McNeill | Lore und die letzten Tage | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

McNeill Lore und die letzten Tage

Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7472-0525-9
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

ISBN: 978-3-7472-0525-9
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Killen McNeills Epos um eine junge Frau in den Wirren der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in der fränkischen Provinz - Fränkische Geschichte, hautnah erzählt Die junge Lore, in der Bombennacht vom 2. Januar 1945 Vollwaise geworden, flieht aus Nürnberg in das idyllische Dorf Seilar. Dort trifft sie den Hitlerjungen Anton wieder, in den sie sich im letzten Sommer als Erntehelferin verliebt hat. Mit ihm erlebt sie die letzten, schrecklichen Tage des Krieges. Anton soll im Volkssturm Seilar verteidigen, will aber den Einsatz vereiteln, damit das Dorf vor dem Angriff der Amerikaner verschont bleibt. Doch in der Burg, die über Seilar thront, hält sich ein SS-Verband auf, der gnadenlos Vergeltung für Verräter ausübt. 75 Jahre später, bei einer Gedenkfeier für die Kriegsopfer, kommen Lore Zweifel, ob der Untergang des Dorfes tatsächlich so abgelaufen ist, wie es in den Reden geschildert wird. Es beginnt ein Wettlauf mit den eigenen letzten Tagen, um herauszufinden, ob ihr Leben auf eine Lüge gebaut war ..

KILLEN MCNEILL stammt aus Nordirland. Er studierte Germanistik, war in den Jahren 1973/74 Austauschstudent in Erlangen, zog später nach Franken und arbeitete als Lehrer. Mit seinem Kurzkrimi »Pfarrers Kinder, Müllers Vieh« gewann er 2012 den Fränkischen Krimipreis. Seit 2013 erscheinen seine Romane bei ars vivendi.
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Prolog


2022


»Ach, Mama, du kannst doch gar nicht mitreden«, sagt Evi. »Du hast die Liebe doch nie erlebt.« Sie huscht durch die Küche, unruhig wie eine Amsel auf Futtersuche, hebt Dinge hoch, betrachtet sie neugierig von allen Seiten und legt sie wieder beiseite: das Rindenbild vom Königssee, die Chianti-Korbflasche vom Wochenmarkt in Meran, den Zinnteller vom Plönlein in Rothenburg.

Dabei kennt sie alles hier aus ihrer Kindheit. In diesem Haus, das Franz Jungkunz, ihr Vater, in den Fünfzigerjahren in der ersten Nachkriegssiedlung in Neustadt gebaut hat, ist sie mit ihren zwei älteren Brüdern Heinz und Klaus aufgewachsen, und seitdem hat sich fast nichts verändert: Linoleumfußboden aus schwarz-weißen Quadraten, Küchenbüfett mit geriffelten Vorhängen, Tisch mit Resopaloberfläche.

In ihrem Sessel am Küchentisch neben dem Herd sitzt ihre Mutter Lore. Sie ist zu besorgt wegen Evis Streifzug, darüber, was alles in die Brüche gehen könnte, um über ihre Behauptungen nachdenken zu können. Das hebt sie sich für später auf. Gerade hält Evi ein Modell vom alten Pyramidenkogel am Wörthersee in der Hand, das ihr Vater nach dem ersten Kärntenurlaub 1963 aus Streichhölzern gebastelt hat. Lore zieht zischend die Luft ein und hält sie an. Evi hat das Modell schon heruntergeschmissen, als sie fünf Jahre alt war, und Lore musste es notdürftig zusammenleimen, um den Zorn des Vaters auf seine Tochter abzufangen. Evi setzt das Modell wieder ab, wenn auch rechts auf dem Büfett statt links, und Lore atmet auf. Evi geht weiter zum Fenster, das zum Garten hinausschaut. Dort nimmt sie das gerahmte Hochzeitsfoto ihrer Eltern aus dem Jahre 1951 vom Fenstersims.

Lore seufzt. Wenn Evi weg ist, wird sie alles wieder auf den richtigen Platz stellen müssen. Evi war schon als Kind voller Unrast. Bei ihren Besuchen macht sie normalerweise gerne Vorschläge, wie das alte Haus auf Vordermann zu bringen sei. Aber es ist alles noch völlig in Ordnung und von Lore immer sauber gehalten worden. Warum das Alte wegwerfen, wenn es noch gut ist? Und jetzt rentiert es sich auch nicht mehr. Lore wird in diesem Jahr zweiundneunzig, und Franz ist vierundneunzig.

Heute aber treibt Evi etwas anderes um. Gerade hat sie ihrer Mutter erklärt, dass sie ihren Mann Theo verlassen will, nach fast vierzig Jahren Ehe. Und jetzt mustert Evi das Hochzeitsbild von Lore und Franz mit verengten Augen, nickt bestätigend und klopft mit dem Zeigefinger darauf. »Das da«, sagt sie, »das war keine Liebe.«

Wenn Evi so ist, weiß Lore nicht, wie sie mit ihr umgehen soll, was sie ihr antworten soll, ist ihr hilflos ausgeliefert. Evi hat sie schon immer überfordert, sie war ein Nachzügler, acht Jahre jünger als Klaus. Wo hat Evi sie nur her, diese Unruhe, diese Hast, dieses Alles-infrage-Stellen? Nicht von Lore, und auch nicht von Franz. Wenn sie es nicht genau wüsste, könnte Lore denken, Evi wäre gar nicht ihr Kind. Später, wenn Evi fort ist, werden Lore beim Aufräumen die Antworten kommen, die sie jetzt braucht.

»Wieso?«, fragt Lore nur, und, weil ihr nichts Besseres einfällt: »Es hat doch immer alles gepasst.«

Evi stellt das Foto weg, auf den Küchenschrank statt auf das Fensterbrett, und setzt sich Lore gegenüber an den Küchentisch. Sie verschränkt die Arme auf der Tischplatte, dann stützt sie ihr Kinn in beide Hände und schaut ihre Mutter an. »Alles gepasst, alles gepasst«, sagt sie. »Und was sollen die Leute denken, und das gehört sich nicht. Das sind deine Themen. Aber das ist doch nicht alles. Immer an andere denken statt an sich selbst, das habe ich von dir gelernt. Aber unsere Kinder sind schon längst aus dem Haus und haben selber Familie. Und ich bin sechzig. Jetzt denke ich endlich an mich. Vielleicht hättest du das auch viel früher machen sollen.«

Lore betrachtet ihre Tochter und sieht sich selbst vor dreißig Jahren; das trapezförmige Gesicht, die ausgeprägten Wangenknochen, und die nach oben gewölbten Augen, die den entschlossenen Eindruck der Kieferpartie abmildern. Jetzt, wenn Lore sich im Spiegel anschaut, ist die Knochenstruktur noch zu erkennen, aber die Haut ist von tiefen Furchen durchzogen. Wie der ungeteerte Marktplatz von Seilar früher, nach Regen, wenn mehrere Ochsengespanne aus verschiedenen Richtungen Brennholz gebracht haben, denkt sie beim Betrachten ihres Spiegelbildes. Oder als die Amipanzer durchgefahren sind, damals, in der Zeit nach der Katastrophe.

Woran hatten ihn damals ihre Augen erinnert? An Mandarinenscheiben. Das war Weihnachten 44 gewesen. Sonst hat man ja keine Mandarinen gesehen. Er hat es in einem Brief geschrieben, in der Zwischenzeit, als sie getrennt waren.

»Warum lachst du, Mama?«, sagt Evi. »Hörst du mir überhaupt zu?«

»Ja, ja, Kind. Mir ist nur etwas eingefallen.«

»Bitte, Mama, nenn mich nicht Kind! Wie oft soll ich es noch sagen.« Evi schüttelt den Kopf, als hätte ihre Mutter sie aus dem Konzept gebracht. »Was wollte ich noch sagen? Ach ja. Alles gepasst. Ihr habt gedacht, der Theo passt, und der Stefan passt nicht. Ihr habt mich zur Ehe mit Theo überredet, obwohl ich damals schon in Stefan verliebt war. Aber Theo war angehender Zahnarzt und Stefan bloß ein Schreiner. Und jetzt ist Stefans Frau vor zwei Jahren gestorben, und wir haben uns getroffen, und er hat gesagt, dass er nie aufgehört hat, mich zu lieben, und bei mir ist es auch so, und die Chance lasse ich mir nicht noch einmal nehmen. Ich will nicht so enden wie du.«

Eine Frage drängt sich Lore auf, und sie stellt sie, bevor sie nachdenken kann, bevor Evis Worte wirken. »Schneidet Stefan auch bei uns die Hecke?«

Evi hält den Kopf ganz still und schaut Lore mit geweiteten Augen an. »Ist das wieder deine berühmte Ironie?«

»Was? Nein.« Mit Ironie hatte Lore niemals etwas am Hut, sie erkennt sie meistens nicht einmal, aber sie ist oft in ihre durchaus ernst gemeinten Aussagen und Fragen von Gesprächspartnern und Familie hineininterpretiert worden.

»Als ob das jetzt wichtig wäre.« Evi spricht betont ebenmäßig.

»Du machst es wieder«, sagt Lore.

»Was mache ich wieder?«, fragt Evi.

»Du rollst mit den Augen.«

»Ich rolle überhaupt nicht mit den Augen!«, antwortet Evi entrüstet. »Extra nicht!«

»Du rollst innerlich mit den Augen.«

In der Pubertät hatte Evi begonnen, Aussagen ihrer Mutter, die sie für unsinnig hielt, mit Augenrollen und Kopfwackeln zu begegnen. Lore hatte sich das verbeten. Seitdem hat sich Evi diese Kopfhaltung, diesen Blick und diesen Ton angewöhnt.

»Immer wenn du denkst, dass ich dumme Sachen sage, rollst du innerlich mit den Augen«, sagt Lore. »Das merke ich genau.«

»Also gut, ich rolle innerlich mit den Augen. Ich erzähle dir, dass ich mich von meinem Mann nach fast vierzig Jahren trenne, und du fragst, ob mein neuer Mann auch eure Hecke schneidet.«

»Franz schafft es ja nimmer.«

»Gut, ich kann Stefan mal fragen«, sagt Evi. »So.« Sie spricht zu ihren Händen hinunter, die inzwischen auf ihren Knien liegen. Sie heben sich, wie in Zustimmung, und klatschen wieder auf ihre Oberschenkel. »Das wollte ich dir sagen.« Jetzt schaut sie Lore wieder in die Augen, aber ihr Blick ist warm. »Es tut mir leid, Mama. Es ist nicht gegen dich. Ich hab dich doch lieb. Du hast immer dein Bestes für uns gegeben, das weiß ich. Und an der Ehe mit Theo war ich auch selber schuld. Ich hätte halt nicht auf euch hören sollen.« Sie steht wieder auf.

Lore deutet nach oben, zum Schlafzimmer über ihnen. »Willst du nicht den Papa begrüßen, bevor du gehst? Ich glaube, heute hat er einen guten Tag.«

Evi schüttelt den Kopf. »Nächstes Mal, versprochen, ja? Ich muss noch schnell nach Hause, was abholen, bevor Theo zur Mittagspause heimkommt. Nicht, dass er Ärger macht, aber dann geht wieder eine Riesendiskussion los, und heute hab ich keine Zeit.«

»Du bist wohl schon ausgezogen?«

»Ich wohne beim Klaus. Vorübergehend. Bis ich was finde.«

Klaus ist ihr älterer Bruder, der mittlere.

»Mir sagt hier ja keiner was«, meint Lore.

»Ich sag’s dir doch gerade, Mama. Und was Papa betrifft, bin ich mir gar nicht sicher, ob er mich das letzte Mal überhaupt erkannt hat. Ich nehme an, die Diskussion über das Pflegeheim können wir uns sparen?«

Und wieder hat Lore das Gefühl, auf dem falschen Fuß erwischt worden zu sein.

Bevor sie antworten kann, redet Evi weiter. »Das besprechen wir ein anderes Mal, ja? Ruf mich an, wenn du etwas brauchst. Das Handy hast du doch noch, das wir dir Weihnachten geschenkt haben,...


McNeill, Killen
KILLEN MCNEILL stammt aus Nordirland. Er studierte
Germanistik, war in den Jahren 1973/74 Austauschstudent in Erlangen, zog später nach
Franken und arbeitete als Lehrer. Mit seinem Kurzkrimi »Pfarrers Kinder, Müllers Vieh« gewann er 2012 den
Fränkischen Krimipreis. Seit 2013 erscheinen seine Romane bei ars vivendi.

KILLEN MCNEILL stammt aus Nordirland. Er studierte
Germanistik, war in den Jahren 1973/74 Austauschstudent in Erlangen, zog später nach
Franken und arbeitete als Lehrer. Mit seinem Kurzkrimi »Pfarrers Kinder, Müllers Vieh« gewann er 2012 den
Fränkischen Krimipreis. Seit 2013 erscheinen seine Romane bei ars vivendi.



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