Matisek Mutter bei die Fische
13001. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8437-0422-9
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Küsten-Roman
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Reihe: Ullstein eBooks
ISBN: 978-3-8437-0422-9
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marie Matisek führt einen chaotischen Haushalt mit Mann, Kindern und Tieren im idyllischen Umland von München. Neben dem Muttersein und dem Schreiben pflegt sie ihre Hobbys: kochen, ihren Acker umgraben und Kröten über die Straße helfen.
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1.
Konzentriert beobachtete Falk den Dirigenten, bevor er gemeinsam mit den anderen Tenören zum Refrain ansetzte. »Ein Schiff wird kommen« erklang machtvoll, und nach den zarten hohen Stimmen der Damen, die allesamt gesungen hatten, sie seien Mädchen aus Piräus, legten sich die Tenöre so richtig ins Zeug, bis die Wände des kleinen Pfarrhauses wackelten. Natürlich war der Text dieses Liedes vollkommen schwachsinnig, aber Falk Thomsen sang jeden zweiten Samstagabend mit Inbrunst im Shantychor von Heisterhoog, der von Bürgermeister Jörn Krümmel leidenschaftlich und mit harter Hand geleitet wurde.
An den Winterabenden oder jetzt, im März, bildete die wöchentliche Chorprobe oft das Highlight der gesamten Woche. Denn ein Strandkorbvermieter wie Falk Thomsen hatte nur dann so richtig Arbeit, wenn die Strandkörbe auch gebraucht wurden. Also in der Hauptsaison, und die begann erst an Pfingsten. Und gerade deswegen waren der Herbst und der Winter auf der kleinen Nordseeinsel so ganz nach Falks Geschmack gewesen. Er hatte nämlich einfach das getan, was er am liebsten tat, und das war: nichts. Ein bisschen untertrieben vielleicht, aber in den Augen seiner gut beschäftigten Freundin Gina war das kleine bisschen Beschäftigung, mit dem Falk sich die Zeit vertrieb, nicht der Rede wert.
»Und? Was hast du heute so gemacht?«, fragte Gina ihn bei ihren abendlichen Telefonaten.
»Öh … Ich war in der Halle, mit Nille. Wir haben ein paar Auszugsschienen der Fußteile entrosten müssen und …«
Gina seufzte. »Also auf gut Deutsch: nichts.«
Falk wusste daraufhin selten etwas Sinnvolles zu erwidern, was nicht sofort in einen Streit münden würde, also zog er es jedes Mal vor, nicht zu widersprechen, und fragte freundlich nach Ginas Tagesgeschäft. Daraufhin begann seine reizende Freundin aufzuzählen, womit sie sich den lieben langen Tag herumgeschlagen hatte während der 12-Stunden-Plackerei im Architekturbüro. Welche Schikanen ihr Chef Gerd Jonkers sich heute wieder ausgedacht hatte, welche Sonderwünsche der extravagante Kunde geäußert hatte, wie blöd die Kollegen waren und dass all dieser Ärger schließlich dazu führte, dass Gina praktisch stündlich daran dachte, wie es wäre, einfach aufzuhören.
Falk schwieg immer dazu und ließ das Gewitter an sich vorbeiziehen. Er wusste, was er an Gina hatte. Wie schön es war, wenn sie zusammen waren, was leider höchstens einmal im Monat vorkam, denn die Strecke Heisterhoog–Berlin ließ sich dank Fähre und Bummelzug nicht unter sieben Stunden bewältigen. Falk hatte nicht das nötige Kleingeld, um öfter nach Berlin zu pendeln, und Gina hatte dank des anstrengenden Jobs keine Zeit. Also telefonierten sie jeden Abend miteinander. Gina rief ihn an, kaum dass sie das hippe Büro in Berlin-Kreuzberg verlassen hatte. Da lag Falk oftmals schon im Bett. Aber er wusste, dass die abendlichen Telefonate mit ihm wichtig für den Aggressionsabbau waren. Denn Gina, aufstrebende und ehrgeizige Architektin, litt seit langem darunter, dass sie es mit Ende zwanzig noch nicht zu einer Festanstellung gebracht hatte. Letzten Sommer war sie kurz davor gewesen, doch dann hatte sich – nicht zuletzt wegen Falk – alles zerschlagen. Das gleiche Architekturbüro Jonkers & Jonkers engagierte sie nun immer wieder, für Wettbewerbe oder besondere Aufträge als Teamverstärkung. Schlecht bezahlt und ausgenutzt. Gina ärgerte sich völlig zu Recht, am meisten aber ärgerte sie sich über sich selbst, weil sie sich nicht aus der künstlerischen Knechtschaft befreien konnte. Also ließ sie bei den fernmündlichen Gesprächen Berlin–Heisterhoog bei ihrem Freund Dampf ab und war am Ende des Telefonats wieder so besänftigt, dass sie den Kampf am nächsten Arbeitstag von neuem aufnehmen konnte.
Insgeheim befand Falk allerdings, dass er seine Funktion als Klagemauer selbst verschuldet hatte. Er hatte im vergangenen Sommer tatsächlich ein Millionengeschäft ausgeschlagen und es vorgezogen, sein Dasein als mittelloser Strandkorbvermieter zu fristen. Als Millionär hätte er Gina einfach einen Antrag gemacht, sie finanziell unterstützt und ihr so einen Start in die Selbständigkeit ermöglicht. Stattdessen saß er auf Heisterhoog und lebte davon, dass der örtliche Immobilienhai und Bauunternehmer Hubsi von Boistern ihn ab und an als Hausmeister, Baugehilfe und Putzmann beschäftigte.
Aber nun kam der Frühling, und Falk sah der kommenden Saison frohen Mutes entgegen. Er würde diesen Sommer in nur vier Monaten mit seiner Strandkorbvermietung und dem dazugehörigen Kiosk bestimmt so viel verdienen, dass er mühelos den nächsten Winter überstehen könnte.
Falk wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als Jörn Krümmel vorne am Pult streng über seine Halbbrille schaute und rief: »Ich erwarte also eure Kooperation und vor allem: üben, üben, üben!«
Obwohl Falk nicht mitbekommen hatte, worum es ging, nickte er so engagiert wie möglich. Fischbrat-Piet, der Seeräuber unter den Insulanern, grinste Falk breit an.
»Wegen der CD«, raunte er Falk zu, während sich der Chor zerstreute und nach und nach das Pfarrhaus verließ. Falk guckte verständnislos, und Piet klärte ihn auf.
»Jörn will mal wieder eine CD aufnehmen«, erläuterte er Falk mit gesenkter Stimme und zwinkerte mit einem Auge verschwörerisch.
»Aber das kauft doch eh keiner«, flüsterte Falk noch leiser zurück. »Wir singen miserabel, und wer interessiert sich schon für den Heisterhooger Shantychor?«
Piet erwiderte nichts mehr darauf, sondern blickte ertappt über Falks rechte Schulter, von wo nun eine strenge Stimme erscholl.
»Zum Beispiel die vielen Touristen, die jährlich unsere schöne Insel frequentieren«, vernahm Falk nun Jörn Krümmels Bass.
Falk drehte sich um und lächelte möglichst unschuldig.
Jörn setzte sofort nach. »Und wenn nur ein paar Prozent von denen die CD kaufen, sind das vielleicht 2000 verkaufte Exemplare. Wir bieten sie im Buchhandel an, auf der Fähre und in der Kurverwaltung. Jeder Laden von Süderende bis Norderende muss die an der Kasse haben – wirst mal sehen, Falk, das geht weg wie geschnitten Brot.« Jörn war total in Fahrt.
Falk grinste. Geschäftstüchtigkeit war eigentlich nicht das vordringlichste Markenzeichen des Bürgermeisters, aber während des geruhsamen Winters hatte Jörn einen Fernkurs in Tourismusmanagement und Marketing belegt. Offenbar war das Projekt »Shanty-CD« ein erstes Ergebnis der Fortbildung.
»Und der Erlös fließt in die Vogelstation«, strahlte Jörn nun triumphierend.
»Nicht schlecht«, zollte Falk seinem Freund und Skatgenossen den nötigen Respekt. »Also, dann werde ich mir ordentlich Mühe geben und üben, üben, üben.«
Er klopfte Jörn Krümmel freundlich auf die Schulter und nahm seine Wetterjacke vom Haken, um den anderen Chorsängern nach draußen zu folgen.
»Du bleibst hier«, hielt ihn Jörn zurück und fasste Falk am Oberarm. »Ich muss was mit dir besprechen.«
Falk beschlich bei dieser Ankündigung ein ungutes Gefühl. Seit er im letzten Sommer entschieden hatte, dass er die Strandkorbvermietung seines verstorbenen Onkels Sten übernehmen würde, dann aber durch eine Sturmflut die Einnahmen der gesamten Saison verloren hatte, kümmerten sich die Heisterhooger reizend um Falk. Was hieß, dass sie ihm alle mit Jobangeboten unter die Arme griffen, allen voran eben Hubsi von Boistern, der sich Falks Arbeitskraft auch am ehesten leisten konnte. Oftmals waren die Arbeitsangebote zwar gut gemeint, aber trafen nicht unbedingt Falks Kernkompetenzen. So hatte Falk schon der Töpferin Silke Söderbaum bei der jährlichen Inventur ihres durch und durch chaotischen Ladens geholfen, sich bei Ole Reents in der »Rum-Ba-Bar« als Barkeeper versucht und gemeinsam mit dem Vogelwart und selbsternannten Strandsheriff Thies Hoop Zugvögel beringt. Nichts von alledem war besonders vielversprechend gelaufen, und Falks Bedarf an »Almosen-Jobs« war eigentlich gedeckt. Aber Jörn zog ihn schon aus dem Pfarrhaus und kündigte an, Falk ein Angebot zu machen, das dieser keinesfalls ablehnen konnte: »Komm, wir gehen zu Gino, und ich lade dich ein.«
Eineinhalb Stunden und drei Gänge von Ginos köstlicher süditalienischer Küche später goss Jörn den letzten Tropfen sizilianischen Rotwein in Falks Glas und sah ihn gespannt an.
»Und? Was sagst du?«, erkundigte er sich.
Falk sagte erst einmal gar nichts, in seinem benebelten Gehirn jagten sich die Gedanken. Er sollte Marita ersetzen? In der Kurverwaltung? »Nur für acht Wochen«, hatte Jörn ihm versichert. Solange Marita noch im Mutterschutz war.
»Aber ich habe von Tourismusmanagement keine Ahnung«, wandte Falk vorsichtig ein.
»Marita doch auch nicht!«, wischte Jörn den Einwurf fröhlich beiseite und orderte bei Gino eine zweite Flasche von dem guten Roten.
»Du musst einfach nur darauf achten, dass die Anzeigen rechtzeitig geschaltet werden, dass die Infos auf der Website immer aktualisiert sind, dass die Künstler, die in dieser Saison bei uns gastieren, ihre Verträge rechtzeitig zurückschicken und so. Wenn die heiße Phase kommt, ist Marita wieder zurück, das hat sie mir zugesichert.«
Falk mümmelte nachdenklich an einer mit Olivenpaste bestrichenen Bruschetta und überlegte. Eigentlich war das ein lahmer Job, bei dem er gut verdiente. Seine Strandkörbe hatte er dank seines Gehilfen Nille so weit alle saisonfertig gemacht. Was noch an Arbeit blieb, schaffte Nille allein. Der war in handwerklicher Hinsicht ohnehin viel besser als Falk. Und die Bezahlung, die...