E-Book, Deutsch, Band 4600, 191 Seiten
Reihe: Beck Paperback
Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert
E-Book, Deutsch, Band 4600, 191 Seiten
Reihe: Beck Paperback
ISBN: 978-3-406-77576-5
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der kosmopolitische Traum von einer grenzenlosen Welt hat in den letzten Jahren tiefe Risse bekommen. Aber war er überhaupt jemals realistisch? Steffen Mau zeigt, dass Grenzen im Zeitalter der Globalisierung von Anbeginn nicht offener gestaltet, sondern zu machtvollen Sortiermaschinen umgebaut wurden. Während ein kleiner Kreis Privilegierter heute nahezu überallhin reisen darf, bleibt die große Mehrheit der Weltbevölkerung weiterhin systematisch außen vor.
Während die Mobilität von Menschen über Grenzen hinweg in den letzten Jahrzehnten stetig zunahm und Grenzen immer offener schienen, fand gleichzeitig eine in Wissenschaft und Öffentlichkeit unterschätzte Gegenentwicklung statt. Vielerorts ist es zu einer neuen Fortifizierung gekommen, zum Bau neuer abschreckender Mauern und militarisierter Grenzübergänge. Grenzen wurden zudem immer selektiver und – unterstützt durch die Digitalisierung – zu Smart Borders aufgerüstet. Und die Grenzkontrolle hat sich räumlich massiv ausgedehnt, ja ist zu einer globalen Unternehmung geworden, die sich vom Territorium ablöst. Der Soziologe Steffen Mau analysiert, auf welche Weise und mit welchen Mitteln die neuen Sortiermaschinen Mobilität und Immobilität zugleich schaffen: Für erwünschte Reisende sollen sich Grenzen wie Kaufhaustüren öffnen, für andere sollen sie fester denn je verschlossen bleiben. Nirgends tritt das Janusgesicht der Globalisierung deutlicher zutage als an den Grenzen des 21. Jahrhunderts.
- Die dunkle Seite der Globalisierung
- Borders are back
- Die Globalisierung hat nicht die Auflösung von Grenzen zur Folge - sie kehren in neuer Gestalt wieder
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Sozialwissenschaften Politikwissenschaft Politikwissenschaft Allgemein Politische Globalisierung
- Sozialwissenschaften Politikwissenschaft Regierungspolitik Migrations- & Minderheitenpolitik
- Sozialwissenschaften Politikwissenschaft Politische Systeme Transformationsprozesse (Politikwiss.)
- Sozialwissenschaften Politikwissenschaft Politikwissenschaft Allgemein Politik: Sachbuch, Politikerveröffentlichungen
- Sozialwissenschaften Politikwissenschaft Politische Systeme Staats- und Regierungsformen, Staatslehre
- Sozialwissenschaften Politikwissenschaft Internationale Beziehungen
Weitere Infos & Material
1. Borders are back!
Die dramatischen Bilder von der türkisch-griechischen Grenze, die im Frühjahr 2020 über unsere Fernsehschirme flimmerten, waren an Wucht nicht zu überbieten: Busse, die tausende Geflüchtete durch die Türkei an die Grenze brachten, türkische Sicherheitskräfte, die Menschen auf die Grenze zutrieben, dazwischen Elendslager mit zum Trocknen aufgehängter Wäsche, eine griechische Grenzpolizei, die hektisch Betonsperren aufstellte und Stacheldraht ausrollte, aufflackernde Blendgranaten, dazu mannshohe Hochleistungsventilatoren, die Tränengaswolken auf die türkische Seite hinüberbliesen. Szenenwechsel: fast zeitgleich am John F. Kennedy Flughafen, New York. Stundenlang standen hunderte Passagiere eingepfercht in schmalen Gängen, warteten, um in die USA hineingelassen zu werden. Nachdem über Nacht aufgrund steigender Covid-19-Infektionszahlen verschärfte Einreisebestimmungen für die USA erlassen worden waren, kam es zu chaotischen Szenen. Die ad hoc angeordneten Temperaturmessungen und die Befragung der Einreisenden führten zu massiven Verzögerungen, zu einem Rückstau, für den der Flughafen nicht ausgelegt ist. Menschen wurden pulkartig zusammengedrückt, es ging nur langsam voran. Kommentatoren sprachen von einer menschlichen Petrischale, in der sich das Virus optimal verbreiten könne. Beide Szenen sind emblematisch für die Barriere- und Sortierwirkung von Grenzen: Grenzen halten auf, drängen zurück, schließen aus, üben Filterwirkung aus. Durch Szenen wie diese sind Grenzen in den letzten Jahren auf geradezu dramatische Weise in unser Bewusstsein zurückgekehrt. Viele hatten sich im Nachklapp des Falls der Berliner Mauer allzu schnell und bereitwillig der Illusion hingegeben, wir lebten im Zeitalter sich öffnender Schranken, erweiterter Mobilitätsmöglichkeiten und durchlässiger werdender Grenzen. Die Grenze schaffte es 2009 sogar zusammen mit dem Paternoster, dem Käseigel und dem Kassettenrecorder in das «Lexikon der verschwundenen Dinge»[1], gerade so, als gehöre sie ins Museum. Berlin als die Stadt der Teilung durch den Eisernen Vorhang symbolisiert dabei in besonderer Weise den Abschied von einer durch Grenzabschottung strukturierten Welt. «Die Mauer muss weg», war eine Forderung im Herbst 1989, heute lebt der Mauerstreifen nur noch als touristischer Parcours weiter. Zumindest auf den ersten Blick scheint vieles dieser Sichtweise – die Grenze als Relikt vergangener Zeiten – Recht zu geben, denn Trenddaten zeigen auf, dass die grenzüberschreitenden Transaktionen und Bewegungen in den letzten drei Dekaden und auch schon davor massiv zugenommen haben.[2] Grenzen werden immer häufiger überquert, ihr Abschottungscharakter scheint aufgeweicht, die Durchlässigkeit wird vermeintlich größer. Dies gilt nicht nur für die Kommunikation über das Internet, die Handels- und Produktionsketten, Finanzströme oder die Verbreitung von Informationen und kulturellen Gütern, sondern auch für die verschiedenen Formen der Mobilität von Menschen, um die es in diesem Buch geht. Der Binnenraum des Nationalstaates wird immer öfter, immer selbstverständlicher und von einem immer größer werdenden Personenkreis verlassen, das Hin und Her über die Grenze erscheint als Normalzustand. In der Analyse dieser Veränderungen waren Thesen von den «vanishing borders»[3] oder der «borderless world»[4], die allesamt ein Obsoletwerden von Grenzen oder sich steigernde Grenzporosität beschworen, keine akademischen Hirngespinste, sondern vielfach aufgegriffene und gern zitierte Etiketten. Sie schienen wesentliche Trends begrifflich zu bündeln. Die Globalisierung galt dabei als mächtige Antriebskraft mit grenzöffnendem, manchmal gar grenzbrechendem Charakter, der man sich kaum entgegenstellen könne. Sozialtheoretisch wurden die Entbettung aus ortsgebundenen Zusammenhängen und die Entterritorialisierung von Sozialbeziehungen sogar als wesentliche Entwicklungsmomente der Moderne herausgearbeitet.[5] Nun seien wir nicht mehr an einen Ort gefesselt, sondern spannten unsere Sozialbeziehungen über große Distanzen auf, seien unentwegte Grenzüberschreiter und eilten mit Siebenmeilenstiefeln um den Erdenball. Während der Auslandsaufenthalt noch vor einigen Jahrzehnten als «exotischer» Ausnahmefall galt, sind grenzüberschreitende Arbeits-, Sozial-, Familien- oder Liebesbeziehungen und transnationale Lebensläufe heute Normalität geworden, haben sich veralltäglicht.[6] Prozesse der Entterritorialisierung, Denationalisierung und Transnationalisierung waren demgemäß ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, das Festhalten am Begrenzten, Nationalen und Immobilen galt als rückwärtsgewandt, weil es die gewaltige Öffnungsdynamik in vormals geschlossenen und umgrenzten Gesellschaften ignorierte. Sogar von einer «atopischen Gesellschaft», einer Gesellschaft, die ihre territorialen Begrenzungen radikal aufhebt, ist gesprochen worden, manche sahen die Weltgesellschaft am Horizont aufsteigen.[7] Im globalen Miteinander gab es kein Halten mehr, jedenfalls keines, bei dem Grenzen eine herausgehobene Rolle spielen sollten. Auch wenn diese Sichtweise keine optische Täuschung gewesen sein mag, hat sie den Entgrenzungscharakter der Globalisierung doch überbetont und ein einseitiges Bild produziert. Schon die Frage, ob die Steigerung des «Grenzverkehrs» den Schluss zulässt, dass eine Grenze durchlässiger oder funktionsuntüchtig geworden ist (oder nicht), ist keineswegs banal, auch wenn häufig von dem einen auf das andere geschlossen wird. Möglicherweise ist der Fokus auf die Entgrenzung auch einer spezifischen Welterfahrung der Gruppe der «frequent travellers» [8] geschuldet, die als die wesentliche Trägerschicht der Grenzüberschreitung angesehen werden kann. Für diese Gruppe – also die zur Mobilität Befähigten und Berechtigten – bedeutet Globalisierung zumeist Öffnung, De-bordering und eine Erweiterung von Mobilitätschancen. Auch die Wortführer des Globalisierungsdiskurses gehören zweifellos zur Gruppe derer, die hochmobil unterwegs sind und ihre Thesen auf Podien in Boston, Kapstadt oder Seoul popularisieren konnten. Wer selbst reisen darf und für wen Grenzen kaum noch Mobilitätseinschränkungen bedeuten, mag dazu geneigt sein, die eigenen Erfahrungen zu verallgemeinern und gegenläufige Entwicklungen zu unterschätzen. Das wäre eine déformation professionnelle der Konferenztouristen, aber vielleicht verbieten sich solche Mutmaßungen an dieser Stelle. Zwar wäre es falsch, die Erfahrungen der Grenzüberschreitung auf einige wenige Gruppen Privilegierter zu beschränken – ganz im Gegenteil: sie reichen weit darüber hinaus und haben eine globale Skalierung –, aber die schnelle, reibungslose, ungehinderte und komfortable Grenzpassage ist beileibe kein ubiquitäres Phänomen. Die tagtägliche Grenzerfahrung eines großen – des größeren! – Teils der Weltbevölkerung ist die des Ausschlusses, der Mobilitätsabwehr, der Wegversperrung, des Draußen-Seins, des Re-bordering. Immer noch gilt: An kaum einem anderen Ort – so der soziologische Klassiker Georg Simmel – zeigt sich das «unbarmherzige Auseinander des Raumes»[9] so deutlich wie an der Grenze. An Grenzen finden einschneidende Prozesse der sozialen Teilung statt.[10] Auch in der globalen Weltgesellschaft leben wir in Gebietsparzellen, und Grenzen übernehmen Aufgaben der Filterung, der Absonderung und des Zirkulationsmanagements. An Grenzen wird nicht nur kontrolliert, viele Gruppen werden an Grenzen zurückgewiesen; die eingangs erwähnte Situation an der türkisch-griechischen Grenze ist wahrlich kein Einzelfall. Den Prozess der Globalisierung in seinem Kern als Entgrenzung zu verstehen, ist daher vereinseitigend, aus meiner Sicht sogar irreführend. Auch und gerade unter Bedingungen der Globalisierung setzen Grenzregime territoriale Kontrolle und Selektivität durch, sind machtvolle Sortiermaschinen der globalisierten Welt. Deswegen ist es wissenschaftlich kaum zu rechtfertigen, Globalisierung mit porösen oder gar verschwindenden Grenzen zu assoziieren oder gleichzusetzen und nicht als einen komplexen, in sich auch widersprüchlichen Prozess zu fassen. Diese Voreinstellung hat blinde Flecken geradezu zum Wissenschaftsprogramm gemacht und gegenläufige Entwicklungen ausgeblendet. Letztere lassen sich nur entschlüsseln, wenn man Globalisierung nicht nur als grenzüberschreitende Transaktionen oder Ströme, sondern deutlich umfassender versteht, und zwar als über den Nationalstaat und die Nationalgesellschaft hinausreichende Bezogenheit.[11] Bei der Globalisierung geht es über die...