E-Book, Deutsch, 268 Seiten
Martin Schandmantel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-7577-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Charlotte Gerlachs siebter Fall
E-Book, Deutsch, 268 Seiten
ISBN: 978-3-6951-7577-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Monika Martin ist Sozialpädagogin und führt seit 1996 historische Stadtrundgänge in Nürnberg durch. Schandmantel ist der siebte Band aus der Reihe Krimis mit Geschichte, in der die Autorin ihre literarische Tätigkeit mit ihrem regionalgeschichtlichen Engagement zu einem Kriminalroman mit Fakten aus der Stadtgeschichte Nürnbergs verbindet. Im November 2018 wurde ihr der Elisabeth-Engelhardt-Literaturpreis verliehen. Monika Martin lebt mit ihrer Familie in Schwanstetten bei Nürnberg.
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1
21. November 2012
Der Platz vor der Kaiserstallung füllte sich langsam. Immer mehr Pressevertreter strömten mit ihren Kameras, Mikrofonen und Fotoapparaten aus dem Fünfeckturm.
Trotz gerade einmal 5°C Außentemperatur hatten die meisten von ihnen gerötete Wangen, standen dem einen oder anderen noch Schweißtropfen auf der Stirn. Es war ihnen anzusehen, dass sie froh waren, wieder an der frischen Luft zu sein – auch wenn es sich dabei um einen nebelverhangenen Novembernachmittag handelte.
Nach einer halben Stunde in den beengten Räumen des alten Turms, zwischen gruseligen Folterwerkzeugen und gespenstischen Schandmasken, empfanden viele die Kälte als wohltuend.
Bernd Lautenschlager, der Mann, der sie zu diesem Ortstermin eingeladen hatte, hatte nicht zu viel versprochen. Um die Wiedererrichtung des einstigen Kultur- und kriminalhistorischen Museums eines gewissen Herrn Geuder sollte es gehen. Mit originalgetreuen Nachbauten der Sammlerstücke, die Mitte des 19. Jahrhunderts hier den begeisterten Besuchern präsentiert worden waren.
Scharenweise waren Gäste aus aller Welt hierher gekommen, um sich anzusehen, wie und womit man die Menschen im Mittelalter gequält, gefoltert oder hingerichtet hatte. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Turm massiv beschädigt. Dabei ist ein Großteil der Ausstellungsstücke verbrannt.
Seit vier Wochen war nun in den Räumen des berühmten Foltermuseums ein Escaperoom eingerichtet, eine Art Rätselspiel für Erwachsene, bei dem die Gruppen verschiedene Aufgaben lösen mussten, um – wie der Titel schon vermuten ließ – zu entkommen.
Sandra Watzlawick wusste nicht so recht, was sie von diesem neuartigen Konzept halten sollte. Sie war aus beruflichen Gründen gekommen, sollte einen Bericht für die Nürnberger Nachrichten darüber verfassen, was sich neuerdings in dem alten Gemäuer befand. Nach verschiedenen Nutzungen und mehreren Jahren Leerstand hatte Lautenschlager den Turm nach allen Regeln der Kunst sanieren lassen und diesen innovativen eingebaut. Angeblich sei dieses Angebot in Nürnberg längst überfällig, würde doch die bayerische Landeshauptstadt schon seit längerem eine Vielzahl solcher Räume anbieten. Und man wolle dem in nichts nachstehen.
Naja. Von sich aus wäre Sandra sicher nicht auf die Idee gekommen, Geld dafür zu bezahlen, um sich zwischen Daumenschrauben und der Eisernen Jungfrau einsperren zu lassen. Aber … jedem das Seine oder wie ihre Großmutter immer gesagt hatte:
Bernd Lautenschlager hatte sie und ihre Kollegen durch einen Teil des Turms geführt, ihnen schaurige Details und ausgeklügelte Rätsel präsentiert, ohne natürlich zu viel zu verraten.
„Das ist großartig“, schwärmte ihr Freund Torsten mit leuchtenden Augen. „Wir sollten uns so schnell wie möglich einen Termin sichern.“
Im Gegensatz zu ihr war er von Lautenschlagers Konzept hellauf begeistert, hätte am liebsten sofort mit dem Rätselraten begonnen.
Sandra schielte ihn skeptisch an. Als sie ihm erzählt hatte, dass sie im Rahmen ihres Nebenjobs bei der Zeitung zu einem Ortstermin in einem neu eröffneten Escaperoom eingeladen war, hatte er so lange auf sie eingeredet, bis sie sich hatte breitschlagen lassen, ihn mitzunehmen – als Fotografen, so lautete die offizielle Begründung. Torsten arbeitete als Kriminaloberkommissar bei der Nürnberger Mordkommission, und hatte ein gutes Händchen für wirkungsvolle Fotos.
Angesichts des aktuellen Krankenstandes im Verlagshaus hatte ihr Chef ausnahmsweise ein Auge zugedrückt.
„Du hast wirklich Lust, dich in diesem Gruselturm einsperren zu lassen?“
„Natürlich. Ich finde das total spannend. Wir sollten gleich mal bei Charlotte und den anderen Kollegen im Präsidium nachfragen. Vielleicht kommen ja Attila und Mariella auch mit. Was meinst du?“
„Naja, da bin ich mir nicht so sicher.“
„Ich schon. Ich kümmere mich darum.“ Eifrig zog er seinen Kalender aus der Tasche. „Hoffentlich gibt es vor Weihnachten noch einen freien Termin.“
„Wer sagt denn, dass ich mitgehen will?“, druckste Sandra herum.
Torsten sah überrascht auf. „Soll das heißen, du willst nicht?
Warum denn? Ist es dir zu gruselig? Ich bin sicher, Lautenschlager wird nicht mit dabei sein. Er überwacht uns höchstens im Kontrollraum.“
„Na, ich weiß nicht. Plane lieber mal ohne mich. Womöglich funktioniert irgendwas nicht richtig und ich komme nicht mehr lebend aus der Eisernen Jungfrau.“
„Quatsch, das gefällt dir dann schon, da bin ich mir ganz sicher. Wie wäre es am kommenden Wochenende? Am Samstag, den 23. November?“
„23. November?“ Sandras Miene hellte sich auf. „Das tut mir leid, da haben wir Klassentreffen. Das ganze Wochenende.“
„Das ist schon diese Woche?“ Torsten konnte sich daran erinnern, dass die Einladung bereits vor fast einem Jahr gekommen war. „Weißt du denn schon, was geplant ist?“
„Nein, Arno wollte sich heute melden.“
„Dann nehmen wir einfach den nächsten Samstag, den 30. November.“
„Frag doch erst einmal die anderen“, meinte Sandra ausweichend. Wahrscheinlich war das spektakuläre Angebot ohnehin über Wochen ausgebucht. Die Leute waren nun einmal fasziniert vom dunklen, grausamen Mittelalter. Sie erinnerte sich an ein ähnlich zweifelhaftes Projekt, das ein bekannter Nürnberger Gastronom vor ziemlich genau drei Jahren in den Lochgefängnissen angeboten hatte.
Um möglichst authentisch in die mittelalterliche Kriminalgeschichte eintauchen zu können, hatte man damals eine erlebnisgastronomische Aktion buchen können – mit allem, was dazugehörte: eine halbe Stunde Einzelhaft in einer stinkenden, stockfinsteren Zelle, eine Begegnung mit dem bis hin zu einer täuschend echt dargestellten Folterszene. Zum Glück war das Angebot nach kurzer Zeit aufgrund erheblicher Proteste wieder eingestellt worden. Es hatte sogar eine Tote gegeben.
„Schau mal“, sagte Torsten. „Die Leute gehen alle in die Jugendherberge. Geht es dort weiter?“
Zu Sandras Erleichterung war das Thema mit dem Escapespiel vorläufig vom Tisch.
„Ja, Lautenschlager will uns über die anderen Projekte von informieren. Und anschließend gibt es noch ein kleines Buffet.“
Torsten strahlte. „Das klingt beides sehr verlockend. Super, dass du mich hier eingeschleust hast.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Backe. „Danke dir.“
„Also, meine Begeisterung hält sich in Grenzen“, gab Sandra zu. „Mir reicht es jetzt schon mit Blut und Quälerei. Dass die Leute so etwas buchen, ist mir wirklich schleierhaft.“
„Sollen die anderen Räume nicht auch in alten Stadttürmen eingerichtet werden? Da wird es doch nicht überall um Blut und Quälerei gehen, oder?“
„Keine Ahnung. Lassen wir uns überraschen. Ehrlich gesagt habe ich auch genug von dem Typen. Er sieht aus, als wäre er selbst Teil seines Gruselkabinetts, findest du nicht? Ich bin ja nicht zart besaitet, aber dort drinnen bei dem schummrigen Licht und dem ganzen grausigen Kram war er mir nicht ganz geheuer.“
Bernd Lautenschlager war mit seinem muskulösen Körper und dem kahl rasierten Kopf eine imposante Erscheinung. Trotz der kühlen Temperaturen hatte er lediglich ein eng anliegendes weißes T-Shirt und eine Jeanshose getragen, die beide aussahen, als würden sie jeden Moment aus den Nähten platzen. Die vollständig mit farbigen Tattoos bedeckten Arme waren kräftiger als Sandras Oberschenkel.
Die Vorstellung, mit diesem Mann in Geuders Folterausstellung eingesperrt zu sein, jagte ihr einen Schauer über den Rücken.
Ein leises war aus ihrer Tasche zu hören.
„Ah, das ist vielleicht endlich die SMS von Arno.“
Sie holte das Gerät hervor und las die Nachricht.
Torsten konnte beobachten, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich.
„Was ist? Fällt es aus? Oder macht ihr eine Führung durch das Krematorium?“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Ein Besuch bei der Kläranlage? Im Indoorspielplatz? Eine Höhlenwanderung? Jetzt sag schon.“
„So etwas Ähnliches.“
„Was denn jetzt? Nächtliches Baden in der Pegnitz? Ein vierstündiges Open-Air Konzert der örtlichen Blockflötenvereinigung? Ein Ausflug mit Inlinern nach Fürth?“
Fassungslos sah sie ihn an.
„Wir spielen den Escaperoom im Fünfeckturm.“
Noch immer geschockt über die Aussicht, in etwa zwei Tagen zusammen mit vier Leuten, die sie seit fast 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte, in Geuders Folterturm Rätsel lösen zu müssen, stieg sie zusammen mit den anderen Journalisten die Treppe hinauf in den Eppeleinsaal.
Es war nur ein kleiner Trost, als sie sah, dass das angekündigte...




