Martin | Hochgericht | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Martin Hochgericht

Charlotte Gerlachs erster Fall
3. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7386-8766-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Charlotte Gerlachs erster Fall

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-7386-8766-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Friedhelm Eck, ein erfolgreicher Nürnberger Gastronom, erhitzt mit einem neuen, makabren Projekt die Gemüter: Erlebnisgastronomie in den Lochgefängnissen, mit Büßerhemd, Daumenschraube und Henkersmahlzeit. Eine Bürgerinitiative versucht, mit Petitionen und Demonstrationen das Projekt zu stoppen. Eines Morgens wird die Sprecherin der Bürgerinitiative tot aufgefunden. Als bekannt wird, dass bei ihr die Nachricht "Grüße vom Meister Franz" hinterlassen wurde, ist allen Nürnbergern klar: Der Henker Franz Schmidt ist zurück ...

Monika Martin ist Sozialpädagogin und führt seit 1996 für das Institut für Regionalgeschichte, Geschichte für Alle e.V. und die Nürnberger Unterwelten historische Stadtrundgänge in Nürnberg durch. Hochgericht ist der erste Band aus der Reihe Krimis mit Geschichte, in der die Autorin ihre literarische Tätigkeit mit ihrem regionalgeschichtlichen Engagement zu einem Kriminalroman mit Fakten aus der Stadtgeschichte Nürnbergs verbindet. Im November 2018 wurde ihr der Elisabeth-Engelhardt-Literaturpreis verliehen. Monika Martin lebt mit ihrer Familie in Schwanstetten bei Nürnberg.
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1


14. November 2009

Es war stockfinster und kalt. Anton Brugger, Mitarbeiter einer kleinen IT-Firma, saß in seinem weißen Büßerhemd auf einer harten Pritsche und wartete.

Man hatte an alles gedacht, um diesen Ausflug ins Mittelalter so authentisch wie möglich zu gestalten. In der winzigen Zelle des Nürnberger Lochgefängnisses stank es fürchterlich nach menschlichen Exkrementen. Man spielte sogar Schreie anderer Gefangener über eine Lautsprecheranlage ein.

Hätte Anton gewusst, was bei diesem Betriebsausflug auf ihn zukam, hätte er eine schlimme Erkältung oder Ähnliches vorgetäuscht, um sich nicht dieser – im wahrsten Sinne des Wortes – Tortur aussetzen zu müssen.

Das war so ziemlich die geschmackloseste Idee, die sein Chef je hatte.

Auf der anderen Seite bekam man wirklich eine Ahnung davon, was die Menschen früher einander angetan hatten, was die Leute hatten erleiden müssen.

Aber konnte man das nicht weniger drastisch darstellen? Der Gestank war unerträglich, er fror, hatte Hunger und keine Lust auf das, was der Veranstalter sicherlich noch alles geplant hatte.

Da hörte er schwere Schritte vor der Tür.

Unwillkürlich zuckte er zusammen und dankte seinem Schicksal, dass er im 21. und nicht im 17. Jahrhundert lebte. Obwohl er wusste, dass alles nur gespielt war, klopfte sein Herz schneller, war die Kälte plötzlich vergessen.

Die Tür wurde geöffnet und eine imposante Gestalt betrat den winzigen Raum.

„Du bist dran“, brummte der Mann, der mit seinem blutverschmierten Hemd und dem bärtigen Gesicht genau dem Bild entsprach, das Anton von einem mittelalterlichen Scharfrichter hatte.

Er folgte dem Henker durch den schmalen Gang zur Folterkammer.

Die werden mich doch wohl nicht wirklich foltern, schoss es Anton durch den Kopf. Das würde doch nun wirklich zu weit führen!

Die Folterkammer war vom flackernden Licht zweier Fackeln beleuchtet.

Auf dem Boden kniete ein Mann mit wirrem Haar, schmutzigem, schmerzverzerrtem Gesicht und einem ebensolchen grau-weißen Büßerhemd wie Anton eines trug.

Sein Daumen steckte in einer Vorrichtung aus Metall, die auf einem schweren Holztisch befestigt war.

„Sieh genau hin!“, brummte der Henker und versetzte Anton einen heftigen Stoß in den Rücken. „Wenn du nicht gleich gestehst, was du verbrochen hast, geht es dir wie ihm!“

Damit trat er auf den knienden Mann zu und drehte an der Schraube, die eine kleine Metallplatte noch fester auf den Daumen des Mannes quetschte. Der Mann brüllte vor Schmerzen wie ein Tier.

Anton lief ein Schauer über den Rücken.

Das war so ziemlich das Übelste und Geschmackloseste, was er je erlebt hatte. Da quälte man zum Schein einen Menschen, um andere, die viel Geld dafür bezahlt hatten, zu unterhalten.

Ihm wurde übel.

Er wollte hier raus.

„Du bist ein Dieb!“, brüllte der Henker und drehte noch einmal an der Schraube. „Gestehe, dass du deinem Nachbarn fünf Schweine gestohlen hast! Gestehe!!“

„Ja, ich habe gestohlen“, schrie der Gefangene unter Schmerzen. „Ich bin ein Dieb!“

„Dann bist du des Todes!“

Fassungslos beobachtete Anton das grausige Spektakel.

Der Henker löste die Daumenschraube und wandte sich Anton zu.

„Und jetzt zu dir!“

Plötzlich hörte er Stimmen.

Lautes, ausgelassenes Lachen.

Die Stimmen näherten sich der Folterkammer.

Anton blickte in Richtung der niedrigen Tür.

„Anton!“, hörte er jemanden rufen. „Wie siehst du denn aus?“

Es folgte vielstimmiges Gekicher und Gemurmel.

„Also, wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich ernsthaft glauben, du wärst ein echter Gefangener im finsteren Mittelalter und kein Teilnehmer einer erlebnisgastronomischen Aktion Anfang des 21. Jahrhunderts.“

Ein etwa 45-jähriger Mann – ebenfalls in Büßerhemd und weißen Socken – kam die Treppenstufen herab und half Anton beim Aufstehen.

Anton lehnte sich benommen an den Tisch mit der Daumenschraube und schüttelte sich.

„Klaus! Das ist Wahnsinn!“, krächzte er heiser. „Hat jemand etwas zu trinken für mich?“

„Ich fand es auch irre!“, stimmte ihm nun eine Frau mit kurzgeschnittenem blondem Haar zu und reichte ihm eine Flasche Wasser. Anton setzte die Flasche an und trank sie in einem Zug leer.

„Danke, Sonja“, murmelte Anton leise vor sich hin. „Was haben die Leute damals gelitten!“

Es war ihm anzusehen, dass er noch immer nicht ganz aus der grausamen Welt des Mittelalters in die Gegenwart zurückgekehrt war. Zu intensiv und frisch waren noch die Eindrücke, die das inszenierte Schauspiel bei ihm hinterlassen hatten. Zu entsetzlich die Vorstellung, das eben Erlebte könne ihm in Wirklichkeit widerfahren.

Furchtbar!

Wie unfassbar grausam und brutal waren die Menschen, unsere Vorfahren?

Warum?

Warum hatten sich die Menschen das gegenseitig angetan?

Das Entsetzlichste an der vergangenen Stunde war für Anton das Wissen, dass diese Szenen nicht erfunden waren, nicht einzig der lebhaften Fantasie diverser Schauspieler und Regisseure entsprungen. Diese Dinge sind tatsächlich passiert! Viele Hunderte oder Tausende von Menschen wurden auf solch grausame Art und Weise gequält.

„Komm jetzt“, forderte ihn der Kollege gut gelaunt auf und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. Ihm schien die Inszenierung nicht so zugesetzt zu haben. „Jetzt freue ich mich auf das Essen. Ich habe einen Bärenhunger!“

Fröhlich plaudernd setzten sich die zwölf Mitarbeiter der kleinen Firma in Bewegung, zwängten sich den engen, verwinkelten Gang entlang, vorbei an der Schmiede mit all den grausamen Folterwerkzeugen und erklommen die geschwungene, steile Treppe hinauf in einen Raum, der einst der Aufenthaltsraum des Lochhüters, also Gefängniswärters war.

Hier wurde die Gruppe von einem schick gekleideten Mann Ende 50 mit vollem, grauem Haar und einer randlosen Brille begrüßt. Sein teuer aussehender Designeranzug saß perfekt, die weißen Zähne leuchteten, die gepflegten Hände mit den offensichtlich frisch manikürten Fingernägeln sahen nicht so aus, als müssten sie schwere körperliche Arbeit verrichten.

Mussten sie auch nicht.

Friedhelm Ecks Hände bedienten lediglich Handys, Computer und ab und zu seinen goldenen Kugelschreiber.

„Willkommen im Gasthaus zum grünen Frosch“, begrüßte er die Gäste mit seiner vollen, tiefen Stimme, die jede Frau dahinschmelzen ließ. „Ich hoffe, Sie hatten eine interessante und spannende Zeitreise ins finstere Mittelalter mit all seinen Schrecken und Grausen?“

Ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er fort: „Manch einer fragt sich sicher, woher der ohne Zweifel eigenartige Name dieses Etablissements stammt?“

Er lachte kurz auf und warf den Damen in der Gruppe einen betörenden Blick zu.

„Das ist tatsächlich der Name, den dieser Raum bereits im Mittelalter scherzhaft trug. Der Lochwirt selbst wurde dementsprechend genannt, ist das nicht erstaunlich?“

Friedhelm Eck strahlte amüsiert, breitete einladend beide Arme aus und lud seine Gäste ein, an dem rustikalen Holztisch Platz zu nehmen, der den kleinen Raum dominierte.

Der Tisch war gedeckt mit grob geschnitzten Tellern, riesigen, ebenfalls aus Holz gearbeiteten Humpen und unförmigen Löffeln. Edle Kerzen, Tafelsilber, Servietten oder Kristallgläser suchte man vergebens. Auch bequeme Stühle mit weichen Polstern und schicken Hussen gehörten nicht zur Ausstattung des Gasthauses. Sah man sich die Kleidung der Gäste an, schien die Aufmachung jedoch mehr als angemessen zu sein.

„Herr Eck!“, rief Klaus Markert, der Chef der Abteilung euphorisch und schüttelte Herrn Eck die Hand. „Es war fantastisch! So authentisch und echt. Manchen von uns lief wirklich ein Schauer über den Rücken.“ Er warf Anton Brugger ein verschmitztes Lächeln zu und fuhr fort.

„Was für eine großartige Idee, unsere Vergangenheit auf diese eindrückliche Art und Weise erlebbar zu machen. Fabelhaft!“

„Es freut mich, Herr Markert, dass Sie und Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diesen etwas anderen Betriebsausflug genießen.“ Er lachte kurz auf. „Und das Beste kommt ja noch – die Henkersmahlzeit!“

Zustimmendes Gemurmel erhob sich.

„Um noch ein wenig im Thema zu bleiben, servieren wir Ihnen eine kleine Auswahl dessen, was die Todeskandidaten im Mittelalter tatsächlich in den letzten drei Tagen vor ihrer Hinrichtung bekommen haben. Schließlich soll unser kleiner Ausflug ja so authentisch wie möglich sein.“

„Vielleicht können Sie uns konkreter erläutern, welche Köstlichkeiten Sie für uns vorgesehen haben?“, fragte Markert gespannt.

„Aber gerne doch“, nahm Eck den Faden auf....



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