McClean | Das Kind in der Speicherstadt | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

McClean Das Kind in der Speicherstadt


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8319-1006-9
Verlag: Ellert & Richter
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-8319-1006-9
Verlag: Ellert & Richter
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In einem verborgenen Winkel der Hamburger Speicherstadt wird die Leiche eines jungen Mannes gefunden. Neben ihm: ein zwölfjähriges Mädchen, das nicht spricht. Wer ist der Tote, was hat das Mädchen mit ihm zu tun? Kommissar Gisbert Arning tappt völlig im Dunkeln. Für seine neue Assistentin Veronika Dorn, eine ehemalige Psychologin, gibt es mit einem Mal viel zu tun. Während sie sich einfühlsam um das stumme Kind kümmert, vernachlässigt sie allerdings die tägliche Polizeiroutine sträflich. Noch ein Grund mehr für Arning, mit dem Fall und seinem Team zu hadern. Eine emotionale Frau inmitten einer Männerwelt - Katrin McClean lässt die Gegensätze nicht nur lustvoll aufein- anderprallen; mit Veronika Dorn schafft sie eine Persönlich- keit, die man nicht mehr vergisst.

Katrin McClean wurde als Katrin Dorn 1963 in Thüringen geboren. Sie studierte in Leipzig Psychologie und hat danach im freien Kulturbetrieb gearbeitet, wo sie u. a. die Literaturzeitschrift 'Edit - Papier für neue Texte' ins Leben rief. 1996 ging sie als freie Autorin nach Berlin und siedelte 2001 nach Hamburg über. Sie unternahm längere Reisen nach Argentinien und Panama. 2007 heiratete sie den Jazz-Sänger Frank McClean. Katrin McClean war außerdem an verschiedenen Theaterprojekten beteiligt und gibt Kurse für Kreatives Schreiben an der Hamburger Volkshochschule.
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3

Sie kam drei Minuten zu spät. Es wäre noch später geworden, wäre sie die letzten fünfzehn Minuten nicht gefahren, als nähme sie an den Cyclassics teil, dem jährlichen Radrennen von Hamburg. Der Schweiß triefte von ihren Schläfen, sie wischte ihn mit einem Papiertaschentuch ab, atmete ein letztes Mal tief durch und klopfte an.

Von drinnen hörte sie Schritte. Die Tür öffnete sich, und Veronika sah einen Mann, der sie überraschte. Unter einem Personalchef der Polizei hatte sie sich einen älteren Beamten vorgestellt, einen Büroarbeiter mit blassem, faltigem Gesicht, Bauchansatz und grauen Schläfen. Stattdessen stand ein Freizeitsportler vor ihr, braun gebrannt und kaum älter als sie, den muskulösen Oberkörper in ein enges, orangefarbenes T-Shirt gezwängt.

Seine dunklen Haare waren bis auf einen Millimeter abrasiert. Er lachte.

„Sind Sie von Altona hierhergerannt, Frau Dorn?“

Sie erklärte ihm, wie sie gekommen war und dass sie die Strecke unterschätzt hatte.

„Dann wollen Sie sich doch sicher erst einmal etwas frisch machen“, sagte der Athlet und zeigte ihr den Weg zu den Toiletten.

Verwundert folgte Veronika seinem Fingerzeig. Erst als sie ihr Spiegelbild sah, verstand sie, worüber er sich amüsiert hatte. Sie sah aus, als hätte ein Kleinkind versucht, sie für Halloween zu schminken. Die Wimperntusche war verlaufen und der Lippenstift verschmiert. Vor Peinlichkeit wurde ihr noch im Nachhinein heiß und kalt.

Schnell wusch sie die Schmiererei ab und verzichtete darauf, sich neu zu schminken. Als sie das Büro wieder betrat, lächelte der Sportsmann immer noch, und der Mann, der neben ihm an einem Konferenztisch saß, schien das auch alles ganz lustig zu finden. Zumindest hatte er die Winkel seines kleinen Mundes ein wenig nach oben gezogen. Der Mund war das Einzige, was klein an ihm war. Seine kurzen, schmalen Lippen schienen vom Rest des Gesichts geradezu eingedrückt zu werden. Dieses Gesicht war massig, voller Wülste und Fettpolster. Die Augen lagen wie kleine, glänzende Eier in dicke Tränensäcke gebettet. Die Wangen fielen schwer herab, sackten an den Mundwinkeln vorbei und gingen in ein gewaltiges Doppelkinn über. Wie ein Berg saß dieser Mann auf seinem Stuhl und ließ seinen Blick auf Veronika ruhen. Sein Lächeln war wieder verschwunden.

„Kommissar Arning“, stellte ihn der Personalchef vor. „Ihr zukünftiger Abteilungsleiter“, fügte er hinzu, als hätte er Veronika bereits eingestellt.

Sie startete den ersten Gegenangriff. „Ich glaube wirklich nicht, dass ich für diese Stelle geeignet bin.“ Doch sie spürte gleich, dass die Strategie, die bei Doberenz gewirkt hatte, hier nicht funktionierte. Der Personalchef war viel zu attraktiv. So einem Mann wollte sie normalerweise gefallen. Es widerstrebte ihren natürlichen Instinkten, sich ihm gegenüber aufzuspielen wie eine Gouvernante. Und nun kam ihr der schöne Mensch im Apfelsinenlook auch noch mit einem Beweis von Freundlichkeit entgegen: „Wir haben vom Arbeitsamt bereits erfahren, dass Sie an Ihrer Eignung zweifeln“, sagte er und fügte hinzu: „Das nimmt uns eigentlich gerade für Sie ein. Wer an sich zweifelt, ist ja meistens auch bereit zu lernen. Wir haben hier eher Schwierigkeiten mit Kollegen, die immer glauben, sie wüssten schon alles.“

Er blickte zu Arning. Der versagte ihm ein zustimmendes Nicken und fuhr fort, Veronika mit seinen Eieraugen zu mustern.

Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, von dem Polizeieinsatz im Schanzenviertel zu erzählen, dem einzigen, an dem sie je beteiligt gewesen war.

Es war 1991 gewesen, einen Tag, nachdem die USA den Golfkrieg begonnen hatten. Studenten hatten spontan eine Protestaktion gegen die Bombardierung von Bagdad organisiert. Das Ganze kam völlig unerwartet, und da fast alle Hamburger Polizeikräfte auswärts im Einsatz waren, holte man die letzten Semester der Polizeischule zur Verstärkung in die Schanzenstraße. Auch die Frauen.

Zum ersten Mal stand Veronika außerhalb einer Übung in Reih und Glied, das Gesicht hinter dem Plexiglas ihres Helms verborgen, den Schlagstock griffbereit am Koppel. Aber vor ihr liefen keine Randalierer, vor denen man die Bevölkerung schützen musste. Die Demonstranten, die an ihr vorbeiliefen, vertraten mit ihren Transparenten genau das, was sie selbst dachte. Am liebsten hätte sie Helm und Schlagstock weggeworfen, um wie sie ihre Haltung gegen sinnlose Gewalt zu zeigen. Verborgen hinter ihrem Schild und für niemanden hörbar flüsterte sie: Bitte behaltet die Nerven, bitte lasst mich nicht zuschlagen müssen. Ihre Bitten wurden erhört, zumindest war es friedlich geblieben. Und sie hatte sich an diesem Tag etwas eingestanden, das sie in Wirklichkeit schon lange mit sich herumgetragen hatte. Sie wollte gar keine Polizistin sein.

Der Personalchef und der dicke Herr Arning sahen sie abwartend an.

Ich kann jetzt unmöglich die ganze Geschichte erzählen, dachte Veronika und versuchte, die Sache auf den Punkt zu bringen: „Ich habe dem Arbeitsamt schon gesagt, dass ich keine gute Polizistin bin. Als Psychologin bin ich viel besser.“

An den Mienen der beiden sah sie, dass diese Erklärung nicht reichte. Sie war ja auch dürftig. Veronika setzte von Neuem an. „Meine Fähigkeiten liegen mehr darin zu verstehen, wie Aggressionen in einem Menschen entstehen können. Ich kann jemandem helfen, seine Wut zu bewältigen. Ich kann mit ihm die Gründe für seinen Zorn erforschen. Aber ich bin nicht gut darin, mich mit jemandem auseinanderzusetzen, der von seiner Wut gerade ganz besessen ist.“

Arning und der Personalsportsmann sahen sie unverändert aufmerksam an. Sie versuchte es noch einmal anders: „Es ist doch ganz einfach. Mich interessiert, wie Gewalt entsteht, aber nicht, wie man sie mit Gegengewalt bekämpft. Und das ist ja wohl die Aufgabe der Polizei.“

„Als Ermittlungsassistentin sind Sie doch keine gewöhnliche Polizistin“, wandte der Personalchef ein und lächelte sie wieder an, diesmal ohne sich nach Arning umzusehen.

Der Dicke hatte sie ohnehin längst durchschaut, das spürte sie. Ihm war klar, dass sie einfach nicht wollte. Aber diese Erkenntnis schien ihm nicht zu genügen. Veronikas Ablehnung musste in seinen Augen etwas Unlogisches haben. Schließlich wurde der Job gut bezahlt.

Sie dachte, das Einzige, womit sie noch überzeugen konnte, war wohl, einfach zu sagen, was sie wollte beziehungsweise nicht wollte. So wie sie es in ihrer Therapeuten-Ausbildung gelernt hatte: Direkte Kommunikation spart Zeit und Nerven und verhindert Missverständnisse.

Also sagte sie: „Ich möchte nie wieder mit einer Waffe in der Hand Menschen bedrohen. Menschen, von denen ich noch nicht einmal weiß, aus welchen Gründen sie etwas vermeintlich Kriminelles tun.“

Arning gab ein Schnaufen von sich. Wahrscheinlich hatte sie gerade seine Berufsehre angegriffen, dachte Veronika und fügte schnell hinzu: „Ich will nicht bestreiten, dass die Öffentlichkeit manchmal mit Waffengewalt geschützt werden muss. Nur ich persönlich, ich kann das nicht.“

Der schöne Personalmensch lenkte ein: „Soweit ich informiert bin, ist für Sie gar keine Dienstwaffe vorgesehen.“ Er sah zu Arning, und zum ersten Mal rührte sich der Kommissar.

„Nur im äußersten Notfall“, antwortete er und beugte sich ein wenig zu Veronika vor. „Zur Selbstverteidigung.“

Kam es ihr nur so vor, oder hatten sich seine Mundwinkel eine Sekunde lang in leisem Spott verzogen?

„Was wir brauchen, ist jemand, der die Kollegen auf der psychologischen Ebene der Ermittlungen unterstützt“, erklärte der Personalmann. „Sie sind doch Expertin auf dem Gebiet der Gesprächsführung, oder nicht?“

„Ich habe therapeutische Gespräche geführt, keine investigativen.“

„Gerade deshalb wissen Sie wahrscheinlich besser als wir, was in einem Täter vorgeht“, sagte der Sportler und erinnerte dabei unangenehm an Doberenz. „Sehen Sie, die Verbrechen haben sich in den letzten Jahren geändert. Es gibt völlig neue Fälle. Nehmen Sie die Amokläufer in den Schulen. Der normale Kriminalbeamte steht ratlos davor. Und da haben wir jetzt, wo gerade wieder eine Stelle frei geworden ist, Ihr Profil beim Arbeitsamt gesehen und uns gesagt: Nehmen wir doch mal eine Psychologin ins Team.“

So war das also. Nehmen wir doch mal die Veronika Dorn ins Team, als Versuchskaninchen. Die haben das längst beschlossen, stellte sie fest, da kann nicht mal mein verschmiertes Make-up was dran ändern, nicht mal mein Pazifismus.

„Also ein Arbeitsverhältnis auf Probe“, vergewisserte sie sich.

„Natürlich“, bestätigten Arning und der Personalsportsmann gleichzeitig.

Letzterer schob ihr die Vertragspapiere zu.

„Denken Sie in Ruhe darüber nach.“

Mit dem Vertrag in der Tasche schloss sie ihr Fahrrad auf. Bevor sie losfuhr, zog sie die Papiere noch einmal hervor und suchte den Absatz, in dem ihr Gehalt angegeben war. Es war doppelt so viel Geld, wie sie zur Zeit im Monat hatte.

Sie trat in die Pedale. Ich mach das nicht, redete sie beim Fahren auf sich ein, nicht für Geld, nicht für gute Worte. Und wenn sie mir hundert Mal versprechen, ich muss keine Gewalt anwenden. Das ist Quatsch. Polizei bleibt Polizei.

Außerdem ist es viel zu weit, dachte sie, merkte aber, dass dieser Einwand der schwächste von allen war.

Schon zwanzig Minuten später hatte sie das Univiertel erreicht. Beinahe hätte sie einen Studenten angefahren, der zwei volle Kaffeebecher über die Straße balancierte. Die Ampel an der Grindelallee überfuhr sie bei Rot und wurde dafür mit einem wilden Hupkonzert bestraft. Doch so schnell sie auch fuhr, sie entkam dem Gefühl nicht, das sich in ihr ausbreitete. Ein...


Katrin McClean wurde als Katrin Dorn 1963 in Thüringen geboren. Sie studierte in Leipzig Psychologie und hat danach im freien Kulturbetrieb gearbeitet, wo sie u. a. die Literaturzeitschrift „Edit – Papier für neue Texte“ ins Leben rief. 1996 ging sie als freie Autorin nach Berlin und siedelte 2001 nach Hamburg über. Sie unternahm längere Reisen nach Argentinien und Panama. 2007 heiratete sie den Jazz-Sänger Frank McClean.
Katrin McClean war außerdem an verschiedenen Theaterprojekten beteiligt und gibt Kurse für Kreatives Schreiben an der Hamburger Volkshochschule.



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