E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Markus Sigmund Freud
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7844-8348-1
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Mensch und Arzt. Seine Fälle und sein Leben. Die Biografie von Georg Markus
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8348-1
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wer war Sigmund Freud wirklich? Wie war der Mann, der in seiner Ordination in der Wiener Berggasse der Seele des Menschen auf die Spur kam? Und welche Rolle spielte dabei die weltberühmte Couch? Georg Markus traf die letzten Zeitzeugen und schuf mit diesem Buch die erste große, populär geschriebene Biografie über den "Vater der Psychoanalyse". Der Autor versteht es, die faszinierenden Stationen im Leben des genialen Arztes aufzuzeichnen und beschreibt in klaren Worten die Bedeutung seines Werkes für die Menschheit.
Mit einem Vorwort von Univ. Prof. Dr. Alfred Pritz, Rektor der Sigmund Freud Privatuniversität Wien.
Autoren/Hrsg.
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»Ein aufregendes Erlebnis«
Dr. Menninger erinnert sich an seinen Besuch bei Freud
Die Berggasse liegt inmitten des grauen Häusermeeres von Wien. Sobald die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings die Kälte des Winters vertrieben hatten, zog es Freud hinaus an den Stadtrand, der den Duft des Wienerwalds in sich aufnimmt. Von Mai bis September bewohnte er eine alte Villa, »schön wie ein Märchen«, sagte er, mit prachtvollem Garten im noblen Bezirk Grinzing. Es war ein politisch »heißes Jahr«, als sich Freud über die Sommermonate 1934 in Wiens vielbesungenem Wein- und Heurigenort niederließ. Im Februar war Österreich Schauplatz eines blutigen Bürgerkriegs gewesen, im Juli fiel der Bundeskanzler einem von Nationalsozialisten organisierten Mordanschlag zum Opfer. Nicht nur Freud sah der Zukunft seiner Heimat mit tiefem Pessimismus entgegen.
Das ist die Situation, in der sich der 41jährige amerikanische Psychiater Dr. Karl Menninger in ein Propellerflugzeug setzt und die weite Reise von Kansas nach Österreich antritt, um dem 78jährigen Freud einen Besuch abzustatten. Per Taxi fährt er am zweiten Tag seines Aufenthalts von einem Hotel in der Wiener Innenstadt zu dem von Freud gemieteten Sommerhaus in der Grinzinger Strassergasse. Anna Freud öffnet die Tür, führt den Gast vorerst in ein düsteres Zimmer und dann, nach längerer Wartezeit, in den Garten der Villa, wo ihr Vater unter dem Schutz eines schattenspendenden großen Baumes sitzt. Hier kommt es zum Treffen der beiden Ärzte.
Sigmund Freud wurde vor 150 Jahren geboren. Es gibt keinen Menschen mehr, der ihm persönlich begegnet ist und darüber berichten könnte. Als ich im Frühjahr 1989 nach Topeka, der Hauptstadt des amerikanischen Bundesstaates Kansas kam, gab es noch einen. Er hieß Dr. Karl Menninger, und er war es auch, der Freud im August 1934 in Wien besucht hatte. Dr. Menninger war 96 Jahre alt, als ich vor ihm stand. Ein Mann von unglaublicher Energie und imponierender Leistungsfähigkeit. Er war nicht nur Gründer, sondern auch der überaus aktive Präsident der Menninger Foundation, einer der größten privaten Psychiatrischen Kliniken der Welt. Der agile und temperamentvolle Psychiater führte mich während meines zweitägigen Besuchs in Topeka durch fünf Kliniken und Institute, an denen er auch damals noch tagtäglich seiner Arbeit nachging.
»Sie kommen wegen Freud«, setzte Karl Menninger an, »ja, ich flog damals zu ihm nach Wien, und es war ein unvergeßliches Erlebnis. Nicht mein schönstes vielleicht, aber sicher eines der aufregendsten, die ich hatte.« Bald stellte ich die Frage, die sich aufdrängt, wenn man als Autor einer Freud-Biographie einen der letzten lebenden Freud-Zeugen vor sich hat. Es war die Frage nach Persönlichkeit und Charisma des vielleicht bedeutendsten Mannes des 20. Jahrhunderts.
»Well, äußerlich war Freud so, wie man sich einen Gelehrten vorstellt, und er war ein typical Viennese Gentleman«, erzählte Dr. Menninger. »Professor Freud war freundlich und überaus höflich, er war vornehm, wußte aber eine gewisse Distanz zu wahren. Es war nicht so, daß man ihm die Hand schüttelte und gleich an ihn ›herankam‹. Er war damals schon eine Legende, und er war sich dessen bewußt.«
Es war ein intensives Gespräch, das Freud und Menninger an diesem strahlenden Sommertag führten. Und es waren keineswegs nur leere Floskeln, die ein weltbekannter Mann mit seinem Besucher – der sein Sohn hätte sein können – wechselte. Auch Menninger war damals schon eine Berühmtheit. Sein Buch The Human Mind zählte zu den erfolgreichsten Büchern der USA – mit weit höherer Auflage als Freuds Werk – und hatte ungeheuer viel zur Popularisierung der Psychoanalyse in Amerika und damit in der ganzen Welt beigetragen. Und er war damals schon Leiter der Menninger Clinic, einem der wenigen Psychiatrischen Krankenhäuser, in denen die Patienten durch Psychoanalyse behandelt wurden.
Nun, worüber spricht einer der ersten Psychoanalytiker der Vereinigten Staaten, wenn er zum Vater der Psychoanalyse nach Wien pilgert?
»Zuerst einmal habe ich Freud von einem Paprikahuhn vorgeschwärmt. Ich hatte so etwas gerade zum ersten Mal in meinem Leben gegessen, in einem Heurigengarten. Und wir sprachen von der Musik, die man dort spielte.«
»Das wird doch nicht der Grund Ihrer Reise gewesen sein?«
»Oh no«, lachte Menninger, »we spoke about the death-instinct – How do you say in German? Oh yes: Todestrieb.« Karl Menninger zählte zur nicht allzu großen Schar jener Freud-Jünger, die der Ansicht ihres Idols zustimmten, daß sich der Keim des Todes von der ersten Stunde an im menschlichen Organismus befinde.
Freud führte das Gespräch in »exzellentem Englisch, wenn auch mit stark österreichischem Akzent«. Trotz seiner schweren Krankheit war er voll konzentriert, reagierte auf jeden Einwand und jede noch so komplizierte Frage. Sigmund Freud litt zum Zeitpunkt des Menninger-Besuchs seit mehr als zehn Jahren an Kieferkrebs, hatte oft unerträgliche Schmerzen und war bereits mehrmals operiert worden. »Aber er hatte eine eiserne Disziplin, ließ sich von all dem nichts anmerken.«
Ich spürte bei meinem Gespräch mit Karl Menninger die Faszination, die der große alte Mann auf ihn hinterlassen hatte. Und doch war der Besuch in gewissem Sinn eine Enttäuschung. »Sie müssen sich vorstellen, ich war mit ungeheuren Erwartungen nach Wien gekommen. Immerhin hatte ich viel zur Verbreitung der Psychoanalyse in Amerika beigetragen, ich war hier zu einer Zeit, da viele nichts davon wissen wollten, so etwas wie ein Advokat seiner Lehre gewesen, ein Missionar. Aber was war geschehen? Freud ließ mich nach meiner langen, mühsamen Reise von Amerika nach Europa eine Stunde in einem finsteren Vorraum warten, ehe er mich empfing. Das wäre noch nicht so schlimm gewesen. Aber ich hatte dann auch während unseres Gesprächs den Eindruck, daß er überhaupt keine besondere Freude daran hatte, mit einem Amerikaner zusammenzuarbeiten. Was man für ihn und seine Arbeit tat, hat er als selbstverständlich hingenommen, und er war nicht bereit, irgendetwas dazu beizutragen, um unsere Bemühungen für die Psychoanalyse in den USA zu unterstützen. Das war sicherlich keine Frage persönlicher Sympathien oder Antipathien. Der Ursprung lag vielmehr einige Jahre zurück: Freud war ja einmal, 1909, in Amerika gewesen, und obwohl man ihm damals einen glänzenden Empfang bereitet hatte, empfand er seither eine gewisse Aversion gegen das Land. Das ist eigenartig, denn während man ihm in Europa noch sehr lange Zeit Steine in den Weg legte, ging seine Lehre gerade von hier, von den Vereinigten Staaten aus, um die Welt. Ich habe später oft darüber nachgedacht, was er gegen uns Amerikaner hatte.«
Freud selbst hat seine Abneigung gegen die Neue Welt, die ihm so viele Sympathien entgegenbrachte, mit einer langwierigen Darmstörung erklärt, an der – wie er glaubte – die amerikanische Küche schuld gewesen wäre. Auch hatte er während seines zweiwöchigen Aufenthalts in den USA für das unkonventionelle Benehmen der Amerikaner wenig Begeisterung gefunden.
Auf dem Gelände der Menninger Foundation befindet sich das imposante Menninger Archive, dem eine der weltweit größten Bibliotheken für Psychiatrische Literatur angeschlossen ist. Im Archiv gewährte man mir – versehen mit Dr. Menningers ausdrücklicher Bewilligung – Einblick in die seinem Besuch folgende Korrespondenz mit Freud. Menninger berichtet darin über seine psychoanalytische Praxis in Amerika, und die aus Wien eingelangten Briefe sind ebenso höflich und kühl wie das geschilderte Zusammentreffen. Und doch kommen in den Antworten Freuds – der jeden Kult um seine Person ablehnte – einige typische Charakterzüge zum Ausdruck. Wenn er etwa am 4. Januar 1937 nach Topeka schreibt: »Geehrter Herr Kollege. Ich danke Ihnen sehr für Ihren freundlichen Brief und den ausführlichen Bericht über Ihre Thätigkeit. Auch für die Nummern des ›Clinic Bulletin‹, die Sie mir zugeschickt haben. Ihre Absicht, mir die Mai-Ausgabe dieser Zeitschrift zu widmen, musste mich erfreuen, doch ist es mein Grundsatz, an Veranstaltungen so persönlicher Art selbst keinen Anteil zu nehmen. In vorzüglicher Hochachtung Ihr Freud.«
Brief Freuds an Dr. Karl Menninger vom 4.1.1937
© Menninger-Archive, Topeka/USA (Copyright Sigmund-Freud-Archives, Washington)
»Er war, wie er mir schon in Wien gesagt hatte, sehr angetan von unserer Arbeit, die ganz in seinem Sinn verlief. Aber er war nicht bereit, für unsere Zeitschrift ein Vorwort zu schreiben, worum ich ihn gebeten hatte.«
Karl Menninger behielt einen genialen Mann voller Widersprüche in Erinnerung. Und überliefert uns damit kein untypisches Bild aus dem Leben dieses bedeutenden Wissenschaftlers: Freud konnte freundlich und gleichzeitig abweisend sein. Er hatte schon als relativ junger Mann schreckliche Todesängste und war gerade in dieser Zeit besonders schöpferisch. Den Wunsch vieler Verleger, seine Biographie zu veröffentlichen, lehnte er brüsk ab und hinterließ uns doch mehr biographisches Material als die meisten anderen Großen der Weltgeschichte. Er verließ seine besten und treuesten Freunde und litt unter einer Isolation, in die er sich zum Teil selbst begeben hatte.
Freud war ein Fall für Freud. Im besten Sinn des Wortes. Denn gerade seine nicht unkomplizierte Persönlichkeit, das Genie voller Widersprüche, schaffte die Grundlagen zum Studium komplexer Vorgänge in der menschlichen Seele. Wie er selbst es einmal ausdrückte: »Der Hauptpatient, der bin ich...




