E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Allgäu Krimi
May Radibutz
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96041-632-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Allgäu Krimi
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Allgäu Krimi
ISBN: 978-3-96041-632-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ina May wurde im Allgäu geboren und verbrachte einen Teil ihrer Jugend in San Antonio/Texas. Nach ihrer Rückkehr in die bayerische Heimat absolvierte sie ein Sprachenstudium und arbeitete als Fremdsprachen- und Handelskorrespondentin für amerikanische Konzerne. Heute ist sie freie Autorin und lebt mit ihrer Familie im Chiemgau.
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1
Mir saget »Griaß di« statt »Hallo«.
Eindeutig ein Allgäuer
Als Evelyn an diesem Morgen das Haus verließ, roch die Luft nur nach dem Regen. Wie sollte einem auch ein sich näherndes Unheil schon zuvor in die Nase steigen?
An ihrem Schreibtisch im Nesselwanger Rathaus saß die Erste Bürgermeisterin zurückgelehnt, aber kein bisschen entspannt und schaute durch die Gegend, die Hände aneinandergelegt. Da war kein klarer Gedanke zu fassen – seit sich die Handwerker der Firma Schimmling im Nesselwanger Rathaus austobten. Renovierungsarbeiten.
Es lärmte und staubte ungemein. Sie wagte kaum, ihren PC hochzufahren. Hoffentlich waren die Spezialisten, wie sie sich nannten, bald fertig, und sie musste nicht noch einmal hören: »Mir hand do no ebbas gseache.« Was anschließend natürlich unbedingt sofort in Angriff genommen werden musste. »Ebbas« griff in der Regel viel zu kurz, fand Evelyn.
Sie erwartete auf der Rechnung eine Zahlenkolonne jenseits von Gut und Böse. Der gefällige Kostenvoranschlag würde sich eben nach der Decke strecken. Politik. Jemandem etwas vorrechnen, sich dann – auweia – ein bissle verrechnen und sich danach rechtfertigen, dass sich am Ende die zusätzlichen Maßnahmen doch gelohnt hätten.
Evelyn unterbrach die schlimmen Gedanken. Die Schreibtischlampe flackerte. Sie schaltete sie aus. Sie würde drei Kreuzzeichen machen, wenn das hier endlich erledigt war.
Inmitten des Baulärms glaubte Evelyn, ein Klopfen zu hören. Tatsächlich, es klopfte lauter. Kein Publikumsverkehr. Kein Termin. Es konnte nur Peter Pamel sein, der Hauptamtsleiter, denn sonst traute sich wohl niemand durch den Verhau der Handwerker.
»Ich komme jetzt rein! Wenn du irgendwas tust, was mich nichts angeht, dann hörst du damit besser auf, Frau Bürgermeister.« Schon stand er grinsend im Zimmer, Evelyn war nicht zum »Herein«-Sagen gekommen.
Wenn er so lachte, gab es womöglich keine Probleme. Oder war er, wenn er so lachte, womöglich dabei, sie zu überspielen?
»Werden die Leute vom Schimmling heute vielleicht fertig?«, fragte sie hoffnungsvoll. Die noch anstehenden Spachtel- und Malerarbeiten konnten unmöglich so laut sein. Peter Pamel warf die Lippen auf. »Allerspätestens morgen, heißt es. Aber im Keller sind schon ewig diese feuchten Stellen. Da entwickelt sich womöglich noch Schimmel …«
Evelyn hatte nichts übrig für den Witz.
»Und wo man schon dabei ist, sollte da nachgeschaut werden«, fuhr er fort.
Evelyn mochte ihm da nicht widersprechen, bloß war auch ihre Laune genau dort, nämlich im Keller.
Genau genommen waren da unten nur zwei Lagerräume, aber in einem davon wurden die Akten archiviert. Vor sich hin moderndes Papier muffelte sicher grauenhaft. Sie hatte seit Längerem nichts mehr nachgeschlagen und keine Ahnung, wie es da aussah.
Ihr Blick, den Peter auch richtig verstand, sagte Nein.
»Also eher nicht?«
Die Idee stammte nicht von ihm, was Evelyn auch verstand, weil er »sollte nachgeschaut werden« gesagt hatte. Hätte sie sich denken können.
»Das letzte Wort«, drängte er und wartete mit leicht schräg gelegtem Kopf auf ihre Antwort. Wenn irgendwo etwas feucht war, musste es einen Grund dafür geben. Falls sie jetzt beschloss, es konnte ihnen gleich sein, dann musste sie die Entscheidung erklären, falls später irgendwo Wasser reinkam.
Evelyn nickte. »Sag dem Vorarbeiter, er soll mal einen Blick darauf werfen und dann einen Vorschlag machen.«
»Es gibt keinen, das sind alles Subunternehmer – die Firma Schimmling ist der Auftraggeber. Der macht es ziemlich schlau und bietet seinen Kunden ein Gesamtpaket an. Renovierung und Sanierung im Innen- und Außenbereich. Aber ich kümmere mich gleich, zwecks des Blicks und einem Befund.«
Ein weiteres »Ebbas«. Bei Peter klang es, als handle es sich um eine ernste Krankheit.
Dem genauen Blick folgte … geraume Zeit später eine ungenaue, ziemlich sparsame Auskunft. »Da ist vielleicht eine Leitung leck.« Es müsse ein Thermogerät her, das Undichtigkeiten und Leckstellen fand. Am besten solle man eine Haustechnikfirma zurate ziehen, wurde empfohlen.
Bei diesem Vorschlag fröstelte Evelyn. Sie werde sich ein paar Gedanken machen, gab sie zur Antwort. Gemeint war, sie würde die Abrechnung fürs Wasser überprüfen. Ein Leck hätte man bemerken müssen. Aber da hörte sie den Rums und war sicher, dass die Lösung, für die man sich gerade ohne weitere Rücksprache mit ihr entschieden hatte, ganz ungünstig war.
Evelyn rannte die Stufen, die sie kurz zuvor hinaufgelaufen war, wieder hinunter, kritisch beäugt von den Fotoporträts der ehemaligen Bürgermeister. Aber was es auch war, die Herrschaften blickten ja stets so wissend.
Die Tür zu den Lagerräumen stand offen, eine rötlich graue Wolke Ziegelstaub hing in der Luft. Was machten die da drinnen?
Sie hielt sich eine Hand vors Gesicht und wedelte. Eine nackte Glühbirne funzelte von der Decke. Der erste Raum schien eher ein Durchgang zu sein, dahinter schloss ein zweiter, nur wenig größerer, an.
Ein erster Blick zeigte auf der linken Seite ein langes Regal, unverrückbar, gefüllt mit Ordnern. Zwei vollgepackte Kisten hatte man ans andere Ende geschoben. Der Staub war dabei, sich zu setzen. Was immer dort aufbewahrt wurde, es würde anders aussehen als zuvor.
Der Gedanke war kleinlich, aber er duckte sich gerade nicht weg: Man konnte sicher nicht wirklich vor Wut in die Luft gehen … nur fühlte es sich in etwa so an.
Der Vorarbeiter, den es laut Peter nicht gab, stand mit erhobenem Vorschlaghammer und aufmerksamem Blick beim Geschehen. Auf Evelyn machte der Mann einen unbeirrbar entschlossenen Eindruck, als wäre er derjenige, der die Sache in der Hand hatte.
»Sie hatten mein Vielleicht, meine Zustimmung in dieser Sache hatten Sie nicht!«, polterte Evelyn.
Dafür, dass sich nur acht Steine aus der Wand gelöst hatten, war es ein ziemliches Gerumse gewesen. »Ein Vorschlag sollte es sein … aber nicht der mit dem Hammer!« Sie sah den Arbeiter mit dem schweren Gerät in der Hand ungehalten an.
Peter Pamel hatte sich hinuntergebeugt. Wollte er die Steine wieder einsetzen? Das wäre vielleicht nicht so verkehrt. Immerhin strömte kein Wasser aus der Öffnung. Das Leck, wenn es denn eines gab, war offenbar undramatisch. Er leuchtete mit einer Taschenlampe.
»Wir müssen die Wand öffnen.« Offenbar fand er die Sache nicht undramatisch. Der Hauptamtsleiter war mit einem Mal geisterhaft bleich. Er zupfte an etwas herum, was er auf der anderen Seite der Wand entdeckt hatte.
Der Arbeiter reckte den Hals, drehte den Holzstiel des Hammers und sah angeekelt aus. »Zefix, da in dem Loch hockt der Tod.«
Evelyn hoffte, er übertrieb. Was da zugemauert worden war, sah aus wie eine Vertiefung in der Wand. Sie glaubte nicht, dass sie davon gewusst hatte. Nicht, dass es diese Nische gab, nicht, dass sie irgendwann verschlossen worden war. Sie stellte sich hinter Peter Pamel, um einen besseren Blick zu haben, hielt sich an seiner Schulter fest und schaute in die Öffnung. Der Strahl der Taschenlampe konnte das Dunkel kaum durchdringen.
War das ein Ärmel, der da hervorspitzte?
Waren das Knochen, die in dem Ärmel steckten?
Ein Zwischenraum für eine Leiche. Hatte einer sich so etwas gedacht?
Evelyn schüttelte sich. »Wir müssen die Wand öffnen«, wiederholte sie Pamels Worte. Wir müssen uns vergewissern, uns auf den Grusel einlassen.
In Gedanken hatte sie zu dem Mann an ihrer Seite immer einen gewissen Abstand gehalten. Der Pamel war, wie er eben war. Klug und konsequent genug, sich für alles eine Lösung auszudenken. Bloß hatten seine Lösungen zuweilen etwas Filmisches. Und ein Malheur wie das hier verlangte selbst in Gedanken einen Vornamen.
Peter zog sie beiseite. »Kann sein, es ist das, wonach es aussieht.«
Er sah drein, als wäre es die dümmste Entscheidung gewesen, da nachzuschauen.
»Kann sein, wir sollten es den Spezialisten überlassen«, gab sie zurück. Peter lachte krächzend auf.
Der Arbeiter nickte, und noch bevor Evelyn einen weiteren Ton sagen konnte – nämlich, dass damit andere Spezialisten gemeint waren –, sauste der Hammer sehr präzise auf die Ziegel hernieder und wanderte von dort aus weiter die Wand hinauf, bis ein Haufen Steine auf dem Kellerboden lagen. Der Staub nahm einem die Luft, und ein fauliger Geruch umwaberte sie.
Evelyn streckte die Hand aus, um die schwebenden Ziegelpartikel zu durchdringen, während Peter seine Finger an den Seiten seiner Hose abwischte. Im Licht von Peters Taschenlampe konnten sie die Leiche grinsen sehen. Die Feuchtigkeit hatte, wie es aussah, einen glänzenden Schmierfilm auf den Knochen hinterlassen. Ein Riss ging von der linken Schläfe bis hinauf zu einer Spalte im Kopf. Der Schein der Taschenlampe illuminierte die Todesszene. Niemand würde annehmen, dass jemand sich den Schädel aufschlug und sich anschließend einmauerte.
»Ein schlimmer Sturz wird es wohl nicht gewesen sein«, schlussfolgerte der Hauptamtsleiter. Evelyn meinte, ein Schluckgeräusch zu hören. Eine Erinnerung schoss ihr durch den Kopf: Peter und sie bei der Bestatterin, weil es ein Problem gegeben hatte. Peter versuchte die ganze Zeit, die Luft anzuhalten. Anschließend war er fest davon überzeugt, der Leichengeruch habe sich auf seine Kleidung übertragen. Gefunden hatte er schließlich Katzenscheiße am Schuh.
Sie hoffte, er fing jetzt nicht an, herumzuschnuppern.
Das war ein Fall für die Kriminalpolizei, wobei Evelyn sich die Folgen einer solchen Meldung gerade nicht...




