E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Martinowitsch Revolution
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86391-298-7
Verlag: Voland & Quist
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-86391-298-7
Verlag: Voland & Quist
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Viktor Martinowitsch (auch: Victor Martinovich), 1977 in Belarus geboren, studierte Journalistik in Minsk und lehrt heute Politikwissenschaften an der Europäischen Humanistischen Universität in Vilnius. Er schreibt regelmäßig für ZEIT online. Martinowitsch wurde bekannt mit dem Roman 'Paranoia' (Voland & Quist 2014), der in Belarus nach Erscheinen inoffiziell verboten wurde und 2013 auch auf Englisch erschienen ist. 2012 erhielt Martinowitsch den Maksim-Bahdanowitsch-Preis. Von Dezember 2016 bis Mai 2017 war Martinowitsch Gast des Literaturhauses Zürich.
Weitere Infos & Material
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in dem ich erkläre, dass dieses Buch eine Fälschung ist, und dich dir vorstelle
Nihao.
Bist du gerade zusammengezuckt bei diesem Wort, mit dem ich meine SMS immer anfing? Hast du für einen Moment geglaubt, dieses Wort aus einem zufällig gekauften Buch könnte direkt an dich gerichtet sein? Genügen dir diese beiden Fragen, den Tonfall zu erkennen und hinter dem kaum bekannten Autorennamen, der mein Geschreibsel tarnt, auch mich?
Du hast dieses Buch zur Hand genommen, weil ein Detail auf dem Buchrücken deine Aufmerksamkeit erregt hat. Ein Atlantisartefakt. Ein Objekt unserer romantisch versunkenen Zweierwelt. Ich habe dir die Angewohnheit mitgegeben, in allen Dingen Zeichen zu sehen und ihnen zu folgen. Und sie zu interpretieren, aber unbedingt verkehrt!
Wieso ein Buch? Nun, erstens wollte ich dich ausfindig machen. Zweitens wäre es mir ganz lieb, wenn sie davon nichts mitbekämen. Mein Kalkül ist simpel: Ernst zu nehmende Menschen lesen keine Bücher.
Das geschriebene Wort ist als Kommunikationsmittel überholt. Außer dreihundert zufälligen Lesern mit der Angewohnheit, die Stände mit dem verstaubten Altpapier zu durchstöbern, wird niemand meine Stimme hören.
Irgendwie muss ich durchdringen zu dir, meiner einzigen wahren Zuhörerin. Für alle anderen ist dieser Roman . Für dich ist er Doku-Theater. Ich glaube nicht, dass ich diesen dreihundert detailgeilen Fremden deinen Namen verraten will. Schon gar nicht im Zusammenhang mit den schweren Verbrechen, die noch kommen. Beim Verlassen des Labyrinths sollte der rote Faden wieder aufgewickelt werden, damit sich kein Minotauros mit Dienstausweis der Abteilung Tötungsdelikte an Ariadne heranmacht.
Deshalb will ich dich spaßeshalber »Olja« nennen. Dabei wissen wir ja beide, dass du unmöglich eine Olja sein kannst. Ausgerechnet Olja hieß ja das Objekt unserer Spötteleien, das Plüschpony von nebenan, das jeden Morgen in seinem flauschigen Anzug vor unserem Fenster seine Morgengymnastik absolvierte. Es begleitete mich mit seinen kranken Augen regelmäßig bis zur Haustür. Ich hatte dir versprochen, ich würde dich lieben wie Olja.
Noch ein paar Wendungen, damit die Erinnerung wieder erwacht.
»Frohsine.«
»Marmorküchlein« – so habe ich dich genannt.
Das Denkmal für die ruhmreichen Klempner, das du mir nach dem Sieg über den Wasserhahn errichtet hast.
Wish you were here.
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Die spanischen Galeonen auf dem Teich im Ostankino-Park. Das Quartier im Vierten des Fünferwürfels. Die Gastherme mit ihren rostigen Rohren bis in die Kessel der Hölle. Einen Millimeter am Ventil geschraubt, schon warst du bei Alighieri zu Gast. Wir krochen verbrüht aus dem Bad, aber wir lebten auch wie verbrüht.
Erinnerst du dich noch an den Fernsehturm vor dem Fenster, den du ausreißen, rösten und zum Abendessen servieren wolltest? Bis dann ein neuer nachgewachsen wäre, würde es ein paar Jahre dauern. Geschmacklich dürfte der Ostankino-Turm einem geschmurgelten Pilz am nächsten kommen. Bei den Moskauern heißen diese Pilze »Schirmchen«, in meiner Heimat haben sie einen anderen Namen: »Henne«. So ein Fladen auf einem langen Ostankino-Bein. Weißt du noch, wie wir uns einig waren, dass der Eiffelturm ungenießbar ist? Gerösteter Eiffelturm schmeckt nach Spinne. Weißt du noch? Weißt du das noch?
Aber ich darf nicht vergessen, dass dieses Buch sich als Roman ausgibt. Also habe ich mich als »Held« dieses »Romans« ordentlich vorzustellen.
Ich bin Moskauer. Das heißt, ich bin vor sechzehn Jahren aus meiner kleinen Heimat, die aus Angst vor dem Hypnoseblick des polessischen Zauberers durchgedreht ist, nach Moskau gezogen.
Ich weiß noch, wie ich die ersten Monate durch Moskau ging und diese Englishman-in-New-York-Gefühl nicht mehr los wurde:
Es fühlte sich an, als wäre ich aus einer kompakten europäischen Hauptstadt, in der die Autofahrer für Fußgänger bremsen und die Menschen die Buchstaben des russischen Alphabets sorgfältig aussprechen, in eine platte, wüste, fluchende Zehn-Millionen-Steppe geraten. Das Provinzielle und Zweitklassige an Moskau verblüffte mich in allen Bereichen: in der Art, sich zu kleiden, in diesem besonderen Verständnis von Luxus, das im Rest der Welt augenblicklich als kitschig erkannt wird, in den vorgestrigen Markenartikeln, die hier als Ausweise der Erfolgreichen gelten. In diesem sich für originell haltenden Epigonentum, diesem besonderen Snobismus, wie er nur unter Sultansdienern anzutreffen ist. Darin, wie die Bedienungen keine Eile haben, Tische abzuräumen, für die die nächsten Gäste anstehen, sodass man sich hier manchmal setzen muss, damit sie die Überreste eines fremden Croissants endlich auf den Boden fegen. Mit Ingrimm.
Und noch einmal: mit Ingrimm.
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Ich murmelte eine Paraphrase des Warhol-Satzes vor mich hin: dass jeder in seinem nichtswürdigen Leben seine fünfzehn Minuten Moskau wert sei. Wenn du deine fünfzehn Minuten bekommst, halt dich ran. Schließlich gibt es, wo viel Übel ist (und in Moskau ist viel Übel!), immer auch viel Gutes.
Das Böse sticht in Moskau sofort ins Auge, erschreckt und stößt ab – bloß weg, nach Hause, zum Teufel! Das Gute erschließt sich dagegen nur dem Geduldigen.
Es erschließt sich, wenn du dich auf das Moskau-Tempo eingestellt hast, auf die Boxerhaltung mit den erhobenen Fäusten vorm Gesicht.
Wäre ja auch seltsam, wenn all diese unglaublichen menschlichen Millionen in einer Stadt lebten, die nichts Gutes zu bieten hat außer Geld, das dir diese Stadt schneller wieder wegfrisst, als du es aus ihr herausquetschen kannst.
Allmählich schleicht sich dann das andere Moskau in dich ein, ohne Prada, Mongolen, Pferdestärken und folkloristischen Firlefanz. Mit diesem Sonderling in der Metro, der dich inmitten der menschlichen Schutthalde plötzlich anlächelt, noch dazu so aufmunternd, dass du den Tag überstehen kannst.
Moskau ist mehrdimensional. Wer es geschickt anstellt, kann sein gesamtes Leben in der Dimension verbringen, die ihm am angenehmsten ist. Und doch leben alle jahrein, jahraus ausgerechnet in der ungemütlichsten. Dabei, Olja, ist der größte Vorzug der Stadt diese besondere Spielart von Einsamkeit in einer Zehn-Millionen-Metropole, die dermaßen voll ist von komplett gleichgültigen Menschen, dass du auf der Straße das Gefühl haben kannst, du hättest aufgehört zu existieren.
Hier allein zu sein, fühlt sich zehn Millionen mal so kalt an wie in jeder anderen Stadt der Erde. Weggehen kann ich ja nicht. Wer einen Krieg gewonnen hat, geht nicht weg.
Wieso ich dich ausfindig machen wollte? Weil ich glaube, dass ich dich zurückholen kann. Unser schlichtes Quartier im Vierten des Fünfers zurückholen, die Gastherme, unseren immer noch ungerösteten Ostankino-Turm. Mit meinen jetzigen Möglichkeiten wäre es mir ein Leichtes, dich aus jeder Versenkung zu holen, und wenn du als Aussteigerin irgendwo in Chiang Mai verschwindest. Aber ich möchte meine quirligen Heerscharen lieber nicht einschalten. Einmal aufgescheuchte Fledermäuse bekommt man mitunter nur mühsam zurück unters Dach.
Du hast Ostankino verlassen, und bei unserer Gastherme wohnt jetzt ein Mann mit fortgeschrittener Glatze und derart verschrecktem Blick, dass ich sofort sehe, er sagt die Wahrheit, wenn er behauptet, er wisse nicht, wo du hin seist und wer das überhaupt wäre, dieses »Du«.
Und es wäre ja nicht damit getan, dich zu finden.
Du bräuchtest ja auch noch eine Erklärung für alles. Meine Geschichte passt nicht in ein einziges Gespräch. Seit unserer letzten Begegnung sind aus den Nullerjahren die Zehner geworden. Angesichts dieses Abstandes (auch die Zeit kennt Distanzen), der zwischen uns getreten ist, darf ich von dir höchstens eine kurze Unterredung zwischen Tür und Angel erwarten.
Vielleicht würde uns eine bloße Umarmung schon genügen. Aber da ist noch eine Sache: Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich noch richtig umarmen kann. Wie du meiner Beichte entnehmen wirst, bin ich ein gänzlich anderer Mensch geworden. Falls überhaupt noch Mensch. Was von mir übrig ist, hat nicht nur so seine Schwierigkeiten damit, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, sondern, überhaupt welche zu haben.
Ich kann nur mutmaßen, wie du unsere plötzliche und...




