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E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Reihe: Kramer & Zondi ermitteln

McClure Steam Pig

Südafrika-Thriller. Kramer & Zondi ermitteln (2)
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-293-30956-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Südafrika-Thriller. Kramer & Zondi ermitteln (2)

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Reihe: Kramer & Zondi ermitteln

ISBN: 978-3-293-30956-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Alles beginnt mit einer folgenreichen Verwechslung. Aus Versehen kommt die verstorbene weiße Musiklehrerin Theresa Le Roux anstatt ins Krematorium auf den Obduktionstisch. Das Ergebnis: Von einem natürlichen Tod kann keine Rede sein, die junge Frau war ermordet worden. Lieutenant Tromp Kramer übernimmt zusammen mit Sergeant Michael Zondi die Untersuchung. Gab Theresa in ihrem Städtchen wirklich nur harmlose Musikstunden? Die Ermittlungen decken eine Tragödie auf, wie sie sich nur in Südafrika unter dem Apartheid-Regime ereignen konnte. 

James McClure, geboren 1936 in Johannesburg, arbeitete als Fotograf und Lehrer, bevor er sich dem Schreiben widmete. Weil er offen über Polizeigewalt gegen schwarze Südafrikaner berichtete, wurde er von den Behörden überwacht und drangsaliert. 1965 emigrierte er mit seiner Familie nach England, wo er als Journalist tätig war. Bekannt wurde er mit seiner achtteiligen Krimiserie um das Ermittlerduo Kramer und Zondi. Für Steam Pig wurde er 1971 mit dem CWA Gold Dagger ausgezeichnet. Er starb 2006 in Oxford.
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2


Im Nebenraum schrie ein Verdächtiger. Nicht ununterbrochen, sondern in unregelmäßigen Abständen, was die Konzentration erschwerte. Dann klemmte unerklärlicherweise die Schreibmaschine. Der Bericht würde nicht rechtzeitig fertig werden; Colonel du Plessis hatte vier Uhr festgesetzt, und es war schon fünf vor vier, wobei mindestens noch eine Seite fehlte.

»Verdammt, dann haben Sie eben Pech gehabt, Colonel, Sir«, verkündete Lieutenant Tromp Kramer laut. Er war ganz allein im Büro des Morddezernats. Und machte endlich seinem berechtigten Ärger Luft. Es war einfach sinnlos, eine Sehnenscheidenentzündung zu riskieren, und die banalen Ereignisse runterzuhämmern, die zu dem plötzlichen schmutzigen Tod der Bantufrau Gertrude Khumalo geführt hatten. Vollkommen sinnlos.

Ihr Mörder, ein Bantu namens Johannes Nkosi, hatte sich kurz vor Tagesanbruch der Verhaftung widersetzt und wurde überwiegend in der Intensivstation des Peacevale Hospitals behandelt. Seine Chancen, den Prozess durchzustehen, wären sehr gering, sagten die Ärzte – auch eine Möglichkeit der Formulierung. Na gut, dann fände also eine gerichtliche Untersuchung statt. Aber eine gerichtliche Untersuchung war nichts, verglichen mit einer Gerichtsverhandlung. Niemand wäre an mehr als einer kurzen Aussage von der Zeugenbank interessiert. Noch gäbe es irgendwelchen Ärger mit den beteiligten Familien. Gertrudes Sippe war mehr als zufrieden mit dem Verlauf der Angelegenheit. Leute aus dem Slumviertel fanden immer Gefallen daran, wenn grobes Recht in dieser Welt gesprochen wurde und die forensischen Feinheiten der nächsten überlassen blieben. Was die Verwandten Nkosis anging, so hatten sie nie von ihm gehört.

Zweifellos könnte eine Menge total überflüssiger Schreibarbeit und Rumfummelei vermieden werden, wenn man die Sache über Nacht ad acta legte. Und der Colonel wusste das nur zu genau, der Schweinehund. Er war ja nicht um vier Uhr morgens gerufen worden.

Schlimmer noch, er würde sich nicht einmal die Mühe machen, einen kurzen Blick in den Bericht zu werfen, wenn er ihn bekam; hatte man einen Bantumord-Bericht gelesen, hatte man alle gelesen, bemerkte er jedes Mal. Alles was er wollte, war eine Kurzfassung der schmutzigen Einzelheiten auf hübschem, sauberem Papier, das er mit seinem Gummistempel gefühlvoll der Länge nach bedrucken konnte. War das erledigt, fügte er die Sache selbstgefällig seiner Aufgeklärte-Verbrechen-Statistik hinzu und machte sich wieder daran, dem Brigadier in den Arsch zu kriechen – noch ein Triumph für Recht und Ordnung, reduziert auf einen Dickdarmeinstieg. Die Vier-Uhr-Deadline war vollkommen willkürlich, ein primitives Symptom beginnenden Größenwahns.

Womit irgendwie die Zeit auf eine Minute nach der vollen Stunde gerückt war und das Telefon klingelte.

Mein Gott, der Colonel. Die Stimme aus dem mit Teppich ausgelegten Büro über ihm klang pikiert. Kramer schwenkte den Hörer vom Ohr weg und fuhr mit dem Finger über den Schenkel eines Kalendermädchens. Es war wunderbar braun.

Die schrillen Quiekser brachen abrupt ab.

Kramer antwortete mit geübter Reumütigkeit: »Tut mir leid, Sir – ich werde ihn Ihnen morgen als Erstes vorbeibringen. Hä?«

Irgendetwas hatte den Colonel in Rage versetzt, aber es hatte nichts mit dem Bericht zu tun, so viel war klar. Kramer grapschte sich einen Kugelschreiber und schaffte es, drei Namen aufzuschreiben, bevor die Verbindung abbrach. Verdammt, er hätte um eine kurze Zusammenfassung bitten sollen. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, was los war.

Na ja, er hatte wenigstens die Namen. Er kannte zwar nicht den Unterschied zwischen Theresa Le Roux und Eva aus dem Buch Genesis, dafür war ihm aber die alte Varieténummer von Abbott und Strydom nur allzu bekannt. Damit hatte er mehr als nur eine ungefähre Vorstellung davon, wo eine erfolgreiche Ermittlung ansetzen könnte, und auch von der Dauer.

Er rief den diensthabenden Polizisten an, meldete sich ab und verließ das Gebäude zu Fuß. Georgies Laden war nur um die Ecke, hinter dem Museum.

Als Kramer in die Ladysmith Street einbog, sah er ein Taxi vom Bahnhofsstand vor der Leichenhalle halten. Beinahe im gleichen Augenblick stürzte aus einem Seiteneingang ein großer, mit kupferrotem Kraushaar gekrönter weiblicher Mehlsack darauf zu, gefolgt von einem alternden Küchenboy, der zwei Koffer schleppte. Dann kam Georgie vorsichtig, als ob er Heckenschützenfeuer erwartete, auf die Straße hinaus und führte mit den Händen die Wasser-und-Seife-Nummer vor.

Kramer verkrümelte sich in eine Warteschlange vor der Bushaltestelle und beobachtete die Abfahrt über den Rand von irgendjemandes Abendzeitung.

Georgies stumme Appelle waren vergeblich. Ohne ihn auch nur eines kleinen Blickes zu würdigen, hievte sich Ma Abbott ins Taxi. Es erzitterte und machte sich dann mit einem verächtlichen Reifenquietschen davon.

Irgendjemand war mal wieder ein böser Junge gewesen. Und dieses Mal hatte die alte Hexe nicht die Absicht, die Blamage mitzutragen. Doch zu ihrer Ehrenrettung musste man sagen, dass ihre Loyalität bis jetzt bemerkenswert gewesen war, selbst auf dem Höhepunkt des Schwester-Constance-Skandals. Das war, als George vergessen hatte, die Augen zu präparieren, und die Nonne mit einem anzüglichen Zwinkern für ihre Trauergäste in der Kapelle ausgestellt hatte.

Der Bus war gekommen und wieder abgefahren, und Kramer stand allein am Bordstein. Georgie war verschwunden. Es gab nichts mehr, womit man Zeit schinden konnte – er würde es auf seinen Hang zur Routine ankommen lassen müssen.

Das vordere Büro war leer bis auf eine ältere Kundin, die sich in einen Katalog mit prunkvollen Grabsteinen vertieft hatte. So wie sie aussah, hatte sie keinen Moment zu verlieren.

Kramer ging zum äußersten Ende der hohen Theke und schlug kurz auf die Bedienungsglocke. Irgendwo hinter den Kulissen, hinter den Vorhängen raschelte es zur Antwort. Dann nichts. Vielleicht hielt sich Georgie eine Katze – wenn auch wohl nur der Himmel wusste, wovon sich Mäuse an diesem Ort ernähren sollten.

Er läutete wieder, zweimal.

Wenn man sichs recht überlegte, wäre ein satingepolstertes De-Luxe-Modell ein tolles Boudoir für Mäuse. Vielleicht kamen sie nachts zum Schlafen vorbei und luden ihre Freunde zu sich ein. Hm, sich voreilig begraben zu lassen, war riskant. Zweifellos könnte das eine Erklärung dafür sein, warum Sargträger während des Leichenzugs häufig damit beschäftigt waren, ihre Ohren an die Sargseite zu pressen: Sie beurteilten die verzweifelten Kratzgeräusche aus dem Innern.

Aber das müsste schon eine Mordskatze sein, um anderthalb Meter über dem Saum durch die Vorhänge zu linsen. Und auf dem Rückzug die Dielen knarren zu lassen. Kramer hielt das Ganze für aufschlussreich und beruhigend. Irgendwas lag eindeutig in der Luft.

Ein Eindruck, der sich fast im gleichen Moment durch die Ankunft von Sergeant Fanie Prinsloo, der in dieser Woche als Polizeifotograf einsprang, bestätigte.

»Bin gekommen, um meine kleinen Schnappschüsse zu machen«, sagte er vergnügt, als er eine gewaltige Gerätetasche auf der Theke absetzte. Prinsloo konnte nie widerstehen, jedes verdammte Teil der Ausrüstung mitzubringen; normalerweise arbeitete er in der Abteilung Fingerabdrücke und musste seinen künstlerischen Tatendrang am Wochenende mit einer Boxkamera befriedigen.

Kramer begrüßte ihn zurückhaltend.

»Was gibts, Lieutenant?«, sagte Prinsloo nach einer Pause. »Versuchen Sies mal«, schlug Kramer vor und schob die Glocke hinüber.

Prinsloo war sichtlich verwirrt über dieses ganze förmliche Getue. Aber er grinste und drückte mit seiner Filetsteakfaust drauf. Es rührte sich immer noch nichts.

Deshalb seufzte Kramer, und Prinsloo verwechselte Erleichterung mit Erregung. Nicht dass der Sergeant dumm war, nur neu bei der CID und bis jetzt kaum bekannt mit den Männern im Morddezernat – ein Umstand, den Kramer auszunutzen gedachte. Seine Masche war, das ungeschriebene Gesetz Nr. 178/a umzukehren, das einem Polizisten das Vorrecht einräumte, Unwissenheit vorzuschützen, um die Fähigkeit von Untergebenen unter Beweis zu stellen.

»Okay, Sergeant, wie lauteten Ihre Befehle?«, lockte Kramer. Im Zusammenhang mit einem Routineauftrag war Befehle ein ziemlich übertriebenes Wort, doch Prinsloo erkannte das Ritual und erwiderte ganz korrekt: »Mir wurde aufgetragen, mich hier bei Ihnen zu melden und alle notwendig scheinenden Fotos zu machen.«

»Von?«

»Irgendeiner Puppe oder so.«

»Name?«

»Äh – irgendwas Le Roux, Sir.«

»Theresa Le Roux?«, schnauzte Kramer, um den erwünschten Grad an Verlegenheit zu erreichen.

Um Beschwichtigung bemüht, sprudelte jetzt, wie vorauszusehen, alles heraus: »Hören Sie, Sir, ich war gerade in der Dunkelkammer, als der Chef durch die Tür brüllte, dass ich mich gefälligst schnell hierher begeben sollte, weil Sie schon auf dem Weg seien, und Dr. Strydom an der falschen Leiche eine Obduktion gemacht hätte, weil Abbott Scheiße gebaut hätte und es Mord sei.«

Kramer blieb stumm – wozu schon etwas gehörte.

»Das ist alles, was er sagte, Sir. Plus den Namen. Aber Sie –?«

»Kein Grund, sich so...


McClure, James
James McClure, geboren 1936 in Johannesburg, arbeitete als Fotograf und Lehrer, bevor er sich dem Schreiben widmete. Weil er offen über Polizeigewalt gegen schwarze Südafrikaner berichtete, wurde er von den Behörden überwacht und drangsaliert. 1965 emigrierte er mit seiner Familie nach England, wo er als Journalist tätig war. Bekannt wurde er mit seiner achtteiligen Krimiserie um das Ermittlerduo Kramer und Zondi. Für Steam Pig wurde er 1971 mit dem CWA Gold Dagger ausgezeichnet. Er starb 2006 in Oxford.



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