E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Meister / Frey Der Seeteufel
2. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7431-9904-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Seegeschichte von Friedrich Meister
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-7431-9904-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Friedrich Meister wurde 1848 in Baruth in Brandenburg geboren und starb 1918 in Berlin. Er war ursprünglich ein Seefahrer der alten Schule. Zu seiner Zeit wurde der überseeische Handelsverkehr zum größten Teil noch durch Segelschiffe besorgt. Auf solchen Segelschiffen fuhr Friedrich Meister zehn Jahre lang durch alle Meere - die Polarmeere ausgenommen - und bei Sonnenschein und Sturm erlebte er manches Abenteuer. Dabei lernte er fremde Länder und Völker kennen. Er bereiste China, Siam, Japan und den Südsee-Archipel bis zur Küste von Neu-Guinea und nördlich davon, die Philippinen. Er war in Westindien, Nord- und Südamerika, England, Italien und Griechenland. Er sah die "Sultanstadt am Goldenen Horn", das heutige Istanbul, und die Westküsten des Schwarzen Meeres. In Japan erkrankte er an einem Augenleiden, das ihn schließlich dazu zwang, den Seemannsberuf aufzugeben. An Land wusste er zunächst nicht, wovon er leben sollte. Er versuchte dies und das und gelangte schließlich zur Schriftstellerei. Friedrich Meister ist Autor zahlreicher Jugendbücher. Aus dem Vorwort von "Burenblut".
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Erstes Kapitel
Es war um halb sechs Uhr an einem nassen und stürmischen Novembernachtmittag. Ein Mann in schwarzem Düffelrock und großer Schirmmütze kam die Straße herauf, blieb vor einem der kleinen einstöckigen Häuser stehen, zog seine dicke silberne Uhr hervor und blickte beim Schein der flackernden Straßenlaterne auf das Zifferblatt.
„Drei Glasen“, murmelte er, steckte die Uhr wieder ein, fasste mit der Rechten den messingenen Klopfer der Haustür und tat damit drei Schläge, und zwar zwei hintereinander und den dritten nach einer Pause von einigen Sekunden.
„Drei Glasen in der ersten Hundewache“, murmelte er. Poch, poch - poch.
Drinnen wurden schlurfende Schritte vernehmbar, die Tür öffnete sich und ein etwas gebeugter, grauhaariger, gebräunter und verwitterter Seemann erschien auf der Schwelle. Seine Kleidung bestand aus einem blau und rot gestreiften Sweater und einer dunklen, schon recht bejahrten Hose, die durch einen Riemen emporgehalten wurde, an dem sich hinten ein Scheidenmesser befand.
„Guten Abend, Hannes Geitau“, sagte der Ankömmling, „ist der Kaptein da?“
„Jawoll, Steuermann - oder Keppen Ketelsen, wenn ich Sie nun so nennen soll, denn die Zeiten ändern sich“, antwortete der alte Seemann.
„Lass den Kaptein mal sein, Hannes“, entgegnete der Besucher, schob den Alten auf die Seite und trat in das Haus. „Ich bin ein bisschen spät dran.“
„Das merk’ ich, und der heiße Labskaus merkt das auch. Der brutzelt im Bratofen wie in der Mittagssonne wenn man gerade den Äquator passiert.“
„Ist schon gut, Hannes, ist wohl nicht so viel zu verderben“, lachte Ketelsen. „Aber ich höre den Alten husten; wenn ich mich nicht ganz täusche, dann gibt es noch eine Bö.“
„Da haben Sie recht, Kaptein, mit Reedern ist nicht zu spaßen“, sagte Hannes und machte die Stubentür auf.
Ketelsen trat in das Zimmer, dessen Wände allenthalben mit Schiffsbildern und einer Menge von überseeischen Merkwürdigkeiten geschmückt waren. Am Kaminfeuer saß in einem Lehnstuhl ein ältlicher Mann, dem man auf den ersten Blick den Seefahrer ansah.
„Sie kommen spät, Ketelsen“, sagte er.
Seine Stimme war kräftig und tief, trotzdem aber verriet sie, dass der Sprecher stark erkältet oder sonstwie leidend war.
„Das tut mir leid, Keppen Brand“, lautete die Antwort, „aber da war noch etwas von der Ladung an Land, und da musste ich gehen und Dampf achter machen.“
„Ist das Schiff denn jetzt seeklar?“
„Ja, Kaptein, seeklar. Heute Nacht gegen zwölf haben wir Hochwasser.“
„Und ich muss hier sitzen und meine ohne mich in See gehen lassen! Sie können sich nicht denken, Ketelsen, wie schwer mir das Herz ist! Bis Sie wieder binnen kommen, habe ich niemand als den Jungen.“
„Und Hannes Geitau“, sagte Ketelsen. „Der bleibt bei Ihnen, so lange seine Spanten und Planken zusammenhalten, und er ist noch einer von den alten, kernigen Leuten.“
„Das ist richtig, und zuverlässig und treu ist er auch“, nickte Kapitän Brand. „Aber Sie haben niemals eine liebe Frau verloren, sind niemals krank gewesen und brauchen nicht aufzuliegen wie ich alter abgetakelter Kerl.“
Hannes steckte den Kopf zur Tür herein: „Soll ich den Tisch decken?“
„Ja. Ich habe mit Keppen Ketelsen wichtige Sachen zu besprechen, und nach dem Abendbrot sind die Gedanken klarer als vorher.“
Während Hannes den Tisch deckt, soll der Leser näheres über die beiden Kapitäne erfahren. Kapitän Brand war ein Mann von etwa fünfzig Jahren. Er hatte früh angefangen zur See zu fahren, ohne dabei zu etwas Rechtem gekommen zu sein. Endlich aber war das Glück ihm hold. Er fand ein verlassenes Wrack auf See und schleppte es in den Hafen. Die Ladung war so wertvoll, dass das Bergegeld ihn zu einem verhältnismäßig reichen Mann machte. Nun kaufte er sich unter günstigen Bedingungen eine schöne neue Bark und taufte sie , nach seiner über alles geliebten jungen Frau, die ihn künftig auf seinen Reisen begleiten sollte, was ihm vorher von seinen Reedern nicht gestattet worden war. Allein Gott hatte es anders bestimmt. Vierzehn Tage vor Beginn dieser Reise wurde Frau Käthe von einer Krankheit befallen, die sie schnell dahinraffte. Der Schmerz des unglücklichen Kapitäns war nicht zu beschreiben, aber er trug ihn wie ein echter Mann.
Als einzigen Trost nahm er nun seinen fünfjährigen Sohn Gert mit sich an Bord, aber schon nach der zweiten Reise ließ er sich von seinem Obersteuermann und erprobten Freund Ketelsen überreden, den Kleinen daheim zu lassen, damit er zur Schule geschickt werden könne. Der Matrose Hannes Geitau, der lange Jahre unter Kapitän Brand gefahren war, und dessen Alter ihm das Leben an Bord bereits beschwerlich zu machen anfing, wurde zum Hüter und Erzieher des Jungen ausersehen und zog mit diesem in das kleine Haus, in dem der Kapitän ein so glückliches Familienleben geführt hatte.
„Hannes kann dem Jungen während einer einzigen Hundewache mehr beibringen, als ein Schulmeister in einem ganzen Jahr“, sagte der Schiffer. „Gert soll ein Seemann werden und Hannes ist ganz der Mann, einen tüchtigen Janmaaten aus ihm zu machen“.
Und so war er ohne seinen Sohn wieder auf die Fahrt gegangen, und das einzige, was ihn nun noch an seine geliebte Verstorbene erinnerte war seine Bark . Solange er sich an Bord befand, fühlte er sich von ihrem Geist umschwebt“.
„Das Essen ist fertig“, sagte Hannes, den Deckel von der Labskaus-Schüssel abnehmend.
Kapitän Brand erhob sich von seinem Lehnstuhl und nahm mit seinem Gast am Tisch Platz. Der alte Matrose stand in einiger Entfernung. Der Schiffer stieß mit dem Griff des Tranchiermessers kräftig auf den Tisch, das Zeichen zum Gebet. Alle drei Männer neigten die Köpfe und der Hausherr sprach das „Aller Augen“.
Das Mahl währte nicht lange und wurde schweigend eingenommen. Danach setzten beide Kapitäne sich an den Kamin und zündeten ihre Pfeifen an.
„Also heute Nacht gehen Sie mit der Käthe in See, Keppen Ketelsen“, begann Brand nach einer gedankenvollen Pause, „und ich ...“
„Sie führen Sie die nächste Reise, und dann bin ich wieder Ihr Steuermann“, sagte Ketelsen.
„Nicht doch, mit mir ist’s aus. Mischen Sie Ihren Grog!“ ... Hannes hatte heißes Wasser, Rum, Zucker und zwei Gläser vor sie auf den Tisch gestellt ... „Und stoßen Sie mit mir an. Sie kennen unseren alten Toast.“
Er hob das Glas und Ketelsen tat das gleiche.
„Meine Käthe!“, sagte er.
Sie tranken mit tiefem Ernst.
„Vielleicht sieht sie uns“, fuhr er fort. „Bald werde ich bei ihr sein. Doch nun zur Sache.“
„Halt an ein bisschen“, fiel Ketelsen ein. „Wir fahren jetzt schon zwanzig Jahre miteinander, und noch niemals haben Sie ans Sterben gedacht, obwohl wir manchmal in verdammt böser Klemme steckten. Wenn Sie einmal tot vor mir liegen, dann will ich’s glauben, vorher nicht. Wüsste ich, dass es bald mit Ihnen zu Ende ginge, dann schleppte ich Sie noch heute Nacht mit mir an Bord, damit Sie wenigstens auf eine anständige Art sterben und ein Seemannsbegräbnis haben könnten. Sie, Kaptein, Sie haben noch manche schöne Reise vor sich. So, was wollten Sie mir sagen?“
„Wegen des Jungen wollte ich mit Ihnen reden. Ich habe ihn zu Bekannten geschickt, um ihn hier aus dem Weg zu haben. Sie meinen, ich könnte noch länger leben, der Doktor aber denkt anders. „Brand“, sagte er zu mir, „Ihr Leben zu retten, gibt es nur eines, und das ist Ruhe! Sie dürfen nicht mehr an Bord gehen. Wenn Sie an Land bleiben, dann ist noch Hoffnung. Vorausgesetzt, dass Sie nicht wieder so einen Anfall bekommen. Kommt wieder einer, und Sie haben nicht sofort ärztliche Hilfe, dann sind Sie verloren. Also an Land bleiben, unbedingt!“
Ich ließ mir das Ding durch den Kopf gehen und dachte an den Jungen. Um seinetwillen bin ich denn auch zu Anker gegangen, und Hannes und ich erziehen nun Gert gemeinsam. Aber, Ketelsen, Hannes wird alt. Er ist fest wie Granit, das wird ihn jedoch nicht hindern, eines Tages zu sterben, und wenn ich hinüber bin, und auch er nicht mehr ist, was wird dann aus dem Jungen? Das macht mir das Herz schwer. Wenn Sie von dieser Reise wieder binnen kommen, und ich inzwischen gestorben bin, dann sollen Sie ihn zu sich an Bord nehmen und einen tüchtigen und gottesfürchtigen Seemann aus ihm machen. Wollen Sie mir das versprechen, Keppen Ketelsen?“
„Das will ich, Keppen Brand, das verspreche ich Ihnen.“
„Er soll vorn im Logis als Decksjunge anfangen, wie sein...




