E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Mazzariol Mein Bruder, der Superheld
17001. Auflage 2017
ISBN: 978-3-492-97826-2
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vom Leben mit Giovanni, der ein Chromosom mehr hat
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-492-97826-2
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Giacomo Mazzariol wurde 1997 im norditalienischen Castelfranco Veneto geboren. Sein kleiner Bruder Giovanni, der das Down-Syndrom hat, ist für ihn ein Superheld. Seit er die Welt aus den Augen seines Bruders betrachtet, weiß er, dass man auch ohne Purzelbäume glücklich sein kann. Heute lebt und studiert er in Rom.
Weitere Infos & Material
nd da war er! In der neuen Wiege. In der neuen Familie. In dem alten gelben Strampelanzug, der vor ihm schon Chiara, dann mich und schließlich Alice umhüllt hatte. Oben ragte sein Kopf und unten ein Fuß unter der Decke hervor – so weit, so gut. Alles war an seinem Platz. Aber dieser kleine Kopf und dieser Fuß erzählten eine Geschichte, die ich erst nach und nach verstehen sollte. Ich stand neben ihm, mit dem Geparden, den ich ihm gekauft hatte. Aber anstatt ihn zu ihm in die Wiege zu legen, klemmte ich ihn fest unter meinen Arm, weil … Na ja, ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht so genau.
»Wo kommt er her?«, fragte ich meinen Vater flüsternd.
»Wie meinst du das?«
»Er ist nicht von diesem Planeten. Das sieht man gleich.«
»Wir hatten euch ja gesagt …« – er legte die Hand so warm und fest auf meine Schulter, dass ich mich damit überallhin gewagt, es mit allem aufgenommen hätte – »… dass er besonders sein wird.«
Ich nickte.
Vor allem die Augen. Die Augen waren chinesisch, vielleicht auch venusianisch, da war ich mir noch nicht ganz sicher. Oder von irgendeinem anderen Planeten, wo Leuchtkristalle aus dem Sand schießen und zehn violette Monde am Himmel stehen wie in diesem Superman-Film. Auch meine Augen sind leicht mandelförmig, man sieht also, dass wir Brüder sind, aber seine waren wirklich seeeehr asiatisch. Und dann der Hinterkopf. Sein Hinterkopf war so flach wie eine Landebahn für winzige Raumschiffe. Wäre Gio auf alle viere gegangen, hätte man seinen Kopf locker als Tablett benutzen können. Doch nichts beeindruckte mich so sehr wie die Zehen seines Fußes, die unter der Decke hervorschauten und zuckten. Denn an diesem Fuß hatte Giovanni ganze vier Zehen. Oder besser gesagt, man ahnte zwar, dass es möglicherweise fünf waren, aber der kleine Zeh und der davor waren miteinander verbunden wie zwei Kit Kat.
»Und der andere?« Ich zeigte darauf. »Sieht der andere Fuß auch so aus?«
»Ja«, sagte Papa. »Witzig, was?«
Ich zuckte mit den Schultern. War das witzig? Ehrlich gesagt, fand ich es etwas gruselig. Andererseits hatte mein bester Freund Andrea – der, offen gestanden, gerade erst nach einer gewissen Zeit in der Verbannung wieder mein bester Freund geworden war, weil er es gewagt hatte, unsere gemeinsame Freundin Lavinia dazu zu bringen, mit ihm statt mit mir zu gehen – keine Ohrläppchen. Bei ihm kamen die Ohren direkt aus dem Kopf, straff und kompakt. Jeder von uns war anders, und vielleicht konnte Giovanni ja mit einem Zeh weniger beim Toreschießen besser zielen – so wie mit nahtlosen Fußballschuhen. Jeder von uns ist anders, und manchmal kann das ein Riesenvorteil sein. Ich musste an auf die Erde gekommene Engel denken, die ihre Flügel unter Wintermänteln verstecken. An Scott Summers alias Cyclops von den X-Men, der gezwungen ist, ständig eine Sonnenbrille aufzuhaben. Giovanni würde Strümpfe und Schuhe tragen wie alle anderen auch – außer vielleicht, um sie mitten im Spiel auszuziehen, genau im richtigen Moment, knapp vor dem Strafraum, um den Ball dann auf seine Weise zu treffen, auf seine ganz besondere Weise, die den Torwart völlig überrumpeln würde. Ich zog den Geparden unter meinem Arm hervor und hielt ihn hoch, damit er ihn sehen konnte: Ich hielt ihn Gio direkt vors Gesicht.
»Du musst ein paar Wochen warten«, sagte Mama. »Noch kann er nicht sehen.«
»Er ist auch noch blind?«
Sie lachte. »Alle Neugeborenen sind blind.«
»Echt?«
»Ja.«
Völlig ungerührt hielt ich ihm den Geparden noch näher vors Gesicht und gab ihm damit einen Kuss auf die Nasenspitze.
Dass er wohl Chinese war oder von einem asiatischen Planeten stammte, begeisterte mich am meisten. Sobald ihn meine Eltern in den nächsten Tagen allein ließen, nutzte ich das aus, um mich auf Chinojapakoreanisch an ihn zu wenden: Meine Lippen formten lang gezogene Laute, hauptsächlich Vokale. Ich baute mich direkt vor ihm auf, sah ihm in die Augen, setzte ein angestrengt breites Grinsen auf und begann, Geräusche zu machen, die sich anhörten wie Radiofrequenzen.
Eines Tages ertappte mich mein Vater dabei. »Bist du verrückt geworden? Was machst du denn da?«
Ich senkte die Stimme, ohne mich von seiner Dummheit aus dem Konzept bringen zu lassen. »Ich versuche, mich mit ihm zu verständigen.«
»Und, klappt’s?«
»Das wird harte Arbeit.«
»Das kann man wohl sagen.«
»Vorhin hat er reagiert.«
»Wirklich?«
»Ja.«
»Was hat er denn gemacht?«
»Er hat sich einen Finger in die Nase gesteckt.«
»Oh!«
»Als ich was mit U und A gesagt hab. Und zwar so: Uuu-aaa-uuu-aaa.«
Gio fing an zu lachen und steckte sich einen Finger ins Ohr.
»Siehst du?«
»Du meinst also, das U und das A könnten was damit zu tun haben, dass man sich den Finger in irgendwelche Körperöffnungen steckt?«, fragte mein Vater.
Ich nickte eifrig. »Ist das nicht fantastisch?«
»Immer schön weiterüben«, sagte er. »Bloß nicht aufgeben!«
Ich begann, Gio zu beschatten. Ich war extrem fasziniert von meinem besonderen Bruder und versuchte, zu ergründen, worin diese Besonderheit genau bestand. Sobald meine Mutter ihn auch nur eine Sekunde im Kinderwagen oder in irgendeinem anderen für ihn gedachten Behältnis allein ließ, sobald sie sich umdrehte, um etwas zu erledigen, eine Schublade einzuräumen oder so, schwebte ich über ihm wie ein Spionagesatellit aus Krieg der Sterne.
»Kann ich dich mal was fragen?«, sagte ich eines Nachmittags zu meiner Mutter, als es draußen schneite. Sie war im blauen Bad – im Erwachsenenbad, das für uns Kinder tabu war: das, in dem sich Papa rasierte und sie ihre Cremes auftrug –, ich lag auf dem Bett, den Kopf in die Hände gestützt, und ließ Gio wie gewohnt nicht aus den Augen.
»Natürlich.«
»Warum habt ihr ihn so gemacht?«
»Wie meinst du das?«
»So chinesisch.«
»Na ja, man hat uns eine südamerikanische und eine asiatische Version angeboten, und da rote Laternen, Blumenmotive und Sushi gerade ziemlich angesagt sind …« Mama steckte den Kopf aus dem Bad. »Hättest du ihn lieber mexikanisch gehabt?«
Ich ließ mich aufs Kissen fallen und schnaubte.
»Außerdem: Du hast doch Nachforschungen angestellt, warum Gio so besonders ist. Weißt du das nicht mehr? Die Fragen, die du Papa und mir damals gestellt hast … Was ich am Vortag gegessen habe, ob ich mit Antonios Mama spazieren war … Also?«
»Wie, ›also‹?«
»Ist dabei nichts herausgekommen?«
»Nicht sehr viel.«
Mama verließ das Bad und zog die Kommodenschublade auf, um Handtücher herauszunehmen. »Giacomo …«, sagte sie mit dieser liebevoll-ernsten Stimme, die sie immer benutzte, wenn sie eine wirklich wahre Wahrheit mitzuteilen hatte. »Es gibt Dinge im Leben, die kann man beeinflussen, und andere, die man nehmen muss, wie sie kommen. Das Leben ist so viel größer als wir. Es ist komplex und geheimnisvoll …« Ihre Augen strahlten. In ihren Augen funkeln immer unzählige Sterne, wenn sie übers Leben spricht – auch heute noch. »Das Einzige, wofür man sich immer entscheiden kann, ist zu lieben«, sagte sie. »Bedingungslos zu lieben.«
In diesem Moment kam Chiara ins Zimmer und setzte sich neben mich aufs Bett. »Auch sein Röcheln?«, mischte sie sich ein. »Denn das zu lieben ist wirklich nicht leicht. Nachts, wenn er schläft, hört er sich an wie ein startendes Flugzeug, wenn ihr versteht, was ich meine.« Sie machte eine entsprechende Geste.
Und tatsächlich kam aus Gios Wiege nachts eine Art Dröhnen, was allerdings für Chiara kein Problem hätte sein sollen, die selbst mitten auf einer Hochbahntrasse noch selig geschlafen hätte. Ich warf ihr einen bösen Blick zu: Wir Männer mussten schließlich zusammenhalten!
»Und seine Zunge«, sagte Alice, die sich unbemerkt ins Zimmer geschlichen und uns wie aus dem Hinterhalt auf dem Bett überfallen hatte. »Warum hängt ihm ständig die Zunge raus?«
Auch das stimmte: Ständig sah man seine Zunge. Vielleicht war sie ja zu lang für seinen Mund? Vielleicht würde er in der Familie Mazzariol der Erste sein, der damit die Nasenspitze erreichen konnte. Darin waren wir echt schlecht. Aber man kann nicht ein begnadeter Baumkletterer sein und mit der Zunge die Nasenspitze berühren. Das wäre dann doch etwas zu viel verlangt.
»Meine Güte!«, rief Mama und sah auf die Uhr. »Es ist schon spät. Wir müssen los. Chiara, zieh dich bitte an, dasselbe gilt für dich, Alice.«
Sie verließen das Zimmer.
Ich weiß nicht mehr, wohin sie mussten und warum ich nicht mit sollte. Ich weiß nur, dass ich mit Giovanni allein blieb. Ich drehte mich zu ihm um, und auf einmal riss er die Augen auf wie nie zuvor. Er erwiderte meinen Blick. In diesem Moment hallte eine Stimme in meinem Kopf wider, die aus einem tiefen Brunnen zu kommen schien. Und sie sagte: »Ich verstehe alles, was ihr redet.«
Abrupt sprang ich auf. »Bist du das?«, fragte ich.
»Ich verstehe alles, was ihr redet«, wiederholte die Stimme.
»Kannst du Gedanken übertragen?«
»Redet ruhig über mich«, sagte die Stimme. »Hauptsache, ihr redet.« Dann lachte er.
...



