E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Markus Zeitensprünge
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-903441-32-3
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Meine Wege in die Vergangenheit
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-903441-32-3
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Georg Markus, Prof., einer der erfolgreichsten Schriftsteller und Zeitungskolumnisten Österreichs. Lebt in Wien, wo er sich als Autor großer Biografien, die in viele Sprachen übersetzt wurden, einen Namen gemacht hat. Georg Markus ist Autor der »Kurier«-Kolumne »Geschichten mit Geschichte«, seine Bücher führen monatelang die Bestsellerlisten an. Er ist Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse. georgmarkus.at
Autoren/Hrsg.
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Aus dem Inhalt:
Der einarmige Pianist Paul Wittgenstein
Wie sah Mozart wirklich aus?
Die sechs Wiesenthal-Schwestern
Sisis einziger Flirt
Die Anti-Antisemiten
Die geheime Lovestory des Karl Kraus
Frankieboy und die Mafia
Der Tag, an dem Marilyn starb
Ziemlich beste Feinde: Bronner & Kreisler
Der Abgesang des Hauses Habsburg
und viele andere
»Ich hatte keine andere Wahl«
Der Erfolg seines ersten Konzerts war vielversprechend, auch wenn die Kritik nicht allzu viel Notiz von ihm nahm. Doch beim Publikum schlug das Debüt des Pianisten in Wiens Großem Musikvereinssaal ein. Man schrieb den 26. Juni 1913, Paul Wittgenstein war gerade 26 Jahre alt und schien eine große künstlerische Karriere vor sich zu haben. Fast auf den Tag genau ein Jahr später wurde Österreich-Ungarns Thronfolgerpaar in Sarajewo ermordet, der Erste Weltkrieg brach aus und Paul Wittgenstein wurde zu den Waffen gerufen.
Nach nur wenigen Wochen an der Front passierte das denkbar Schlimmste, das einem Konzertpianisten widerfahren kann. Dem Unteroffizier der Reserve Paul Wittgenstein wurde bei Gefechten in Galizien durch eine Kugel der Ellbogen zerschmettert. Sein rechter Arm musste amputiert werden.
Eine Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes, die wohl jeder andere Pianist mit dem Ende seiner Laufbahn quittiert hätte. Doch statt zu verzweifeln, investierte Paul Wittgenstein seine ganze Kraft, um mit der verbliebenen linken Hand auf dem geliebten Instrument weiterzuspielen. So malte er noch als Patient im Kriegslazarett eine Tastatur auf ein Stück Karton, auf der er mit der linken Hand beharrlich trainierte. »Da Klavierspielen das Einzige ist, was ich habe«, wird er später einem Freund schreiben, »hatte ich sozusagen keine andere Wahl.«
Aus russischer Kriegsgefangenschaft in Sibirien entlassen, setzte Paul Wittgenstein trotz der schweren Verwundung seinen Kriegsdienst, nun an der italienischen Front, fort. Und feierte während eines Heimaturlaubs am 12. Dezember 1916 seinen zweiten öffentlichen Auftritt, wieder im Großen Musikvereinssaal. Der mittlerweile 29-Jährige gab, im Programmheft als »linkshändiger Pianist« angekündigt, Frédéric Chopins . An dieser außergewöhnlichen Leistung konnte selbst Wiens gestrenge Musikkritik nicht achtlos vorübergehen. Während der Rezensent des das Konzert »mit Ausdrücken der höchsten Bewunderung« versah, schrieb Julius Korngold in der :
Drücken wir ihm nach seinem erfolggekrönten Debüt die tapfere Hand, die er so glücklich zu verwenden gelernt hat. Aus dem Spiel dieser Linken klingt keineswegs die Wehmut des Künstlers heraus, keine Rechte zu besitzen. Vielmehr der Triumph, diese leicht entbehren zu können.
Paul Wittgenstein, einer prominenten Industriellenfamilie entstammend, kam am 5. November 1887 in Wien als achtes von neun Kindern des Ehepaars Karl und Leopoldine Wittgenstein zur Welt. Pauls jüdischer, assimiliert lebender Großvater Hermann Christian Wittgenstein hatte sich mit der jüdischen Kaufmannstochter Fanny Figdor vermählt, seinen elf Kindern jedoch abgeraten, ihrerseits in jüdische Familien einzuheiraten – nicht zuletzt infolge der antisemitischen Hetzreden der damaligen Politiker Karl Lueger und Georg von Schönerer. Tatsächlich hielten sich alle seine Töchter und Söhne daran – bis auf Karl Wittgenstein, den Vater des Pianisten. Karl heiratete Leopoldine Kallmus, Tochter eines jüdischen Prager Kaufmanns. Ihr Sohn Paul nahm als Gymnasiast Klavierunterricht bei dem blinden Musiker Josef Labor und ließ sich später zum Konzertpianisten ausbilden.
Schon Pauls Mutter war eine überaus talentierte Pianistin, und einer von Pauls Brüdern war der berühmte Philosoph Ludwig Wittgenstein. Pauls Vater Karl Wittgenstein, ebenfalls sehr musikalisch, zählte zu den erfolgreichsten Industriellen der späten Donaumonarchie. Seine Familie hatte sich 1851, aus Leipzig kommend, zunächst in Vösendorf und neun Jahre später in Wien angesiedelt, wo Karl als Siebzehnjähriger, ohne seine Familie zu benachrichtigen, von zu Hause ausriss und sich nach New York durchschlug. Dort arbeitete er als Barmusiker, Kellner und Nachhilfelehrer.
Zwei Jahre später wieder in Österreich, machte Karl Wittgenstein in der Stahlbranche Karriere und brachte es zu unvorstellbarem Reichtum. Nicht nur das, er transferierte rechtzeitig vor Einsetzen der gigantischen Inflation in Österreich den Großteil seines Vermögens nach Amerika und in die Schweiz, sodass seine Erben – darunter sein Sohn, der Pianist Paul Wittgenstein – zu den wenigen Millionären zählten, die ihren Besitz in dieser Zeit nicht verloren, sondern, im Gegenteil, sogar weiter ausbauten.
Anders als andere erfolgreiche Unternehmer lehnte Karl Wittgenstein die Erhebung in den Adelsstand durch den Kaiser ab, wollte »lieber ein Wittgenstein als ein Ringstraßenbaron sein«. Seinen Kindern gegenüber – die übrigens alle hochmusikalisch waren – erwies sich Karl Wittgenstein als überstrenger Patriarch, der immensen Druck auf sie ausübte. Vier von ihnen endeten tragisch: Drei Söhne nahmen sich das Leben, eine Tochter starb bei ihrer Geburt.
Paul wuchs mit Eltern und Geschwistern in dem 1871 erbauten, prunkvollen Palais Wittgenstein in der heutigen Argentinierstraße in Wien-Wieden auf. Nachdem sich sein Vater Karl im Alter von 52 Jahren aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hatte, betätigte der sich als großzügiger Förderer der Künste, insbesondere der Secession und der Wiener Werkstätte.
Karl Wittgensteins umfangreicher Kunstsammlung gehörten Bilder von Gustav Klimt bis Claude Monet an. Legendär sind auch die von ihm veranstalteten Musikabende im Palais, an denen Johannes Brahms, Clara Schumann, Gustav Mahler, Arnold Schönberg und das berühmte Rosé-Quartett teilnahmen. Leider wurde das elegante Stadtpalais nach dem Zweiten Weltkrieg von der Länderbank gekauft und – obwohl von Bombenschäden verschont geblieben – zugunsten eines Neubaus abgerissen.
Karl Wittgenstein erlag mit 65 Jahren im Januar 1913, ein halbes Jahr vor dem ersten Konzertauftritt seines Sohnes Paul, seinem Krebsleiden, seine Frau Leopoldine starb 1926 mit 76 Jahren.
Paul lernte mithilfe eines Selbsthilfebuchs für amputierte Kriegsheimkehrer einarmig zu essen, sich zu waschen, anzuziehen und den Alltag zu meistern. Selbst sein zwei Jahre jüngerer Bruder, der Philosoph Ludwig Wittgenstein, konnte nicht glauben, dass Paul nach diesem Schicksalsschlag je wieder Klavier spielen würde, schreibt er doch an die Familie: »Immer wieder muss ich an den armen Paul denken, der so plötzlich um seinen Beruf gekommen ist.«
Doch der setzte seine Karriere als Klaviervirtuose mit großem Erfolg fort, erlangte als »linkshändiger Pianist« Weltruhm, war in dieser Zeit sogar berühmter als sein Bruder, der hoch angesehene Philosoph Ludwig.
Mit seinem linken Arm versuchte Paul sich zunächst an der aus, die Franz Liszt für seinen ebenfalls einarmigen Schüler, den ungarischen Pianisten Geza Graf Zichy*, geschrieben hatte. Darüber hinaus arrangierte Wittgenstein für sich selbst Werke von Beethoven, Bach, Chopin, Haydn, Mozart, Schubert, Puccini, Johann Strauss und Wagner. Und er konnte es sich durch das vom Vater ererbte Vermögen leisten, bei zeitgenössischen Komponisten Musikwerke für die linke Hand in Auftrag zu geben. Maurice Ravel schrieb 1929 für Wittgenstein ein Klavierkonzert in D-Dur, das , weiters komponierten für ihn Erich Wolfgang Korngold, Richard Strauss, Sergej Prokofjew, Paul Hindemith, Franz Schmidt und Benjamin Britten. Paul Wittgenstein war sicher kein einfacher Patron: Die Zusammenarbeit mit Maurice Ravel wie auch die mit Benjamin Britten endete in heillosem Streit, weil er sich bei der Interpretation ihrer Klavierparts allzu große Freiheiten nahm.
Während Paul seinen steinigen Weg fortsetzte, überraschte Ludwig trotz weltweiter Anerkennung seines Hauptwerks – der ( – damit, der Philosophie und dem Leben als gefeierter Wissenschaftler zumindest vorübergehend abzuschwören. Ludwig absolvierte die Lehrerbildungsanstalt in Wien und arbeitete in mehreren niederösterreichischen Gemeinden als Volksschullehrer, u. a. in Trattenbach bei Neunkirchen und in Otterthal bei Kirchberg am Wechsel. Aber auch Paul begann, wenn es sein Tourneeplan erlaubte, zu unterrichten: von 1931 bis 1938 in der Klavierklasse des Neuen Wiener Konservatoriums.
Dort verliebte er sich in seine um 28 Jahre jüngere, fast blinde Schülerin Hilde Schania, die er später heiraten und mit der er drei Kinder haben sollte. Nach dem »Anschluss« an Hitlerdeutschland flüchtete Paul Wittgenstein mit seiner Familie über die Schweiz in die USA, wo er das Angebot erhielt, das Cleveland Orchestra zu begleiten.
Seine Tochter Johanna »Joan« Ripley (*1937 in Wien) lebt in Charlottesville im...




