Mazzucco | Die Villa der Architektin | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 478 Seiten

Reihe: Transfer Bibliothek

Mazzucco Die Villa der Architektin


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-99037-157-2
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 478 Seiten

Reihe: Transfer Bibliothek

ISBN: 978-3-99037-157-2
Verlag: Folio
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Sie wird das Jahrhundert verblüffen. Die erste Architektin der Geschichte. Rom im 17. Jahrhundert - prachtvolle Paläste, monumentale Kuppeln, kostbarer Stuck. Durch die selbstherrliche Macht der Päpste und Kardinäle wächst die Stadt im barocken Prunk. Während Frauen Kind auf Kind gebären und sich für die Familie abschinden, malt eine 13-Jährige ihr erstes Altargemälde. Der Vater, plebejisches Künstlergenie und Komödiendichter, führt das Wunderkind in die Kunst ein und lehrt sie, an das Unmögliche zu glauben. Plautilla Bricci wird nicht nur eine bedeutende Malerin und Mitglied der Accademia di San Luca, sondern auch die erste Frau, die einen prächtigen Palazzo nach eigenen Entwürfen plant und vollendet. Gegen alle Widerstände wird ihr Name in den Grundfesten der Villa Benedetta auf dem Gianicolo eingraviert sein ...

Melania G. Mazzucco hat eine Vorliebe für historische Stoffe, sie recherchiert für ihre Romane jahrelang in Archiven und Bibliotheken, studiert Briefe und Originaldokumente. Sie erzählt mit epischer Kraft und großer Leichtigkeit, verwebt kunstvoll Geschichte mit Fiktion. Für den Roman 'Vita' über das Schicksal italienischer Auswanderer nach Amerika gewann sie 2003 den wichtigsten italienischen Literaturpreis Premio Strega. Für 'Die Villa der Architektin' wurde sie mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter den renommierten Premio Stresa und den Premio Manzoni. Ihre Romane wurden in 27 Sprachen übersetzt. Mazzucco lebt und arbeitet in Rom.
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Weitere Infos & Material


Der Wal
Der Grundstein
Teil eins: Die Tochter von Giano Materassaio (1616–1628)
Teil zwei: Die römische Jungfrau (1629–1640)
Teil drei: Die meisterhafte Plautilla (1640–1656)

Teil vier: Die Architektin (1656–1669) Bildtafel I + II: Presentazione del Sacro Cuore di Gesù al Padre Eterno Bildtafel III + IV: Nascita di San Giovanni Battista

Das Alter (1678–unendlich)
Rom 2002–2019

Anmerkung

Verzeichnis der historischen Personen

Bildnachweis


Der Wal


Das Ding war grau wie Staub und gekrümmt wie der Brennhut eines Alchemisten: unten bauchig, sich nach oben hin verjüngend. Es war nicht größer als ein halber Handteller. Plötzlich lag es auf dem Schreibtisch meines Vaters, ganz oben auf einem Stapel von Papieren, die er mit seiner hastigen Schrift bekritzelt hatte. Zuerst hielt ich es für einen Briefbeschwerer, das Fragment einer antiken Statue. Mein Vater sammelte nämlich, den lautstarken Protesten meiner Mutter zum Trotz, alle möglichen Objekte, egal ob sie menschengemacht oder ein Natur- oder Zufallsprodukt waren. Er grub sie aus, tauschte sie mit anderen Schatzjägern, hin und wieder kaufte er sogar ein Stück, sodass sein Atelier mittlerweile eher dem Laden eines Altwarenhändlers glich denn der Werkstatt eines Malers.

In Schachteln aus Birnbaumholz bewahrte er Teile von Märtyrerknochen auf, die großen Zehen vergangener Gottheiten und Nierensteine, die sein Schwager aus den Nachttöpfen seiner Patienten gefischt hatte. Er verstaute sie auf den Regalen zwischen zerfledderten, auf Hebräisch oder Latein verfassten Büchern und Abbildungen sezierter Körper aus dem Anatomieatlas; sorgfältig versiegelt in einer Glaskaraffe befanden sich sogar ein paar Haare des ytzquinteporzotli und des xoloitzcuintli, des mexikanischen Hundes und Wolfes. Dieses stets im Halbdunkel liegende Zimmer, das nach Leim, verbranntem Holz und altem Papier roch, das Universum meines Vaters, als er noch nicht mein Vater war, übte auf mich eine unwiderstehliche Anziehung aus, wie ein Magnet auf einen Eisenspan.

Mein Vater wollte nicht gestört werden, legte jedoch nie die Kette vor die Tür. Im Grunde sah er mir gern zu, wie ich in seinen Schätzen stöberte. Meine Schwester Albina zeigte keinerlei Interesse für seine Zeichnungen und seine getrockneten Blumen. Er hob kaum merklich den Kopf vom Blatt und forderte mich mit an die Lippen gelegtem Finger auf, leise zu sein. Dann tauchte er die Feder in die Tinte und vergaß mich. Ich saß mit baumelnden Beinen auf einem Hocker und sah ihm zu, wie er schrieb, schrieb, schrieb. Keine Ahnung, was. Damals konnte ich gerade mal buchstabieren. Und ich verstand auch nicht, warum ein Maler so oft von der Feder Gebrauch machte.

Das Ding war jedoch weder das Fragment einer Skulptur noch ein Stein. Es stank durchdringend nach Meer und Fäulnis, als ob es einmal lebendig gewesen wäre und es zum Teil noch immer war. Es war Februar, aufgrund der Kälte mussten wir die Fensterläden geschlossen halten, und der Gestank verbreitete sich so rasch, dass einem übel wurde. Am ersten Tag forderte ihn meine Mutter angeekelt auf, das widerliche Ding verschwinden zu lassen. Mein Vater bedachte sie nur mit einem mitleidigen Blick. Schweig, dummes Weib, murmelte er, du hast ja keine Ahnung, wovon du sprichst. Das „widerliche Ding“ ist wertvoller als alles andere hier drinnen, sagte er tadelnd. Wie viel?, fragte meine Mutter, plötzlich interessiert, und streckte die Hand aus. Mein Vater gab ihr einen scherzhaften Klaps darauf. Manche Dinge sind so selten und kostbar, dass sie keinen Preis haben; ich würde es nicht einmal für tausend Scudi verkaufen. Für tausend Scudi würde ich sogar meinen Mann verkaufen, sagte meine Mutter lachend und blinzelte mir zu, doch leider ist er nicht so viel wert. Doch dann fügte sie überraschend liebevoll hinzu, Giovanni, wirf es weg, es verpestet die Luft, ich möchte nicht, dass die Kinder davon krank werden.

Doch das Ding verschwand nicht. Der Geruch nach Meer und Fäulnis verbreitete sich in jeden Winkel der Wohnung, bis das Ding allmählich vertrocknete und so tot war wie ein Mineral.

Doch es war kein Mineral. Kein Stein, nicht einmal Tuffstein. Es sah eher aus wie Elfenbein oder Horn. Die Oberfläche war porös, hatte winzig kleine Löcher. Auf einer Seite befanden sich weißliche Borsten wie die eines Wildschweins. Mein Vater beschwor mich, sorgsam damit umzugehen, denn es sei der Körperteil eines Tieres, das man in unserem Meer nie zu Gesicht bekäme. Eines Wesens aus einer anderen Welt. Eines Wals.

An Winterabenden, wenn Regen oder Schneefall ihn am Ausgehen hinderten, führte mein Vater Szenen aus dem Rasenden Roland auf, und zwar die abenteuerlichsten Geschichten von Angelica, Astolfo und Ruggero, oder er spielte Stegreifkomödien, schwadronierte in der Rolle Pantalones, Zannis oder des Capitano auf Venezianisch, Bergamaskisch oder Neapolitanisch. Er probte die Szenen vor uns – wir waren sein erstes Publikum.

Albina und ich durften ihn nie zu Theateraufführungen begleiten, nicht einmal in private Haushalte, denn das war nur verheirateten Frauen gestattet. Doch er spielte gern vor seinen Töchtern. Wir waren unverdorben und naiv und deshalb seine strengsten Kritiker. Wenn uns eine Szene nicht gefiel, strich er sie. Wahre Komik, sagte er, muss auch bei Idioten funktionieren.

Doch seine Aufführungen im häuslichen Rahmen hatten noch einen anderen Zweck. Er wollte mich unterhalten, mich wach halten, mich von meinem Makel befreien. Diese Aufgabe hatte er sich ungefragt auferlegt, als wolle er Buße für eine Schuld tun. Ohne offensichtlichen Grund hatte ich vor einiger Zeit die Gewohnheit angenommen, ganz plötzlich einzuschlafen – ich rutschte vom Stuhl oder fiel in einem Zustand des Dämmerschlafs oder der Ohnmacht mit dem Gesicht auf den Teller. Meine Mutter vermutete, ich sei aufgrund eines Zaubers blödsinnig geworden.

Ich lachte, doch meine Fröhlichkeit ging so schnell vorbei wie ein Sommergewitter. Ich hatte meinen Makel akzeptieren müssen und das hatte mich verändert. Ich fürchtete mich vor allem, vor allem vor mir, und traute mich nicht mehr aus dem Haus: Es konnte jederzeit wieder passieren, Fremde würden mich ins Krankenhaus bringen oder mich irgendwo liegen lassen. Also blieb ich lieber zu Hause und kümmerte mich um meine kleine Schwester Antonia. Ich badete sie im Bottich, erfand ihr zuliebe Lieder und Märchen. Ich konnte es gar nicht erwarten, erwachsen und ebenfalls Mutter zu werden. Ich war bereits eine kleine, stumme und gehorsame Frau. Und das wäre ich auch geblieben, wenn auf dem Schreibtisch meines Vaters nicht dieses Ding aufgetaucht wäre.

Keine Geschichte, die er mir je erzählt hat, hat mich nämlich so berührt wie die des Wals, der an einem Abend im Februar 1624 auf den Felsen der Küste, ein Stück oberhalb von Santa Severa, gestrandet war.

Die Dunkelheit hatte sich schon auf die Festung herabgesenkt, als ein Wachsoldat im Meer – in einer Meile Entfernung, Richtung Civitavecchia – plötzlich eine dunkle Silhouette entdeckte. Vielleicht ein im Meer treibendes Schiffswrack oder eine feindliche Fregatte. Piraten eines barbarischen Volks, die einen Überfall planten. Er schlug sofort Alarm. Die Soldaten stürmten an den Strand. Doch es war weder ein Wrack noch ein Schiff. Es ähnelte nicht einmal einem Fisch. Es war so groß, dass man eine Teufelserscheinung vermutete. Im Licht der Fackeln begriffen die Soldaten, dass einige Ellen vom Ufer entfernt ein Seeungeheuer lag. Das Wasser war eiskalt. Doch nicht deshalb zögerten sie, zu ihm hinzugehen. Sie fürchteten, der Leviathan könne noch am Leben sein. Im Morgengrauen krempelte sich ein mutiger Fischer die Hosenbeine hoch und näherte sich der grauen, mittlerweile unbeweglichen Masse.

Die Soldaten riefen die Offiziere, die Offiziere die Kommandanten der Festung Santa Severa. Sie unterstand, wie alle umliegenden Ländereien, dem Ospedale di Santo Spirito. Im Licht des anbrechenden Tages offenbarte sich das Ungeheuer als harmloser Wal. Doch seit Menschengedenken war kein Wal in unser Meer eingedrungen.

Die Gelehrten erinnerten sich an einen Wal, der vor vier Jahren tot im Meer vor der Küste Korsikas getrieben hatte: vor Italien jedoch nie. Dieser da kam wohl aus dem Ozean. Vielleicht war er auf der Flucht vor einem Orca ins Mittelmeer geschwommen und hatte sich dabei so sehr verirrt, dass er den Rückweg nicht mehr gefunden hatte. Es war eine Walkuh und sie war allein. Keine Spur von einem Kalb.

Einigen Wissenschaftlern zufolge war sie sehr alt und hatte deshalb keine Gefährten. Anderen zufolge war sie von ihrem Geleitfisch verlassen worden. Der Wal lebt nämlich in Gemeinschaft mit einem langen, weißen Fisch, der sich an seiner Schnauze festsaugt und ihn immer begleitet. Er schiebt die kleinen Fische, von denen der Wal sich nährt, in sein Maul, hält Gefahren fern, und mithilfe der Bewegungen seines stacheligen Schwanzes geleitet er ihn wie mit einem Ruder durchs Meer und durch die Strömungen. Deshalb wird er auch als Lotsenfisch bezeichnet. Dafür bekommt er Nahrung und Schutz: Bei Stürmen verkriecht er sich in das sichere Maul des Wals. Die beiden können ohne einander nicht leben. Wenn der Wal seinen Lotsenfisch verliert, kann er weder vorwärts noch zurück: Er stirbt.

Die Karkasse lag eingeklemmt zwischen den Felsen, die die Küste säumen und an denen häufig Schiffe und Feluken, von den Wellen auf die Klippen geworfen, zerschellten. Sie war mehr als einundneunzig Handbreit lang und fünfzig breit, und so schwer, dass nicht einmal dreißig Männer sie an den Strand ziehen konnten. Sie beschlossen, sie an Ort und Stelle zu zerstückeln, kletterten auf ihren Rücken, der schimmerte wie ein Hügel. Die hellgraue Haut war zart und fein wie Taft.

Innerhalb weniger Stunden füllte sich der ansonsten völlig verlassene Strand mit Menschen, sie strömten so zahlreich herbei, dass nicht einmal alle Platz hatten. In Karawanen und Kutschen kamen Wissenschaftler, Zoologen, Naturliebhaber, Priester, Dichter, Maler. Manche wollten den Wal untersuchen, andere wollten ihn nur...


Mazzucco, Melania G.
Melania G. Mazzucco hat eine Vorliebe für historische Stoffe, sie recherchiert für ihre Romane jahrelang in Archiven und Bibliotheken, studiert Briefe und Originaldokumente. Sie erzählt mit epischer Kraft und großer Leichtigkeit, verwebt kunstvoll Geschichte mit Fiktion. Für den Roman „Vita“ über das Schicksal italienischer Auswanderer nach Amerika gewann sie 2003 den wichtigsten italienischen Literaturpreis Premio Strega. Für „Die Villa der Architektin“ wurde sie mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter den renommierten Premio Stresa und den Premio Manzoni.
Ihre Romane wurden in 27 Sprachen übersetzt. Mazzucco lebt und arbeitet in Rom.

Fleischanderl, Karin
Karin Fleischanderl übersetzt aus dem Italienischen und Englischen, u. a. Gabriele
D’Annunzio, Pier Paolo Pasolini, Giancarlo De Cataldo, Paolo Rumiz. Österreichischer
Staatspreis für literarische Übersetzung.

Melania G. Mazzucco hat eine Vorliebe für historische Stoffe, sie recherchiert für ihre Romane jahrelang in Archiven und Bibliotheken, studiert Briefe und Originaldokumente. Sie erzählt mit epischer Kraft und großer Leichtigkeit, verwebt kunstvoll Geschichte mit Fiktion. Für den Roman "Vita" über das Schicksal italienischer Auswanderer nach Amerika gewann sie 2003 den wichtigsten italienischen Literaturpreis Premio Strega. Für "Die Villa der Architektin" wurde sie mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter den renommierten Premio Stresa und den Premio Manzoni.
Ihre Romane wurden in 27 Sprachen übersetzt. Mazzucco lebt und arbeitet in Rom.



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