E-Book, Deutsch, Band 65, 100 Seiten
Reihe: Der Arzt vom Tegernsee
Martens Die Not eines kleinen Jungen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7409-7199-1
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Arzt vom Tegernsee 65 - Arztroman
E-Book, Deutsch, Band 65, 100 Seiten
Reihe: Der Arzt vom Tegernsee
ISBN: 978-3-7409-7199-1
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Baumann ist ein echter Menschenfreund, rund um die Uhr im Einsatz, immer mit einem offenen Ohr für die Nöte und Sorgen seiner Patienten, ein Arzt und Lebensretter aus Berufung, wie ihn sich jeder an Leib und Seele Erkrankte wünscht. Seine Praxis befindet sich in Deutschlands beliebtestem Reiseland, in Bayern, wo die Herzen der Menschen für die Heimat schlagen. Der ideale Schauplatz für eine besondere, heimatliches Lokalkolorit vermittelnde Arztromanserie, die ebenso plastisch wie einfühlsam von der beliebten Schriftstellerin Laura Martens erzählt wird. Dr. Eric Baumann hatte es sich in seinem Lehnsessel bequem gemacht und las einen Kriminalroman. Seitlich von ihm auf dem Tisch stand eine fast leere Teetasse. Langsam spürte er, wie er sich zu entspannen begann. Ein harter Arbeitstag lag hinter ihm. Nach der Nachmittagssprechstunde hatte der Arzt noch mehrere Krankenbesuche machen müssen. Unter anderem war er bei Agnes Strecker gewesen, die einen heftigen Angina pectoris-Anfall gehabt hatte. Die alte Frau hatte sich wie gewöhnlich hartnäckig geweigert, ins Krankenhaus zu gehen. »Im Krankenhaus wird man auch nicht mehr viel für mich tun können, Dr. Baumann«, hatte sie zu ihm gesagt. »Die Zeit, die mir noch bleibt, möchte ich hier auf dem Hof verbringen. Mein Sohn und meine Schwiegertochter kümmern sich wirklich liebevoll um mich. Es gibt nichts, worüber ich klagen könnte.« Eric mochte Agnes Strecker. Sie gehörte zu seinen liebsten Patientinnen. Es freute ihn für sie, daß ihr Sohn Wolfgang nun endlich doch noch geheiratet hatte. Sie hoffte inbrünstig, noch die Geburt eines Enkelchens zu erleben. Franzl, der neben Erics Sessel lag, hob den Kopf. Als er bemerkte, daß sein Herrchen keinen Blick für ihn hatte, seufzte er laut auf.
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Dr. Eric Baumann hatte es sich in seinem Lehnsessel bequem gemacht und las einen Kriminalroman. Seitlich von ihm auf dem Tisch stand eine fast leere Teetasse. Langsam spürte er, wie er sich zu entspannen begann. Ein harter Arbeitstag lag hinter ihm. Nach der Nachmittagssprechstunde hatte der Arzt noch mehrere Krankenbesuche machen müssen. Unter anderem war er bei Agnes Strecker gewesen, die einen heftigen Angina pectoris-Anfall gehabt hatte. Die alte Frau hatte sich wie gewöhnlich hartnäckig geweigert, ins Krankenhaus zu gehen.
»Im Krankenhaus wird man auch nicht mehr viel für mich tun können, Dr. Baumann«, hatte sie zu ihm gesagt. »Die Zeit, die mir noch bleibt, möchte ich hier auf dem Hof verbringen. Mein Sohn und meine Schwiegertochter kümmern sich wirklich liebevoll um mich. Es gibt nichts, worüber ich klagen könnte.«
Eric mochte Agnes Strecker. Sie gehörte zu seinen liebsten Patientinnen. Es freute ihn für sie, daß ihr Sohn Wolfgang nun endlich doch noch geheiratet hatte. Sie hoffte inbrünstig, noch die Geburt eines Enkelchens zu erleben.
Franzl, der neben Erics Sessel lag, hob den Kopf. Als er bemerkte, daß sein Herrchen keinen Blick für ihn hatte, seufzte er laut auf. Es klang so herzerweichend, daß es Eric kalt über den Rücken rann.
Der Arzt ließ einen Arm über die Sessellehne baumeln und streichelte den Hund. »Wir sind erst vor einer halben Stunde draußen gewesen, du Gauner«, erinnerte er ihn. »Also laß dieses Theater.«
Franzl ergab sich in sein Schicksal und vergrub den Kopf zwischen den Pfoten. Als sie nach dem Abendessen spazierengegangen waren, hatte er die Spur einer jungen Hündin aufgenommen. Zu gern hätte er sie jetzt weiterverfolgt. Schade, daß sein Herrchen dafür kein Verständnis aufbrachte.
Katharina Wittenberg kam mit einem Glasteller ins Wohnzimmer. Franzl sprang auf und rannte ihr entgegen. Schnüffelnd streckte er die Schnauze in die Luft. »Die Kekse sind für Eric«, sagte sie lachend und stellte den Teller neben den Teebecher auf den Tisch. »Eine kleine Kostprobe.«
»Danke, Katharina«, erwiderte Eric. »Die Kekse duften mehr als verführerisch.« Er griff nach einem und warf ihn Franzl zu. Der Hund fing ihn geschickt mit der Schnauze auf.
»Möchtest du noch ein wenig Tee?«
»Gern.« Eric nickte. »Davon abgesehen wird es Zeit, daß du auch Feierabend machst. Du hättest heute abend nicht noch backen müssen.«
»Ich wollte das neue Rezept ausprobieren, das mir die alte Frau Walkhofer gegeben hat«, antwortete seine Haushälterin. »Wenn…« Sie wurde vom Klingeln des Telefons unterbrochen.
»Es kann der Beste nicht in Frieden leben…« Eric schlug den Kriminalroman zu und ging in das danebenliegende Arbeitszimmer, um dort den Telefonhörer abzuheben. »Baumann«, meldete er sich.
»Tut mir leid, daß ich Sie so spät noch stören muß, Herr Doktor«, sagte Alois Sacher, nachdem er seinen Namen genannt hatte. »Meine Frau hat einen schweren Asthmaanfall. Sie bekommt kaum Luft.«
»Ich bin in wenigen Minuten bei Ihnen, Herr Sacher«, versprach der Arzt. Er hielt sich nicht damit auf, dem Bauern Verhaltensmaßregeln zu geben, weil er wußte, daß Alois Sacher automatisch das Richtige tun würde. Seine Frau litt seit vielen Jahren an Asthma, und er hatte gelernt, damit umzugehen.
Katharina Wittenberg gefiel es ganz und gar nicht, daß Eric noch fort mußte. Er war den ganzen Tag über kaum zur Ruhe gekommen. Auch wenn er es abstritt,
sie wußte, daß er sich in letzter Zeit oft nicht wohl fühlte. »Ich werde frischen Tee aufbrühen«, sagte sie, »damit du etwas Warmes zu trinken hast, wenn du nach Hause kommst. Für den Mai ist es abends bemerkenswert kühl.«
»Lieb von dir, Katharina.« Eric eilte in seine Praxis hinüber, um seine Tasche zu holen.
Franzl stand schwanzwedelnd vor der Wohnungstür, als sein Herrchen mit der Tasche kam. Enttäuscht mußte er feststellen, daß nicht einmal diese freundliche Geste Eric bewegen konnte, ihn mitzunehmen.
»Katharina wird mit dir noch einen Spaziergang machen«, versprach der Arzt und verließ das Haus. Mit einem tiefen Seufzer ließ sich Franzl auf sein dickes Hinterteil fallen.
Der Sacherhof lag zwischen Tegernsee und Gmund am Abhang eines Hügels. Nahe dem alten, vor einigen Jahren renovierten Bauernhaus standen vier im bayerischen Stil errichtete Bungalows. In ihnen wohnten fast das ganze Jahr über Feriengäste. Während sich Alois Sacher mit seinen Leuten um Viehzucht und Landwirtschaft kümmerte, gehörten die Feriengäste zur Domäne seiner Frau.
Der Hofhund der Sachers rannte Eric kläffend entgegen, als dieser vor der Eingangstür des Bauernhauses parkte und ausstieg. »Ich bin es nur«, sagte der Arzt, »also laß es gut sein.«
Die Haustür öffnete sich. »Ruhig, Ferdl!« befahl Alois Sacher. »Guten Abend, Herr Doktor. Gut, daß Sie schon da sind. Meiner Frau geht es noch nicht besser.«
»Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte.« Dr. Baumann drückte kurz die Hand des Bauern. »Ist Ihre Frau im Schlafzimmer?«
Alois Sacher nickte. Er wies zur Treppe. »Sie kennen ja den Weg. Leider habe ich Sie schon oft genug rufen müssen. Daß diese Anfälle auch immer nachts oder am späten Abend kommen müssen.« Er folgte Eric die Treppe hinauf.
Das Schlafzimmer lag im ersten Stock. Seine Tür stand offen. Dr. Baumann sah, daß die jüngste Tochter der Sachers, die fünfjährige Veronika, ängstlich aus ihrem Zimmer schaute. Die vierzehnjährige Eva und der elfjährige Wolfgang saßen auf dem Bett ihrer Mutter, deren geräuschvoller, pfeifender Atem den Raum erfüllte.
»Guten Abend, Dr. Baumann«, sagte Eva. Sie stand auf und zog auch ihren Bruder hoch. Dem Arzt fiel auf, wie verstört Wolfgang wirkte.
»Geht auf euer Zimmer«, forderte Alois Sacher die Kinder auf. Er tätschelte liebevoll Evas Wange. Seinen Sohn beachtete er nicht weiter.
Der Arzt erkannte auf den ersten Blick, wie schlecht es Heidelinde Sacher ging. Ihr sonst so rosiges Gesicht wirkte bläulich-grau und war vor Angst und Atemnot verzerrt. Auf ihrer Stirn stand Schweiß. »Ich ersticke«, brachte sie zwischen zwei keuchenden Atemzügen hervor.
»Nein, das werden Sie nicht, Frau Sacher«, erwiderte Eric ruhig und bat den Bauern, die Tür zu schließen. »Ihnen wird es gleich bessergehen.« Er legte ihr die Manschette des Blutdruckmeßgeräts um den Arm. Der Blutdruck der Kranken war beängstigend hoch. Sorgfältig horchte er sie ab.
Alois Sacher ließ ihn nicht einen Moment aus den Augen. Er liebte seine Frau, und diese starken Asthmaanfälle, unter denen sie alle paar Wochen litt, machten ihm angst.
Dr. Baumann sprach beruhigend auf die Kranke ein, während er ihr eine Injektion gab. Auf ihrem Bett sitzend, wartete er die Wirkung ab. »Na, also«, meinte er, als Heidelindes Keuchen verstummte und ihr Gesicht seine normale Farbe annahm.
»Danke, Dr. Baumann«, flüsterte sie und wischte sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn. »Auch wenn ich weiß, daß mir geholfen wird, jedesmal ist es, als hätte mein letztes Stündlein geschlagen.« Sie holte tief Luft. »Jetzt geht es mir wirklich schon entschieden besser.«
»Das freut mich, Frau Sacher.« Eric maß erneut den Blutdruck der Kranken. Er hatte sich normalisiert. »Versuchen Sie zu schlafen. Ihr Körper braucht Ruhe, um sich von dieser Anstrengung zu erholen.«
»Ich fühle mich, als sei ich durch eine Mühle gedreht worden«, sagte die Bäuerin. »Es tut mir leid, daß wir Sie um Ihren wohlverdienten Feierabend gebracht haben.«
»Darüber sollten Sie sich keine Gedanken machen, Frau Sacher«, erwiderte der Arzt und verabschiedete sich von ihr.
»Ich bringe Sie nach unten, Herr Doktor.« Alois Sacher öffnete die Schlafzimmertür. »Es ist alles in Ordnung, Eva«, sagte er zu seiner Tochter. »Bleib bei der Mutti, bis ich zurück bin.«
»Gut, Vati.« Das Mädchen schlüpfte ins Schlafzimmer.
Dr. Baumann folgte dem Bauern die Treppe hinunter. »Ich nehme an, Ihr Sohn wird schon schlafen«, meinte er. »Er hat auf mich vorhin einen ziemlich verstörten Eindruck gemacht. Wolfgang ist sehr sensibel und…«
»Wolfgang ist schuld, daß seine Mutter diesen Anfall hatte«, fiel ihm Alois Sacher ins Wort. »Er hat den ganzen Abend mit uns gestritten. Es geht um seinen Schafsbock, den Jacob. Der Bub will nicht einsehen, daß es an der Zeit ist, den Burschen zu schlachten.«
»Wieso wollen Sie den Jacob schlachten?« fragte Eric bestürzt. Alois Sacher hatte ihn seinem Sohn Jacob vor zwei Jahren geschenkt. Das Böckchen war damals erst wenige Wochen alt gewesen. »Sie wissen, wie Wolfgang am Jacob hängt.«
»Ich habe ihm von Anfang an gesagt, daß der Jacob vom Hof muß, wenn er zwei Jahre alt und geschlechtsreif wird. Ich kann es mir nicht erlauben, in meine Herde Inzucht zu bekommen.«
»Wolfgang ist damals neun gewesen. Zwei Jahre müssen ihm damals wie eine Ewigkeit erschienen sein.« Dr. Baumann berührte die Schulter des Bauern. »Sie müssen auch Ihren Sohn verstehen, Herr Sacher. Jacob ist sein ein und alles.«
»Als ich in seinem Alter gewesen bin, habe ich auch begreifen müssen, daß sich ein Bauer die Tiere nicht zum Vergnügen halten kann und damit leben muß, sie zur Schlachtbank zu führen.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, der Jacob muß weg. Ich habe mich redlich bemüht, ihn anderweitig unterzubringen, es ist mir nicht möglich gewesen. Wer möchte schon einen Schafsbock, der über ein Seil springen kann, einem Ball nachjagt und unter anderem Füßchen gibt?«
»Sie hätten das vorher bedenken müssen, Herr Sacher«, meinte der Arzt, auch wenn er verstehen konnte, daß Jacob für die...




