Mayer | Die Wildnis in mir | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Mayer Die Wildnis in mir


11001. Auflage 2011
ISBN: 978-3-522-62046-8
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-522-62046-8
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



1900 - ein neues Jahrhundert ist geboren. Mit pochendem Herzen steht Henrietta an der Reling der 'Gertrud Woermann'. Ein unbekannter Kontinent liegt vor ihr: Afrika. In Begleitung ihrer Mutter begibt sie sich auf die weite Reise. Hinter ihr liegen Enge, Armut, Hoffnungslosigkeit. Wird sie im fernen Namibia ihr Glück finden? Frei und ungebunden ihre geheimsten Träume leben können? Ein spannender Auswandererroman und eine große Liebesgeschichte. Ab 13 Jahren Dieses E-Book erscheint ebenfalls als Lizenzausgabe unter dem Titel 'Im Land des Regengottes' im Aufbau Verlag.

Gina Mayer wurde 1965 in Ellwangen geboren. Sie studierte in Düsseldorf Grafik-Design und machte sich danach als Werbetexterin selbstständig. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder begann sie Bücher zu schreiben. Seit 2006 hat sie eine Vielzahl an historischen und zeitgeschichtlichen Romanen für Jugendliche und Erwachsene veröffentlicht. Gina Mayer ist verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Düsseldorf.
Mayer Die Wildnis in mir jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1


Ich frage mich oft, was geschehen wäre, wenn ich meiner Mutter den zweiten Brief nicht gegeben hätte. Wenn ich ihn in kleine Stücke zerrissen oder verbrannt hätte. Vielleicht wären wir dann heute noch Kohlstraßer und meine Mutter wohnte immer noch in unserem kleinen Fachwerkhaus mit der grauen Schieferfront und den grünen Fensterläden. In Elberfeld im Wuppertal. Ich wäre wahrscheinlich schon verheiratet wie Trude, ein Kind und das zweite unterwegs.

Vermutlich wäre Mutter noch am Leben.

Wenn ich den Brief damals weggeworfen hätte.

Sie hat sich nur meinetwegen auf die Sache eingelassen. Wegen dieser dummen Lügengeschichte, die ich ihr damals aufgetischt hatte. Sie muss nächtelang wach gelegen und darüber nachgegrübelt haben, ob wir es tun sollten. Oder lieber nicht.

In der einen Waagschale lag die Kohlstraße.

In der anderen lag ich. Meine Zukunft, mein Schicksal. Ich wog ganz offensichtlich schwerer, deshalb sind wir aufgebrochen.

Die Kohlstraße? Ihre Zukunft? Ihr Schicksal? Wer soll denn einen solchen Wirrwarr verstehen, würde Fräulein Hülshoff jetzt bestimmt fragen, wenn sie diese Zeilen lesen könnte. Warum erzählen Sie nicht alles hübsch ordentlich der Reihe nach?

Als ob das so einfach wäre. Mein Leben, hübsch der Reihe nach. Aber gut, ich will es zumindest versuchen.

Meine Geschichte beginnt am 27. Oktober 1899. An dem Morgen, als der zweite Brief kam.

»Schon wieder Post aus Afrika«, sagte Jupp, unser Postbote, der die Briefe am liebsten nicht nur ausgetragen, sondern gleich gelesen hätte, aber das verboten ihm seine Ehre und das preußische Postrecht.

»Na so was«, sagte ich und versuchte, dabei so gleichgültig auszusehen, als wäre ein Brief aus Afrika für mich wirklich ganz alltäglich. Als er weg war, schnupperte ich an dem Umschlag. Man müsste doch irgendetwas riechen! Etwas Süßes, Scharfes, Würziges, Blumiges, Wildes oder Exotisches. Einen Hauch von Afrika. Aber das Kuvert roch nur nach Papier.

Ich schloss die Augen und stellte mir eine weite Steppe vor, über die weich der Wind wogte. Zwei Giraffen ästen im Grasmeer. Dahinter ein Löwe, der zum Sprung ansetzte. Die Luft zitternd vor Hitze.

»Jette!«

Die Stimme meiner Mutter hallte durch die afrikanische Steppe. Die Giraffen schreckten auf und galoppierten davon. Der Löwe verschwand im Nichts.

Ich machte die Augen wieder auf. »Ich komme ja schon.«

Die Nähstube lag im Dämmerlicht wie eine Höhle. Hinter Wäsche- und Kleiderbergen saß meine Mutter am Fenster, über eine Damenbluse gebeugt. Die Nadel in ihrer Hand tauchte in den weißen Stoff ein und ein paar Millimeter dahinter wieder auf, ein, auf, ein, auf, ohne dass meine Mutter den Faden zwischendurch straffte. Erst am Ende würde sie alles festziehen, eine perfekte Linie aus gleich langen Stichen. Wie der weiße Scheitel, der sich durch ihr straff nach hinten gekämmtes Haar zog.

»Da ist wieder ein Brief aus Afrika gekommen.«

Wie ich mir wünschte, dass sie aufgeregt aufgesprungen wäre! Was, aus Afrika, gib sofort her! Aber stattdessen – keine Regung. Sie hob nicht einmal den Kopf. Die Nadel tauchte in den Stoff, auf und ein, auf und ein.

»Leg ihn dorthin.« Ein kurzes Nicken zu einem Stapel zerrissener Hosen, das war alles.

»Willst du ihn nicht lesen?« Bitte, bitte, lies ihn mir vor.

»Später.«

»Aber es ist bestimmt …« Wichtig, wollte ich noch hinzufügen, aber jetzt sah sie mich doch an. Ihre dunklen Augen glitzerten gefährlich wie die der Katze auf dem Kratzkopp, wenn man ihr eine halb tote Maus wegnimmt, mit der sie gerade spielt.

»Wenn du nichts zu tun hast, kannst du mir helfen. Nimm dir eine Stopfarbeit und setz dich zu mir.« Ihre Stimme war ganz leise und ruhig. Aber davon durfte man sich nicht täuschen lassen. Wenn ich jetzt nicht höllisch aufpasste, würde ich die nächsten Stunden damit verbringen, Socken zu flicken, noch einen und noch einen und noch einen, aber egal, wie viele man stopfte, der Sockenkorb neben der Tür wurde niemals leerer.

»Frau Künstner wollte, dass ich noch bei ihr vorbeikomme«, rief ich.

Ihre Augen bohrten sich in meine, es tat richtig weh. Ich senkte den Blick. »Meinetwegen. Aber halt dich nicht zu lange auf. Ich brauche deine Hilfe hier, sonst schaffe ich die Aufträge nicht.«

Ich warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf den Briefumschlag, der weiß und verheißungsvoll zu mir herüberleuchtete. Wenn ich doch nur wüsste …

»Ich dachte, du hast es so eilig?«, fragte meine Mutter scharf.

»Ich bin ja schon unterwegs!«

Und das war ich dann auch.

Der erste Brief aus Afrika war ein paar Wochen zuvor angekommen. Meine Mutter hatte ihn ebenfalls wortlos entgegengenommen, ohne eine Miene zu verziehen.

»Wer schreibt dir denn da?«, hatte ich sie damals gefragt.

»Ein Bekannter.«

»Aus Afrika? Wen kennst du denn in Afrika? Und was will er von dir?«

»Nichts von Belang.«

Nichts von Belang. Als ob einer einen Brief durch die halbe Welt schicken würde, wenn er nichts wirklich Wichtiges mitzuteilen hätte.

»Nun erzähl schon! Bitte!«

»Hast du nichts zu tun?«

Das war die Frage, die fast alle unsere Gespräche beendete.

Bevor ich ihr den Brief übergeben hatte, hatte ich ihn mir natürlich ganz genau angesehen. Das Papier war recht grob, aber blütenweiß. Der Absender stand in einer kleinen, präzisen Handschrift auf der Rückseite.

Immanuel Freudenreich

Missionsstation Bethanien

Groß-Namaland

Deutsches Schutzgebiet Südwestafrika

Allein diese Worte:

Freudenreich

Groß-Namaland

Afrika

Das klang so fantastisch, so märchenhaft.

Was dieser Freudenreich nur von meiner Mutter wollte? Bettelbriefe von Missionaren aus aller Welt waren ja nun keine Seltenheit bei uns. Die Missionsschüler kannten Elberfeld und die Kohlstraßer kannten sie besonders gut. Denn in der Kohlstraße lag die Kohlstraßenkapelle, in der die Missionszöglinge Sonntagsschule hielten und die älteren Jugendlichen im Missionsgesangverein oder im Jungfrauenverein sammelten.

Die meisten von ihnen hielten den Kontakt zur Gemeinde aufrecht, wenn sie später als Missionare in aller Herren Länder ihren Dienst taten. Denn auf uns Kohlstraßer war Verlass, wenn es darum ging, nach einem Erdbeben, einer Missernte oder einer Flut Geld für die armen Heidenkinder und ihre Familien zu sammeln. Ob die kleinen Negermädchen 1 Schürzen brauchten oder für die Eskimojungen Mützen und Fäustlinge gestrickt werden mussten, die Kohlstraßer halfen mit Feuereifer.

Die Erläuterungen zu den Fußnoten 1 bis 13 befinden sich am Ende des Textes (siehe Erläuterungen).

Aber meine Mutter hatte noch nie einen solchen Bittbrief erhalten. Alle wussten schließlich, dass unser Geld kaum für uns selbst ausreichte. »Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel«, sagte Hedwig vom Lieberhäuschen mit einer gewissen Verachtung in der Stimme, wenn wir wieder einmal die Kartoffeln nicht bezahlen konnten und anschreiben lassen mussten.

Geld konnte es also nicht sein, was dieser Missionar von uns wollte. Aber was dann?

Sosehr ich auch darüber nachgrübelte, ich fand einfach keine Erklärung dafür.

Wenn ich heute an die Kohlstraße zurückdenke, erscheint mir alles grün. Ich sehe die großen Gärten, in denen Salat, Kohl, Spinat und Möhren in schnurgeraden Reihen wachsen. Beerensträucher, Holunderbüsche, Brombeergestrüpp, Obstbäume am Straßenrand. Wiesen und Felder, die sich daran anschließen, dahinter der Wald. Grün sind die Fensterläden der Fachwerkhäuser und der Kohlstraßenkapelle, die nicht wie eine Kirche, sondern wie eine Bauernkate aussieht. Das Backes2 hinter unserem Haus ist von glänzend grünem Efeu überwuchert.

Nur die Kohlstraße selbst ist ein graues Band, das sich durch das unbändige Grün schlängelt. Zwischen den einzelnen Pflastersteinen drängen jedoch Grashalme und Unkraut ans Tageslicht, als wollten sie Besitz von der Straße ergreifen.

Aber meine Geschichte beginnt ja im Herbst. Die Bäume hatten bereits ihre Blätter verloren, die kahlen Äste und Zweige sahen aus, als habe sie ein kleines Kind mit einem Stück Kohle an den Himmel gekritzelt. Mein Mantel war zu klein, sosehr ich die Ärmel auch nach unten zerrte, so weit ich den Kragen nach oben schlug, der frostige Wind zog doch überall herein.

»Verdammtes Mistwetter«, hörte ich Rudolf schimpfen, als ich auf dem Kratzkopp ankam. Auf dem Kratzkopp, so hieß der Hof der Künstners. Er gehörte zur Kohlstraße, obwohl er an einem Feldweg abseits der Straße lag, eine gute Viertelstunde von uns entfernt. Rudolf war einer der Knechte, der an diesem Nachmittag vor dem Stall saß und rostige Nägel gerade schlug. Rudolf war mir nicht geheuer, weil er immer hässlich fluchte, sobald kein Erwachsener in der Nähe war. Außerdem sah er einen so komisch an, wenn man an ihm vorbeiging.

Ich beschleunigte meine Schritte und hörte ihn hinter mir lachen – »Hehehe!« – wie ein alter Ziegenbock.

»Was willst du denn jetzt hier?« Das war Rosa, die Köchin. Köchinnen stellt man sich immer dick, gemütlich und rotbäckig vor, aber Rosa war groß, dürr und verschrumpelt wie ein alter Apfel. Sie stand in der offenen Küchentür, die Hände in die Hüften gestemmt.

»Ich sollte doch die alten Kleider abholen. Frau Künstner hat uns gesagt, dass wir sie haben können.« Eine mildtätige Gabe von der...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.