E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Maron Endmoränen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-455-01288-0
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-455-01288-0
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Monika Maron, geboren 1941 in Berlin, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der Gegenwart. Sie wuchs in der DDR auf, übersiedelte 1988 in die Bundesrepublik nach Hamburg und lebt seit 1993 wieder in Berlin. Sie veröffentlichte zahlreiche Romane und mehrere Essaybände. Ausgezeichnet wurde sie mit diversen Preisen, darunter der Kleistpreis (1992), der Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg (2003), der Deutsche Nationalpreis (2009), der Lessing-Preis des Freistaats Sachsen (2011), der Ida-Dehmel-Literaturpreis (2017), sowie der Stahl-Literaturpreis (2025). Bei Hoffmann und Campe erschienen zuletzt der Essayband Was ist eigentlich los? (2021), der Roman Das Haus (2023), sowie die Erzählung Die Katze (2024).
Autoren/Hrsg.
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Cover
Verlagslogo
Titelseite
Vor drei Jahren habe [...]
Es war Herbst, als [...]
Ich hatte mir geschworen, [...]
Ich war schon seit [...]
Vor dem Lebensmittelgeschäft, das [...]
Auf dem Heimweg fuhr [...]
Notizen zu Wilhelmine Enke:
In der Woche darauf [...]
Notizen zu Wilhelmine Enke:
Im Dorf erzählte man [...]
Nach dem Willen ihrer [...]
Igor hatte wieder das [...]
Notizen zu Wilhelmine Enke:
Der Regen hatte sich [...]
Als ich vom Markt [...]
Karoline klang, als hätte [...]
Notizen zu Wilhelmine Enke:
Nachdem Laura abgefahren war, [...]
Igor stand am letzten [...]
Am Vormittag kaufte ich [...]
Über Monika Maron
Impressum
Vor drei Jahren habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass ich erleichtert war, als der Herbst kam. Vielleicht war es im Jahr davor auch schon so gewesen und im Jahr davor auch, und es war mir nur nicht bewusst geworden, dass sich etwas verändert hatte, dass offenbar ich mich verändert hatte, schleichend und undeutlich, sonst hätte ich den Wandel nicht erst bemerkt, nachdem er ganz und gar vollzogen war und ich nicht mehr sagen konnte, wann er begonnen hatte. Nur dass die Zeit, in der ich den Abschied vom Sommer als eindeutigen Verlust, als Zumutung, sogar als Schmerz empfunden habe, länger als drei Jahre zurückliegen muss, weiß ich genau. Der letzte Sommer, dessen ich mich nachträglich als ganz und gar frei von jenem Missbehagen erinnere, das ihn mir später fast verleidete, war unser erster Sommer in Basekow. Und das war schon vor dreizehn Jahren. Das war auch der Sommer, in dem Irene starb. Ihre Familie hatte mich nicht finden können, als Irene vor ihrem Tod mich, nur mich noch einmal sehen wollte. Wären diese beiden Ereignisse nicht zusammengefallen, Irenes Tod und der Erwerb eines Landhauses, wäre Irene für mich wohl eine jener Schulfreundschaften geblieben, die sich, eine freundliche Erinnerung hinterlassend, im Leben langsam verlieren und die im Falle eines frühen Todes des einen ein kleines aufrichtiges Bedauern im Überlebenden entfachen, vor allem aber, sofern der Tod nicht durch einen Unfall, sondern durch Krankheit verursacht wurde, das Erschrecken über einen Jahrgangstoten. So aber gehört Irene für immer zur Geschichte des Hauses und meines ersten Sommers in Basekow, der zugleich der letzte war, den ich nachträglich meiner, wenn auch späteren, Jugend zurechne.
In den Jahren vor ihrem Tod habe ich Irene höchstens zwei- oder dreimal im Jahr und dann auch nur zufällig getroffen, zum letzten Mal an einem warmen Abend in der Buchhandlung am Rathaus. Sie kam mit zu mir, und wir tranken Wein auf dem Balkon. Irene und ich waren zusammen zur Schule gegangen, zuerst in die Grundschule, dann in die Oberschule. Irene studierte Slawistik, ich Germanistik, manchmal trafen wir uns in Vorlesungen bei den Philosophen. Während der Grundschulzeit waren wir Freundinnen. Wir haben uns auch später gemocht, sahen uns aber kaum noch. Irene war, was meine Tante Ida verwachsen nannte. Ihre Beine standen stockdünn auf langen Füßen in orthopädischen Schuhen, die mageren, behaarten Arme reichten fast bis zu den Knien, weil Irenes Wirbelsäule zwischen den Schulterblättern verkrümmt war und ihren Oberkörper um zehn oder zwölf Zentimeter verkürzte. Später spendete die ganze Verwandtschaft Geld, und Irene konnte im West-Berliner Oskar-Helene-Heim operiert werden. Die Wirbelsäule wurde begradigt, konnte nun aber nicht mehr wachsen. Und auch das Korsett aus Stahl und Leder musste Irene noch tragen.
Als wir uns zum letzten Mal sahen, waren wir beide fast vierzig, und Irene wohnte immer noch bei ihrer Mutter. Ich weiß nicht mehr, worüber wir uns unterhalten haben. Aber seit einem anderen Abend, der einige Jahre zurücklag, sprachen wir in einem vertrauten, fast intimen Ton miteinander, als hätten wir seit unserer Kinderfreundschaft nie aufgehört, einander in unsere Geheimnisse einzuweihen und an unserem Leben teilhaben zu lassen.
Auch an diesem früheren Tag muss ich, weil wir uns nie verabredet hatten, Irene auf der Straße getroffen und in meine Wohnung eingeladen haben. Wir saßen in den Sesseln am Fenster zum Hof, die Sonne stand tief und tauchte das Zimmer in rosa Licht wie der Widerschein eines Feuers. Wir tranken Glühwein, der sich schnell als ein entspanntes Wohlgefühl in Körper und Kopf ausbreitete. Irene sprach über ihre Mutter, die, seit sie Witwe war, ihr Sorge- und Kontrollsystem auf ihre unverheiratete Tochter übertragen hatte und sich in ehelicher Routine beklagte, wenn diese es ihr nicht durch ihre Anwesenheit dankte. Die Frage, warum Irene mit vierzig Jahren noch bei ihrer Mutter wohnte, hing, ohne dass ich sie gestellt hätte, zwischen uns; die Antwort darauf auch. Irenes große hervorstehende Augen mit den dünnen langen Wimpern an den immer leicht entzündeten Lidern schwammen farblos im Dämmerlicht. Wenn sie sich bewegte, verbreitete sie einen süßlichen, an Krankheit erinnernden Geruch, der sie schon in der Kindheit begleitet hatte.
Wie lebst du so?, fragte ich, ich meine, wie lebst du so in deinem Körper?
Ich hatte mir nie vorstellen können, ihr diese Frage zu stellen, obwohl ich immer gespürt hatte, dass es unfair war, gerade danach, nur danach nicht zu fragen. Ich wusste nicht, ob es je einen Mann gegeben hatte, der über Irenes Sanftmut und Liebenswürdigkeit ihren verunstalteten Körper hatte vergessen können, die knochigen Schultern, auf denen ein kurzer dünner Hals den großen Kopf trug, den gewaltigen, auf das Becken gestauchten Brustkorb, sodass der Eindruck entstand, die Beine wüchsen direkt aus dem Oberkörper.
Irene sah mir für eine Sekunde in die Augen, so direkt, dass ich mich an das Gefühl, durchschaut zu werden, heute noch erinnere. Damals hielt ich diesen Blick für einen Ausdruck von Tapferkeit, von stiller Selbstbehauptung, und ich befürchtete, die Grenze zum Unaussprechlichen überschritten zu haben.
Es ist nicht leicht, sagte Irene, es ist schwer, aber es geht. Schließlich sei es nicht plötzlich über sie gekommen wie bei einem Unfall, sondern sie sei reingewachsen in diesen Körper und habe rechtzeitig verstanden, dass sie von dem Glück, das die menschliche Natur für Männer und Frauen bereithält, ausgeschlossen war. Damals in der Oberschule, als wir anderen uns von den ersten Küssen und Rendezvous erzählten und sie einfach nicht mehr beachteten, weil wir voraussetzten, dass sie niemals zum Kreis der Eingeweihten gehören würde, damals, sagte Irene, sei ihr klar geworden, dass sie sich auf ein anderes Leben vorbereiten musste als wir. Sie fühlte kein besonderes Talent in sich, keine Neigung, die sie von anderen unterschieden hätte, sie hielt sich auch für durchschnittlich intelligent, und so schien es ihr das Beste, einen Beruf zu ergreifen, in dem vermehrter Fleiß fehlendes Genie ausgleichen und überdurchschnittliche Leistungen ermöglichen könnte. Sie entschied sich für ein philologisches Fach, und damit sie ihre noch zu erwerbenden Kenntnisse durch Reisen und Anschauung würde vervollkommnen können, wählte sie die Slawistik, weil die den slawischen Sprachen zugehörigen Länder als einzige nicht dem staatlichen Reiseverbot unterlagen.
Irene sprach leidenschaftslos, als hätte sie all diese Sätze schon einmal aufgeschrieben und zitiere sie jetzt nur. Ein ebenso verzeihender wie um Verzeihung bittender, einem Lächeln ähnlicher Zug um den Mund und ein verlegener Glanz in den Augen wirkten beschwichtigend; es ist alles nicht so schlimm, sollte das wohl heißen, oder: So ist das Leben. Einmal, sagte Irene, sie sei siebzehn oder achtzehn gewesen, habe sie sich nackt vor den Spiegel gestellt und sich mit Hilfe eines zweiten Spiegels lange und genau von allen Seiten betrachtet, einmal nur. Danach habe sie ihre Nacktheit nicht mehr ertragen können. Sie dusche niemals, sondern bade immer in einem Berg von Schaum, um ihre ungefügen Gliedmaßen, durch deren wächserne Haut der Tod hervorscheine wie in einem Röntgenbild, nicht ansehen zu müssen. Jeden Morgen und jeden Abend, vollziehe sie den Wechsel der Kleidung hastig und atemlos vor Angst, ihren nackten Körper wahrnehmen zu müssen, als ließe er sich zum Verschwinden bringen, wenn niemand, nicht einmal sie selbst, ihn zur Kenntnis nähme.
Es war fast dunkel geworden, nur der äußerste Rand der Sonne glühte noch über den Dächern. Ich zündete die Kerzen an. Auf Irenes Oberlippe glänzten jetzt winzige Schweißperlen. Sie hatte ihre Kostümjacke geöffnet, unter dem dünnen Pullover formte sich eine kleine, mädchenhafte Brust. Seit der Studienzeit kannte ich Irene in immer ähnlich unauffälligen, nur in Stoffart, Kragenform und Farbe differierenden Kostümen, wobei die Farben sich auf ein Spektrum von Beige bis Hellgrün beschränkten. Der Anblick von Irenes kleiner weiblicher Brust überraschte mich. Nicht einmal, als ich ihr die indiskrete Frage nach ihrem Leben in diesem Körper stellte, hatte ich an ihre Geschlechtlichkeit gedacht, sondern an etwas Abstrakteres, eher Soziales, an Geborgenheit oder auch nur Erwünschtsein.
Hat es etwas gegeben, fragte ich und deutete mit Augen, Händen und Stimme an, dass ich nicht aussprechen wollte, wonach ich fragte.
Nein, sagte Irene, niemals, ich hätte es sicher auch nicht gewollt, aber wer weiß. Nein, ich glaube, ich hätte es nicht gewollt, nicht so. Früher wäre jemand wie ich vielleicht in ein Kloster gegangen. Mein Kloster ist die Bohemistik, das ist mein sicherer Ort. In der vorigen Woche hatten wir eine Feier im Institut, wir haben getanzt, ich auch, jeder Mann hat einmal auch mit mir getanzt.
Dieser Abend ist außer einigen Szenen aus unserer Kindheit meine deutlichste Erinnerung an Irene. Als wir uns zum letzten Mal begegneten, erzählte sie von einer Zyste in der Brust, die am nächsten Tag entfernt werden sollte, die dritte oder vierte während der letzten zwei Jahre; lästig, aber harmlos, sagte Irene mit einer fahrigen, resignierten Handbewegung, als wollte sie die eben gesprochenen Sätze wieder wegwischen. Sie stand schon in der Tür.
Das ist mein letztes Bild von ihr, jedenfalls das letzte, das ich wirklich gesehen habe. Ein Jahr danach, ich war gerade in eine neue Wohnung gezogen, traf ich Irenes Schwester in der Straßenbahn. Sie war noch dicker geworden und trug eine Elfenbeinrose an einem schwarzen Samtband um den Hals. Ich versuchte, mich an ihren Namen zu erinnern, aber mir fiel nur ein, dass ich Irene lange nicht...




