Matthias | Taubnesselblütenlutschen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 488 Seiten

Matthias Taubnesselblütenlutschen

[Solingen-Nordbahnhof] Geschichten von drei bis dreizehn
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-99130-430-2
Verlag: novum Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

[Solingen-Nordbahnhof] Geschichten von drei bis dreizehn

E-Book, Deutsch, 488 Seiten

ISBN: 978-3-99130-430-2
Verlag: novum Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Ulrich Matthias wächst in den 50ern und 60ern auf und erlebt eine recht unbeschwerte Kindheit. Trotzdem bleibt natürlich Zeit für zahlreiche Abenteuer! Mit der Familie oder seiner 'Bande' verschlägt es Ulrich in einen atemberaubenden Märchenwald, auf eine Amazonas-Schiffstour bis hin zur Plünderung einer Eisenbahn. Auch alleine schreckt er nicht vor gefährlichen Unternehmungen zurück, baut sich ein eigenes geheimes Schloss und erklimmt schwindelerregende Höhen. Diese Ausflüge gehen aber nicht immer gut aus, des Öfteren enden sie sogar in einem Desaster: Seien es Brennnesselstiche am ganzen Körper, schmerzhafte und blutige Stürze oder ein kaputter Flugdrache. Das nächste Abenteuer ist trotzdem nie weit entfernt ...

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BEI UNS ZU HAUSE

Jeden Sonnabend, manchmal aber auch schon am Freitag, wurden Gitti und ich von Mama gebadet. Als wir noch klitzeklein warn, hat sie uns dafür in unser Spülbecken in der Küchenecke, das mit schön warmem Wasser gefüllt war, gesetzt und rundum nass gepladdert und eingeseift und zum Schluss abgespült und uns danach rüber auf ’n großes flauschiges Handtuch auf unsern Küchentisch verfrachtet und uns da fix gründlich abgetrocknet.

Als wir dann ’n bisschen größer wurden und schon stehn und laufen konnten, war das mit dem Baden aber so ’ne Sache, denn Gitti und ich passten ja nicht mehr in das kleine Spülbecken rein, und wir mussten uns vor unserm Waschbecken nackig auf unsere Fußbänke stelln und da schön ruhig verharrn, also erst Gitti und dann ich – oder manchmal auch umgekehrt. Jeder von uns hatte dafür ’ne eigene Fußbank, ich hatte eine schmutzigbraune und Gitti eine hellbraune. Dann hat Mama uns nassgemacht und uns mit dem Seifenstück überall eingeschmiert, und Oma hat von ihrm Sessel aus die ganze Prozedur beäugt, und Papa hat im Radio Zwischen Rhein und Weser gehört, wir andern aber auch, denn wir waren ja alle dicht zusammen in unsrer kleinen Küche, und der Kohleofen bullerte in der Ecke neben Oma, und es war richtig schön warm – außer im Sommer, da war der Ofen natürlich nicht an, da war ’s ja sowieso warm und manchmal sogar noch wärmer als warm.

Mama musste aufpassen, dass sie nicht alles mit unserm Badewasser vollspritzte und uns beide kleinen Würstchen trocken kriegte, und Gitti und ich mussten deshalb immer ganz nah am Waschbecken stehen bleiben, weil wir noch so getropft haben, und Mama hat uns mit ’nem Frotteehandtuch abgerubbelt und uns das danach liebevoll umgehängt, damit wir nicht bibbern mussten; aber einige Wasserpfützen hatte Mama trotzdem immer noch von unserm Linoleumfußboden aufzuwischen, und dann hat sie uns die kuscheligen Handtücher wieder abgenommen und uns hurtig unsere Nachthemdchen übergestülpt.

Pünktlich zum Sandmännchen saßen Gitti und ich am Tisch, und Mama hat die ganze Ecke ums Waschbecken auf ihrn Knien endgültig trockengerieben und sich dann auf ihren Stuhl am Küchentisch plumpsen lassen.

Oma hatte zwischendurch die Fleischwurst gebrüht und das Brot und die Teller und Tassen für den Pfefferminztee auf den Küchentisch gestellt und auch das Besteck hingelegt; zum Schluss hat Oma die dicke Fleischwurst aus dem Kochtopf geholt, auf einen Teller rollen lassen und in fünf Enden geschnitten, drei große und ein kleines und eine ganz kleines, und Mama hat das kleine und das ganz kleine Ende für Gitti und mich aufgeritzt und unseren Fleischwurststückchen flink die Pelle abgezogen und sie in Happen geschnitten, damit wir beide das auch in unsere Mäulchen kriegten, und dann die heißen Wurstenden und Wurststückchen in die Mitte von unserm Küchentisch gestellt, und ganz zum Schluss kam das Glas mit der Mayonnaise aus dem Kühlschrank auf den Tisch, aber erst ganz zum Schluss, denn die darf nich zu lange im Warmen stehn.

Du – ’ne dicke heiße Fleischwurst mit ’nem dicken Klacks kalte Mayonnaise und Weißbrot, das hat Oma nämlich sogar manchmal selbst gebacken, und Pfefferminztee mit ’nem Teelöffel Zucker drin – das musst de ma essen! Das schmeckt wie … wie, ich weiß nich, … wie Samstagabend bei uns zu Hause in der Van-Meenen-Straße 32! Und dabei das Sandmännchen hörn!

Beim Essen warn wir alle mal fünf Minuten lang ganz leise, denn jetz war ja das Sandmännchen im Radio! Das Sandmännchen erzählt immer ganz aufregende Geschichten, zum Beispiel von andern Kindern und wie’s bei denen so is und dass, wenn’s Nacht wird, die Sonne schlafen geht und der Mond um die Ecke kommt und für uns scheint, damit wir nich ganz allein in der Nacht sind und noch viele andere Sachen; zum Beispiel, dass Bauklötzchen richtig lebendig sind, und, wenn der Mond scheint, die sich selbst von ganz alleine zusammbaun und aus sich ’n Schloss oder ’n Riesenelefant oder ’nen ganzen Bauernhof machen. Aber wenn du nachts mal wach wirst wegen Pipimachen und zum Klo musst, siehst de nix mehr davon, die Bauklötzchen machen das nämlich nur mit zuen Augen, also wenn du deine Augen selbst zu hast, aber machen tun se ’s, das schwör ich, und morgens, wenn ’s wieder Tag wird und de wach bist und alles von vorne losgeht, is das mit den Bauklötzchen erst mal vorbei, und mit ’nem Riesenschloss oder ’nem Riesenelefant is dann Schluss, das machen die Bauklötzchen erst nach ’m nächsten Schlafengehen wieder – wenn keiner mehr zugucken kann.

Solche Sachen gibt ’s nämlich beim Sandmännchen, und deshalb haben Gitti und ich uns immer ganz fix von Mama baden lassen und uns zum Abendbrot hingesetzt, damit wir das bloß nich im Radio verpassen.

Mama und Papa und Oma haben davon leider nicht viel verstanden, denn Papa hat bald schon wieder vorsichtig in der Zeitung geblättert und damit rumgeknistert, und Mama fing mit dem Abwaschen an und ließ andauernd Wasser laufen und klapperte mit den Tellern und Tassen und so, und Oma saß schon wieder zurückgelehnt in ihrem Sessel und hat noch ’n bisschen gestrickt, obwohl, das geht ja ganz leise, das Stricken, und deswegen hat Oma, außer Gitti und mir, bestimmt noch fast am meisten vom Sandmännchen mitgekriegt und verstanden, auch wenn sie nur sehr schwer hören konnte.

Nach dem Sandmännchen hat Mama uns beide Kinder ins Bett gebracht, und Papa musste dabei ’n bisschen nachhelfen, weil Gitti und ich immer noch rumgekaspert und Sperenzchen gemacht haben und durch unsere ganze Wohnung gehoppelt sind und mit Mama und Papa Verstecken gespielt haben; aber irgendwann haben sie uns beide doch aufgestöbert und uns ins Bett gestopft und uns noch ’n Märchen vorgelesen.

Ich wollte meistens immer nur Hans im Glück hören und Gitti Rapunzel oder Dornröschen oder Die Prinzessin auf der Erbse. Dann hab ich immer noch ’n bisschen auf unser Radio aus der Küche gelauscht und wie Mama und Papa sich was erzählt haben, aber nicht lange – denn dann war ich auch schon weg.

Gitti hat vom Radio und von Mama und Papa bestimmt auch noch was gehört, denn ihr Bett war viel näher dran an der Küche, wo unser großes Radio stand. Aber vielleicht hat sie das auch nicht, denn Gitti war ja noch ganz schön viel kleiner als wie ich, und die ist meistens wohl doch schon vor mir eingeschlummert.

Ich bin immer mit meinem Teddy schlafen gegangen; der schlief meistens direkt neben meim Kopf, manchmal aber auch auf meim Bauch.

Mein Teddy is genauso alt wie ich, und Gitti hat eine Puppe, die ist so alt wie sie, doch die kenn ich nich so richtig, aber die hab ich auf jeden Fall schon öfter mal gesehn, weil, die liegt ja immer in Gittis eisernem Gitterbett neben ihrm Kopf oder auf ihrm Bauch oder sie hat sie im Arm, und da musste ich ja immer vorbei zu meinem Bett oder nachts aufs Klo oder zurück ins Bett oder so. Irgendwann später hatte Gitti auch noch ’nen Hasen, der war dann auch immer bei ihr im Bett – aber ich selbst hatte nur meinen Teddy mit mir im Bett, sonst nix.

Ich hab mit Mama und Papa bei uns im Wohnzimmer geschlafen, wo ich mein eignes Bett hatte und Mama und Papa das dunkelrote Sofa zum Ausklappen, damit ’n Doppelbett draus wird. Gitti schlief in einem Kinderbett aus Eisen und mit Gitterstäben rundum, und das stand irgendwie – ja, wie soll ich sagen – mittendrin in unsrer Wohnung im Flur; in welches Zimmer du auch wolltest in unsrer winzigen Wohnung, ob in die Küche oder ins Wohnzimmer oder aufs Klo – immer musstest du an Gittis Gitterbettchen vorbei.

Oma hatte ihr Bett auf ’m Weg zum Klo, und das war ihr Schlafensplatz. Da sind wir nachts immer nur ganz, ganz leise dran vorbeigetapst, dass sie ihre Ruhe hat. Unser Klo hatte Papa, von Omas Schlafstätte abgetrennt, mit Spanplatten gebaut und hübsch dunkelgeblümt tapeziert, und das konnte man auch abschließen, mit so ’nem Schieberiegel, wie sich das für ’n anständiges Klo gehört.

Ich hockte am Fußende von meinem Bett und starrte raus in die Nacht und in den sternenübersäten Himmel.

„Mama?“ fragte ich, als Mama mich ins Bett einpacken wollte.

„Ja?“

„Manchmal blinzeln de Sterne doch so, ne? Wie machen die das denn?“

Mama zog mir das Zudeck um die Ohrn und antwortete:

„Da machen die Sterne kurz ihre Augen zu – und wieder auf – genauso wie du und ich.“

„Passen die Sterne auf uns auf?“

„Ja, das tun se – und se gucken immer, ob wer alles richtigmachen. Die Sterne sind alle Kinder vom liem Gott und wir auch, und das Blinzeln ham wer uns bei denen abgeguckt …, und du, kleiner Meister, machst jetz auch deine Äuglein zu, ja?“

Mama gab mir behutsam einen Kuss auf die Backe und auf die Stirn, wickelte mich in mein Zudeck ein und stand leise von meinem Bett auf, winkte nochmal im Halbdunkel, machte die...



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