E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Reihe: Kramer und Zondi ermitteln
McClure Gooseberry Fool
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-293-30953-1
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Südafrika-Thriller. Kramer & Zondi ermitteln (4)
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Reihe: Kramer und Zondi ermitteln
ISBN: 978-3-293-30953-1
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
James McClure, geboren 1936 in Johannesburg, arbeitete als Fotograf und Lehrer, bevor er sich dem Schreiben widmete. Weil er offen über Polizeigewalt gegen schwarze Südafrikaner berichtete, wurde er von den Behörden überwacht und drangsaliert. 1965 emigrierte er mit seiner Familie nach England, wo er als Journalist tätig war. Bekannt wurde er mit seiner achtteiligen Krimiserie um das Ermittlerduo Kramer und Zondi. Für Steam Pig wurde er 1971 mit dem CWA Gold Dagger ausgezeichnet. Er starb 2006 in Oxford.
Weitere Infos & Material
3
Dr. Strydom fuhr gut, allerdings schneller, als Kramer gedacht hätte. Sie überquerten die Nationalstraße und fuhren in nördlicher Richtung über die fast leeren Straßen auf das Zentrum von Trekkersburg zu. Es war nach Mitternacht und lange nach Anbruch der Ausgangssperre, und die einzigen Fußgänger waren ein paar Weiße. Es war noch immer sehr heiß.
»Wo ist der Schnaps?«, fragte Kramer.
Strydom wies mit dem Daumen über die Schulter. Kramer schaute nach hinten und sah die schwarze Arzttasche auf dem Rücksitz – einfach perfekt zur Entfernung eines solchen Beweismittels.
»Großartig«, sagte er.
»Ich muss schon sagen, dass ich überrascht war über Ihren Vorschlag, Lieutenant. Habe Sie immer ein bisschen als einsamen Wolf betrachtet.«
»Wenn Sie nicht Rotkäppchen sind, passiert Ihnen nichts, Doktor.«
Strydom hätte gelacht, war sich aber nicht sicher über Kramers Ton. Doch ein kurzer Seitenblick überzeugte ihn davon, dass sein Mitfahrer völlig entspannt und gut gelaunt war.
»Die Wahrheit ist«, sagte Kramer, »dass mir heute Nacht alles egal ist. Eigentlich schon die ganze Woche. Das ganze Jahr, wenn Sie so wollen.«
»Quatsch, Mann – Sie haben doch gute Arbeit geleistet da oben in Ladysmith. Wer sonst wäre schon auf die Idee gekommen, im Siege-Museum nach dem Revolver zu suchen! Könnte schwören, dass ich ahne, wo der Hase im Pfeffer liegt, Lieutenant.«
»Dass ich Urlaub brauche?«
»Nein, und die Hitze isst es auch nicht. Aber wie ich gehört habe, ist die … « Dann bremste er sich noch einmal, was gut war, denn Kramer hatte entschieden etwas dagegen, über sein Privatleben zu sprechen, besonders, wenn aus Neugier statt aus Anteilnahme gefragt wurde. Strydom war nicht der einzige elende Schnüffler, der gerne herausbekommen hätte, was die Witwe Fourie am Kap machte.
»Was haben Sie gehört, Doktor? Dass der Colonel im Freistaat ist?«
»Ja, genau, wirklich schade, denn Sie beide arbeiten doch gut zusammen«, sagte Strydom, dankbar, dass es so glimpflich abging.
Womit ihr Gespräch fürs Erste beendet war. Schließlich wurde Strydom das Schweigen unangenehm.
»Was denken Sie?«, wollte er wissen.
»Dass es verflucht weit ist bis zu Ihnen. Sind Sie umgezogen, oder was?«
»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, Lieutenant.«
»Wie – haben Sie noch einen Job zu erledigen?«
»Sie auch. Hat Van der Poel Ihnen das nicht gesagt?«
»Was?«
»Oben am Turner’s Hill hat es einen Autounfall gegeben, und der Verkehrspolizei gefällt die Sache nicht besonders. Darum wollte man, dass Sie mitkommen.«
»Man? Colonel Du Plessis?«
»Das wars, was man Van der Poel gesagt hat.«
»O Gott!«
»Hat man Sie nicht informiert?«
Kramer war informiert worden, natürlich, aber er hatte keinen Augenblick – das war das Letzte. Das war, verfluchte Scheiße noch mal, das Allerletzte. Ein Autounfall, Allmächtiger! Demnächst würden sie ihn noch zur Ausweiskontrolle holen. Es ergab keinen Sinn. Überhaupt keinen. In tausend Jahren nicht. Nie. Doch. Es ergab doch einen Sinn, so wie das unvertraute Geräusch eines Schalldämpfers, wenn die Kugel über dem Kopf einschlägt.
Irgendein Mistkerl wollte ihm was, und dieser Mistkerl musste ausgerechnet Colonel Korinthenkacker Du Plessis sein. Der alte Scheißer hatte es Kramer nie verziehen, dass er ihn im Le-Roux-Fall lächerlich gemacht hatte, ebenso wenig wie er Colonel Muller verziehen hatte, seinen Platz eingenommen zu haben, als er aus dem CID herausgedrängt worden war. Aber jetzt, über Weihnachten, hatte er das Ruder wieder in der Hand und sich vorgenommen, sich zu amüsieren, und er würde ohne Zweifel willige Mitstreiter finden – Rotznasen, die immer nur Ärger gemacht hatten, seit sie aus den Windeln heraus waren. Ärger, Heimlichkeiten, ein schnelles Grinsen und gerade genug Grips, um den Weg nach oben zu erkennen und zu wissen, wie man jemandem in den Arsch kriecht, um dorthin zu kommen. Natürlich war es auch für sie eine Gelegenheit, auf die sie nur gewartet hatten. Scheißkerle wie Viljoen, Prinsloo, Evans, Van Reenen und … Wenn die Liste kürzer gewesen wäre, hätte er sie sich längst vorgeknöpft hinter dem Knast, wo die Schwarzen sich an dem Geschrei hätten freuen können. Was nicht ganz stimmte, denn normalerweise verschwendete er keinen Gedanken an sie, und zudem gab es immer wieder welche von der Art. Unfähige und Inkompetente, die neidisch auf seine Leistungen waren, sie dem Glück zuschrieben, die in gehässigen kleinen Zischeleien Trost suchten und Nadelstiche anbrachten wie verrückte alte Hexen an Wachspuppen, in der Hoffnung, ihn dahinwelken zu sehen. Jetzt kam er allerdings nicht umhin, an sie zu denken, denn er stand unter Befehl und musste ihnen gehorchen. Ihnen! Heiliger Himmel, aber so sah es nun einmal aus. Er musste ihren Befehlen gehorchen oder ausscheiden. Wenn er ging, war das auch für Colonel Muller eine Scharte. Widersetzte er sich den Befehlen, passierte das gleiche. Zum Teufel mit ihnen! Er würde dabeibleiben und einen Weg finden, die Befehle so auszuführen, dass es einen bleibenden Eindruck hinterließ. O ja. Diese Schweine.
»Was gefällt der Polizei denn nicht an der Sache, Doktor?« Kramers Ton war knurrig und verriet seinen Gemütszustand. Und mit einem Kichern fügte er schnell noch hinzu: »Nicht, dass einem Autounfälle überhaupt gefallen sollten.«
Wieder ein rascher Seitenblick von Strydom. »Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht, Lieutenant. Wir werden es gleich selbst sehen können, sobald wir über diesen Berg sind.«
Die Autoscheinwerfer beleuchteten eine lange, gerade Abwärtsstrecke, die in einer scharfen Rechtskurve endete. Diese Kurve war so gefährlich, dass die Autofahrer durch drei Warnschilder darauf aufmerksam gemacht wurden, obgleich jedem klar war, dass man herunterschalten und Vorsicht üben musste. Am Fuß des Berges lag ein Haufen Schrott, um den eine Schar von Leuten herumstand. Jemand war direkt durch die Leitplanke gebrochen.
»Ein Wahnsinniger«, murmelte Strydom und parkte. »Die erste Karambolage am Turner’s Hill, seit die Schilder aufgestellt worden sind.«
Kramer stieg aus und reckte sich, er nahm es mit Fassung. Der verantwortliche Verkehrspolizist kam die Böschung heraufgeklettert und grüßte ihn. Kramer ignorierte ihn, ging die Straße entlang und betrachtete die Szene genau. Der Polizist schlurfte peinlich berührt hinter ihm her und sah Strydom Hilfe suchend, aber vergebens an.
»Keine Bremsspuren«, sagte Kramer. »Die Bremsen sind aber in Ordnung.«
Der Polizist war tief beeindruckt. »Jawohl, Sir!«
»Die Lenkung funktioniert auch.«
»Stimmt, Sir!«
»Und die Schaltung ist ebenfalls okay.«
»Sir!«
»Warum hat der blöde Kerl dann die Kurve nicht geschafft? Ist das die Frage?«
»Ich würde sagen, er wollte nicht, Sir – er wollte sich umbringen.«
»Ist das ungewöhnlich?«
»Nein, Sir, wir haben öfters damit zu tun, doch es ist immer schwer zu sagen. Manchmal sind wir sicher, aber…«
»Ich habe in einer Illustrierten gelesen, Selbstmord mit dem Auto käme immer häufiger vor.«
»Das ist auch meine Meinung, Sir.«
»So? Und warum haben Sie mich angefordert? Sie wissen doch anscheinend alles.«
»Ich habe Sie nicht angefordert, Sir. Ich wurde davon unterrichtet, dass Sie kommen.«
Darüber dachte Kramer einen Augenblick nach, dann ging er zum Wagen des Polizisten und nahm die Sprechmuschel des Funkgerätes heraus. »Den CID bitte«, sagte er, »ich möchte Colonel Du Plessis sprechen.«
Nach drei Minuten Wartezeit wurde Kramer informiert, dass der Colonel das Gebäude längst verlassen hatte, aber der diensthabende Beamte, Captain Malan, bereit sei, mit ihm zu sprechen. Malan war ein Weißer und ein arroganter dazu.
»Trompie?«
»Koos, vielleicht können Sie mir sagen, was zum Teufel ich hier draußen bei diesem Verkehrsunfall mache. Die Polizei hat die Situation im Griff, und ich habe ganz andere Probleme, Mann.«
»Teufel auch, ich wünschte, ich wüsste es, Trompie.«
»Sollten Sie aber, oder?«
»Ich kann nur wiedergeben, was Colonel Du Plessis gesagt hat, bevor er ging. Er will, dass Sie sich den Unfall genau ansehen und die Ermittlungen führen.«
»Ist das alles?«
»Mehr habe ich nicht.«
»Weiß er, dass ich einen Mord habe?«
»Sagt, der sei in guten Händen.«
»Bei Zondi? Das wär ja ’n Ding!«
»Hat er gesagt.«
»Na schön, aber ich bin immer noch der verantwortliche Ermittlungsbeamte – ist ihm das klar?«
»Nehme ich an, Trompie. Hören Sie, es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht mehr sagen kann. Vielleicht hat der Typ in dem Auto eine fette Lebensversicherung.«
»Ist nicht meine Aufgabe, Versicherungen aus der Patsche zu helfen, Koos.«
»Selbstmord ist eine Straftat.«
»So. Mord auch, habe ich gehört. Bis bald.«
...



