McKiernan Magiermacht
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08110-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 304 Seiten
Reihe: Die Magier-Saga
ISBN: 978-3-641-08110-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bereits über 120.000 verkaufte Exemplare – mit seinen Romanen über schlagkräftige Zwerge und edle Elfen beweist Dennis L. McKiernan einmal mehr, dass er ein wahrer Meister der klassischen Fantasy ist: Dunkle Mächte bedrohen Mithgar und überziehen das Land mit Schrecken. Und das Schicksal aller Völker hängt ab von zwei Helden, die eigentlich keine sind …
Der Beginn eines neuen packenden Abenteuers!
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1. Kapitel
Tipperton schrak in der eisigen Dunkelheit hoch. Was war das? Er blieb regungslos liegen und lauschte, versuchte durch das Murmeln des Baches, der unter dem Eis dahinströmte, ein Geräusch auszumachen. Ich dachte, ich hätte etwas gehört …
Tsching.
Da! Da ist es wieder!
Tsching Tschang … Tschang!
Metall auf Metall, aber weit entfernt. Was zum …?
Tipperton schwang seine Füße über die Bettkante und stolperte in dem eisigen Dämmerlicht über den kalten Holzboden. »Autsch!« Er stieß sich das Schienbein an einer Bank, die mitten im Weg stand.
Erneut klirrte Metall auf Metall, lauter diesmal, als würde sich die Quelle des Geräusches nähern.
Tipperton tastete auf dem Tisch nach der Laterne und fegte dabei Töpfe und Pfannen zu Boden, während das metallische Klirren immer lauter wurde. Jetzt konnte er dazwischen sogar gutturale Schreie und laute Schritte ausmachen.
Schließlich fand er zwischen den Töpfen die Laterne. Während er vergeblich versuchte, einen Feuerspan zu entzünden, ertönte ein schriller Schrei, und etwas Schweres stürzte mit einem Knall draußen vor der Tür zu Boden.
Tipperton riss den Feuerspan erneut an, und diesmal fing der Docht der Laterne Feuer. Er schob den Glaszylinder zurück und gelbliches Licht erfüllte die Mühlkammer. Es fiel über die massiven Dachbalken, beleuchtete die Zahnräder mit den hölzernen Zähnen, welche die gewaltigen Mühlsteine antrieben. Jetzt jedoch stand das Mahlwerk still, denn das Wehr war geschlossen, und weder durch die Mühlrinne noch über das Mühlrad floss Wasser.
Das Klirren und Scheppern wurde lauter. Tipperton trat zur Tür, schob den Querbalken zurück und riss das Portal weit auf. Im selben Moment prallte etwas oder jemand gegen die Mauer der Mühle. Das ganze Gebäude erzitterte unter der Wucht des Schlages, und durch die Lücken zwischen den Zedernholzbalken rieselte Getreidemehl herunter.
Nur mit seinem Nachthemd bekleidet und mit der Laterne in der erhobenen Hand trat Tipperton auf die Veranda heraus. »Heda, was soll dieser Lärm?« In der Dunkelheit außerhalb des Lichtkegels der Laterne sah er, wie sich schwarze Schatten bewegten.
»Verschwinde, du Narr!«, schrie jemand. Im selben Augenblick löste sich einer der Schatten aus dem Tumult und stürmte auf Tipperton zu.
Der Bokker sprang hastig zurück, schlug die Tür zu und warf den Querbalken in die Halterung, als die Person, die sich auf ihn gestürzt hatte, auch schon gegen das Holz prallte.
Auf der Veranda ertönte der Klang schwerer Schritte. Im nächsten Moment zerbarst ein Fenster, und die Glassplitter flogen nach innen. Tipperton rannte durch den Raum und riss seinen Bogen von seinem Platz über dem Kaminsims. Mitten in dem Kampfgetöse spannte der Bokker hastig den Bogen. Dann schnappte er sich den Köcher mit den Pfeilen, ließ die Laterne stehen und kletterte schnell die Leiter zur Galerie empor. Er rannte zu einer Schiebetür in der Wand und riss sie auf. Im kalten Licht der funkelnden Sterne am Winterhimmel und dem frostigen Strahlen des Viertelmondes, der hoch am südöstlichen Himmel stand, kletterte er auf die schneebedeckte Rinne der hölzernen Schleuse, deren Rand von einer dünnen Eisschicht überzogen war.
In dem Moment hörte er einen Schrei, einen schweren Sturz und … in der schlagartig eingekehrten Stille nahm Tipperton nur seinen eigenen hämmernden Herzschlag, sein angestrengtes Atmen und das leise Murmeln des Wassers unter dem Eis wahr.
Tipperton ließ den Pfeil auf der gespannten Sehne liegen, duckte sich und kroch weiter, bis er die Vorderseite der Mühle überblicken konnte. Dunkle Gestalten lagen im Schnee. Sie rührten sich nicht. Zwei oder drei lagen zusammengesunken auf der Veranda. Vorsichtig kroch Tipperton zu einer Stelle über einem Strebepfeiler der Mühlrinne und lauschte in die Nacht. Der Bokker zitterte in der eisigen Kälte, denn er stand mit nackten Füßen im Schnee auf der Eisschicht und trug nach wie vor nur sein dünnes Nachthemd. Er wartete eine Weile, aber nichts passierte. Alles blieb ruhig. Schließlich kletterte er die Leiter hinunter, hielt den Bogen vorsichtshalber schussbereit gespannt und ignorierte seine Füße, die allmählich vor Kälte gefühllos wurden, während er durch den Schnee auf eine der reglosen Gestalten am Boden stapfte.
Es war ein Rukh. Ein toter Rukh. Er war von einer Klinge förmlich zerstückelt worden. Die glasigen, reptilienartigen Augen starrten blicklos in den Himmel.
Tipperton ging weiter durch den zertretenen Schnee, und bittere Galle stieg ihm die Kehlte hoch, als er an einem toten, ausgeweideten Pferd vorbeikam, von dessen Kadaver noch warmer Dampf in die kalte Luft emporstieg. Dahinter lagen noch mehr tote Rukhs. Die o-beinigen Gestalten mit ihren spitzen Fledermausohren und der dunklen Haut trugen Lederharnische. Ihr dunkles Blut sickerte langsam in den Schnee. Ihre Waffen, Krummsäbel und Keulen, lagen überall verstreut. Die meisten Toten waren einer Klinge zum Opfer gefallen, einigen wenigen war jedoch auch der Schädel eingeschlagen worden. Aus ihren klaffenden Wunden stieg Dampf auf.
Den Pfeil immer noch schussbereit haltend, näherte sich Tipperton der Veranda. Ein toter Rukh lag mit dem Oberkörper auf den Holzbohlen, die Beine im Schnee. Links neben der Tür lehnten zwei Leichen. Die eine war ein Hlök. Er ähnelte einem Rukh, war jedoch größer, und seine Glieder waren weniger gekrümmt. Er war von einem Schwert durchbohrt worden, das seine toten Finger noch immer umklammerten. In der anderen Hand hielt er noch im Tod einen blutigen Krummsäbel. Die andere Leiche, die unter ihm lag …
… stöhnte!
Tippertons Herz machte vor Schreck einen Satz, er sprang zurück, spannte den Bogen und …
Warte! Das ist ein Mensch! Bei Adon, sieh dir bloß das viele Blut an!
Tipperton legte den Bogen zur Seite und zerrte den toten Hlök von dem Menschen herunter.
Der Mann schlug die Augen auf, als Tipperton ihn bewegte, schloss sie jedoch sofort wieder.
Du musst ihn hineinschaffen! Tipperton legte den Bogen ab, hob den Riegel an und stieß gegen die Tür. Sie gab nicht nach. Nitwit! Sie ist verbarrikadiert! … Moment, das Fenster! Rasch trat Tipperton um den Mann herum und an die Fensteröffnung. Er brach die restlichen Glasscherben heraus, kletterte hindurch und verletzte sich den Fuß, als er in die Glassplitter trat, die hinter dem Fenster auf dem Boden lagen. Zweimal Nitwit!
Er humpelte zur Tür und hob den Querbalken an. Die Tür schwang auf, als das Gewicht des Mannes nicht mehr von dem Balken gehalten wurde. Er fiel nach vorne in die Kammer. Tipperton gelang es mit viel Mühe, ihn gänzlich herein zu ziehen. Als der Bokker wieder hinaustrat, Bogen und Pfeile vom Boden aufklaubte und sich draußen umsah, pochte sein Herz vor Aufregung. Nichts. Er trat wieder in die Mühle und zog die Tür hinter sich zu.
Im Licht der Laterne, die noch auf dem Ofen stand, nahm Tipperton dem Mann den Helm ab. Darunter kam kurz geschorenes, dunkles Haar zum Vorschein. Er schob ihm ein Kissen unter den Kopf. Der Mensch war schlank, muskulös, und schien Mitte zwanzig zu sein. Aber bei einem Menschen kann ich das nicht gut einschätzen. Tipperton riss ein Tuch in Fetzen, um die Wunden seines Gastes zu verbinden. »Hör zu, mein Freund«, sagte er dabei laut. »Ich würde dich ja gern aus deiner Rüstung schälen, um deine Wunden zu versorgen. Aber ich fürchte, dass die Wunden nur stärker bluten, wenn ich dich herumschubse. Deshalb trenne ich nur dort die Stellen an deinem Lederwams weiter auf, wo es ohnehin schon durchlöchert ist.« Der Mann öffnete weder die Augen, noch antwortete er. Vermutlich war er bewusstlos. Der Bokker versorgte die Verletzungen, so gut er konnte. Er schnitt die Ärmel und die Hosenbeine auf, löste die Bänder an der Front des Lederharnischs, öffnete das Wams darunter und verband die Wunden. Die Verbände färbten sich rot, noch während er die nächste Wunde versorgte.
Jetzt schlug der Mensch die Augen auf. Sie waren von einem derartig hellen Blau, dass sie fast weiß wirkten. Ihr Blick richtete sich auf Tipperton. »Läufer.«
»Was … Was?«
»Mein … Pferd.«
Tipperton widmete sich angelegentlich der nächsten Wunde. »Tut mir leid«, erwiderte er leise. »Das Pferd ist tot.«
Der Mann seufzte und schloss seine unheimlichen, hellen Augen.
Rasch bandagierte Tipperton die letzten Verletzungen und zog anschließend eine Decke über den Mann. Dann streifte er sein Nachthemd ab, das mittlerweile blutgetränkt war, und zog sich hastig an. »Ich hole Hilfe. Einen Heiler. Er wohnt ganz in der Nähe.«
Als der Bokker seinen verletzten Fuß in einen Stiefel zwängte und seinen Mantel überwarf, schlug der Mann erneut die Augen auf, hob schwach eine Hand und winkte ihn zu sich.
Tipperton kniete sich neben den Verwundeten.
Der Mann starrte in Tippertons blaue Augen, die wie Saphire funkelten, und schien einen Entschluss zu fassen. Er bemühte sich, seinen ledernen Halsschutz zu öffnen. Mit Tippertons Hilfe gelang es ihm schließlich, die Schnüre zu lösen. Anschließend zog der Fremde ein Lederband aus dem Ausschnitt, an dem ein Anhänger hing. »Osten«, flüsterte er, als er dem Bokker den Anhänger, eine einfache, mattgraue Münze mit einem Loch in der Mitte, in die Hand drückte. »Geh nach Osten … Warne sie … Bring das zu … Agron.«
Tipperton runzelte verwirrt die Stirn. »Agron? Wer …? Nein, warte. Du kannst es mir später erklären.« Er streifte sich das Lederband über den Kopf und schob die...




