Mayr | Herr Kuranaga | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Mayr Herr Kuranaga

Ein Samurai zwischen Sushi und Schweinsbraten - nominiert für den Leo-Perutz-Preis 2023
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8000-8226-1
Verlag: Carl Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Ein Samurai zwischen Sushi und Schweinsbraten - nominiert für den Leo-Perutz-Preis 2023

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-8000-8226-1
Verlag: Carl Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Mysteriöse Erkrankungen nach Corona-Impfungen lassen einen Philosophie-Professor zum Detektiv werden: In Tateo Kuranaga vereinen sich die traditionsreichen Tugenden eines Samurai mit österreichischer Lebensart.  Ein Vogel im Orchestergraben, eine japanische Kommissarin auf einem Wanderfalken und menschliche Originale aus beiden Kulturkreisen kreuzen seinen Weg. Ein außergewöhnlicher Kriminalfall, der mit Kreativität und viel Witz gelöst wird.  Günther Mayr wurde schon mit vielen Namen betitelt: 'Das Gesicht der Pandemie' nennen ihn die einen, durchaus als Kompliment gemeint. 'Der Corona-Erklärer' die anderen, dankbar für die Präsentation von Fakten mit einer Brise Zuversicht und Lösungsansatz.  Und der ehemalige Gesundheitsminister Rudi Anschober nannte ihn gar 'den Hugo Portisch der Wissenschaft'. Nun legt der Leiter der Wissenschaftsredaktion des ORF einen Kriminalroman vor, der seine fachliche Kompetenz mit wunderbaren Sprachbildern, für die er so bekannt und beliebt ist, verbindet. Und Sie werden sehen, auch in diesem Metier glänzt Günther Mayr!

Günther Mayr wurde in Bregenz geboren und verbrachte seine Jugend auf einem Bergbauernhof in Murau/Steiermark. Er studierte Kommunikations- und Politikwissenschaft in Wien. Seine journalistische Laufbahn begann er beim ORF-Landesstudio Kärnten. Ab Mitte der 1990er-Jahre war er Redakteur des ORF-Wissenschaftsmagazins 'Modern Times'. 2007 wurde er Leiter der aktuellen Wissenschaftsredaktion des ORF. Seit 2021 Moderator und Sendungsverantwortlicher der ORF-Wissenschaftssendung 'Mayrs Magazin'.
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K. u. k.-Kaisersohn und Känguru


Die Schwarte krachte. Tateo Kuranaga war wieder einmal innerlich zerrissen, wie er das bewerten sollte. Er nahm das Geräusch in seinen Körper auf wie den vertrauten Schluck aus einer Tasse Tee. Mit geschlossenen Augen spürte er Klangkaskaden nach, ließ seiner Wahrnehmung freien Lauf für Verbindungen in eine Vergangenheit, deren Spuren sein Geist noch abrufen konnte wie die Nummern einer Jukebox.

Japan – der Schritt auf eine dünne Eisschicht als Kind, das berstende Eis, klirrend, knirschend, scharf splitternd zu einer Fraktur zersprungen. Das schnalzende Krachen des Baumes, dem die Axt zwei Drittel seines hölzernen Herzens zerhackt hatte. Mit seinem eigenen Gewicht zerfetzte der verwundete Riese umkippend die letzten Fasern seines Stammes, wie ein Schuss das letzte Abreißen, ein flirrender Wind in den Ästen begleitete sein Fallen, dann schlug er ächzend hin. Das knackende Geräusch nach einem Tritt auf das Standbein des Gegners, dessen Knochen durchschlagen wurden, lauter zuerst das brechende Schienbein, fast wie ein Zirpen das Knicken des Wadenbeines.

All das klang ähnlich. Die Tugend des Samurai verbot es, das Gehörte mit Gefühlen zu verbinden – es ging einzig und allein um die Aufmerksamkeit, um das klare Bewusstsein, um das Sehen von hörbaren Mustern, farbigen Klängen. Es durfte keine Rolle spielen, ob Eis zersplitterte oder ein menschlicher Knochen zerbrach. Ohne Emotionen zu erkennen, wo die beiden Vorgänge nicht mehr zu unterscheiden waren, das war Erkenntnis. Geistige Klarheit in kosmischen und menschlichen Angelegenheiten – das verlangte der siebente Dan, einer der höchsten Grade in der asiatischen Kampfkunst. Tateo Kuranaga zählte zu den wenigen, die diesen siebenten Dan, den Nana-Dan, nicht nur an sich, sondern in sich trugen. Aber Kuranaga war längst auch zum Ausländer geworden, zum Gaijin, der auch den westlichen Genüssen frönte; das lenkte ihn ab von seinem klaren Weg des Samurai, es machte ihn zu einem innerlich zerrissenen Menschen.

Zu spüren bekam das die Schwarte. Krachend zersprang sie zwischen Kuranagas fünf links oben und sechs links unten. Wie tönende Lautsprecher übertrugen die Kieferknochen den knusprigen Lärm in die Verstärkeranlage Gehirn, seine Geschmacksknospen blühten auf wie japanische Kirschbäume im Frühling. Die scharfkantigen Zersplitterungsgeräusche trafen auf die Geschmackstöne des gebratenen weichen Fleisches. In Kuranaga stieg das Bild eines virtuosen Judowurfes auf, wo die brutale Kraft der Muskeln überging in eine anmutige Flugphase, wo zwei Kämpfer wie schwerelos in einem kurzen Moment der Stille schwebten, um dann krachend auf der Matte zu landen. Kuranaga biss die zweite Schwarte durch.

„Da schaust du wieder, Japaner, was?“ Helmut Freisinger, Wirt des Wiener Gasthauses „Zur Eisernen Hand“, wusste um die Vorliebe seines Stammgastes für Schweinsbraten, er bemerkte an den Kaugeräuschen und am Mienenspiel Kuranagas, dass das Schwein einmal mehr nicht umsonst gestorben war. Doch er erreichte seinen Gast noch nicht, der Tönen und Bildern nachspürte, die sich zu immer neuen Fantasiewelten zusammenbauten, die ihm sein Gehirn wie einen flimmernden Kurzfilm vom Unterbewusstsein ins Erleben spulte. Gerade als die zwei Judokämpfer in Zeitlupe der Matte entgegenschwebten und Kuranaga instinktiv mit seinem Kopf die Abwärtsbewegung nachvollzog, registrierte sein wacher Geist das Wort „Japaner“. Der Rest war ein geübter Reflex, eine einstudierte Verteidigungsfinte des Sprachzentrums, die ohne jede weitere Überlegung in Worte umgesetzt wurde: „Nicht schlecht, Kängurlu!“

Wenn es schnell gehen musste, schaltete das von Kindheit an auf Japanisch trainierte Gehirn manchmal zu langsam und so wurde aus dem längst im phonetischen Tiefenspeicher eingebläuten Känguru doch noch ein Kängurlu.

Helmut Freisinger war der Blödheit entwachsen, daraus einen Scherz zu machen. Er hatte bei seinem Leben auf verschiedenen Kontinenten, wie er meinte, „die schlechtesten Witze und die besten Menschen sowie umgekehrt“ kennengelernt. In Australien hatte es ihn ganze zehn Jahre gehalten, deshalb sein Beiname „Känguru“.

Mit fünfzehn Jahren war er vom steirischen Feldbach aufgebrochen und hatte in Hamburg ein Auswandererschiff bestiegen. Die australischen Einwanderungsbehörden fanden bei den medizinischen Routineuntersuchungen schnell heraus, dass der junge Mann auf einem Auge blind war, und ließen ihn nicht ins Land. Nach längerem Betteln und Bitten des Fünfzehnjährigen hatte einer der australischen Beamten eine Idee: „Du hast eine einzige Chance: Du verpflichtest dich für einen Arbeitseinsatz in Papua-Neuguinea.“ So gelangte Helmut Freisinger aus Feldbach in der Steiermark doch noch auf australisches Territorium. Ausgerechnet als Maler und Anstreicher wurde der Einäugige dort eingesetzt. Wenig später hatten ihm die Einheimischen aufgrund seines abenteuerlichen Werdegangs bereits einen Titel angehängt: „The mad painter“ – der verrückte Maler.

Kuranaga wusste um den erworbenen Beinamen und rief ihm deshalb zu: „Du, mad painter, hast du noch ein Schwartele?“

Am gleichen Tisch saß Ferdinand Reiter, ein EDV-Spezialist und Elektronikfreak, dem sie aufgrund des Anfangsbuchstabens seines Vornamens die Funkkennung „Foxtrott“ als Spitznamen verpasst hatten. Er spielte viel lieber mit Programmiersprachen als mit Worten und hatte deshalb mit schlechten Witzen kein Problem: „Komm schon, Känguru, hüpf in die Küche und bring dem Samurai noch eines.“

„Jaja, der tasmanische Teufel soll dich holen“, knurrte Freisinger, schob seinen australischen Akubra-Hut in den Nacken und schlurfte in Richtung Küche.

„Mit seiner schlampigen Körperhaltung würden sie ihn in einer japanischen Karateschule nicht Känguru, sondern Schildkröte nennen“, sagte Kuranaga und zog demonstrativ den Kopf ein, als versuche er, in seinen eigenen Panzer zu schlüpfen.

„Immerhin geht es ihm gut, im Gegensatz zu anderen, wie zum Beispiel der Irmi“, entgegnete Foxtrott und deutete auf seinen linken Oberarm.

„Was ist mit ihr?“

„Liegt im Koma, wenige Stunden nach der dritten Impfung.“

Kuranaga streckte sich durch und wich nach hinten, wie es Menschen tun, denen ihr Gegenüber eine unangenehme Nachricht überbringt. Bei ihm hatte es etwas Majestätisches, weil er in solchen Situationen in eine steife Haltung verfiel und seine Mimik hart und entschlossen wurde, wie er es in der Karateausbildung gelernt hatte – den Gegner fixieren, Entschlossenheit im Blick. Innerlich ging er die ihm bekannten Eckdaten des Gehörten durch: Irmgard „Irmi“ Rottenschlager, Opernsängerin und Jazzliebhaberin, Mitte vierzig, schlank und sportlich; ihr strahlend weißes Gebiss und ihre stahlblauen Augen kontrastierten mit den dunklen Haaren.

Foxtrott, der jegliches Interesse für Frauen bestritt, war ihr mehr zugetan, als er zugeben wollte. Ihre Stimme tat ein Übriges, machte sie als Gesamterscheinung aber so unnahbar, dass Foxtrott es bei einer heimlichen Schwärmerei beließ, die dennoch kaum jemandem in seinem Freundeskreis entgangen war.

Die ersten beiden Stiche der COVID-Schutzimpfung mit einem mRNA-Serum hatte Irmi Rottenschlager ohne Probleme absolviert, wenige Minuten nach dem dritten war sie kollabiert und bewusstlos in das Wiener Krankenhaus eingeliefert worden.

Als Universitätsprofessor für Philosophie dachte Kuranaga methodisch Möglichkeiten durch.

„War sie krank in letzter Zeit?“

„Nein“, erwiderte Foxtrott, „bis vorgestern jedenfalls nicht, da war sie noch sehr munter und gut gelaunt hier – sie war froh, dass sie bald den dritten Stich bekommt.“

„War sie gegen irgendwas allergisch, Heuschnupfen oder so etwas? Ich wüsste jedenfalls nichts …“

„Eher nicht, sie war ja sehr viel in der Natur unterwegs, hat nie von so etwas erzählt.“

„Wo wurde sie geimpft?“

„Impfstraße, ich glaub Messezentrum Wien.“

„Und wo ist sie jetzt?“

„AKH Wien, Intensivstation.“

„Welche Intensivstation?“

„AKH Wien!“

„Ich meine, welche Intensivstation am AKH?“

„Ah, gibt’s da mehrere?“

Kuranaga nickte. „Natürlich, das ist ja ein riesiger Tempel.“

„Dein Tempel ist hier in der ,Eisernen Hand‘!“ Känguru Freisinger hatte nur die letzten Wortfetzen mitbekommen und wieder einmal alles auf sich und sein Wirtshaus bezogen. „Da hast du dein Schwartele. Soll ich es dir mit einem Hüftwurf servieren?“

„Da musst du noch Jahrzehnte üben, du weißt: Ich will Ippon!“ Das war auch kurz nach seinem sechzigsten Geburtstag das Lebensmotto von Kuranaga: Es zählte nur die höchste Kunst, die höchste Wertung, und...


Mayr, Günther
Günther Mayr wurde in Bregenz geboren und verbrachte seine Jugend auf einem Bergbauernhof in Murau/Steiermark. Er studierte Kommunikations- und Politikwissenschaft in Wien. Seine journalistische Laufbahn begann er beim ORF-Landesstudio Kärnten. Ab Mitte der 1990er-Jahre war er Redakteur des ORF-Wissenschaftsmagazins „Modern Times“. Von 2007 bis 2025 war er Leiter der Wissenschaftsredaktion des ORF. Seit 2021 Moderator und Sendungsverantwortlicher der ORF-Wissenschaftssendung „Mayrs Magazin“.

Günther Mayr wurde in Bregenz geboren und verbrachte seine Jugend auf einem Bergbauernhof in Murau/Steiermark. Er studierte Kommunikations- und Politikwissenschaft in Wien. Seine journalistische Laufbahn begann er beim ORF-Landesstudio Kärnten. Ab Mitte der 1990er-Jahre war er Redakteur des ORF-Wissenschaftsmagazins "Modern Times". Von 2007 bis 2025 war er Leiter der Wissenschaftsredaktion des ORF. Seit 2021 Moderator und Sendungsverantwortlicher der ORF-Wissenschaftssendung "Mayrs Magazin".



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