E-Book, Deutsch, 368 Seiten
May Nacht überm Chiemgau
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96041-548-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-96041-548-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
In Kempten im Allgäu geboren, in Nesselwang aufgewachsen, um dann ein Stückchen Kindheit im tiefsten Niederbayern zu verbringen, das nächste in Flintsbach am Inn, wieder eins in einer Klosterschule im Chiemgau und ein anderes, aber nicht das letzte, in San Antonio/Texas. Ina May ist Fremdsprachen- und Handelskorrespondentin und arbeitete lange Jahre für amerikanische Konzerne, bevor sie ihr liebstes Hobby, das Schreiben, zum Beruf machte.
Autoren/Hrsg.
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1
Des gähd af koa Kuahaut.
Das übertrifft alles.
Der letzte Gedanke vor dem Einschlafen sollte sich nicht darum drehen, dass ein Mörder seine Strafe abgesessen hat.
Und der erste am Morgen besser nicht darum, dass ebenjener, nämlich Benno Seitlein, mir, der ehemaligen Kriminalkommissarin, die Hand an die Kehle legen könnte.
Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass Benno ein zutiefst unglücklicher Mörder war. Einer, den ich nicht überführt hatte, weil er das selbst vollbrachte. Ich mochte nicht darüber nachdenken, dass sein Unglück ein Grund für Vergeltung an der damaligen Ermittlerin sein könnte.
Eine halbe Ewigkeit – gut fünfzehn Jahre – lag zwischen dem Damals und dem Heute. Ich hatte es nicht eilig damit gehabt, ihm die Tötung der Schwester zu beweisen. Großzügig überließ er mir die Spuren, doch mein Instinkt sagte mir, dass da etwas überhaupt nicht passte. Die gnadenlose Neugier, die ich sonst an den Tag legte, war Benno nicht zum Verhängnis geworden. Denn bis ich gewusst hatte, was nicht stimmte, war einige Zeit ins Land gegangen.
Im Grunde würde es keinen Sinn machen, wenn er sich rächen wollte. Doch was ein Mensch hinter Gittern erlebt hatte, konnte sein weiteres Leben bestimmen.
Und dieses Leben hatte jetzt begonnen …
Mein gegenwärtiges Problem war jedoch ein anderes – oder vielleicht auch keines: Ich hatte zugestimmt, für Maximilian Felder, der mit seiner Frau Mauritius bereisen wollte, das Haus zu hüten. Das Haus und einen Hund. Natürlich hätte ich fragen sollen, welcher Rasse. Ich hatte es nicht getan. Der Mann würde mir doch wohl kein Riesenviech überlassen wollen?
Juliane, du hast Ja gesagt, rief ich mir in Erinnerung.
Ich hatte schon öfter Ja gesagt und daraufhin auch einmal ein »Hä?« von meinem Enkel gehört, nämlich, als ich am Telefon verkündete, ich bräuchte eine Webseite. Seine Oma wolle ihre Dienste anbieten. Homesitting. Er wusste, was gemeint war, aber er wusste nicht, wie Oma das meinte.
Matthias das zu erklären hatte sich als zeitaufwendiger herausgestellt, als seinerzeit einen Verdächtigen zur Kooperation zu bewegen. Wie erklärte man einem Siebzehnjährigen, dass einem die Decke auf den Kopf fiel, man Handarbeiten nicht sonderlich mochte, Kaffee-und-Kuchen-Orgien auch keine Dauerlösung waren, die Nachbarn zu beobachten nach Observation aussah und die Zeit totzuschlagen sich eher nach einer Straftat anhörte?
»Ich möchte mich nützlich machen, und solange mein Hirn mitspielt, ich fabelhaft sehe, gut höre und noch immer schnell ziehe …« Er konnte mein Zwinkern nicht sehen, aber ich hörte ihn nach Luft schnappen.
»Omaaa! Du hast abgedankt, du bist über siebzig. Und du darfst keine Waffe mehr tragen.«
Er hatte mir mein Alter hingeworfen. Bengel!
Natürlich durfte eine ehemalige Kriminalkommissarin keine Waffe tragen. Ich trug auch keine. Ich hatte sie gut verwahrt, an einem Ort, an den ich jederzeit herankam.
Der nächste Hinweis meines Enkels war sogleich gefolgt. »Wir sind in Bayern. Homesitting ist total unbayerisch.«
Aber der richtige Begriff. Ich blieb anstelle einer Person, die etwas anderes vorhatte, zu Hause. In deren Zuhause. Ein Angebot zu einem fairen Preis.
Matthias fand meine Idee »ziemlich mutig«, und bevor ich mir noch ein paar Umschreibungen anhören musste, fragte ich ihn: »Hilfst du mir und kümmerst dich um meine Seite, oder ist dir das zu blöd und ich kann dich mal …?«
»Hm, wir denken ganz lässig. Ich. Und ich weiß auch schon, was da zu deiner Biografie stehen soll«, bekam ich zu hören.
Schließlich hieß es auf meiner Webseite:
Juliane Leitermann, eine bayerische Homesitterin – gewissenhaft, gründlich und verlässlich. Die Kriminalkommissarin a. D. kümmert sich um Ihr Anwesen, gerne auch um Ihre Haustiere und die Pflanzen.
Das Foto, das Oma in Bewegung zeigte und mich noch dazu ganz gut aussehen ließ, gefiel mir wirklich. Jugendlicher als über siebzig wirkte ich in jedem Fall.
Und in der Tat hatte ich Besseres zu tun bekommen, als mich mit dem Älterwerden auseinanderzusetzen und die Herrschaften auf dem nahen Friedhof heimzusuchen.
Mein erster Auftrag hatte mich in den Schwarzwald geführt, wo die Uhren tatsächlich anders gingen, danach machte ich mich in Salzburg nützlich. Ein wenig international.
Die Pflanzen hatten meine Fürsorge überlebt, Herr Pinkel nur knapp. Herr Pinkel war überhaupt nicht fein gewesen. Der Kater war verwöhnt, abgebrüht und hatte mir sein Hinterteil gezeigt, wenn er fand, ich hätte es verdient. Ich drohte ihm mit Diät. Herr Pinkel hatte zügig begriffen, dass ich am längeren Hebel saß.
Vielleicht war jetzt ich diejenige, die zu schnell geschossen hatte, weil mir der Ausblick von der breiten Terrasse der Felders auf die Burg Marquartstein so gut gefiel. Es gab kein Bild vom Hund.
Mit Maximilian Felder hatte ich vereinbart, dass ich heute am Spätnachmittag mein neues Quartier beziehen würde. Heute Abend würde für ihn und seine Frau der Flieger von München aus direkt zur Insel im Indischen Ozean starten.
Das Zeitfenster war knapp, fand ich, oder andersherum, Maximilian Felder war risikofreudig. Was, wenn ich zu dem Schluss kam, dass mir zwar das Heim, nicht aber der Hund sympathisch war?
»Wir kommen schon irgendwie zurecht«, sagte ich mir und wollte mir zu gern vertrauen. Wer da wohl risikofreudiger war?
Herr Pinkel hatte sich zunächst auch manierlich gezeigt. So etwas hatte fast gar nichts zu bedeuten, das wusste ich.
Jetzt sollte ich noch jemanden organisieren, der vierzehn Tage lang meinen Japanischen Schmuckfarn, eine silberweiße Schönheit mit dunkelblauem Mittelstreifen, gießen würde. Ich wollte nicht dran denken müssen, auch noch meinen eigenen Haushalt zu versorgen.
Der Jemand lief mir buchstäblich in die Arme, als ich mit meinem Koffer hantierte. Angelika, meine Nachbarin in der Hochplattenstraße, zwanzig Jahre jünger und allen Ernstes Schürzenkleidträgerin, winkte und wartete an meinem Gartentor.
Sie fand es »sooo spannend«, was ich machte. »Wohin geht’s diesmal?« Ein neugierig-fragendes Gesicht, die Unterlippe mit den Zähnen eingefangen. Dieser eindringliche Blick könnte es schaffen, eine Gießkanne leer zu saugen.
Sie erfuhr von mir nie, wohin es ging, ich bin eine ehemalige Kriminalkommissarin. Zu viel zu erzählen konnte einem das Genick brechen. Und das war nicht bloß die Erkenntnis des gesuchten Bankräubers, der seine Mutter anrief, sie müsse sich keine Sorgen machen, er sei für die nächsten Tage im Gartenhaus seines besten Freundes untergeschlüpft.
Angelika erzählte ich: »Nicht so weit diesmal, fast nur einen Steinwurf. Ich hoffe, das Wetter ist dort ein wenig besser.«
Soweit das Wetter keine zehn Kilometer weiter im Nachbarort Marquartstein besser sein konnte. Von dort aus sah ich auch auf den Hochgern, die Kampenwand und das Kaisergebirge. Obwohl, heute war es trüb, Wolkenberge am Himmel, die vor den Bergen hingen wie ein alter Vorhang. Allgemein schwenkte gerade der Spätsommer ein. Die Blätter an den Bäumen färbten sich so dezent wie ein betretener Halbwüchsiger nach einer Rüge.
Pflanzen! Fast hätte ich versäumt, sie zu fragen, es hätte mir leidgetan.
»Würdest du dich um mein Schmuckstück kümmern?«, erkundigte ich mich.
»Ach ja, Jos Geburtstag.« Angelika nickte wissend. »Soll ich ihm etwas bringen? Vielleicht Blumen? Das mache ich gern.«
Kurz senkte ich die Augen, wie hatte ich denn … meinen Mann vergessen können?
Kriminaloberrat Jo Leitermanns Lachen konnte ich freilich nicht hören. Meinen verstorbenen Ehemann hatte ich nie »mein Schmuckstück« genannt. Angelika dachte wahrscheinlich, ich wollte sie darum bitten, ihm ein Gesteck aufs Grab zu stellen.
Nein, wollte ich nicht. Jo bestimmt auch nicht.
Ich saß an seinem Geburtstag für gewöhnlich mit einer Decke im Gras neben der Grabumfassung, packte die Zigarillos aus und schenkte uns ein Glas Cognac ein. Wir tranken den Hennessy schon seit … Ich weiß nicht mehr, wie lange. Er war fast unbezahlbar gewesen, und umkippen, also verderben, sollte er nicht.
An diesem Geburtstag war ich vielleicht verhindert, aber das würde man sehen. Angelika sollte in jedem Fall glauben, ich wäre es.
Ich schüttelte den Kopf, flüsterte meiner Nachbarin ein leises »Danke, nein« zu und erklärte, der Farn auf meinem Wohnzimmerfensterbrett wäre dankbar, wenn man ihn nicht vergessen würde.
»Du hast doch mal in der Branche gearbeitet«, platzte Angelika plötzlich heraus, als ich im Begriff war, meine Tasche zum Koffer ins Auto zu hieven. In der Branche. Das klang ziemlich leichthin. Gerade eben hatte sich das Gespräch noch um »etwas oder nichts vergessen« gedreht. Was zum Teufel meinte sie?
Mein Schweigen verlangte jetzt wahrscheinlich, dass sie etwas sagte.
»Vor fünf Tagen ist doch diese nette junge Frau verschwunden.«
Als würde man sich kennen. »Hast du sie gekannt?«, fragte ich, gar nicht neugierig. Das war nie meine Branche, für Vermisstenfälle war ich nicht zuständig gewesen.
»Ich glaube, wir sind uns mal in der Eisdiele begegnet.«
Ah. Ich erwiderte nichts, ich hatte von dem Fall schon am ersten Tag erfahren, als ein Münchner Kollege anrief und allen Ernstes wissen wollte, wie das auf dem Land ginge, wenn jemand plötzlich weg war. Ich hatte ganz ernsthaft zurückgefragt, wie es denn in der Landeshauptstadt ginge. Ob man in der Stadt verschwand oder auf dem Land – vermisst wurde man überall.
»Anscheinend geht man jetzt davon aus, es...




