Martin | Die Flamme erlischt | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Reihe: Penhaligon Verlag

Martin Die Flamme erlischt

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18409-4
Verlag: Penhaligon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Reihe: Penhaligon Verlag

ISBN: 978-3-641-18409-4
Verlag: Penhaligon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Buch, mit dem alles begann – der erste Roman von GRRM

Der Hilferuf seiner Jugendliebe Gwen führt Dirk t'Larien zu der sterbenden Welt Worlorn. Aber als er dort eintritt, scheint Gwen es sich anders überlegt zu haben und versucht, ihn wieder wegzuschicken, denn sie liebt ihren Ehemann Jaan. Doch mit der Heirat ist sie auch in eine Kultur eingetreten, die Frauen keine Selbstbestimmung erlaubt. Dirk kann nicht glauben, dass sie dieses Schicksal freiwillig gewählt hat, und tatsächlich gelingt es ihm, sie zur Flucht zu überreden. Doch mit ihrem Verrat an Jaan haben sie auch dessen Schutz aufgegeben, und Menschenjäger treiben sie in die Enge. Nur einer kann sie noch retten – doch Jaan ist seine Ehre wichtiger als alles andere …

George Raymond Richard Martin wurde 1948 in New Jersey geboren. Sein Bestseller-Epos »Das Lied von Eis und Feuer« wurde als die vielfach ausgezeichnete Fernsehserie »Game of Thrones« verfilmt. 2022 folgt der HBO-Blockbuster »House of the Dragon«, welcher auf dem Werk »Feuer und Blut« basiert. George R.R. Martin wurde u.a. sechsmal der Hugo Award, zweimal der Nebula Award, dreimal der World Fantasy Award (u.a. für sein Lebenswerk und besondere Verdienste um die Fantasy) und fünfzehnmal der Locus Award verliehen. 2013 errang er den ersten Platz beim Deutschen Phantastik Preis für den Besten Internationalen Roman. Er lebt heute mit seiner Frau in New Mexico.
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1

Draußen vor dem Fenster schwappte Wasser gegen die Pfähle des Holzstegs am Rande des Kanals. Dirk t’Larien blickte auf und sah einen flachen schwarzen Lastkahn, der gemächlich im Mondlicht vorüberfuhr. Am Heck stand eine einsame Gestalt, die den Kahn mithilfe einer dünnen dunklen Stange vorantrieb. Alles zeichnete sich deutlich ab, denn Braques Mond zog oben seine Bahn, faustgroß und sehr hell. Hinter ihm waren Stille und rauchige Dunkelheit, ein unbeweglicher Vorhang, der die entfernteren Sterne verbarg. Eine Wolke aus Staub und Gas, dachte Dirk t’Larien. Tempters Schleier.

Der Anfang kam erst lange nach dem Ende: ein Flüsterjuwel. Es war eingewickelt in Lagen aus Silberfolie und weichem, dunklem Samt, genau so, wie er es ihr vor Jahren gegeben hatte.

In dieser Nacht, als er am Fenster seines Zimmers saß, von wo aus er den weitläufigen Kanal überblicken konnte, auf dem Händler ihre Obstkähne entlangstakten, öffnete er die Verpackung. Der Edelstein war so, wie Dirk ihn in Erinnerung hatte: tiefrot und mit dünnen schwarzen Linien überzogen, geformt wie eine Träne. Er dachte zurück an den Tag, als der Esper ihn für sie geschnitten hatte, damals auf Avalon.

Nach langer Zeit berührte er ihn wieder.

Er fühlte sich glatt und sehr kalt an, und tief im Innern seines Gehirns begann das Flüstern. Erinnerungen und Versprechungen, die er nicht vergessen hatte.

Er war aus keinem besonderen Anlass hier auf Braque und erfuhr niemals, wie man ihn gefunden hatte. Aber es war geschehen, und Dirk t’Larien erhielt sein Juwel zurück.

»Gwen«, sagte er leise, nur um das Wort zu formen und die vertraute Wärme auf der Zunge zu spüren. Seine Jenny, seine Guinevere, die Geliebte seiner aufgegebenen Träume. Sieben Standardjahre hat es gedauert, dachte er, während seine Finger das kalte Juwel streichelten, aber sie kamen ihm vor wie sieben Leben. Und alles war vorüber. Was mochte sie jetzt von ihm wollen? Der Mann, der sie geliebt hatte, jener andere Dirk t’Larien, der Versprechen gemacht und Juwelen verschenkt hatte, war tot. Dirk hob eine Hand, um sich eine graubraune Strähne aus den Augen zu wischen. Und plötzlich, unbeabsichtigt, fiel ihm wieder ein, wie Gwen jedes Mal sein Haar zur Seite geschoben hatte, wenn sie ihn küssen wollte.

Mit einem Mal fühlte er sich sehr müde und verloren. Sein sorgsam gepflegter Zynismus geriet ins Wanken, und eine Last drückte auf seine Schultern wie ein Phantomgewicht, die Schwere desjenigen, der er einst gewesen und nun nicht mehr war. Im Laufe der Jahre hatte er sich verändert und es als Reifungsprozess betrachtet – aber jetzt schien diese Weisheit jäh zu zerbrechen. Seine Gedanken schweiften umher, verweilten bei all den Versprechen, die er gebrochen hatte, den Träumen, die er aufgeschoben und schließlich abgelegt hatte, den bloßgestellten Idealen und jener einst glänzenden Zukunft, die der Langeweile und Fäulnis verfallen war.

Warum wollte sie, dass er sich erinnerte? Zu viel Zeit war vergangen, zu viel war mit ihm passiert, wahrscheinlich mit ihnen beiden. Davon abgesehen hatte er nie wirklich gewollt, dass sie das Flüsterjuwel benutzte. Es war die dumme Geste des Heranwachsenden in der Pose des jungen Romantikers gewesen. Kein vernünftiger Erwachsener würde sich an ein derart absurdes Gelöbnis binden. Natürlich konnte er nicht fortgehen. Bisher hatte er kaum Zeit gehabt, sich Braque anzusehen. Er lebte sein eigenes Leben; wichtige Dinge waren zu tun. Nach all der Zeit konnte Gwen unmöglich erwarten, dass er ein Schiff zu den Außenwelten nahm.

Verärgert griff er nach dem Juwel, nahm es in die Hand und schloss seine Faust fest darum. Er würde es aus dem Fenster werfen, beschloss er, hinaus in das dunkle Wasser des Kanals, hinaus und fort mit allem, was damit verknüpft war. Aber einmal in seiner Faust, fühlte sich der Edelstein an wie ein Eiskristall, und die Erinnerungen stachen wie Messer.

… weil sie dich braucht, flüsterte das Juwel. Weil du es versprochen hast.

Seine Hand bewegte sich nicht. Seine Faust blieb geschlossen. Die Kälte in seiner Handfläche wandelte sich von Schmerz zu Taubheit. Jener andere Dirk, der jüngere, Gwens Dirk: Er hatte es versprochen. Aber sie hatte es auch getan. Vor langer Zeit, auf Avalon. Der alte Esper, ein verhutzelter Emereli mit geringem Talent und rotgoldenem Haar, hatte zwei Juwelen geschnitten. Er hatte in Dirk t’Larien gelesen und die Liebe gefühlt, die Dirk seiner Jenny entgegenbrachte. Davon hatte er so viel in den Edelstein hineingelegt, wie es ihm seine bescheidenen psionischen Kräfte erlaubten. Später tat er für Gwen das Gleiche, und schließlich hatten sie die Juwelen getauscht.

Es war seine Idee gewesen. Es wird vielleicht nicht immer so sein, hatte er zu ihr gesagt, ein uraltes Gedicht zitierend. Deshalb hatten sie sich einander versprochen: Sende dieses Andenken, und ich werde kommen. Gleichgültig, wo ich bin, wann es geschieht oder was zwischen uns geschehen ist. Ich werde kommen, und es wird keine Fragen geben.

Aber das Versprechen war zerbrochen. Sechs Monate nachdem sie ihn verlassen hatte, schickte ihr Dirk das Juwel. Sie war nicht gekommen. Seither hatte er nicht mehr damit gerechnet, dass sie das Versprechen je beschwören würde. Doch genau das hatte sie jetzt getan. Erwartete sie wirklich, dass er kam?

Voller Traurigkeit erkannte er, dass der Mann, der er einst gewesen war, zu ihr kommen würde, ganz gleich, wie sehr er sie hassen oder lieben mochte. Aber jener Dummkopf war längst begraben. Die Zeit und Gwen hatten ihn getötet.

Aber noch immer hörte er dem Juwel zu, spürte seine alten Empfindungen und seine neue Müdigkeit. Und endlich blickte er auf und dachte: Vielleicht ist es doch noch nicht zu spät.

Es gibt viele Möglichkeiten, zwischen den Sternen zu reisen. Einige davon sind schneller als Licht, andere sind es nicht, aber alle sind langsam. Die Reise von einem Ende des Menschenimperiums zum andern dauert fast ein Leben lang – und das Menschenimperium mit den verstreuten Welten der Menschheit und der großen Leere dazwischen macht nur den allerkleinsten Teil der Galaxis aus. Aber Braque lag nah am Vorhang, und die Außenwelten waren nicht weit. Es wurde eifrig Handel getrieben, sodass es Dirk leichtfiel, ein Schiff zu finden.

Das Schiff hieß Schaudern der Vergessenen Feinde. Es flog von Braque nach Tara und dann durch den Vorhang nach Wolfheim, weiter nach Kimdiss und schließlich nach Worlorn. Sogar bei Überlicht-Fahrt dauerte die Reise mehr als drei Standardmonate. Nach der Landung auf Worlorn würde die Schaudern noch weiterfliegen, bis Hoch Kavalaan und pi-Emerel und dann zu den Letzten Sternen, ehe sie wendete und ihre ausgedehnte Route zurückverfolgte.

Der Raumhafen auf Worlorn war für eine Abfertigung von zwanzig Schiffen pro Tag angelegt worden – jetzt kam vielleicht noch eines im Monat. Der größere Teil war abgesperrt, dunkel und verödet. Die Schaudern setzte inmitten jenes kleinen Bereichs auf, der noch in Betrieb war, und ließ eine in der Nähe liegende Gruppe Privatschiffe sowie einen teilweise ausgeschlachteten toberianischen Frachter fast winzig erscheinen.

Eine Sektion des riesigen Terminals, jetzt automatisiert und unbelebt, war noch hell erleuchtet, aber Dirk hastete hindurch, jagte in die Nacht hinaus, in eine leere Außenweltnacht, die vor Sehnsucht nach den Sternen seufzte.

Sie warteten direkt vor den Haupteingängen auf ihn, wie er es mehr oder weniger erwartet hatte. Der Kapitän der Schaudern hatte eine Laser-Botschaft abgestrahlt, als das Schiff in den Normalraum zurückgetaucht war.

Gwen Delvano hatte sich zu seinem Empfang eingefunden, aber sie war nicht allein gekommen. Gwen und ihr Begleiter sprachen leise miteinander, als er aus dem Terminal herauskam.

Dirk blieb direkt hinter der Tür stehen, lächelte so lässig, wie er nur eben konnte, und stellte seine leichte Tasche auf den Boden. »Hallo«, sagte er leise, »ich habe gehört, hier wird ein Fest gefeiert?«

Beim Klang seiner Stimme hatte sie sich umgedreht, und jetzt lachte sie ihr vertrautes Lachen. »Nein«, sagte sie, »dafür bist du etwa zehn Jahre zu spät dran.«

Dirk bemühte sich, ein finsteres Gesicht zu machen, und schüttelte den Kopf. »Verdammt!« Dann lächelte er wieder. Gwen kam auf ihn zu, und sie umarmten sich. Der andere Mann, der Fremde, stand regungslos da und schaute zu.

Die Umarmung dauerte nur kurz. Kaum hatte Dirk die Arme um sie gelegt, da entzog sie sich ihm wieder. Nach diesem Intermezzo standen sie dicht beisammen, und jeder betrachtete, welche Veränderungen die Jahre beim anderen bewirkt hatten.

Sie war älter, hatte sich aber kaum verändert, und was ihm anders erschien, beruhte wohl nur auf Lücken in seinem Gedächtnis. Ihre großen grünen Augen waren nicht ganz so groß und grün, wie er sie in Erinnerung hatte. Auch war sie etwas größer, als er sich entsann, und vielleicht auch ein bisschen schwerer. Aber sie war nah genug; sie lächelte auf die gleiche Art, und ihr Haar war wie damals, fein und dunkel, schwärzer als eine Außenweltnacht und wie ein glänzender Strom, der auf ihre Schultern fiel. Sie trug einen weißen Rollkragenpullover und eine Gürtelhose aus derbem Chamäleonstoff, der sich inzwischen nachtschwarz verfärbt hatte, dazu ein breites Stirnband, wie sie es auch auf Avalon so gern angelegt hatte. Ihren Arm schmückte ein Armreif – das war neu. Eigentlich war es eher eine Armspange, ein massives Stück kaltes Silber, mit Jade besetzt, das die Hälfte ihres linken Unterarms bedeckte....


Martin, George R.R.
George Raymond Richard Martin wurde 1948 in New Jersey geboren. Sein Bestseller-Epos »Das Lied von Eis und Feuer« wurde als die vielfach ausgezeichnete Fernsehserie »Game of Thrones« verfilmt. 2022 folgt der HBO-Blockbuster »House of the Dragon«, welcher auf dem Werk »Feuer und Blut« basiert. George R.R. Martin wurde u.a. sechsmal der Hugo Award, zweimal der Nebula Award, dreimal der World Fantasy Award (u.a. für sein Lebenswerk und besondere Verdienste um die Fantasy) und fünfzehnmal der Locus Award verliehen. 2013 errang er den ersten Platz beim Deutschen Phantastik Preis für den Besten Internationalen Roman. Er lebt heute mit seiner Frau in New Mexico.



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