Vier
Gunn saß am Schreibtisch und sah mit zusammengekniffenen Augen auf den Computerbildschirm. Mit halbem Ohr hörte er das Tuten eines Nebelhorns nicht weit draußen im Minch und wusste, die Fähre würde bald anlegen.
Gunn teilte sich das Büro mit zwei anderen Detectives. Von seinem Fenster im ersten Stock hatte er volle Sicht auf die andere Seite der Church Street, wo Blythswood Care einen Secondhandladen betrieb. Leib und Seele in christlicher Obhut. Wenn er den Hals reckte, konnte er sogar das indische Restaurant weiter oben in der Straße sehen, das Bangla Spice mit den Saucen, bei deren Farben einem das Wasser im Mund zusammenlief, und dem gebratenen Reis mit Knoblauch – unwiderstehlich. Bei dem Thema auf seinem Bildschirm kam ihm kein Gedanke an Essen.
Moorleichen, so las er bei Wikipedia, wurden bereits in Nordeuropa, Großbritannien und Irland gefunden. Es handelt sich dabei um menschliche Überreste oder vollständige Leichen, die im sauren Milieu von Hochmooren sowie durch die niedrigen Temperaturen und durch Sauerstoffabschluss erhalten blieben. Haut und Organe waren in Einzelfällen noch so intakt, dass man sogar Fingerabdrücke abnehmen konnte.
Ob das auch für die Leiche galt, die jetzt in dem Kühlfach im Autopsieraum des Krankenhauses lagerte? Wie schnell mochte die sich jetzt, da sie aus dem Moor geborgen war, zersetzen? Er scrollte weiter nach unten und betrachtete die Aufnahme des Kopfes, die von einem vor sechzig Jahren aus einem Moor in Dänemark ausgegrabenen Mann gemacht worden war: schokoladenbraunes Gesicht mit bemerkenswert feinen Zügen, eine Wange an die Nase gequetscht, weil der Mann auf der Seite gelegen hatte, orange, an Oberlippe und Kinn noch deutlich erkennbare Bartstoppeln.
»Ah, ja. Der Tollund-Mann.«
Als er aufblickte, sah Gunn einen großgewachsenen, drahtigen Mann mit schmalem Gesicht und einem Kranz dunklen, sich lichtenden Haars, der sich zum Bildschirm beugte, um besser sehen zu können.
»Bei der Karbondatierung seines Haars ergab sich ein Todeszeitpunkt um circa 400 vor Christus. Die Idioten, die damals die Autopsie gemacht haben, haben ihm den Kopf abgeschnitten und den Rest des Körpers weggeworfen. Die haben sonst bloß noch die Füße und einen Finger, in Formalin eingelegt.« Er griente und streckte die Hand aus. »Professor Colin Mulgrew.«
Gunn war von der Festigkeit des Händedrucks überrascht. Der Mann wirkte so schmächtig.
Fast so, als ob er die Gedanken des anderen erraten oder sein Zusammenzucken bemerkt hätte, lächelte Professor Mulgrew und sagte: »Pathologen brauchen eine kräftige Hand, Detective Sergeant. Sie müssen Knochen durchtrennen und Teile des Skeletts notfalls aufbiegen können. Sie wären erstaunt, wie viel Kraft man dafür benötigt.« In der Stimme des Mannes hörte Gunn einen Hauch von gepflegtem Irisch. Mulgrew wandte sich wieder dem Tollund-Mann zu. »Erstaunlich, nicht? Man konnte noch nach 2400 Jahren feststellen, dass er erhängt worden und dass seine letzte Mahlzeit eine Grütze aus Getreide- und Pflanzensamen gewesen war.«
»Waren Sie hier auch an der Leichenschau beteiligt?«
»Bewahre, nein. Das war lange vor meiner Zeit. Ich habe den Old-Croghan-Mann untersucht, den sie 2003 aus einem Moor in Irland gezogen haben. Der war aber fast genauso alt. Mit Sicherheit über zweitausend Jahre. Und für seine Zeit verdammt groß. Eins achtzig, stellen Sie sich das vor. Ein richtiger Riese.« Mulgrew kratzte sich am Kopf und griente. »Wie wollen wir Ihren Mann nennen? Lewis-Mann?«
Gunn fuhr auf seinem Stuhl herum und bedeutete Mulgrew, er möge sich setzen. Doch der Pathologe schüttelte den Kopf.
»Hab ich gerade stundenlang. Und auf den Flügen hier herauf hat man nicht viel Beinfreiheit.«
Gunn nickte. Da er selbst etwas kleiner war als der Durchschnitt, hatte ihm das nie Probleme bereitet. »Wie ist Ihr Old-Croghan-Mann gestorben?«
»Ermordet. Vorher aber gefoltert. Wir haben tiefe Einschnitte unter seinen Brustwarzen gefunden. Dann hat man ihm eine Stichverletzung in der Brust beigebracht, ihn enthauptet und seinen Körper halbiert.« Der Professor schlenderte zum Fenster und schaute beim Weitersprechen die Straße hinauf und hinab. »Eigentlich ein Rätsel, weil er sehr gepflegte Fingernägel hatte. Demnach kein Arbeiter. Ohne Zweifel war er Fleischesser, aber seine letzte Mahlzeit war eine Mischung aus Weizen und Buttermilch. Mein alter Freund Ned Kelly vom Irischen Nationalmuseum glaubt, er war eine Opfergabe, mit der man sich eine gute Ernte auf den königlichen Ländereien der Gegend und einen guten Milchertrag erbitten wollte.« Er drehte sich zu Gunn herum. »Das indische Restaurant da oben, taugt das was?«
Gunn zuckte mit den Achseln. »Es ist ganz gut.«
»Schön. Ich hab schon seit Ewigkeiten nicht mehr anständig indisch gegessen. Wo befindet sich Ihr Mann jetzt?«
»In einem Kühlfach in der Leichenhalle des Krankenhauses.«
Professor Mulgrew rieb sich die Hände. »Dann sollten wir hingehen und ihn uns anschauen, bevor er uns zerfällt. Und dann essen wir einen Happen, ja? Ich bin am Verhungern.«
Der Tote, der jetzt auf dem Obduktionstisch lag, wirkte seltsamerweise wie geschrumpft, wie weniger geworden, obwohl er kräftig gebaut war. Er hatte die Farbe von Schwarztee und sah aus wie eine Skulptur aus Harz.
Professor Mulgrew trug einen dunkelblauen Overall unter dem OP-Kittel, eine leuchtend gelbe OP-Maske bedeckte Mund und Nase. Darüber saß eine lächerlich große Schutzbrille mit perlmuttfarbenem Rand, die seinen Kopf kleiner erscheinen ließ, als er war, und den Mann in eine Karikatur seiner selbst verwandelte. Anscheinend ohne zu merken, wie kurios er aussah, ging er flink um den Tisch herum und nahm Maß. Die weißen Tennisschuhe des Professors steckten in grünen Plastiküberziehern.
Er trat an die Weißwandtafel und notierte die ersten Messergebnisse, ohne sich vom Quietschen seines Filzstifts beim Reden stören zu lassen. »Der arme Kerl wiegt läppische einundvierzig Kilo. Nicht gerade viel für einen Mann von eins dreiundsiebzig.« Über die Brille hinweg sah er zu Gunn hinüber. »Macht fünf Fuß acht nach Ihrer Zählung.«
»Sie meinen, er war krank?«
»Nein, nicht unbedingt. Er ist zwar gut erhalten, dürfte über die Jahre aber viel flüssiges Gewicht verloren haben. Nach meinem Eindruck ist das ein ziemlich gesundes Exemplar.«
»Wie alt?«
»Keine zwanzig oder nur knapp darüber, würde ich sagen.«
»Nein, ich meine, wie lange hat er im Torf gelegen?«
Professor Mulgrew zog eine Augenbraue hoch und neigte tadelnd den Kopf in Gunns Richtung. »Geduld, bitte. Ich bin kein Karbondatierungsautomat, verdammt noch mal, Detective Sergeant.«
Er kehrte zu der Leiche zurück und drehte sie auf die Vorderseite, beugte sich tief darüber und wischte braune und gelbgrüne Mooskrümel herunter.
»Wurden Kleidungsstücke bei dem Toten gefunden?«
»Nein, nichts.« Gunn trat näher an den Tisch heran, weil er hoffte, zu erkennen, was Mulgrews Aufmerksamkeit gefesselt hatte. »Wir haben das ganze Gebiet umgegraben. Keine Kleidung, keine Artefakte irgendwelcher Art.«
»Hm. In dem Fall würde ich sagen, dass er erst in eine Decke gewickelt und dann vergraben wurde. Und in der Decke dürfte er etliche Stunden gelegen haben.«
Gunns Augenbrauen schossen erstaunt in die Höhe. »Woraus schließen Sie das?«
»In den Stunden nach Eintritt des Todes, Mr Gunn, sammelt sich das Blut in den unteren Körperregionen und führt zu einer rötlich-violetten Verfärbung der Haut. Wir nennen das Post-mortem-Lividität. Wenn Sie sich seinen Rücken, das Gesäß und die Oberschenkel genau anschauen, werden Sie sehen, dass die Haut hier dunkler ist, die Lividität aber ein helleres blasses Muster aufweist.«
»Und das bedeutet?«
»Das bedeutet, dass er nach seinem Tod mindestens acht bis zehn Stunden auf dem Rücken lag, in eine grobe Decke eingewickelt, deren Gewebe ihr Muster in der dunkleren Verfärbung hinterlassen hat. Wir können ihn säubern und es fotografieren und, wenn Sie wollen, einen Künstler das Muster abzeichnen lassen.«
Mit einer Pinzette löste er mehrere Fasern, die noch an der Haut hafteten.
»Könnte Wolle sein«, sagte er. »Dürfte nicht schwer sein, das zu bestätigen.«
Gunn nickte zwar, beschloss aber, nicht zu fragen, welchen Sinn es haben sollte, Muster und Gewebe einer Decke zu identifizieren, die vor Hunderten, wenn nicht Tausenden von Jahren gewebt worden war. Der Pathologe widmete sich wieder der Untersuchung des Kopfes.
»Die Augen sind schon zu stark zersetzt, als dass sich die Farbe der Iris noch bestimmen ließe, und dieses rotbraune Haar erlaubt keinerlei Rückschlüsse darauf, welche Farbe es ursprünglich gehabt haben könnte. Das hat der Torf gefärbt, genauso wie die Haut.« Er bohrte ein wenig in den Nasenlöchern herum. »Aber das ist interessant«, sagte er und betrachtete seine Fingerspitzen in den Latexhandschuhen. »Er hat feinkörnigen silbrigen Sand in der Nase, und nicht gerade wenig. Und der sieht genau so aus wie der Sand in den Abschürfungen auf seinen Knien und auf dem Spann der Füße.« Mulgrew fuhr mit den Fingern zur Stirn und wischte mit sachten Bewegungen Schmutz von der linken Schläfe und aus dem Haaransatz. »Großer Gott!«
»Was ist?«
»Er hat eine gerundete Narbe an der linken Schädelvorderseite. Etwa zehn Zentimeter lang.«
»Eine Wunde?«
Der Professor schüttelte sinnend den Kopf. »Nein, das sieht aus wie eine...