Buch, Deutsch, 250 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 208 mm
Reisenotizen
Buch, Deutsch, 250 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 208 mm
ISBN: 978-3-88423-740-3
Verlag: Wunderhorn
„Das Licht von Marrakesch“, dessen französische Vorlage im Frühjahr 2026 gleichzeitig in Frankreich erscheint, enthält eine Auswahl der von Abdelwahab Meddeb zwischen 1968 bis Ende der 1990er Jahre verfassten „Carnets de Marrakech“, Reisenotizen, die er von seinen wiederholten Aufenthalten in Marrakesch machte, in Gestalt kurzer Prosatexte, tagebuchartiger Skizzen seiner Begegnungen, Eindrücke und Erlebnisse. Der Band lädt ein, ihm auf seinen Spaziergängen und Erkundungen durch die pulsierenden Straßen und heiligen Orte dieser lebendigen Stadt im Herzen Marokkos zu folgen.
Sein kritischer, wachsamer Blick gilt auch den Veränderungen, die diese „Rote Stadt“ in diesen drei entscheidenden Jahrzehnten erfahren hat. Mit dem ihm eigentümlichen Stil aus scharfsinniger Beobachtung und poetischer Prosa beschreibt er Landschaften, Tiere – vor allem die Vögel haben es ihm angetan –, Architektur und Monumente, enthüllt Marrakesch zugleich als historischen Knotenpunkt, an dem verschiedene Bevölkerungsgruppen – jüdische und muslimische Gemeinschaften, unterschiedliche soziale Schichten, Sufi-Mystiker und Händler – einen einzigartigen, vielschichtigen Stadtraum geschaffen haben. Seine sinnlichen und körperlichen Wahrnehmungen fangen die Klänge, Düfte und Anblicke Marrakeschs ein, vermitteln ein kunstvolles Mosaik von dieser Stadt voller Leben und Farbenpracht. Mit seinem profunden Wissen interpretiert er darüber hinaus religiöse Symbole, Praktiken und Spiritualität dieser Stadt, wobei seine besondere Aufmerksamkeit dem Sufismus und den mit diesem verbundenen heiligen Stätten gilt.
Mehr als nur ein Reiseführer, ein meisterhaftes poetisches Zeitdokument, ein Buch für alle, die diese meistbesuchte Stadt Marokkos und Marokko bereits kennen oder kennenlernen wollen.
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Und ich geselle mich wieder zu der doppelten Reihe der Blinden, die noch genauso dastehen, wie Elias Canetti sie beschrieben hat. Sie gehören nicht zu dem, was verschwunden ist, wie beispielsweise die Juden. Sie bilden eine aktive Sekte, die eine Zukunft vor sich hat, so erscheint es mir, wenn ich sehe, dass einer von ihnen noch jung ist. Er beteiligt sich heute Abend am Chor der Anrufung, in Pulli und Hose, Fetzen, aus Gott weiß welcher amerikanischen Kleidersammlung. Der junge Mann ist ausgesprochen hässlich. Mit vielen Ticks und Grimassen, die Mund und Nase entstellen. Darüber ein großer Schopf krauser Haare. Von dem Burschen an dem Stand gleich neben den Blinden erfahre ich, dass derjenige, der die Münzen in Empfang nimmt, den ich „ihre Bank“ nannte, tatsächlich auf einem Auge sieht und dass diese nur halbe Behinderung ihn zum Meister über die Mitglieder der Sekte macht. Einige erlauben sich, beim Chor der Nennung des Heiligen Namens nicht mitzutun, Späße zu treiben, sich zu amüsieren, zu zweit zu dritt zu lachen, und der Chor bricht ab, die Anrufung wird schwächer, keiner sorgt für Ordnung, doch es genügt, dass eine Münze in einer Sammelbüchse klingt, damit der Chor wieder Kraft und Zusammenhalt gewinnt, der Heilige Name wieder aus der Tiefe der Kehlen krächzt, heraufkommt als sei er verrostet, wie ein Fundstück, das nach tausendjähriger Lagerung am Meeresgrund wieder an die Luft gebracht wird.
Rostige Stimmen, die die uralte Anrufung bewahren.




