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E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Mehler Milchlinge

Kriminalroman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86358-981-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-86358-981-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Fanni Rot kann tun, was sie will: Das nächste Verbrechen findet sie bestimmt.Eigentlich wollte sie endlich einmal ausspannen, doch dann entdeckt sie während des Urlaubs einen unbekannten Toten und kann das Schnüffeln wieder nicht lassen. Ihre Neugier zieht Fanni und Sprudel in einen gefährlichen Wettlauf gegen die Zeit – denn auch ihre Tochter Leni schwebt in Gefahr.

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1 Fanni warf die Schranktür zu, drehte den Schlüssel im Schloss und presste die Hand gegen die Türfüllung, als könne sie damit verhindern, dass der Kasten je wieder aufgehen würde. Der Lärm, den das Zuknallen verursacht hatte, ließ Sprudel von der Preistafel aufblicken, auf der er die Abmessungen des Flurschrankes studiert hatte. Als er Fannis Gesichtsausdruck wahrnahm, weiteten sich seine Augen. »Fanni? Bitte, Fanni, nicht!« Selbst wenn sie gewollt hätte, wäre es ihr nicht möglich gewesen, zu antworten. Sie starrte durch Sprudel hindurch nach irgendwo. Ihre Miene zeigte eine Mischung aus Entsetzen, Pein und – etwas wie Reue. Reute sie es, die Tür geöffnet zu haben? Sprudels Argwohn wuchs, schien sich zu Gewissheit zu verdichten, als er einen ungläubigen Blick auf den Schrank warf, gegen dessen Tür Fanni noch immer drückte. Sie nickte müde. Als sie Sprudel zurückschrecken sah, nickte sie noch einmal nachdrücklicher. Er atmete durch, trat auf sie zu, legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie von der Schranktür weg. Fanni lehnte sich an eine Garderobenwand, die mit Kleiderbügeln aus Plexiglas dekoriert war, und nickte ein drittes Mal. Sprudel drehte den Schlüssel im Schloss. Da ist er wieder, dachte Fanni, als Sprudel die Schranktür zögernd ein Stück weit aufzog. Dieser Geruch nach Tod und Verwesung. Schwach zwar, bei geschlossener Tür so gut wie nicht wahrnehmbar, bei offener aber kaum zu verkennen. Sprudel hatte die Schranktür wieder geschlossen. »Wir sollten gehen, Fanni. Zu helfen ist da nicht mehr.« Er sah sie flehentlich an. Und der will mal Kriminalkommissar gewesen sein? Das Schlimmste ist, wenn man sich selbst vergisst! Fanni gab ein leises Schnauben von sich. Wie konnte ihre Gedankenstimme nur so gehässig daherreden. Sprudel war früher Kriminalkommissar gewesen und bestimmt kein schlechter. Und nach seiner Pensionierung hatte er mit ihr zusammen mehr als ein halbes Dutzend Morde aufgeklärt. Auch wenn sie sich wegen ihrer partiellen Amnesie – die zwar im Laufe der Zeit ein paar Löcher bekommen, im Großen und Ganzen jedoch Bestand hatte – nur bruchstückhaft daran erinnern konnte, gab es keinen Zweifel daran. Ihre älteste Tochter Leni hatte Stunden damit verbracht, ihr die Erinnerung an die ausgelöschten sechs Jahre durch Erzählungen zu ersetzen. Daher und durch hin und wieder wie Blitzlichter aufflammende Gedächtnisfetzen wusste Fanni, wie gefährlich diese Mordermittlungen gewesen waren, wie knapp sie und Sprudel manchmal davongekommen waren, wie sehr sie der beinahe erfolgreiche Anschlag auf ihr Leben am Rande der marokkanischen Wüste aus der Bahn geworfen hatte. Was Wunder also, dass Sprudel lieber so tun würde, als wären sie überhaupt nicht hier; als hätte Fanni den Flurschrank nie geöffnet; als wären sie vor dem Betreten des Einrichtungshauses übereingekommen, dass der alte Schrank noch gut genug war. Die Realität sah allerdings anders aus. Es ließ sich nicht mehr abstreiten, dass Fanni wieder einmal eine Leiche entdeckt hatte – dieses Mal in einem Schrank. Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel! Fanni machte ärgerlich, aber kaum vernehmlich »Grrr…«. Dann sagte sie leise: »Wir können uns nicht einfach davonmachen, Sprudel. Auf dem Schlüssel sind unsere Fingerabdrücke. Meine sind auch auf dem Holz. Und abgesehen davon …« Sie sprach nicht weiter. War es strafbar, wenn man einen Leichenfund nicht meldete, oder bloß unmoralisch? Sprudel seufzte tief. »Du hast ja recht. Fingerabdrücke hin oder her. Wir können das Risiko nicht eingehen, dass ein Kind an der Schranktür herumspielt und die Leiche entdeckt.« Die ja wohl schon ein Weilchen unbemerkt in dem Dielenkasten steckt! Fanni musste ihrer Gedankenstimme ausnahmsweise beipflichten. Sprudel zog den Schrankschlüssel ab, dann sah er sich unschlüssig um. »Infoschalter«, sagte Fanni. Als sie eine knappe halbe Stunde zuvor die Treppe zur ersten Etage hinaufgestiegen waren, wo laut Übersichtsplan Wandgarderoben und Schuhschränke – Dielenmöbel eben – ausgestellt waren, hatte Fanni neben dem Durchgang zur Abteilung für Einzelteile einen ringförmigen Tresen gesehen, über dem ein Schild mit der Aufschrift »Information« hing. Sie wies in die Richtung, in die sie gehen mussten, rührte sich jedoch nicht von der Stelle. Auch als Sprudel sich in Bewegung setzte, blieb Fanni stehen wie einzementiert. Sie wartete darauf, aus diesem Alptraum zu erwachen. Konnte das denn Wirklichkeit sein? Im größten Einrichtungshaus von Bad Kötzting befand sich eine Leiche in einem der Dielenschränke – was merkwürdig genug war –, und ausgerechnet Fanni Rot hatte sie aufgestöbert. Dabei hatte sie doch bloß wissen wollen, wie die Fächer im Schrank angeordnet waren, dessen Front aus Buchenholz sich im Eingangsbereich des Birkenweiler Anwesens neben der bemalten Truhe wirklich gut machen würde. Dazu wäre ein heller Teppich schön, dachte Fanni. Hallo? Ein erneuter Anfall von Gedächtnisverlust? In dem Schrank vor deiner Nase hat man eine Leiche verstaut – männlich, würde ich sagen. Höchste Zeit, was zu unternehmen! Infoschalter, wiederholte Fanni in Gedanken. Wir müssen zum Infoschalter gehen, nach dem Geschäftsführer fragen und ihm den Leichenfund melden. Aber sie hatte vergessen, wie man die Füße hebt und über einen mit blauer Auslegware bespannten Boden geht. »Fanni?« Als ihr Sprudel die Hand auf den Rücken legte und sie mit sanftem Druck vorwärtsschob, fiel es ihr wieder ein. »Rufen Sie bitte den Geschäftsführer. Und glauben Sie mir, die Sache ist dringend«, sagte Sprudel zu der Frau am Infoschalter, die ihn aus kajalumrandeten Augen habichtartig ansah. Am Revers ihrer streng geschnittenen moosgrünen Jacke steckte ein Schildchen mit dem Aufdruck »Ella Kraus«. Statt etwas zu erwidern oder zu tun, wurde ihr Blick aus den Habichtaugen eine Nuance härter, die spitze Nase wirkte nun tatsächlich wie ein Schnabel. Warum hat man den Eindruck, als wollte sie euch in Stücke hacken? Wer nicht lächeln kann, sollte keinen Laden eröffnen! Fanni schluckte ein weiteres wütendes »Grrr« hinunter. Nun hatte sie sich endlich daran gewöhnt, Gespräche zu führen, die nur in ihrem Kopf existierten; hatte die Stärken ihrer Gedankenstimme anerkannt (Warnungen, Ermunterungen, zweckdienliche Vorschläge) und ihre Schwächen (Schmähungen, Flüche, Spott und Häme) wenn auch nicht verziehen, so doch ertragen. Sie empfand es jedoch als Zumutung, dass diese Stimme nun auf einmal anfing, Volksweisheiten von sich zu geben. Mit Grauen dachte sie an den Sommer im vergangenen Jahr, als die Gedankenstimme sie mit Never-Sprüchen bombardiert hatte. Es war geradezu ein Labsal gewesen, als sie wieder damit aufhörte. »Den Geschäftsführer, bitte«, sagte Sprudel nachdrücklich. Ella Kraus schüttelte so vehement den Kopf, dass die Klammer, die ihre glatten braunen Haare am Hinterkopf zusammenhielt, wie ein Boot auf rauer See hin- und hergeworfen wurde. »Der Geschäftsführer ist nicht zu sprechen, aber wenn Sie mir sagen, worum es geht, kann ich vielleicht –« Sprudel ließ sie nicht vermelden, was sie vielleicht konnte. Er zückte sein Handy. »Ich werde die Polizei rufen.« Ella Kraus hob abwehrend die Hand, ihre Zunge fuhr hektisch übers Lipgloss. »Aber ich bitte Sie!« »Polizei oder Geschäftsführer«, erwiderte Sprudel unerbittlich. Ella Kraus nahm den Hörer des Telefons auf dem Infoschalter ab und sagte nur: »Platz einundzwanzig.« Zwei Minuten später kam ein Mann in Anzug und Krawatte – Fanni schätzte ihn in den späten Dreißigern – auf sie zu. Er wirkte selbstsicher, beinahe lässig, was durch seine Größe von gut eins fünfundachtzig, seine sportliche Erscheinung, die markanten Züge und den modisch-flotten Haarschnitt noch unterstrichen wurde. »Heudobler«, stellte er sich vor. Heudobler? Komischer Name. Klingt nach Almhütte, Bergbauer und Weidevieh! Fanni bemühte sich, die Gedankenstimme auszublenden. »Darf ich Sie in mein Büro begleiten?«, sagte der Geschäftsführer. Fanni und Sprudel verneinten unisono. »Würden Sie bitte mit uns kommen?«, entgegnete Sprudel. Heudobler wirkte überrascht, nickte jedoch freundlich. Mit einem geschäftsmäßigen »Danke, Frau Kraus« wandte er sich vom Infoschalter ab, um Sprudel zu folgen. Bevor sie sich ebenfalls umdrehte, fing Fanni den Blick auf, mit dem Ella Kraus ihren Vorgesetzten bedachte. Wer einmal das Meer gesehen hat, dem gefällt kein anderes Gewässer! Wenn Heudobler für Ella Kraus das Meer ist, dann hat sie wohl schlechte Karten, sagte sich Fanni. Sie himmelt ihn an. Er zeigt ihr die kalte Schulter. Was für ein Fiasko. In der Öffentlichkeit tut er das. Wer weiß denn schon, was im Hinterzimmer zwischen den beiden vorgeht? Fanni schaute sich noch einmal um, weil ihr die Vorstellung der beiden als Paar nicht recht gelingen wollte. Dabei fing sie auch den Blick auf, den Ella Kraus ihr und Sprudel hinterherschickte. Argwöhnisch! Das war zu mild ausgedrückt, fand Fanni, und sie fragte sich erschrocken, weshalb Ella Kraus ihnen mit stechenden...


utta Mehler, Jahrgang 1949, hängte frühzeitig das Jurastudium an den Nagel und zog
wieder aufs Land, nach Niederbayern, wo sie während ihrer Kindheit gelebt hatte. Seit die beiden Töchter und der Sohn erwachsen sind, schreibt Jutta Mehler Krimis, Romane und Erzählungen.



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