Mayer | Die Schwimmerin | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: HarperCollins

Mayer Die Schwimmerin


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-95967-594-9
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: HarperCollins

ISBN: 978-3-95967-594-9
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mitten im Wirtschaftswunder stellt sich eine starke Frau den Schatten ihrer Vergangenheit
Essen 1962: Betty heiratet ihren Martin und ist fest entschlossen, ihr lang ersehntes Glück mit aller Macht festzuhalten. Zu viele Entbehrungen hat sie schon hinnehmen müssen. Der Zweite Weltkrieg hat Betty nicht nur ihre Heimat, ihre Familie und ihre erste Liebe genommen, sondern ihr auch ein düsteres Geheimnis aufgebürdet. Seit jener Zeit ist das Schwimmen Bettys Halt und Trost. Eine Überlebensstrategie, den Kopf immer über Wasser zu halten, komme was wolle. Ausgerechnet beim Schwimmen trifft sie nun auf ein junges Mädchen, das ihr eigenartig vertraut erscheint. Und dieses Mädchen hat entschieden, sich ein Stück von Bettys Glück zu greifen. Es beginnt, sie zu verfolgen, zu erpressen. Betty erkennt, dass die Vergangenheit sie hinabzureißen droht, wenn sie sich ihr nicht endlich stellt.

»?Die Schwimmerin? ist ein eindrucksvoller Roman über das Leben als Frau in Deutschland vor dem historischen Hintergrund des Zweiten Weltkriegs bis in die 1960er Jahre.« Cathrin Brackmann, WDR 4 Zur Sache, 02.02.2021

»?Die Schwimmerin? ist ein historischer Roman fernab von jeder Romantik, die diesem Genre gerne anhaftet - und gerade deshalb umso lesenswerter.« Cathrin Brackmann, WDR 4 Zur Sache, 02.02.2021



Gina Mayer, geb. 1965, studierte Grafikdesign und arbeitete danach als freie Werbetexterin, bevor sie Schriftstellerin wurde. Seit 2006 hat sie eine Vielzahl an Romanen für Kinder, Jugendliche sowie einige Erwachsenenromane veröffentlicht. Ihre Werke standen auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurden in viele Sprachen übersetzt. Gina Mayer lebt mit ihrem Mann in Düsseldorf. Weitere Infos: https://ginamayer.de/

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1
Essen, 1962

Das glückliche Ende. Betty hatte so lange darauf gewartet, und jetzt war es da.

Martin schloss die Wohnungstür auf und trug sie über die Schwelle, durch die Diele und in die Küche. Dort setzte er sie wieder ab und lächelte sie an. Und Betty lächelte zurück.

Vor fünf Stunden hatte sie im Standesamt ihre Vergangenheit abgelegt, zusammen mit ihrem alten Namen. Es gab keine Elisabeth Sonne mehr. Sie war jetzt Frau Martin Strissel.

Ein neuer Name, ein neues Leben. Das alte konnte sie endlich vergessen.

»Es ist natürlich noch ein bisschen leer«, sagte Martin, der ihr Schweigen falsch deutete. »Aber das wird sich ändern.«

»Es ist alles wunderbar«, sagte Betty. Sie schloss die Augen und sog den Duft ein. Nach frischer Farbe, nach Tapetenleim, nach gebohnertem Linoleum. Hier gab es keinen Staub, keine Spinnweben, keine Erinnerungen. Denn auch die Küche, die Wohnung, das Haus, die ganze Siedlung waren neu. Die hellgelben Fliesen in der Küche und im Bad waren erst letzte Woche verlegt worden. Martin und Betty hatten keinen Finger gerührt, der Hauswirt hatte die Handwerker bestellt und die Arbeiten überwacht. Sie müssen einfach nur einziehen, hatte er gesagt.

Die Küche hatte Betty gemeinsam mit Martin ausgesucht. Die Unterschränke waren in einem zarten Orange, die Oberschränke hatten hellblaue Türen. Arbeitsflächen aus Resopal, genau wie die Platte des Küchentischs. Das reinigt sich praktisch von allein, hatte ihnen der Verkäufer versichert. Da werden Sie staunen.

Sie fuhr zusammen, weil Martin in die Hände klatschte.

»Wie es hier hallt!«, stellte er fest. »Wir brauchen einen Teppich.«

»Hier in der Küche?« Betty schüttelte den Kopf. »Das ist keine gute Idee. Wenn was runterfällt, gibt es nur Flecken. Außerdem sieht man dann den schönen Boden gar nicht mehr.«

Blaues Linoleum mit weißen Sprenkeln. Wie tiefes klares Wasser, in dem sich die Sonne spiegelt.

»Wie du meinst«, sagte Martin. »Du bist die Hausfrau.«

Du bist die Hausfrau. Die bestimmte, wie die Küche eingerichtet wurde, was eingekauft und gekocht wurde, wann man den Boden wischte und wann die Fenster geputzt wurden. Das ist alles meins, dachte Betty und spürte, wie das Glück in ihr aufwallte wie ein heftiger Schmerz. Wer hätte das je für möglich gehalten, dass sie es einmal so weit bringen würde.

Betty wartete auf eine spitze Bemerkung von Schwester Edeltraud. Aber es kam nichts. Sie meldete sich seltener in letzter Zeit.

Martin nahm Bettys Hand und zog sie zum Fenster. Zwei Stockwerke darunter lag der Garten. Drei Parzellen, eine für jede Partei im Haus. Alle drei lagen brach, vereinzelte Grashalme und Unkraut bohrten sich durch die lehmige Erde ans Licht.

»Im Sommer werden wir hier Bohnen ernten. Und Erdbeeren«, sagte Betty.

Martin nickte. »Mutter kann dir bestimmt dabei helfen. In Kreuzburg hatten wir einen großen Garten.«

»Das wäre schön«, sagte Betty. Sie stellte sich den Garten vor, rechteckige Beete mit Salat, Gurken, Karotten und Kohlrabi.

»Solange du bloß keinen Kohlrabi pflanzt. Von Kohlrabi wird mir schlecht.«

Betty lachte. »Dann verzichten wir auf den Kohlrabi. Wir pflanzen stattdessen Rotkohl. Und Wirsing.«

»Und Rosinen«, scherzte er. »Damit du Rosinenstuten backen kannst. Schließlich war es ein Rosinenstuten, der uns zusammengebracht hat.«

»Wie könnte ich das vergessen?«

Er zog sie an sich und küsste sie. Seine Zunge öffnete ihre Lippen und drang in sie ein, seine Hände wanderten über ihren Körper. Sie spürte seine Erregung durch seine Anzugshose, durch den Rock ihres Kleides und begann zu zittern. Vor Nervosität, vor Erwartung, vor Glück. Die Betten im Schlafzimmer waren noch nicht bezogen, und auf der Matratze lag noch die Schutzfolie aus Plastik. Aber das spielte keine Rolle, das konnte sie nicht aufhalten. Nichts konnte sie aufhalten, sie waren jetzt Mann und Frau.

Sie schmiegte sich an ihn und hatte das Gefühl, dass ihr Körper zu schmelzen begann. Sie hatte alles erreicht, wovon sie immer geträumt hatte.

»Betty«, flüsterte Martin und begann ihr Kleid aufzuknöpfen, die kleinen runden samtbezogenen Knöpfe, hinter denen sich das neue weiße Mieder verbarg, und darunter waren ihre Brüste, die er noch nie gesehen hatte.

Einem Mann kann man niemals trauen, sagte Schwester Edeltraud. Da war sie wieder! Dabei hatte sie Betty nichts mehr zu sagen. Betty war jetzt Frau Martin Strissel und erfüllte ihre eheliche Pflicht.

Schwester Edeltraud lachte sanft und verächtlich. Die eheliche Pflicht. Am helllichten Tag.

Martin hatte sich inzwischen zu ihrem Mieder vorgearbeitet, er keuchte leise, und Betty keuchte auch. Aber nicht aus Verlangen. Sie bekam plötzlich keine Luft mehr. Es war, als ob ihr jemand die Hände um den Hals legte und langsam zudrückte.

»Was ist mit dir?«, fragte Martin, als sie sich aus seiner Umarmung löste. »Du bist ja ganz bleich!«

Sie wandte sich ab, stützte ihre Arme aufs Fensterbrett und spürte, wie sich der Griff um ihren Hals lockerte. Sie nahm einen tiefen Atemzug.

»Entschuldige.« Martin streichelte ihren Rücken. »Ich war zu stürmisch.«

»Nicht doch. Ich … mir wurde plötzlich schwindlig.«

Sie wollte sich ihm wieder zuwenden, aber im selben Moment bemerkte sie die Frau. Eine junge hochgewachsene Dunkelhaarige in Männerhosen. Sie stand unten im Garten, in dem Streifen neben der Parzelle von Martin und Betty, rauchte und blickte zu ihnen empor. Und starrte auf Bettys offene Bluse, auf ihre weißen Brüste, die aus dem Mieder quollen.

Mit einem erschrockenen Aufschrei sprang Betty zurück und bedeckte ihren Busen mit den Armen.

»Was ist denn jetzt los?«, fragte Martin irritiert.

»Man beobachtet uns.« Sie wies mit einer Kopfbewegung in Richtung Garten.

Nun blickte auch er nach unten, sah die Frau und lachte. Er hob die Hand und grüßte hinunter, halb spöttisch, halb amüsiert. Betty konnte nicht sehen, ob die Frau zurückgrüßte.

»Kennst du sie?«, fragte sie.

»Bis jetzt noch nicht.« Auch Martin zog jetzt seine Zigaretten aus der Hemdtasche und steckte sich eine zwischen die Lippen. »Vermutlich ist sie unsere Nachbarin.« Sein Feuerzeug flammte auf. Er nahm einen tiefen Zug. »Ganz schön neugierig, die Gute.«

»Wir brauchen Vorhänge«, sagte Betty.

Er hatte fast zu Ende geraucht, als es klingelte.

Das ist die Frau aus dem Garten, dachte Betty und spürte, wie ihr Herz schneller pochte, nervös, aber auch neugierig. Sie eilte zur Tür und öffnete.

»Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit!«, klang es ihr entgegen. Im Treppenhaus standen Martins Schulfreunde Klaus und Hartmut und Hartmuts Frau Annemarie und Klaus’ Verlobte, deren Namen Betty vergessen hatte, obwohl sie ihr schon zweimal vorgestellt worden war.

Klaus hatte zwei Flaschen Schnaps dabei, eine in jeder Hand. »Hab leider keine Hand frei«, erklärte er und hob die Flaschen zum Beweis.

»Aber ich.« Hartmut reichte Betty seine Rechte. »Alles Gute zur Vermählung. Und mein Beileid zu diesem Mann. Aber eine musste ihn ja nehmen.«

»Nun lass doch diesen Blödsinn«, sagte Annemarie, die ihr dunkles Haar mit einer Menge Spray und Festiger zu einem riesigen Windbeutel geformt hatte. Sie überreichte Betty ein Tablett mit belegten Broten. »Die herzlichsten Glückwünsche für euch beide. Die Männer haben darauf bestanden, dass wir euch überfallen. Hoffentlich kommen wir nicht gar zu ungelegen.«

»Natürlich nicht.« Betty blickte sich nervös nach Martin um, der jetzt aus der Küche kam.

»Na, das ist ja wohl eine Überraschung.« Martin nahm Klaus die Flaschen ab und zog ihn gleichzeitig in den Flur. »Immer nur rein in die gute Stube. Was für eine Freude!«

»Ich glaub dir kein Wort. Ihr hattet bestimmt etwas Besseres vor.« Klaus’ Verlobte zwinkerte Betty zu und kicherte.

»Das ist also das neue Domizil.« Annemarie blickte sich neugierig um. »Ist ja nicht von schlechten Eltern.«

»Woher willst du das wissen?«, fragte Hartmut. »Du hast doch noch gar nichts gesehen.«

»Das lässt sich ändern.« Martin führte die vier durch die Wohnung, zeigte ihnen die Küche, das Bad und das Wohnzimmer mit dem neuen Kanapee und den Sesseln.

»Ein Traum!« Annemarie war begeistert. »Ihr seid wirklich zu beneiden.« Sie sah ihren Mann vorwurfsvoll an. »Und wir hausen immer noch in dem ollen Loch bei deinen Eltern.«

»Wenn du nicht ein Blag nach dem anderen bekommen würdest, könnten wir uns so was vielleicht auch leisten«, sagte Hartmut. »Aber du kannst ja nicht genug kriegen.«

»Ich mach mir die Kinder nicht selbst«, erklärte seine Frau.

»Kannst doch die Pille nehmen, wie andere Frauen auch.«

»Davon werde ich fett«, sagte Annemarie. »Und krieg schlechte Laune.«

»Ich krieg von dem ständigen Kindergeplärre schlechte Laune.«

»Jetzt hört aber mal auf«, sagte Klaus’ Verlobte. Sieglinde hieß sie, nun fiel es Betty wieder ein. »Kinder sind doch etwas Wunderbares. Klaus und ich wollen auch zwei, nicht wahr, Klaus?« Sie hakte sich bei ihrem Verlobten ein und strahlte ihn an.

Hartmut schnaubte verächtlich. »Zwei wären schon in Ordnung. Aber dabei bleibt es ja nicht.«

»Sag bloß!« Sieglinde riss ihre großen blauen Augen auf. Genau wie Annemarie hatte auch sie ihre Haare in schwindelerregende Höhen toupiert. »Ist...



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