E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Reihe: Digital Edition
Martin Schöne Erbin auf der Flucht
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7515-1285-5
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Reihe: Digital Edition
ISBN: 978-3-7515-1285-5
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Durchnässt vom Regen, rettet sich Amelia auf ein verlassenes Anwesen. Doch als sie sich vor dem Kaminfeuer entkleidet, wird sie von dem attraktiven Baron Gray überrascht. Instinktiv wirft sie sich in seine starken Arme. Doch ihr Glück wird sie dort nicht finden - der Baron darf nie von ihrer Vergangenheit erfahren ...
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1. KAPITEL
Amelia lief keuchend zwischen den Bäumen hindurch und achtete nicht auf die Zweige, die ihr ins Gesicht schlugen, oder auf das Gestrüpp, das sich in ihrem Rock verfing. Sie war erschöpft, ihre Lungen brannten, jeder Schritt war eine Qual, doch sie lief weiter. Als sie einen Blick über die Schulter wagte, stolperte sie, ihr Fuß knickte zur Seite, aber sie fing sich im letzten Moment und blieb auf den Beinen.
Ein lauter Donnerschlag grollte scheinbar genau über ihr, und kurz darauf zuckte ein blendend weißer Blitz über den Himmel. Amelia fühlte sich allen Blicken ausgeliefert, obwohl die Bäume sie verbargen, und war glücklich, als sich die Dunkelheit wieder über alles legte. Der Regen wurde stärker, große Tropfen klatschten Amelia auf die Haut, und nach nur wenigen Minuten war sie vollkommen durchnässt. Das Kleid hing schwer an ihr herab und fühlte sich bei jeder Bewegung an wie Sandpapier. Ganz gegen ihre Art wünschte Amelia sich diesmal, sie würde etwas Praktischeres, weniger Hübsches tragen, das sie aber in diesem fürchterlichen Klima wenigstens etwas gewärmt hätte.
Einen Augenblick lang hielt sie inne, um zu Atem zu kommen, und lauschte aufmerksam. Seit zwei Tagen irrte sie durch dieses gottverlassene Hügelland, ohne zu wissen, wo sie sicher sein und Unterschlupf finden könnte. Es war schon übel genug gewesen, als sie es lediglich mit Kälte und Wind zu tun gehabt hatte, doch inzwischen fürchtete Amelia, sie könnte hier in den Hügeln sterben.
Wenigstens lag das Dorf weit hinter ihr – das Dorf, von dem sie gehofft hatte, es würde ihr in dieser kalten Nacht Schutz bieten. Doch es war kein guter Einfall gewesen. Die erste Frau, die ihr blutbeflecktes Kleid und das wirre Haar gesehen hatte, hatte ihr zugerufen, sie solle sich fernhalten, und gleich darauf fast das ganze Dorf alarmiert. Amelia war nach einem letzten sehnsüchtigen Blick auf das gastfreundlich wirkende Wirtshaus hastig zu den verregneten Hügeln weitergeflohen.
Sie befürchtete, dass die Dorfbewohner ihr jemanden nachgeschickt hatten. Wahrscheinlich hatte man überall eine Zeichnung von ihrem Gesicht verteilt und ihr Verbrechen war inzwischen weit über die Grenzen des Kurorts Brighton hinaus bekannt, wo es verübt worden war. Ihr entfuhr ein Schluchzen, und sie fragte sich, wann alles angefangen hatte, so fürchterlich schiefzugehen. Einen Moment lang erlaubte sie sich, in Selbstmitleid zu schwelgen. So hatte ihr Leben nicht verlaufen sollen. Vor nur vier Tagen hatte sie viel gehabt, auf das sie sich freuen konnte – eine neues Leben in England, die Wiedervereinigung mit dem Mann, den sie liebte, und eine Saison in London, wirbelnde Tänze durch die Ballsäle in ihren hübschen neuen Kleidern. Sie hatte sich vorgestellt, wie man ihr Komplimente machen und sie umwerben würde. Nie wäre ihr der Gedanke gekommen, man könnte sie jemals verurteilen und verfolgen wie einen Verbrecher.
In diesem Moment bemerkte Amelia eine Mauer zu ihrer Linken und etwas weiter eine schmiedeeiserne Pforte, die man leicht übersehen konnte, weil sie fast völlig von Efeu und sonstigen Schlingpflanzen verdeckt wurde. Sofort wusste Amelia, was sie tun würde. Die Füße schmerzten ihr, sie zitterte am ganzen Leib und hatte seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen. Die Pforte sah aus, als gehörte sie zu einem verlassenen Gut. Mit ein wenig Glück würde sie vielleicht eine Scheune oder ein anderes Gebäude finden, das noch nicht zusammengefallen war und wo sie vor den Elementen Zuflucht suchen und sich ausruhen konnte.
Vorsichtig stieß Amelia die Pforte auf und schlüpfte hindurch. Während sie die Auffahrt hinaufging, erfasste eine seltsame Unruhe sie. Den Ort umgab eine gespensterhafte Atmosphäre, und hätte Amelia nicht so verzweifelt einen Platz zum Verschnaufen gebraucht, wäre sie vielleicht doch noch umgekehrt.
Das Haus war auf eine finstere, schauerliche Art überwältigend. Gruselige Wasserspeier hingen drohend von den Mauervorsprüngen, und die Fenster liefen wie in der gotischen Architektur oben spitz zu. Statuen und Steinreliefs schmückten die Fläche zwischen Fenstern und Türen, und im hinteren Teil des Hauses ragten zwei imposante Türme in den Himmel.
Das Gut war verlassen, das erkannte Amelia sofort. Das Haus wirkte verwahrlost, und die Ostseite war rußgeschwärzt wie von einem Brand. Amelia fragte sich, wann es verlassen worden war und ob sie wohl noch ein weiches Bett darin vorfinden mochte. Zaghaft näherte sie sich der Vordertür und öffnete sie. Zu ihrer Überraschung schwang sie ohne Knarren auf und gab den Blick auf eine leere Halle frei.
„Hallo?“, rief Amelia, bevor sie über die Schwelle trat. „Ist jemand hier?“
Sie wartete einen Moment, und als sie nur das Heulen des Windes vor dem Haus vernahm, schalt sie sich für ihr Unbehagen, das dafür verantwortlich war, dass sie die Haustür hinter sich noch nicht geschlossen hatte.
Noch eine Minute verstrich, ohne dass Amelia etwas hörte, also schloss sie die Tür und machte einen Schritt weiter in die Halle hinein. Nachdem sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, nahm sie allen Mut zusammen, setzte ihren Weg fort, wählte eine der Türen, die von der Halle abgingen, und öffnete sie.
Dieses Zimmer musste früher einmal ein Salon gewesen sein. Ein gemütlich aussehender Sessel verlockte sie dazu, einzutreten und sich den Rest anzusehen. Die meisten Möbel waren mit weißen Tüchern verdeckt, um den Staub von ihnen fernzuhalten. Auf dem Boden lag ein schwerer, kostbarer Teppich auf den Holzdielen.
Amelias Blick huschte weiter, bis er auf dem großen Kamin haften blieb. Leise Hoffnung erwachte in ihr, als sie den Korb voller Holzscheite gleich daneben entdeckte. Die Vorstellung eines prasselnden Feuers, das ihre halb erfrorenen Glieder wärmen würde, war in diesem Moment das höchste Glück. Sie weinte fast vor Erleichterung, als sie auf dem Kaminsims eine Zunderbüchse sah. Endlich schien ihr Schicksal sich zu wenden.
Doch wie man ein Feuer anzündete, erwies sich als ein Problem. Amelia hatte oft dabei zugesehen – selbst in Indien hatte man in der Küche Feuer machen müssen, und während der Monsunzeit entzündete man welche, um die Kleidung trocknen zu können. Aber Amelia hatte nie wirklich darauf geachtet, was die Diener getan hatten. Zögernd stapelte sie einige Holzscheite auf den Kaminrost, wobei sie die kleineren Stücke oben auflegte, und nahm schließlich die Zunderbüchse zur Hand.
Fünfzehn Minuten später war sie kurz davor, die verflixte kleine Büchse durch den Raum zu schleudern. Die Finger taten ihr weh von ihren erfolglosen Versuchen, einen Funken zu schlagen, und sie hatte angefangen, am ganzen Leib zu zittern vor Kälte. Was ihr auch nicht gerade half bei ihrem heiklen Unterfangen. Mit einem verzweifelten Stöhnen schlug sie ein letztes Mal gegen den Zündstein und hätte fast geweint vor Erleichterung, als einige wenige Funken aufflogen und den Zunder entfachten. Vorsichtig fächelte sie den kleinen Flammen Luft zu, blies leicht, entzündete das Streichholz am Feuer und hielt es schließlich an das Anmachholz. Langsam sank sie vor dem Kamin in die Knie und machte sich daran, das Holz richtig zum Brennen zu bringen. Nie gekannte Zufriedenheit erfüllte sie, als das Holz allmählich schwarz wurde und die Flammen größer und heller.
Amelia wäre fast auf den Boden gesunken vor Erschöpfung. Die letzten Tage hatten ihr nicht nur körperlich viel abgefordert, sondern vor allem emotional. Sie wollte nichts weiter, als sich irgendwo zusammenzukauern und zu schlafen, doch sie wusste, dass sie ein Fieber riskieren würde, wenn sie nicht vorher die nassen Sachen auszog. Mit müden Fingern kämpfte sie mit den Verschlüssen ihres Kleides und wand und streckte sich, um die Knöpfe auf dem Rücken zu erreichen. Endlich spürte sie, wie der schwere Stoff zu Boden glitt, und sie in langer Chemise, Unterrock und den schlammverkrusteten Strümpfen an den Beinen dastand.
Erschrocken keuchend sah sie an sich herab. Das Blut, das ihr Kleid beschmutzt hatte, war bis zu ihrer Unterwäsche durchgedrungen. Abscheuliche rostrote Flecken bedeckten ihre Chemise und Unterröcke. Einen Moment lang wurde ihr übel, und sie musste sich am Kaminsims festhalten, um sich zu stützen. In diesem Moment war sie wieder in Captain McNairs Arbeitszimmer und griff nach dem Brieföffner, der so leicht in sein weiches Fleisch gedrungen war. Amelia hörte sich schluchzen bei dem Gedanken daran, was sie getan hatte, bei der Erinnerung an das grellrote Blut, das durch sein Hemd gesickert war, und der Erkenntnis, dass sie die schlimmste aller Sünden begangen hatte. Tagelang war sie gelaufen in einem verzweifelten Versuch, aus diesem verfluchten Zimmer zu fliehen, und sie hatte keinen Moment innegehalten, um zu überlegen. Bis jetzt. Hier, während das Kaminfeuer ihre Haut langsam erwärmte, machte Amelia sich zum ersten Mal klar, dass ihr Leben nie wieder so sein würde wie vorher.
Edward erwachte alarmiert. Er hatte schon immer einen leichten Schlaf gehabt. Jedes Geräusch, selbst der Ruf eines Tieres eine halbe Meile entfernt, genügte, um ihn aus seinen Träumen zu reißen. Einen Moment lang blieb er reglos liegen, rührte keinen Muskel, doch dann wusste er: Es war jemand im Haus. Er konnte die Person unten sich bewegen hören – ihre leisen Schritte, das Rascheln von Stoff. Augenblicklich war er auf den Beinen und knurrte gereizt bei dem Gedanken, dass es einen Eindringling in seinem Haus gab. Die kühle Nachtluft ließ ihn schaudern, und er fühlte Zorn in sich aufwallen.
Schnell durchquerte er den Raum, warf sich den Morgenmantel über und packte den Feuerhaken vom Kamin statt einer konventionelleren...




