E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Mehler Heumilch
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96041-420-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-96041-420-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Fanni unter Bikern. und ihr Enkel unter Mordverdacht.
Kann es erblich sein, das Talent, über Leichen zu stolpern? Denn dieses Mal ist es nicht Fanni Rot, die einen Toten entdeckt, sondern ihr Enkel Max. Damit nicht genug, gerät Max auch noch in Verdacht, der Mörder zu sein. Fanni bleibt nichts anderes übrig, als gemeinsam mit Sprudel im von Tausenden Bikern bevölkerten Loher Kessel zu ermitteln. Aber die Zeit bis zum Ende des Elefantentreffens läuft ihnen davon, und der wahre Täter hat sie genau im Auge.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Vorher Fanni war erstaunt, wie erwachsen ihr Enkel geworden war. Sprudel und sie erwarteten Max am Plattlinger Bahnhof, um ihn mit nach Birkenweiler zu nehmen, wo sie beide sich momentan aufhielten. Sie hatten sich wieder einmal in dem Anwesen einquartiert, das Sprudel irgendwann geerbt und eigenhändig renoviert hatte. Später hatte er es Fannis Tochter Leni überschrieben, wobei er mit ihr übereingekommen war, dass Fanni und er jederzeit darin wohnen konnten. In diesen Wintertagen waren sie beide angereist, um rund um den Hirschenstein Langlauftouren zu unternehmen oder einfach nur durch den verschneiten Wald zu stapfen. Sie hatten sich auch fest vorgenommen, das Hüttchen aufzusuchen, das Fanni vor vielen Jahren, als Sprudel und sie ihre Beziehung noch geheim halten mussten, für sie beide eingerichtet hatte. Fannis Gedächtnis hatte sich lange geweigert, sich an diese Zeiten zu erinnern, aber langsam ließ ihre Amnesie nach. Jedenfalls kam vieles zurück, was sie verloren geglaubt hatte. Max war von Heidelberg, wo er gerade sein Studium begonnen hatte, mit dem Zug nach Plattling gekommen, weil er sich tags darauf mit einem Kumpel im Kessel von Loh treffen wollte. Fanni hatte sich die Gelegenheit, ein paar Stunden mit ihrem Enkel zu verbringen, nicht entgehen lassen wollen. Beim Abendessen kam die Rede sehr bald auf das Ereignis, das Max hergeführt hatte. Sogar Fanni hatte schon davon gehört, dass sich Ende Januar, zu einer Zeit also, in der der Winter normalerweise am härtesten zuschlug, in Niederbayern die »Elefanten« trafen. Diese verwegenen Biker trotzten Eis und Schnee, nahmen weite Strecken und allerlei Unbill in Kauf, um mit ihren Motorrädern in »Loh« dabei zu sein. Der den Rest des Jahres über wenig beachtete Weiler bestand aus etwa einem Dutzend Häusern an einer ehemaligen Eisenbahnlinie, die früher eine ganze Latte kleiner Orte zwischen Donau und tschechischem Grenzkamm verbunden hatte und später zu einem Radweg umfunktioniert worden war. Die am östlichen Rand gelegenen Anwesen bewachten ein ausgedehntes Tal, an dessen tiefstem Punkt eine Stockcarbahn angelegt worden war. Im Sommer fanden dort manchmal Rennen und Trainingsläufe statt. Im Winter zeigte sie sich eingeschneit, verwaist und verödet, bis im Januar die Elefanten kamen. Max reagierte begeistert, als Fanni und Sprudel spontan beschlossen, ihn am nächsten Tag mit dem Auto zum Kessel zu bringen und sich das Treiben dort selbst anzusehen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Birkenweiler nach Loh kommen zu wollen war ohnehin aussichtslos, denn Bus und Bahn fuhren in Niederbayern kaum häufiger als in der sibirischen Steppe. Sich Sprudels Auto zu leihen oder einen Mietwagen zu nehmen kam nicht in Frage, weil Max seine Führerscheinprüfung erst in zwei Wochen ablegen würde. Fanni, Sprudel und Max trafen gegen Mittag in dem kleinen Örtchen Solla ein, wo Schaulustige ihre Fahrzeuge auf einem extra dafür ausgewiesenen Besucherparkplatz abstellen mussten. »Frei nur für Motorräder auf zwei oder drei Rädern« stand auf einem Schild an der Straße nach Loh. Fanni dachte noch darüber nach, ob ihr je ein Motorrad mit drei Rädern untergekommen war, als eine Maschine mit Beiwagen an ihr vorbeiratterte und ihr schlagartig klar wurde, was gemeint war. Sprudel, Max und sie machten sich also zu Fuß zum Kessel auf. Unterwegs sahen sie noch etliche Motorradgespanne an sich vorüberziehen. In ihren Beiwagen transportierten die Biker offensichtlich Campingausrüstung, Feuerholz und Bier. Am Eingang zum Kessel trennte sich Max von ihr und Sprudel, um sich mit seinem Studienfreund Bruno beim Kassenhäuschen zu treffen. Fanni hatte von ihrem Enkel dies und das über Bruno erfahren wollen, aber die meisten ihrer Fragen waren mit einem Schulterzucken beantwortet worden. Max und er kannten sich noch nicht besonders gut. Sie waren sich an dem Tag, an dem Max sich an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg für den Studiengang Physik eingeschrieben hatte, in der Cafeteria zufällig begegnet und hatten sich eine Weile unterhalten. Bruno stammte aus Südtirol – Bozen, um genau zu sein – und nahm an einem Austauschprogramm teil. Irgendwann hatte er Max von dem Bikertreffen im Loher Kessel erzählt, an dem er schon im Vorjahr und dem Jahr davor teilgenommen hatte. Max war von Brunos Bericht so fasziniert gewesen, dass der ihm vorgeschlagen hatte, sich das Spektakel gemeinsam anzusehen. Fanni und Sprudel hatten sich kaum von Max getrennt, da verloren sie ihn bereits aus den Augen. Nachdem sie ihr Eintrittsgeld bezahlt hatten, folgten sie ein Stück weit einem mit »Elefantenstraße« beschilderten, gut befestigten Weg, bogen dann aber mal auf den einen, mal auf den anderen Pfad ab und streiften auf diese Weise kreuz und quer durch das in der flachen Senke liegende Gelände. »Krass«, sagte Sprudel nach längerem Schweigen. Fanni musste lachen. »Krass« war Lenis Lieblingsausdruck gewesen, als sie noch ein Teenager gewesen war. »Krass« stand für gut und schlecht, für erfreulich und unerfreulich, für großartig und grauenhaft. Bevor »krass« zum Kultwort avancierte, war es wohl im Sinne von »schroff« oder »augenfällig« verwendet worden. Inzwischen bedeutete es aber viel mehr als das. Fanni musste zugeben, dass es auch ihren Eindruck vom Loher Kessel am besten wiedergab. Fast dreitausend Biker aus aller Herren Länder, die bei Schnee und Eis und Minusgraden über Hunderte von Kilometern mit ihrem Motorrad angereist waren – krass. Die es auf sich nahmen, hier zu campen und dabei mit dem Allernötigsten auszukommen: einem winzigen Zelt, einer Isomatte, Schlafsack und einer Garnitur Kleidung – krass. Klapprige Mopeds; aber auch Spitzenmaschinen, die geradezu futuristisch wirkten; Motorradgespanne aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts – megakrass. Als sich die Kälte unaufhaltsam durch ihre Kleidung fraß und in ihre Knochen kroch, entschlossen sich Fanni und Sprudel, nach Solla zurückzukehren und nach einem Gasthof Ausschau zu halten, wo sie gemütlich Kaffee trinken und sich aufwärmen konnten. Zeit dazu hatten sie mehr als genug, denn die Rückfahrt nach Birkenweiler war erst für neun Uhr abends geplant. Es kostete sie etwa fünfzehn Minuten, um wieder zum Besucherparkplatz zu gelangen, und von da noch einmal zehn bis zu einer Kreuzung, die offenbar das Zentrum des Dörfchens bildete. Einen Gasthof suchten sie jedoch vergeblich. Es gab nicht einmal ein Lebensmittelgeschäft. Auch keine Dorfkirche, kein Postamt, kein Rathaus, keine Bankfiliale. Fanni fragte sich, ob es Bewohner gab, denn sehen ließ sich niemand. Das Dorf wirkte wie ausgestorben. Irritiert kehrten sie zum Parkplatz zurück, falteten die Straßenkarte auseinander, suchten nach einem größeren Ort in der Nähe und entschieden schließlich, ihr Glück in dem etwa sechs Kilometer entfernten Markt Schönberg zu versuchen. Auch Schönberg erwies sich als recht verschlafen, der Gasthof im fast leer gefegten Ortskern hatte geschlossen, das Café drei Häuser weiter sah nicht so aus, als würde es jemals wieder öffnen, nur in der Pizzeria am unteren Ende des leicht abfallenden, mit Kopfsteinen gepflasterten Marktplatzes brannte Licht, und die Tür schwang auf, als Sprudel dagegendrückte. Es ging schon auf fünf Uhr zu, als sie wieder in den Loher Kessel zurückkehrten, wo mittlerweile an vielen Stellen Lagerfeuer angezündet worden waren. An dreibeinigen Gestellen hingen Töpfe, in denen Wasser oder Suppe kochte. Fanni zog ihre Mütze über die Ohren und wickelte sich ihren Schal fester um den Hals. Es wurde zusehends kälter. In der vergangenen Woche hatte es getaut, aber pünktlich zum Elefantentreffen war die Temperatur gefallen. In der Nacht davor hatte es sogar geschneit. »Ein Wetter, wie die Elefanten es sich wünschen«, hatte das Tagblatt getitelt. Fanni konnte sich gut vorstellen, wie es bei Tauwetter im Kessel aussah, denn die Spuren, die sich durch den knöcheltiefen Schlamm gezogen hatten, waren inzwischen zu Gräben und kantigen Furchen erstarrt. Außerdem gehören Eis und Schnee zum Elefantentreffen wie Milchschaum auf Cappuccino, ging es ihr gerade durch den Kopf, als sie den Schrei hörte. Irgendwie hob er sich vom übrigen Lärm ab, klang bestürzt und verstört. Sie horchte auf, aber da war er bereits verklungen. In der flachen Senke, die den Kessel von Loh bildete, überlagerten sich wieder scherzhafte Zurufe, Gelächter, Gejohle und Motorlärm. »Das ist sie«, sagte Sprudel und deutete auf ein altertümliches, mattgrün lackiertes Motorrad mit Beiwagen. »Die Zündapp KS 601. Sie hat unter dem Namen ›der grüne Elefant‹ Geschichte geschrieben.« Und dem Bikertreffen seinen Namen gegeben, dachte Fanni. Sie wollte Sprudel gerade fragen, wie es dazu gekommen war, als plötzlich aus allen Richtungen Leute heranströmten. Die an der Spitze rannten bereits an ihr vorbei. Fanni wandte sich um und sah ihnen nach, um festzustellen, wohin sie wollten. Zielpunkt war offenbar ein blaues, tipiartiges Zelt, das ein knappes Duzend Schritte entfernt in einer flachen Mulde stand. Was Fanni dort sah, ließ sie vor Schreck nach Luft schnappen und im nächsten Moment darauf zustürzen. Während sie die kurze Strecke im Sprint zurücklegte, dabei zwei etwas kurzatmige Biker überholte und einen dritten grob anrempelte, was der mit einem »He, wo hakt’s denn?« beantwortete, haftete ihr Blick auf den beiden Gestalten, die, gerade als sie sich umgedreht hatte, aus dem Zelt herausgekommen waren. Es handelte sich um zwei junge Männer, der eine mittelgroß und untersetzt, der andere lang und dürr. Der Lange wirkte irgendwie orientierungslos, was wohl der Grund dafür war, dass ihn sein Gefährte...




