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E-Book, Deutsch, 255 Seiten, eBook

Meier Fleisch


1. Auflage, neue Ausgabe 2017
ISBN: 978-3-0369-9348-5
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 255 Seiten, eBook

ISBN: 978-3-0369-9348-5
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Anna und Max, beide Mitte vierzig, sind miteinander zur Schule gegangen und viel später aus Bequemlichkeit ein Paar mit langweiligen Paarfantasien geworden. Doch dann verliebt sich Anna, geplagt von allen Begleiterscheinungen des Älterwerdens, zum ersten Mal in eine Frau, die 27-jährige Lilly. Und Max verliebt sich in Lillys Mitbewohnerin Sue, die aber nur gegen Geld mit ihm ins Bett geht. Lilly wiederum muss sich um ihren kleinen Bruder kümmern, der sowohl Eltern als auch Lehrer zur Verzweiflung treibt, doch Anna ist ihr keineswegs entgangen. Psychoterror und Wahnsinn schleichen sich in die Geschichte, doch Simone Meier peilt ein Happy End an.

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FEBRUAR

17

Anna hatte jetzt viel Zeit. Erstens traf sie sich seit drei Monaten nicht mehr mit Max und zweitens hatte sie aufgehört, über ihn nachzudenken. Es lohnte sich nicht. Es wäre ihr lieber gewesen, wenn sie ihn hintergangen hätte und nicht umgekehrt, aber das war bloß eine kleine Anfangsirritation gewesen im Gefüge der großen Logik von Dingen, die besser vorzeitig zu einem Ende kommen sollten. Dinge wie: schlechte Theaterstücke, schlechter Sex, Gespräche mit dummen Menschen, die zweite Staffel von True Detective, die dritte Staffel von Orange Is the New Black, der Winter. Sie war zufrieden, dass sich die Geschichte mit Max noch vor dem Jahreswechsel erledigt hatte. Miteinander gesprochen hatten sie nicht mehr. Das war albern. Jedenfalls für zwei Menschen, die demnächst 44 und damit in absehbarer Zeit 50 Jahre alt werden würden. Aber es war nun mal so.

An einem eisigen Nachmittag im Dezember entschied Anna, dass anhaltende Funkstille, erschlaffte Gefühle, sexuelles Desinteresse und eine andere Frau genügend Gründe waren, die Übung »Begleitfreund« definitiv abzubrechen. Sie holte ihr Shampoo, ihre Hautcreme und Unterwäsche aus seiner Wohnung und brachte ihm dafür Socken und Rasierwasser zurück. Sie machte sich noch einmal mit seiner neuen Kaffeemaschine einen Kapsel-Kaffee, schaltete seinen schönen großen Fernseher ein und schaute sich eine Folge Big Bang Theory an. Und eine Folge How I Met Your Mother. Und eine Folge von dieser blöden Sitcom mit den beiden Mädchen, die Cupcakes und rassistische Witze machen. Sie betrachtete sich im Bad noch einmal im Spiegel und stellte sich vor, sie sei eine Fremde in einer fremden Wohnung. So fremd gefiel sie sich plötzlich, sie entdeckte Wangenknochen in ihrem Gesicht, die wirkten, als hätten sie nur darauf gewartet, dass das Gewebe schlaffer würde, um endlich hervorstechen zu können. Sie erinnerte sich, wie sie diese Definiertheit früher an älteren Frauen bewundert hatte. Älter, dachte sie, ich bin jetzt also älter. Egal.

Sie trat an den Lehrer-Schreibtisch mit den vielen Häufchen aus Heften, Büchern, Mäppchen und Zeitungsartikeln und versuchte, eine gemeine kleine Lust zu zügeln. Vergebens. Sie kramte in den Häufchen, klappte den silbernen Laptop auf, gab die Worte »lieb«, »Kuss«, »vermisse« und »Nacht« in die Suchmaske ein, aber alles, was ihr der Computer entgegenspuckte, waren ein Leitfaden für korrektes Verhalten von Schülern, das langes Küssen auf dem Pausenplatz untersagte, und eine Broschüre zum Thema »Aufklärung im Unterricht – zwischen Schulzimmer und Social Media«. Und ein paar Mails, die Max an sie geschickt hatte, beziehungsweise eben nicht, sie fanden sich alle in den Mail-Entwürfen. Die letzte war drei Tage alt.

Tja, schick deinen Fuckshit halt ab, dachte sie und löschte alle Mails, die er an sie zu schreiben versucht hatte. Und auch gleich noch alle, die sie an ihn geschrieben hatte. Vielleicht würde sie ihm wieder begegnen, in zwei Monaten, in vierzehn Jahren, vielleicht würden sie dann wieder Freunde sein. Auf jeden Fall würde er ihr bei einem Wiedersehen sofort erzählen, mit wem er sie da an einem Novemberabend betrogen hatte, denn »betrogen« war ja wohl das Wort, das Menschen, die sich als Beziehungsmenschen betrachteten, in dieser Situation verwenden würden. Beziehungsmenschen verbanden das Wort mit Empörung, Schmerz und moralischer Überlegenheit. Anna nicht, sie verband es im Fall von Max bloß mit einer leicht verwunderten Neugier. Was ihn wohl zum Betrug bewogen hatte? Sicher Sex. Eine differenziertere Antwort hätte bedeutet, dass sie mit Max reden müsste, und bisher hatten sie beide paarspezifische Problemdiskurse erfolgreich vermieden. Damit zu beginnen wäre erst recht ein Trennungsgrund.

Noch ein letztes Mal schaute sie sich in der Wohnung um, die immer noch wirkte wie die Werbung eines Möbelhauses für alleinstehende Männer mit einer Vorliebe für Tabak, Blockhäuser und britische Jagdmode. Sie verabschiedete sich von der Kaffeemaschine und dem Fernseher, beide hatte sie sehr gemocht, zudem konnte der Fernseher sieben Tage wiederholen, ihr eigener nur 24 Stunden. Den teuren Whisky, den sie ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, nahm sie mit, zog die Wohnungstür hinter sich zu und warf den Schlüssel in den Briefkasten. Er besaß keinen Schlüssel zu ihrer Wohnung. Es war vorbei.

Zu Hause trank sie mit Cédric den Whisky. Und Cédric sagte: »Pack die Badehose ein, komm!« Und enorm betrunken stürzten sie sich um exakt 21:09 Uhr in das türkisblaue Becken des neu renovierten innerstädtischen Hallenbads. Cédric fixierte einen der Jungs in der Schwulen-Ecke der Wärmebank, und Anna legte sich auf den Rücken, schaute hoch zur Glasdecke und durch sie hindurch in die Nacht, ließ sich treiben, löste sich auf in dem warmen, blauen Wasser und fühlte sich selbst ganz zart, leicht und glücklich.

Am nächsten Morgen ging sie zum Arzt, um sich gegen Grippe zu impfen. Danach wieder ins Hallenbad. Und wieder. Sie rang mit dem sanften Widerstand des Wassers, so lange, bis in ihrem Kopf eine mit Wärme und Vergessen gefüllte Blase platzte und sie sich nur noch euphorisch auf die Berührung des Wassers mit ihrem Körper konzentrierte. Es war wie ein Orgasmus, man musste bloß härter dafür arbeiten. Zweimal, dreimal die Woche ging sie ins innerstädtische Hallenbad, dann nicht mehr. Jeder Exhibitionist aus den Manager-Etagen war da und alle, die bei einem Escort-Service, beim Fernsehen, in der Szene-Gastronomie oder bei American Apparel arbeiteten. Und mitten unter ihnen: der Schönheitschirurg. Wie ein Piranha auf der Suche nach Futter bewegte er sich durch die Schwimmer, und Anna stellte sich vor, wie er am Beckenrand, in der Sauna, unter der Dusche, in der Garderobe seine Opfer ansprach und sie mit dem glasklaren Gift seines Urteils wehrlos machte. Wenig später würden sie bei ihm angekrochen kommen, ihre vermeintliche Integrität gebrochen, und er würde mit einer im Hallenbad tausendfach durchgespielten Präzision seine Skalpelle ansetzen und aus ihnen schönere Menschen schnitzen.

Anna wechselte in ein anderes, kleineres, älteres Hallenbad, eine kuriose, barock wirkende Anlage direkt am Fluss mit Stuckdecke und bunten Fenstern wie in einer Kirche. Doch die Becken waren zu kurz, und in den Duschen fleckte der Schimmel. Und: Die kleine Badeanstalt war voll mit Kulturschaffenden. Schon bei ihrem dritten Besuch fand sie im Wasser einen Theaterregisseur an ihrer Seite, der um Geld für sein neues Projekt bettelte, es hatte irgendwas mit einem Schlachthof und einem Krematorium zu tun und kam ihr unangenehm bekannt vor. Sie fragte sich, wie weit der verzweifelte, höchstens auf intellektuelle Art attraktive Mann wohl zu gehen bereit war für sein Geld. All the way, dachte sie nach einer Viertelstunde gemeinsam im Wasser, all the way, baby.

Die Kulturschaffenden waren der eine Grund, Frau Blume der andere. Denn Frau Blume war auch da, seit Jahren, und sie hatte erstens ältere Rechte und war zweitens im Ruhestand. Anna wollte sich ihr nicht aufdrängen, sie war lange genug Frau Blumes Vorgesetzte gewesen und hatte selbst nie etwas von Vorgesetzten gehalten, die sich ihr allzu privat zeigen wollten, sei es bei einem Team-Event irgendwo in der Agglomeration in einer Kartbahn- oder Paintball-Halle oder im Sommer am See und schon gar nicht im Bett. Anna war keine, die sich jemals auch nur einen Zentimeter auf ihrer bescheidenen Karriereleiter hochgeschlafen hatte, sie war stolz darauf. Sie kannte zu viele Frauen, die ganz versessen ihre Chefs vögelten und dann enttäuscht zurückblieben, weil die Chefs selbst viel zu schlau waren, um sexuell motiviertes Aufsteigertum überhaupt noch zuzulassen, schließlich hatten sie alle ihre Kurse in Gender-Sensibilität im Arbeitsleben absolviert. Und das Schöne für die Chefs war ja, dass die sich stark fühlende Frau von heute nicht mehr aufgerissen zu werden brauchte, sondern selbst zu den Chefs kam und diese aufriss. Dumme, dumme Frauen. Am Ende blieb ihnen nichts als Prozesse zu führen, die sie verloren, oder weinerliche Bücher zu schreiben, die niemand kaufte. Sich hochzuschlafen war heute reine Zeitverschwendung.

Zweimal also sah sie Frau Blume in der Badehalle, sie grüßten einander schüchtern, und Anna hatte das unangenehme Gefühl, sich ihrer früheren Untergebenen aufzudrängen und sie zu beschämen mit ihrer eigenen Körperlichkeit, ja geradezu zu belästigen. Dabei wollte sie Frau Blume lieber einmal schön zum Essen ausführen, in der ganzen Frau-Blume-Pracht, an einem Ort, wo sie gesehen und hofiert würde, nicht hier, wo Frau Blume wirkte wie ein zwar zierlicher, aber insgesamt recht ausgebleichter Höhlenfisch.

Seither schwamm sie am Stadtrand. Hier war die Decke ebenfalls aus Glas, jedoch von blauen und gelben Röhren unterzogen, die Wände waren mit blau gespritzten Metallplatten verkleidet, auf die rote Fische in hellblauen Wellen gemalt waren. Es war ein Zweckbau ohne Charme, aber sie mochte ihn, hier schwammen Menschen, die großzügig zu sich selbst waren und sich sofort nach dem Sport mit einem Bier auf die Restaurant-Terrasse über dem Becken setzten. Manchmal setzte sie sich mit einem Glas Wein daneben.

Doch jetzt stand sie in der Garderobe und starrte auf einen Klumpen von grauem Schleim,...


Meier, Simone
Simone Meier, geboren 1970 in Lausanne, ist Autorin und Journalistin früher bei der »Wochenzeitung« und beim »Tages-Anzeiger«, heute bei »watson« in Zürich. Sie hat diverse Preise und Stipendien gewonnen. Ihr Romanerstling »Mein Lieb, mein Lieb, mein Leben« erschien im Jahr 2000. Simone Meier lebt glücklich von Liebe, Fleisch und Fernsehen. Und vom Schreiben.

Simone Meier, geboren 1970, ist Autorin und Journalistin. Nach einem Studium der Germanistik, Amerikanistik und Kunstgeschichte arbeitet sie als Kulturredakteurin, erst bei der  WochenZeitung , dann beim  Tages-Anzeiger , seit 2014 bei  watson . 2020, 2022 und 2024 wurde sie zur »Kulturjournalistin des Jahres« gewählt. Neben erschienen bei Kein & Aber ihre Romane Fleisch (2017),  Kuss (2019) und  Reiz (2021). Simone Meier lebt und schreibt in Zürich.



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