E-Book, Deutsch, Band 2601, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
Martens Lassiter 2601
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-3355-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Tage des Zorns
E-Book, Deutsch, Band 2601, 64 Seiten
Reihe: Lassiter
ISBN: 978-3-7517-3355-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lesen Sie die zweite Folge des Lassiter-Fünfteilers!
Als Pinkerton-Agent hatte Lassiter jenen Ausgleich gefunden, der ihn für die Zerschlagung der Brigade Sieben entschädigte. Weiterhin hatte er Recht und Gesetz dienen können. Doch auch das hatte man ihm nun genommen!
Wie zu Beginn seiner Laufbahn stand er allein, eine ungewisse Zukunft vor sich. Doch er hatte ein Ziel, das er mit der ihm eigenen Entschlossenheit verfolgen wollte, eine große Aufgabe.
Bei der Erschließung der Vereinigten Staaten bestimmten zunehmend die Reichen und Mächtigen das Geschehen, und die Menschen litten darunter. Ein Missstand, den Lassiter nicht hinnehmen wollte. Er wollte sich mit den Drahtziehern anlegen, deren Gewissen unter Bergen von Dollars begraben lag. Doch das war ein steiniger und lebensbedrohlicher Weg, wie er bald schon schmerzhaft feststellen sollte!
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Tage des
Zorns
von Katja Martens
Der Fahrtwind fauchte Lassiter um die Ohren, als er sich aus dem Zugfenster beugte. Weiter vorn zeichnete sich ein Schemen ab, kaum zu erkennen im Dampf der Lokomotive. Und verdammt nah an den Schienen. Was war das? Der nächste Halt sicherlich nicht. Bis zur Railway Station Pittsburgh waren es noch gute dreißig Meilen, vielleicht ein paar mehr.
Was auch immer das Problem war, der Lokführer musste es ebenfalls entdeckt haben, denn ein Bremsstoß ruckte durch den Zug, gefolgt vom Warnton der Dampfpfeife. Allmählich wurden die Konturen schärfer, verdichteten sich zu Frachtwagen und entlockten dem großen Mann einen Fluch. Ein anderer Zug blockierte die Strecke. Und sie stampften geradewegs darauf zu!
Eine ungeheure Kraft musste den Frachtzug vom Gleis gehoben haben. Die Wagen waren herumgeschleudert worden, hatten uralte Bäume umgerissen und Gruben in den Boden gestanzt. Bei ihrem Aufprall waren sie entkoppelt worden. Einige standen aufrecht wie Zinnsoldaten, andere lagen kreuz und quer übereinander – und teilweise noch auf den Schienen. Ein Verhängnis für jeden nachfolgenden Zug!
»O verdammt! Jetzt haben wir ein echtes Problem...« Lassiter machte kehrt und stürmte von dem geschützten Übergang zurück in den hinteren Wagen. Hier drängten sich die Fahrgäste in den Gängen und auf den voll besetzten Sitzbänken. Komfort suchte man in diesem Teil des Zuges vergebens. Die Bänke waren aus grob gezimmerten Holz, die Fenster ließen sich weder öffnen noch verhängen, und das Gepäck stapelte sich mangels passender Unterbringungen bis unter die Decke: Koffer, Teppichstofftaschen, sogar Käfige mit Hühnern und Gänsen.
In das lebhafte Schnattern mischten sich nun angstvolle Rufe.
»Was ist denn los? Warum bremsen wir?«
»Werden wir überfallen?«
Der Zug war dem Weg in den Osten. Columbus lag hinter ihnen. Die nächsten Stationen waren Pittsburgh, Philadelphia und New York. Dort würden sie jedoch nie ankommen, wenn ihr Zug nicht rechtzeitig zum Stehen kam. An Abspringen war nicht einmal zu denken. Das Gleisbett war mehrere Yards hoch, und die Chancen standen recht gut, sich bei dem Versuch den Hals zu brechen.
Wieder ein Bremsstoß. Beantwortet von vielstimmigen Schreckensschreien.
Lassiter wurde unsanft gegen die Wagentür geschleudert.
Der Geruch von Tabak und Schweiß lastete über dem Wagen. Nun mischte sich eine weitere Note hinein: Angst!
Sie befanden sich im vorletzten Wagen; weiter hinten kam noch der Viehwaggon. Sein Grauschimmel war dort untergebracht. Aus dem Wagen drangen panisches Wiehern und Stampfen. Die Pferde drängten zur Flucht, aber sie waren angebunden.
Ein aussichtsloses Unterfangen.
Der nächste Bremsstoß riss etliche Reisende von den Füßen. Sie landeten unsanft auf dem Boden – oder auf anderen Fahrgästen. Das Gebrüll im Wagen schwoll an.
Lassiter versuchte abzuschätzen, ob die Zeit noch ausreichte, dass der Zug vor dem Hindernis zum Stehen kam. Knapp würde es werden. Verdammt knapp sogar...
Wieder ein Bremsstoß. Ein weiterer scharfer Ruck. Metall quietschte protestierend. Die Fahrgäste wurden nach vorn geschleudert. Flüche gellten. Schmerzenslaute mischten sich darunter. Gepäckstücke schossen umher, krachten auf den Boden und rissen Reisende um.
»Kitty!« Ein Mädchen, nicht älter als fünf oder sechs Jahre, ließ den Rock seiner Mutter los und sprang einem weißen Kätzchen hinterher.
»Annie! Bleib hier!« Die Mutter hielt ein Baby auf dem Arm und war nicht schnell genug, um ihre Tochter noch zu erwischen.
Lassiter schnappte sich die Kleine und schlang schützend einen Arm um sie. Breitbeinig stemmte er die Füße in den Boden und hielt sich am Türrahmen fest.
»Kitty!« Jammernd reckte sich das Kind nach dem Kätzchen.
Endlich rollten sie langsamer an den bewaldeten Hügeln vorbei. Ein Ruck noch, dann kam der Zug zum Stehen. Schnaufend wie eine alte Lady, die der Postkutsche hinterhergerannt war, um noch einen Brief mitzugeben.
Eine unheimliche Stille breitete im Wagen aus, als würde jedermann den Atem anhalten und fürchten, dass das Verhängnis doch noch über sie hereinbrach. Doch dann drängten die ersten Fahrgäste ins Freie. Sie schoben und stießen gegeneinander. Jeder wollte der Enge entkommen.
Lassiter ließ das Mädchen los. Es wandte sich wimmernd zu seiner Mutter um. Er erhaschte einen Blick auf ein weißes Fellknäuel, das sich unter einer Holzbank zwischen zwei Taschen duckte. Er bückte sich, hob den Winzling behutsam hoch.
»Hier, Kleine, dein Kätzchen.«
Das Mädchen stieß einen Jubelruf aus, nahm ihm das Tier ab und herzte und drückte es.
»Vielen Dank, Sir.« Die Mutter war blass bis an die Lippen.
»Kommen Sie, Ma'am. Ich begleite Sie beide hinaus.« Lassiter trat neben sie und schirmte sie vor dem Gedränge ab. Ein prüfender Blick durch den Wagen offenbarte, dass nicht alle Fahrgäste rechtzeitig Halt gefunden hatten. Ein graubärtiger Mann in dunkelblauem Zwirn lag verkrümmt neben einem der Sitze. Sein Kopf war auf seltsame Art abgewinkelt. Seine Brille lag zerbrochen neben ihm.
Weiter hinten sprenkelte Blut den Boden.
Ein Stiefel ragte neben einer Bank hervor. Lassiter vergewisserte sich, dass da nicht mehr zu helfen war. Dann verließ er vor der jungen Mutter den Zug. Er sprang die metallenen Stufen mit einem Satz nach unten und streckte ihr die Arme entgegen, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Schließlich wandte er sich um.
Ein Bild des Schreckens breitete sich vor ihm aus.
Sie waren keine zwanzig Yards vor dem umgestürzten Frachtwaggon zum Halten gekommen. Er war mit Kisten bestückt, auf denen Apollo Iron & Steel Company zu lesen war. Im Umkreis von ein paar hundert Yards hatte es Holz und Trümmerteile geregnet. Die meisten Wagen waren beschädigt.
Nur einen Steinwurf von Lassiter entfernt lag ein Mann im Moos – mit unnatürlich verdrehten Gliedern, die Kleidung dunkel vom Blut. Einer der Bremser des Frachtwagens, der wohl vom Dach geschleudert worden war. Die Wucht seines Sturzes musste ihm sämtliche Knochen gebrochen haben.
Abgesehen vom Zischen der rußenden Lokomotive war kein Laut zu hören. Trotzdem bestand noch Hoffnung, dass jemand das Unglück überlebt hatte. Lassiter wollte sich Gewissheit verschaffen und strebte mit langen Schritten an den zerstörten Wagen vorbei zur Lokomotive. Sie war vom Gleis gesprungen und lag auf der Seite wie ein gestrandeter Wal. Rauchschwaden stiegen von ihr hoch.
Ein halb verkohlter Arm ragte aus der Fensteröffnung.
Der Lokführer? Oder sein Heizer?
Lassiter packte eines der Räder und kletterte daran hoch. Einen Fuß auf der Kante, spähte er in den Führerstand – und zerbiss in der nächsten Sekunde einen Fluch auf den Lippen.
An dem Arm befand sich kein Mensch! Er musste durch die Gewalt des Unglücks abgerissen worden sein.
Lassiter schaute umher, konnte aber weder den Lokführer noch seinen Heizer entdecken. Der Führerstand war verlassen.
Er sprang zurück auf den Boden und überdachte die Lage.
In den Jahren, in denen er für die Brigade Sieben geritten war und Verbrecher hinter Schloss und Riegel gebracht hatte, war ihm allerhand Blutvergießen begegnet. Er hatte ein Gespür für Gefahren entwickelt, und jetzt warnte ihn sein Instinkt, dass dieses Unglück vielleicht nicht nur ein Unfall gewesen war.
Mittlerweile hatten sich die Fahrgäste im Freien versammelt. Viele wirkten verstört. Andere schauten so grimmig drein, als würden sie ihren Nebenmann für die Misere verantwortlich machen.
Ihr Zug war unbeschädigt, aber der Frachtzug versperrte die Schienen. Eine Weiterfahrt war ausgeschlossen. Damit war Pittsburgh unerreichbar geworden. Sie saßen hier fest.
»Was auch immer hier passiert ist... es hätte auch unseren Zug treffen können«, flüsterte eine ältere Lady und klammerte sich an ihre Teppichstofftasche. »Dann wäre keiner von uns mehr am Leben.« Sie wankte ein paar Schritte, ehe sie neben einer Tanne ins Gras sank.
Lassiter bedeutete einer jungen Frau, sich zu ihr zu gesellen. Dann ging er zu einem Mann, der sich ein Tuch an die Stirn presste und wie ein Betrunkener wankte. Lassiter half ihm, sich hinzusetzen, und nahm ihm das Tuch ab. Der arme Kerl hatte eine klaffende Platzwunde. Er musste bei dem wilden Bremsmanöver im Zug gestürzt sein.
Lassiter wickelte sein Halstuch ab, rollte das Tuch des anderen Mannes zusammen und band es mit dem Halstuch über die Wunde. Das sollte die Blutung aufhalten...
»Hilfe! Wir brauchen hier Hilfe!« Mehrere Männer beugten sich über eine Frau, die beide Hände auf ihren hochgewölbten Leib presste und dermaßen stöhnte, dass ihr Nachwuchs wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Zwei matronenhafte Ladys eilten herbei, um ihr zur Seite zu stehen.
Einer der Zugbegleiter taumelte auf Lassiter zu.
»Wir...« Er beugte sich zur Seite, würgte und übergab sein Frühstück dem Wald....




