E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Matthews Das Lied der Mandelblüten
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-610-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-96655-610-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Patricia Matthews (1927-2006) wurde in San Francisco geboren, studierte in Los Angeles und lebte später viele Jahre in Prescott, Arizona. Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe begann sie, sich intensiv dem Schreiben zu widmen - so lernte sie nicht nur ihren zweiten Ehemann, den Schriftsteller Clayton Matthews kennen, sondern legte auch den Grundstein zu einer internationalen Karriere. Patricia Matthews, die unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte, schrieb zwischen 1959 und 2004 über 50 Bücher, vom Liebesroman bis zum Krimi. Für ihr Werk wurde sie mit dem »Reviewers Choice Award« und dem »Affaire de Coeur Silver Pen Readers Award« ausgezeichnet. Bei dotbooks erschienen Patricia Matthews Romane »Das Lied des roten Landes«, »Wenn die Magnolien blühen«, »Der Wind in den Zypressen«, »Der Traum des wilden, weiten Landes«, »Der Stern von Mexiko«, »Das Lied der Mandelblüten«, »Der Himmel über Alaska«, »Die Brandung von Cape Cod«, »Der Duft von Hibiskusblüten«, »Die Jasmininsel«, »Wo die Anemonen blühen« und die »Virginia Love«-Saga mit den Einzelbänden »Der Traum von Malvern Hall« und »Das Vermächtnis von Malvern Hall«. Die Virginia-Love-Saga ist auch in dem Sammelband »Malvern Hall« erhältlich.
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Kapitel 1
Pacific Grove Retreat
Samuel Purcells schwere Hand schlug so heftig auf den kleinen Tisch, daß das Zelt erbebte und seine Tochter zusammenzuckte. Doch seine Stimme war leise und beherrscht, wie immer, wenn er zornig war.
»Du wirst nicht gehen! Du kennst meine Meinung dazu!« Seine kalten grauen Augen waren auf sie geheftet, und es schien Laura, als würde sie geschlagen.
Sie war ebenso ärgerlich wie er, doch sie wagte das nicht zu zeigen, weil es die Schmähung nur verlängert hätte. In einer Auseinandersetzung mit ihm konnte sie nie siegen. Sie konnte nur auf eine würdevolle Niederlage hoffen. So unterdrückte sie ihre Erregung, da er es zu genießen schien, wenn er sie zum weinen brachte, oder sie ihre Gefühle zeigte. Obwohl sie wußte, daß sie nicht siegen konnte, versuchte Laura immer, ruhig mit ihm zu reden.
»Vater, würdest du mir bitte zuhören?«
Er verschränkte seine Arme vor der Brust. »Ich höre dir immer zu, Tochter. Niemand kann sagen, daß ich unfair wäre.«
Fair? Laura hätte gelacht, wenn sie’s gewagt hätte, doch sie fuhr hartnäckig fort: »Ich weiß, wie du über nichtige Unterhaltung denkst, Vater, doch das ist es nicht. Die Chautaqua wird von der Methodistenkirche veranstaltet. Sie ist lehrreich. Damit bilden sie sogar ihre Sonntagslehrer aus. Sie ...«
Er richtete eine Hand auf sie. »Ich weiß sehr wohl, was sie tun, und ich bin davon überzeugt, daß es leichtfertig ist. Ich will weder meine Frau noch meine Tochter Schauspielern, Musikern und Scharlatanen ausgesetzt sehen. Und das ist mein letztes Wort.«
Hilflos schaute Laura zu ihrer Mutter hinüber, die an der Seite des Zeltes im Schaukelstuhl saß. Doch sie hatte den Kopf abgewandt, und Laura wußte, daß sie weder Hilfe noch Unterstützung von ihr erwarten konnte.
»Du bist ein selbstsüchtiges Mädchen!« Samuels Stimme war jetzt weich, weich und sehr kalt. »Du weißt, daß ich für mehrere Tage fort bin, während diese Teufelsshow hier ist. Und du weißt auch, daß dich deine Mutter braucht. Selbst wenn du meine Gefühle nicht respektierst, wie kannst du um Erlaubnis für einen solchen Besuch bitten, obwohl du weißt, daß deine arme Mutter hier völlig allein wäre?«
Laura wandte sich ab, um ihre Tränen zu verbergen. Er wußte sehr wohl, daß ihre Mutter nichts Ernstes hatte, nur die Krankheit, die sie sich einbildete. Warum mußten sie mit der Einbildung leben, daß ihre Mutter gebrechlich sei?
Sie hörte, daß er sich bewegte. »Ich muß nun für etwa eine Stunde fortgehen. Ich werde rechtzeitig zum Essen zurück sein, und dann möchte ich von diesen Torheiten nichts mehr hören!«
Laura wartete, bis sie die hölzerne Zelttür schlagen hörte, dann wandte sie sich an ihre Mutter. »Mutter, warum hilfst du mir nie? Wenn du nur etwas sagen würdest, einmal auf meiner Seite wärst. Du weißt, daß er ungerecht ist!«
Mary Purcell wich ihren Blicken aus. »Er ist der Hausherr«, sagte sie mit ausdrucksloser Stimme. »Er ist mein Gatte und dein Vater. Er weiß, was am besten für uns ist.«
Laura seufzte voller Zorn und Enttäuschung und griff nach ihrem grauen Wollschal, der über einer Stuhllehne hing.
»Ich gehe hinaus. Ich werde rechtzeitig zurück sein, um beim Essen zu helfen. Du kannst ja wenigstens damit anfangen, während ich weg bin.«
Den Schal fest um sich gewickelt, eilte Laura zornig aus dem Zelt, die hölzerne Stiege hinunter. Ihr Ärger zeigte sich in den raschen Schritten, mit denen sie sich vom Grove entfernte, um nach Jesus Lover’s Point zum Meer zu gelangen. Die Nachmittagssonne sank zum Horizont, und Wind war aufgekommen, doch die kühle Luft tat ihren heißen Wangen wohl.
Als sie die Stelle erreicht hatte, kletterte sie hinaus auf die Felsen, bis sie auf die bewegte See hinunterschauen konnte. Sie umklammerte die Knie mit den Armen, senkte den Kopf und ließ den Tränen freien Lauf. Doch sie brachten keine Erleichterung.
Sie kam immer hierher, wenn sie unglücklich oder zornig war, was in letzter Zeit häufig der Fall war. Gewöhnlich beruhigte sie der Anblick von Meer und Felsen. Und wenn sie die kreisenden Möwen über sich und unten die herumtollenden Seeotter sah, erfüllte sie Ruhe. Es gab so viel Schönes hier, in Pacific Grove Retreat – die Pinien, den Sand und die See, die frische, salzige Luft und die Sommersonne. Laura hatte sich so gefreut, als ihr Vater beschlossen hatte, hier ein Stück Land zu kaufen und ein halbfestes Zelt zu errichten, um die Sommermonate an der kühleren Küste zu verbringen. Doch wirklich geändert hatte sich nichts. Die Umgebung war schön, doch ihre Eltern blieben unverändert. Sie hatten nur ihre Probleme an einen anderen Ort verlagert. Und heute wirkte nicht einmal der Zauber des Meeres. Lauras Zorn und Schmerz waren zu groß.
Warum mußte sie so leben, ohne Liebe und fast ohne Hoffnung? Oft glaubte sie, wie ein Eichhörnchen zu leben, das in einem dieser Räder gefangen war, in dem die arme Kreatur ständig lief und nirgendwohin gelangte. Sie war eine Gefangene, und ihr Vater der Aufseher. Und wollte sie je ihr Leben leben, mußte sie fliehen, mußte fort.
Doch blieb immer die Frage, wie. Viele Frauen flohen aus unglücklichen Familien, indem sie heirateten. Irgendwie aber war es ihrem Vater gelungen, jeden Mann, der auch nur das geringste Interesse an ihr hatte, zu vertreiben. Samuel Purcell schüchterte die, die nicht so stark waren wie er, ein, bis sie es aufgaben. Es hatte Stärkere gegeben, doch auch sie hatten schließlich aufgegeben. Es war klar, daß er sie nicht auf diese Weise gehen lassen wollte; es schien ihm irgendwie Freude zu machen, sie damit zu quälen, daß sie mit fünfundzwanzig noch unverheiratet war.
Laura hatte ihren Vater nie verstanden. Seine Motive waren ihr unbegreiflich. Oft hatte sie an ihm etwas bemerkt, was sie erschreckte – eine unnatürliche Besitzgier, die weit über väterliche Sorge hinausging, die ihr Angst machte und – ja – sie ihn hassen ließ.
Natürlich konnte sie einfach gehen. Ihre Habseligkeiten packen und weglaufen. Doch wohin sollte sie gehen und was sollte sie tun? Sie hatte über die Jahre etwas Geld gespart, hatte aber keine Talente, außer daß sie Spaß an Zahlen hatte und etwas Klavier spielen konnte. Aber es mußte etwas getan werden. Wenn das alles war, was sie erwartete – ein Leben als Haushälterin und Gefährtin eines herrischen Vaters und einer schwachen, einfältigen Mutter, die unter eingebildeter Krankheit litt – dann war das Leben nicht lebenswert. Ebenso gut konnte sie sich von den Felsen stürzen, sich vom Meer verschlingen lassen.
»Hallo, da!«
Verwirrt hob Laura den Kopf und schaute sich um. Auf dem Felsen neben ihr stand ein großer, schlanker Mann, ein Fremder, mit hellem Sackmantel, Weste und brauner Hose bekleidet. Er hielt einen Strohhut in der Hand, und der Wind zerrte an seinem lockigen schwarzen Haar und zupfte an seiner Weste.
Lauras erste Reaktion war Ärger über diese Störung, und dann Neugier. Pacific Grove Retreat war eine kleine Gemeinde, und nach einigen Wochen kannte sie die meisten Sommergäste zumindest vom Sehen. Doch diesen Mann hatte sie noch nie zuvor gesehen. Sie war sicher, daß sie sich an ihn erinnern würde, da er sehr attraktiv war. Er mochte um die Dreißig sein.
Sich das Haar aus dem Gesicht streichend und hoffend, daß die Tränen ihre Augen nicht gerötet hatten, versuchte sie sein Lächeln zu erwidern.
»Hallo«, sagte er wieder. »Ich hoffe, Sie verzeihen mir, daß ich so frei bin und Sie einfach anspreche, ohne mich vorgestellt zu haben, doch ich brauche dringend Auskunft, und Sie, Madam, sind der einzige Mensch hier.«
Seine Stimme war tief und angenehm, und er sprach sehr sorgsam – fast wie ein Lehrer, dachte Laura – doch es wirkte elegant. Er war sicher kein Einheimischer.
»Was möchten Sie wissen, Sir?« fragte sie leise.
»Darf ich mich zunächst setzen? Ich mußte den ganzen Weg vom Tor laufen. Es scheint, als sei das ganze Anwesen eingezäunt.« Er setzte sich, ohne ihre Antwort abzuwarten, und sein Lächeln wurde breiter. »Sind alle jungen Damen in Pacific Grove so hübsch wie Sie?«
Laura spürte einen Hitzeschauer. Er war sehr kühn. Hätte ihr Vater ihn hören können, wäre er noch zorniger gewesen als am Nachmittag. Bei diesem Gedanken senkte sie den Kopf und lächelte in sich hinein.
Der Mann beugte sich zu ihr. »Und welch liebliches Lächeln! Ich glaube, ich habe Sie verwirrt. Ich hätte nicht so offen reden dürfen, doch irgendwie glaube ich, Sie schon seit langer Zeit zu kennen. Das mag Ihnen seltsam erscheinen, aber zuweilen geschieht so etwas.« Reuig schüttelte er den Kopf. »Ich sollte natürlich nicht annehmen, daß dem anderen dasselbe Phänomen widerfahren ist. Möchten Sie, daß ich gehe?«
Laura schaute rasch auf. Das war das letzte, was sie sich wünschte. Natürlich war er forsch, doch seine Worte schienen nicht böse gemeint, und seine Freundlichkeit war ansteckend. Sie konnte nicht oft allein mit einem Mann sprechen. Also wollte sie das Beste daraus machen.
»Sie sagten, Sie wollten eine Auskunft«, erwiderte sie.
»Ach, ja. Wissen Sie, ich bin neu in dieser Gegend, gerade erst heute morgen angekommen, um genau zu sein, und jemand sagte mir, daß es irgendwo hier einen Drugstore gäbe.«
»Ja, der ist dort.« Laura wandte sich um und zeigte hinter sich. »An der Lighthouse Road. Er heißt Seaside Drugstore. Es ist nicht weit.«
»Danke. Sie sind sehr freundlich. Ich bleibe noch einen Augenblick, bevor ich dorthin gehe, falls Sie nichts dagegen haben. Es war ein langer Tag!« Er drehte sich um und schaute auf den Strand zu ihrer Rechten. »Ein liebliches Stück Erde, nicht wahr? Ich wette, es...




