von der Wand und eilte hinaus in die Sturmnacht, aus der in diesem Augenblick nochmals ein Schuss windverweht herüberdröhnte.

In den letzten Tagen des Jahres 1892 wütete in der Nordsee ein schreckliches Unwetter, das am Altjahresabend am verderblichsten tobte. An den Küsten und auf den Inseln von Schleswig und Ostfriesland ist jene Sturmzeit noch heute unvergessen.

Wenn im Winter der Orkan mit Schnee über die mächtige See schnaubt, an den Türen und Fensterläden rüttelt und klappert, durch den Schornstein herabfährt und Rauch und Funken aus dem offenen Herd in die Wohnungen der Menschen treibt, dann erinnert sich mancher wohl noch des Silvesterabends von 1892, an dem man im trauten Familienkreis vor dem prasselnden Feuer des weiten Kamins gesessen und auf die Mitternachtsschläge vom Turm des Kirchleins gewartet hatte, um mit einem guten Wort das alte Jahr zu beschließen und mit gegenseitigen Segenswünschen das neue zu beginnen.

Draußen auf der See aber kämpfte zur selben Zeit gar manches Schiff im wilden Schneesturm mit dem schwarzen Verhängnis, und noch ehe der Morgen ausbrach, hatten viele brave Seeleute ihre letzte Ruhe tief unter den zornigen Wogen gefunden.

Auch im Pfarrhaus der Insel Westerstrand hatte an jenem Abend der Pastor Krull mit seiner Frau, seinen beiden Töchtern und seinem Sohn Paul, einem kräftigen jungen Mann von über sechzehn Jahren, vor dem Kaminfeuer in der weiten Küche gesessen, die, nach der alten Sitte an der Wasserkante, vielfach zugleich als Wohnraum diente. Obwohl die Jahreswende Anlass genug zu allerlei Betrachtungen bot, wollte eine Unterhaltung nicht recht zustande kommen, da alle mit Besorgnis dem donnernden Tosen der Brandung und dem Geheul und Geschmetter des Sturmwindes lauschten, der das alte Haus in seinen Grundfesten zu erschüttern schien. Dann kamen die Schüsse und Paul eilte hinaus. Der Pastor versah sich gleichfalls mit Ölzeug und Südwester, und nun schritten beide, mit aller Macht gegen den Sturm ankämpfend, zum Strand hinab, wo eine Anzahl Männer bereits im Begriff war, das Rettungsboot zu Wasser zu bringen. Draußen in der schwarzen Finsternis über der See, in der Gegend des Muschelsandes, zeigte sich ein gelbes, verwehtes Licht, das Notsignal eines Fahrzeugs.

Als der Pastor und sein Sohn sich dem Bootsschuppen näherten, erweiterte sich ihr Sehkreis ein wenig, weil der schneeweiße Schaum der Brandung einen gewissen Lichtschein verbreitete, der um so merkbarer war, als sich die Gischtmassen der donnernden Fluten bis weit in die See hinaus erstreckten.

Ein Teil der Rettungsmannschaft, die aus lauter Freiwilligen bestand, hatte seefertig ihren Platz in dem auf der Gleitbahn stehenden Boot eingenommen. Auch die Masten waren bereits aufgerichtet, was unter dem Dach des Schuppens nicht hatte bewerkstelligt werden können.

»Ein Mann fehlt noch!«, rief der Bootssteuerer.

»Er kommt gerade!«, antwortete Pauls kräftige Stimme, »er ist schon da!«

»Wer ist das?«, rief der Bootssteuerer zurück.

»Der Paul, der Sohn vom Pastor!«, antworteten mehrere aus der Menge der am Strand Stehenden gleichzeitig.

»Das ist gut, beeil dich ein bisschen, Paul!«

Paul fasste die Hand seines Vaters.

»Auf Wiedersehen, lieber Vater«, sagte er, »wir werden bald wieder zurück sein. Da, sieh, es ist nur eine kurze Strecke bis zu dem Schiff.«

»Es geht um Leben und Tod, mein Sohn. Gott behüte dich!«

Gleich darauf saß Paul an seinem Platz im Boot. Jetzt rief der Bootssteuerer vorschriftsmäßig: »Alle Mann an Bord?«

»Alle Mann an Bord!«, kam die kräftige Antwort.

»Alle Korkwesten an?«, war die nächste Frage.

»Alle an!«

»Segel klar zum Heißen?«

»All klar!«

»Unterleine klar?«

»All klar!«

»Dann in Gottes Namen - los!«

Unter dem Heck des Bootes stand ein Mann bereit, das Seil durchzuschneiden, welches das Fahrzeug noch an der Kette festhielt.

»Los is!«, schrie der Mann.

Man hörte das Klirren der fallenden Kette, das Boot begann zu gleiten, erst langsam, dann schneller, endlich sauste es in rasender, aber geräuschloser Fahrt die Gleitbahn hinunter, während zu gleicher Zeit einige der Männer die Fock setzten. Die Übrigen hielten sich bereit, an der Unterleine zu holen, sobald das Boot sich im brandenden Wasser befinden würde. Die dicht gereefte Fock schlug und flatterte, als müsse sie demnächst in dünnen Fetzen davonfliegen, während die Rah am Mast emporstieg. Der Sturm schmetterte gellend in die betäubten Ohren der Besatzung. Eine Wolke brüllenden Schaumes umtoste sie, als das Boot in die Brandung hineinschoss. Im nächsten Moment saßen alle Mann knietief im Wasser, dann sprang das Boot auf die Höhe des nächsten Wellenrollers, unwiderstehlich vorwärtsgerissen von den eisernen Fäusten der Männer von Westerstrand, die mit Macht an der Leine holten, die an dem weit draußen im tiefen Wasser liegenden Anker befestigt war. Inzwischen war auch das dicht gereefte Großsegel gesetzt worden. Die Männer ließen die Ankerleine los, und das Boot schoss dicht am Wind über Backbordbug in die wilde See hinaus. Lange vorher schon war das Boot den Blicken des Pastors und der anderen am Strand stehenden Leute in der Finsternis entschwunden gewesen. »Lasst uns nach der Leeseite des Bootsschuppens gehen und dort den Herrgott bitten, unsere Leute gesund wieder an Land zu bringen und auch den Schiffbrüchigen beizustehen«, sagte der Pastor zu den anderen.

»Ja, Herr Pastor, das müssen wir«, war die Antwort, und die kleine Schar, alte Männer, Frauen und Knaben, folgte ihm. Der Pastor sprach auf der windgeschützen Seite des Schuppens ein kurzes Gebet für die Bootsmannschaft und für alle Seefahrer, die in dieser schrecklichen Nacht um ihr Leben rangen.

Dann kamen lange und bange Stunden des Wartens. Nur wenige verließen den Strand. Die meisten blieben in Lee des Bootsschuppens und lauschten den Worten der alten Fischer, die gegenseitig ihre Vermutungen darüber austauschten, wie das Rettungsboot wohl mit dem Sturm fertig werde, welche Gefahren es zu bestehen habe, ob es überhaupt an das Schiff herankommen könne und ob zuletzt nicht alles doch vergebens sein werde.

Endlich begann es im Osten zu dämmern. Der erste Morgen des neuen Jahres brach an. Das Boot war noch immer nicht zurück. Bald tönte die Glocke des Kirchleins durch den Wind. Pastor Krull hielt den Frühgottesdienst ab. Die andächtige Gemeinde war nur klein, einige alte Fischer und die Frauen derer, die im Rettungsboot auf der stürmischen See waren. Gerade als der Segen gesprochen wurde, kam ein Mann mit schweren Stiefeln und triefendem Ölzeug eilig in die Kirche herein, und rief mit schallender, freudiger Stimme: »Das Boot ist zurück! Es sind alle an Land!«

Da wurde es lebendig in dem sonst so stillen Gotteshaus. Einige Bänke fielen polternd um, und alle eilten in größter Hast hinaus. Der Pastor folgte schnellen Schrittes. Im Bootsschuppen kam Paul auf ihn zugesprungen und fasste seine Hand.

»Prosit Neujahr, lieber Vater!«, rief der junge Mann atemlos. »Weißt Du, wen wir geborgen haben? Keppen Jaspersen, mit dem ich die letzte Reise gemacht habe. Ein glücklicher Zufall bei all dem Unglück, nicht wahr?«

»Ist sonst niemand gerettet?«, forschte der Pastor bestürzt. »Ja, noch ein Matrose. Keppen Jaspersen ist bedenklich verletzt, wie ich fürchte. Er hat eine böse Kopfwunde. Lass ihn nur vorsorglich ins Pfarrhaus schaffen. Wenn ich etwas gegessen habe, erzähle ich dir alles. Der Matrose ist einer von der rechten Sorte. Ohne ihn lebte der Kapitän jetzt nicht mehr. Auch er muss mit heim zu uns.«

Eine halbe Stunde später befand sich der Verwundete, Kapitän Jasper Jaspersen, Führer des gestrandeten Vollschiffes , in einem sauberen Bett und wohldurchwärmtem Zimmer unter der sachkundigen und liebevollen Pflege der Frau Pastorin und ihrer älteren Tochter Gesine. Auf Westerstrand gab es keinen Arzt. Daher hatte schon mancher kranke oder verletzte Schiffbrüchige in dem gastlichen Pfarrhaus Hilfe und treue Pflege gefunden. Der andere Überlebende, ein ostfriesischer Matrose namens Towe Tjarks, fühlte...



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