E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Martin Findelkind
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-6251-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Charlotte Gerlach und der Fall Kaspar Hauser
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-7504-6251-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Monika Martin ist Sozialpädagogin und führt seit 1996 für das Institut für Regionalgeschichte, Geschichte für Alle e.V., historische Stadtrundgänge in Nürnberg durch. Findelkind ist der vierte Krimi aus der Reihe Krimis mit Geschichte, in der die Autorin ihre literarische Tätigkeit mit ihrem regionalgeschichtlichen Engagement zu einem Kriminalroman mit Fakten aus der Stadtgeschichte Nürnbergs verbindet. Im November 2018 wurde ihr der Elisabeth-Engelhardt-Literaturpreis verliehen. Monika Martin lebt mit ihrer Familie in Schwanstetten bei Nürnberg.
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14. Mai 2012
Der Platz war menschenleer. Werner Blank kramte den Generalschlüssel aus seiner Tasche, öffnete die moderne Glastür und betrat das riesige, halbfertige Haus. Er stellte sich in die Mitte des Foyers, dorthin, wo in nur zwei Wochen täglich Hunderte von Menschen unterwegs sein sollten.
Inmitten von Farbeimern, Leitern und Abdeckplanen, Latten, Fliesen und Kartons schloss er kurz die Augen und roch den unwiderstehlichen Duft von frisch verputzten Wänden, Fliesenkleber und Silikon, den Duft einer lebendigen Baustelle. Feiner Staub kitzelte in seiner Nase, er musste niesen.
Unzählige Gedanken schwirrten durch seinen Kopf.
Würden die Trockenbauer morgen alle Gipskartonplatten abgeschliffen haben, die Fliesenleger mit den Toiletten im Erdgeschoss fertig werden?
Würden morgen tatsächlich die lang ersehnten Armaturen geliefert und die Lichtanlage installiert werden?
Und was war mit der Aufzugsfirma und den Elektrikern?
Er schüttelte sich, rieb sich über das Gesicht und genoss die Stille.
Tagsüber war der Lärm fast unerträglich. Überall wurde gebohrt, geschliffen und gesägt, gebrüllt, gelacht und erzählt. Heerscharen von Handwerkern aus verschiedenen Gewerken arbeiteten mit Hochdruck daran, den Zeitplan einzuhalten und das Haus bis zum 28. Mai fertig zu stellen.
Jetzt waren alle weg – nur er nicht.
Er war am Morgen der Erste und am Abend der Letzte.
Er musste nach dem Rechten sehen, Lichter ausschalten, Türen absperren, Fenster schließen.
Er war das Herz des Gebäudes.
Stolz ließ er den Blick über sein Reich schweifen. Was hatte er doch für ein Glück gehabt, dass man ihm diese Stelle angeboten hatte – ihm, Werner Blank, dem fast sechzigjährigen Langzeitarbeitslosen. Er hatte schon nicht mehr daran geglaubt, noch einmal arbeiten zu können. Und dann gleich in einem so großen Projekt.
Es würde nicht einfach ein Museum werden.
Nicht einfach ein Gebäude, in dem man alte, verstaubte Kunstwerke besichtigen konnte.
Dies würde ein Erlebniszentrum werden, in dem die Besucher – so stand es zumindest auf den Werbeflyern, die heute angeliefert worden waren.
Werner Blank verstand nichts davon, hatte keine Ahnung, worum es ging. Es interessierte ihn ehrlich gesagt auch nicht. Für ihn war es wichtig, die Schlüsselgewalt über das Haus zu haben und endlich wieder Geld zu verdienen. Er hatte ein halbes Jahr Probezeit, in der er allen zeigen konnte, dass sie sich für den richtigen Mann entschieden hatten.
Bleierne Müdigkeit erfasste ihn. Er sah auf seine staubige Armbanduhr: 21.36 Uhr.
Kein Wunder, dass er müde war.
Er war schon längst zu Hause gewesen, hatte es sich mit einem kühlen Bier vor dem Fernseher gemütlich gemacht, als ihm siedend heiß eingefallen war, dass er noch die Brandmeldeanlage einschalten musste. Es war auf den Baustellen üblich, während des Tages die Brandmelder abzuschalten. Gerade der Staub, der beim Abschleifen der Gipskartonplatten entstand, würde ständig den Feueralarm auslösen. Wenn am Abend der letzte Handwerker gegangen war, musste die Anlage wieder aktiviert werden – und das war seine Aufgabe.
Wie hatte er das nur vergessen können? Er war der Hausmeister, trug riesige Verantwortung. Die Handwerker verließen sich auf ihn.
Schweren Herzens hatte er sich noch einmal aufgerafft und sich in ausgebeulter Jogginghose und Lederpantoffeln auf den Weg gemacht. Schließlich wohnte er nur eine Straße weiter.
Morgen früh um 8.00 Uhr würde die Anlage überprüft werden. Es würde keinerlei Beanstandungen geben, dessen war sich ganz sicher.
Wenn auch der Zeitplan langsam etwas eng wurde, das finanzielle Budget schien unerschöpflich zu sein.
Der Bauherr Freiherr von Tucher sparte weder bei der Qualität der Handwerker noch beim Material. Alles war vom Feinsten, Geld spielte keine Rolle. Die einzigen Wermutstropfen waren die ständigen Sabotageakte, die Schmierereien und zum Teil vernichtenden Presseartikel, die bereits im Vorfeld der Eröffnung für Missmut bei den Mitarbeitern sorgten. In regelmäßigen Abständen musste er billige Parolen von Wänden und Fenstern waschen – als ob er nichts Besseres zu tun hätte.
Es war ihm nicht klar gewesen, dass dieser Kaspar Hauser, um den es in dem Haus gehen sollte, so berühmt war, dass sich jemand die Mühe machte, das Museum zu torpedieren.
Plötzlich stutzte er.
Irgendetwas war anders als sonst.
Es war still, ungewöhnlich still.
Normalerweise war das Brummen der Trocknungsgeräte zu hören, doch er hörte nichts.
Als er vor ein paar Stunden das Haus verlassen hatte, hatte er noch einmal nach den Geräten gesehen. Alles war in Ordnung gewesen.
Gerade hatte er noch in Gedanken die Großzügigkeit des Freiherrn und die damit verbundene hohe Qualität der Materialien gelobt, da fiel ihm ein, dass dies leider nicht für alle Bereiche der Baustelle galt. Beispielsweise waren die Apparate, die zur Trocknung des Bodens und der Wände aufgestellt worden waren, in seinen Augen fast schon als „antik“ zu bezeichnen. Sie verbrauchten Unmengen an Strom und machten einen Höllenlärm. Außerdem musste man ständig die Wasserbehälter leeren.
Und jetzt waren sie anscheinend ganz kaputt.
Er hatte ohnehin schon länger Zweifel an der optimalen Funktionstüchtigkeit der Maschinen gehabt.
Der Trocknungsprozess ging so besorgniserregend langsam voran, dass sich an verschiedenen Stellen bereits Schimmel gebildet hatte. Wenn sie dieses Problem nicht schnell in den Griff bekämen, stand zu befürchten, dass es mit der abschließenden Bauabnahme Schwierigkeiten geben könnte.
Seufzend lief er die Treppe in den Keller hinunter. Auch hier stand alles voll mit dem Material der Handwerker und Bergen von Müll. Irritiert ging er den langen Gang entlang bis zu dem Raum, in dem es eigentlich brummen sollte.
Die Tür des Raumes stand offen.
Seltsam. Er war sich sicher, dass er sie abgesperrt hatte.
Was war hier los?
War da jemand? Schlich da jemand durch die nächtliche Baustelle?
Aber wer sollte das sein?
Ein Mitarbeiter, der etwas vergessen hatte?
Die Chefin, die noch eine Stunde zusätzlich drangehängt oder ein Handwerker, der noch Restarbeiten erledigt hatte?
Unwahrscheinlich.
„Hallo?“, rief er in den Raum hinein. „Ist da wer?“
Er schaltete das Licht ein und sah sich um.
Da war niemand.
Nur zahllose Kisten und Verpackungsmaterial der Ausstellungsgegenstände, die jeden Tag angeliefert wurden, und die beiden orangenen Kästen, die bedauerlicherweise keinen Mucks von sich gaben.
Da kam ihm ein erschreckender Gedanke.
Vielleicht war es der Saboteur? Womöglich hatte er die Geräte manipuliert, um den geplanten Eröffnungstermin platzen zu lassen?
Heute Nachmittag hatten die Maschinen noch einwandfrei funktioniert, er hatte die Wasserbehälter geleert und … Was war das? Verwundert bemerkte er, dass die Behälter wieder voll waren. In nur vier Stunden? Obwohl sie nicht liefen?
Da war etwas faul, dessen war sich Werner Blank jetzt ganz sicher. Er untersuchte den Einschaltknopf. Alles in Ordnung.
Der Schalter stand auf ON.
Er sah zur Steckdose.
Da war etwas dazwischengeschaltet. Ein kleiner Kasten.
Eine Zeitschaltuhr.
„Das gibt’s doch nicht!“, rief er wütend. Das war dreist!
Brachte da einfach jemand eine Zeitschaltuhr an, ganz offensichtlich. Und er hatte nichts gemerkt! Unglaublich!
„Na warte!“
Schnell entfernte er das Kästchen und steckte den Stecker in die Dose. Augenblicklich erfüllte lautes, nerviges Brummen den Raum.
Vermutlich hatte sich der Unbekannte im Laufe des Tages hereingeschlichen und irgendwo versteckt, um dann am Abend seine zerstörerischen Pläne umsetzen zu können.
Doch da hatte er nicht mit ihm gerechnet, dem aufmerksamen Hausmeister!
Voller Zorn marschierte er los. „Wo bist du?“, brüllte er.
„Was hast du gemacht?“
Seine Stimme hallte in den halbleeren Räumen wider. Die Szenerie hatte etwas Unheimliches, Bedrohliches.
Da! War da nicht ein leises Knarzen gewesen? Der Eindringling wollte flüchten!
Werner Blank schlich den Gang entlang, dorthin, wo er das Geräusch vermutete. Der Unbekannte würde sich ganz bestimmt nicht freiwillig zeigen, er würde ihn überraschen und dann überwältigen müssen.
In seinem Inneren tobte eine Mischung aus Angst, Wut und Zweifel. Vielleicht hatte er sich doch alles nur eingebildet, jagte einem Phantom hinterher.
Vielleicht gelang es ihm aber auch, den Schuldigen zu stellen und damit den unangenehmen Aktionen endlich ein Ende zu setzen. Dann würde er als Held gefeiert werden. Er, der Hausmeister, dem es zu verdanken war, dass das einzigartige Kaspar-Hauser-Erlebniszentrum pünktlich hatte fertiggestellt und eröffnet werden können.
Mit klopfendem Herzen spähte er um...




