Martinowitsch | Nacht | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 424 Seiten

Martinowitsch Nacht


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-95890-547-4
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 424 Seiten

ISBN: 978-3-95890-547-4
Verlag: Europa Verlage
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Blackout in Mitteleuropa. Die Rotation der Erde hat aufgehört. Es gibt keinen Strom mehr. Wasser ist aufgrund einer Veränderung der Atmosphäre nur stundenweise verfügbar. Öl und Kohle brennen nicht mehr, selbst Kompasse funktionieren nicht. Minsk ist zerfallen in Territorien sich gegenseitig bekriegender Clans. Knischnik ist Eigentümer der einzigen noch nicht verbrannten Bibliothek und Besitzer von Gerda, der letzten noch nicht gefressenen Hündin in Gruschewka. Eines Tages macht er sich mit nichts als einer Taschenlampe und einer alten Karte auf den Weg, seine Geliebte zu suchen, die sich zum Zeitpunkt des weltweiten Stromausfalls in Nepal aufhielt. Dort, laut Knischniks Berechnungen, sollte ewiger Sonnenaufgang sein. Auf seiner Wanderung durch die toten Landschaften macht er nicht nur unerwartete Bekanntschaften wie die mit dem Zar der Müllhalden, er lernt auch Schritt für Schritt, mit dem Herzen zu hören und zu sehen. Anders als früher, als ihm - wie allen anderen - Angst, Gewohnheit und Unkenntnis die Augen verschlossen und er ein Opfer von Propaganda und Gerüchten war, macht er nun seine ganz individuellen Erfahrungen mit Gut und Böse.

Viktor Martinowitsch, 1977 in Belarus geboren, ist Politikwissenschaftler und promovierte in Kunstgeschichte. Er lehrt an der Universität in Vilnius und schreibt regelmäßig für Die Zeit. Seine Werke erscheinen sowohl in belarussischer als auch russischer Sprache. Sein Roman Paranoia (2009), wurde in Belarus nach Erscheinen inoffiziell verboten. 2012 wurde Martinowitsch mit dem Maxim-Bogdanowitsch-Literaturpreis ausgezeichnet. Im Jahr 2017 war er 'Writer in Residence' am Literaturhaus Zürich und der Stiftung PWG. Martinowitsch lebt mit seiner Familie in Minsk. Franziska Zwerg, geb. 1969, studierte in Berlin und Moskau. Derzeit lebt sie als Literaturübersetzerin in Potsdam. Sie war im Bereich Theater und Dokumentarfilm sowie im deutsch-russischen Kulturaustausch tätig und hat Werke von Sergej Lebedew, Dmitry Glukhovsky, Dina Rubina, Shamshad Abdullaev, Halina Po?wiatowska u.a. übersetzt.
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ERSTES NOTIZHEFT


Erster Abschnitt


Das Erste, was ich beim Öffnen der Augen zum fernen Schlagen der Stadtglocke sah, war ein spitz zulaufendes Muster, das einem Ahornblatt ähnelte. Silbrig schimmerte es auf dem geschwärzten Samt des reifbedeckten Fensterglases. So viel Zeit war vergangen, doch die zarten Äderchen schmolzen nicht, hatten sich nicht im Geringsten verändert – der beste Beweis, dass die niedrige Temperatur seit Ewigkeiten konstant geblieben war (falls jemand einen solchen Beweis braucht). Das Hundl war, wie üblich, wenige Augenblicke vor dem ersten Glockenschlag aus dem Bett gesprungen, in dem wir uns gegenseitig wärmten, und scharrte mit den Krallen auf dem Boden vor der Wohnungstür.

Ich warf die alten Schaffellmäntel und Pelze ab, unter denen ich mich zusätzlich zu zwei Decken gewärmt hatte, und lauschte der Glocke. Nun ja, »Glocke« ist natürlich übertrieben. Da die Stadtverwaltung heute keine andere Möglichkeit zur Benachrichtigung der Bevölkerung mehr hat, schlägt ein Glöckner mit dem Namen Gazak zu Beginn eines Werktages achtmal gegen eine rostige Schiene, die über dem See hoch oben am Fabrikschornstein angebracht ist. Das bedeutet: Vermutlich ist es jetzt »acht Uhr« am »Morgen«. Selbstverständlich haben wir seit einer Ewigkeit keinen »Morgen« mehr gesehen, aber irgendwie musste man den »neuen Tag« ja beginnen. Und fragen Sie mich jetzt bloß nicht, wie Gazak die Zeitspanne zwischen dem letzten »Abend«-Läuten und dem ersten »Morgen«-Läuten bestimmt. Die Hälfte des freien Hruschawka argwöhnt nämlich, dass er schummelt. Einfach nur, um sich über die Stadtbewohner lustig zu machen, die ihm, dem Spitzbart, vertrauen.

Da es keine batteriebetriebenen Uhren mehr gibt (denn wer will schon kostbares Zink für so eine relative Sache wie »Zeit« ausgeben), kann Gazak den »Morgen einläuten«, sobald er wieder einen klaren Kopf hat nach einem ordentlichen Quantum Fusel, mit dem er seinen »abendlichen« Gang zum Schornstein ausklingen lässt. Sie können ihn ja mal fragen, wie er die Zeit im Auge behält, dann zeigt er Ihnen unbedingt drei mechanische Wecker, bei denen das Klingeln genau auf acht Uhr eingestellt ist. Nur zeigen die Wecker immer unterschiedliche Zeiten an. Es ist auch schon vorgekommen, dass die freie Stadt Hruschawka aufwachte und anfing sich zu regen, Handel zu treiben und zu streiten, ohne Gazaks Glocke abgewartet zu haben.

In solchen Fällen fand man den Glöckner krank in seinem Zimmer, und die Abgase dort ließen keinen Zweifel daran, woran er erkrankt war. Dann bekam er einen Rüffel vom Bürgermeister, behielt aber seinen Posten, sein Zimmer und das Zink der Steuerzahler. Gazak war unersetzlich, denn wer sonst wollte auf das Ticken der kleinen mechanischen Monster achten, die den Lauf der verendeten Zeit maßen.

Früher maß man die Dauer eines Tages anhand der Rotation der Erde um ihre eigene Achse und die Dauer eines Jahres anhand der Rotation der Erde um die Sonne. Nach dem Blackout musste das Konzept »Sonne« neu überdacht werden. Einige der benachbarten Stadtstaaten, wie zum Beispiel die verlassene und überaus unsichere »Kulturbrauerei«, haben die einheitliche Zeit für alle komplett abgeschafft. Die Märkte dort sind nie geschlossen, und daher muss man in jedem Moment dieser Finsternis mit Überfällen rechnen.

Das »Morgenläuten« gerät bei Gazak immer etwas matt, ist aber hörbar genug, damit man sich mit dem Rest von Hruschawka synchronisieren kann. Zumindest beim achten Mal. Doch gleich nach dem achten Mal muss man die Ohren spitzen. Denn das ist der Zeitpunkt der öffentlichen Bekanntmachungen. Verkündet werden sie von »Apparatschik«, einer längeren gusseisernen Schiene, die schrill und sehr böse klingt. Drei Schläge gegen »Apparatschik« bedeuten eine Generalversammlung. Da muss man sich in Schale werfen und in der Aula des ehemaligen Krankenhauses erscheinen, die eine beträchtliche Anzahl von Einwohnern der Munizipalie aufnehmen kann. Gewöhnlich wird bei einer Generalversammlung die Frage nach der Wiederwahl des Bürgermeisters entschieden, immerhin sind wir nicht irgend so eine Militärdiktatur, in der ein nichtgewählter Bürgermeister regieren könnte. Seit dem Blackout wurde der Bürgermeister nicht mehr ausgewechselt. Er ist schließlich nicht mehr jung, und wir sind ja nicht so gemein, den alten Mann in den Ruhestand zu schicken, wo er doch hier alles geregelt hat. Ihm verdanken wir, den Krieg um das Territorium nicht verloren zu haben. Ihm verdanken wir die Demokratie und eine gewisse Ordnung. Nicht so wie in der »Kulturbrauerei«.

Zwei Schläge bedeuten Quarantäne. Dann haben die Kohlehändler irgendein Virus ins freie Hruschawka eingeschleppt: Schnupfen, Rotavirus oder sogar die Grippe. Da kommt man besser nicht aus seinem Kämmerlein gekrochen, möge die Mikrobe erst verrecken.

Ein Schlag gegen »Apparatschik« – wie jetzt gerade – bedeutet, wir haben heute »Heißwasser-Fest«. Nun ja, »heiß« ist natürlich übertrieben. Das Wasser ist dann nicht ganz so kalt, und wer nicht allzu wärmeliebend ist, kann sich damit sogar waschen.

Sofort beginnen die Rohre zu quietschen – die Pumpen im Kesselhaus bringen lauwarmes Wasser ins System. Gewöhnlich werden das Wasser aus dem Wasserhahn wie auch die Heizkörper so weit erwärmt, dass die Heizungsrohre nicht einfrieren. Deshalb steht mir in meiner Matrjoschka-Wohnung nicht die ganze Zeit der Atemhauch vorm Mund. Und noch nie ist in der Küche das Wasser in einer Tasse eingefroren. Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Leute in der »Kulturbrauerei« leben, wo es kein Kohlekesselhaus gibt und sich die Menschen an Feuerchen wärmen, die unerlaubt auf dem Betonboden entfacht werden.

Die Wassertemperatur würde nicht lange halten, deswegen war Eile geboten. Ich hob eine Dynamo-Taschenlampe vom Boden, drehte sie so weit auf, dass sie ein gleichmäßiges, fahles Licht abgab, und lief ins Badezimmer. Wie immer schien das Badezimmer dunkler als der Rest der Wohnung. Auf den in der Dämmerung versinkenden Regalen machte ich ein Stück Seife ausfindig, das eher einer platt gedrückten Paraffinkerze ähnelte. Der flaue Wasserstrom aus der Dusche hatte einen gemütlich rostroten Farbton, und im bläulichen Licht der Diodenlampe sah es so aus, als ob ich mich mit Tee wusch.

Gerda kratzte nervös an der Tür. Ihrer Meinung nach duschte Herrchen zu oft. Außerdem befiel ihn diese ungesunde Angewohnheit ausgerechnet in der Früh, wenn er sein einziges Haustier spazieren führen sollte. Törichtes Herrchen! Nachdem ich mich mit dem in der Kälte bös kratzenden Handtuch abgetrocknet hatte, sprang ich in meinen Mantel, setzte die schwere Hasenfellmütze auf und ging mit dem Hund hinaus. Noch war es ruhig hier: Die freien Bürger duschten.

Wie immer war der Himmel mit einer Wolkendecke in der Farbe von kupfernem Perlmutt bedeckt. Der Winterhimmel über Minsk. Wie üblich: kein Mond, keine Sterne. Keine Freude, keine Hoffnung. Wie auf den Gemälden alter Meister im Bildband »Die sowjetische Landschaft auf Kunstwerken der Belarussischen Sowjetrepublik«.

Die Schlaumeier, die auf dem Marktplatz beim Feilschen um jedes Kilo Brennholz leidenschaftlich gern mit ihren profunden Kenntnissen über Astronomie prahlten, hatten anfangs darüber gestritten, ob es nach dem Verlust des Sonnenlichtes die Wolken waren, die die Erde vor einer Abkühlung auf kritische Temperaturen schützten. Aber nachdem Gazak tausendmal mit seinem Eisenteil den »Morgen« verkündet hatte, die Quecksilbersäulen auf den Thermometern des freien Hruschawka jedoch auf dem magischen »Nahe null« verharrten und sich keinen Millimeter bewegten, waren die filzbestiefelten Akademiker verstummt. Um die Zeitspanne zu benennen, in der es früher hell gewesen war und jetzt nicht mehr, erfanden die Menschen sogar eine neue Bezeichnung: »dunkler Tag«.

Alles wäre nicht so schlimm gewesen ohne diese ewige Kälte. Gerda beendete ihr Geschäft im nahen Gebüsch und kam zu mir zurück, demonstrierte mit ihrem Gebaren, dass sie nichts dagegen hatte, direkt in die Wohnung befördert zu werden und eine gewisse Menge an Kalorien zu konsumieren.

Zu Hause spülte ich zunächst noch das Geschirr mit dem Wasser, das sich nun rasch abkühlte. Die Funktionalität der Standard-Dreiraumwohnung hat sich seit dem Blackout gründlich verändert. Der Kühlschrank mit Vorhängeschloss ist nun ein Tresor für Zink, für wertvolles Getreide (das bald gänzlich als Zahlungsmittel für erneuerbare, tierische Lebensmittel dienen würde), für hochprozentigen Alkohol (ich besitze eine zu zwei Dritteln gefüllte Flasche echten »Teacher’s«) sowie für verschiedene kostspielige Haushaltsgegenstände wie Stirnlampen.

Den Gasherd der Brester Firma »Gefest« habe ich zum Arbeitstisch...


Viktor Martinowitsch, 1977 in Belarus geboren, ist Politikwissenschaftler und promovierte in Kunstgeschichte. Er lehrt an der Universität in Vilnius und schreibt regelmäßig für Die Zeit. Seine Werke erscheinen sowohl in belarussischer als auch russischer Sprache. Sein Roman Paranoia (2009), wurde in Belarus nach Erscheinen inoffiziell verboten. 2012 wurde Martinowitsch mit dem Maxim-Bogdanowitsch-Literaturpreis ausgezeichnet. Im Jahr 2017 war er "Writer in Residence" am Literaturhaus Zürich und der Stiftung PWG.
Martinowitsch lebt mit seiner Familie in Minsk.

Franziska Zwerg, geb. 1969, studierte in Berlin und Moskau. Derzeit lebt sie als Literaturübersetzerin in Potsdam. Sie war im Bereich Theater und Dokumentarfilm sowie im deutsch-russischen Kulturaustausch tätig und hat Werke von Sergej Lebedew, Dmitry Glukhovsky, Dina Rubina, Shamshad Abdullaev, Halina Poswiatowska u.a. übersetzt.



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