E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Markus Erinnerungen an Gestern
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-903441-16-3
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Unbekanntes, Bewegendes, Amüsantes
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-903441-16-3
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Georg Markus, einer der erfolgreichsten Schriftsteller und Zeitungskolumnisten Österreichs, lebt in Wien, wo er sich als Autor großer Biografien, die in viele Sprachen übersetzt wurden, einen Namen machte. Seine Bücher führen monatelang die Bestsellerlisten an. Georg Markus ist Autor der »KURIER«-Kolumne »Geschichten mit Geschichte« und Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse.
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Die Frau an Hans Mosers Seite
Annie Rosar, »die komische Alte«
Dass man sie heute noch kennt, ist nicht zuletzt dem Glücksfall geschuldet, dass sie oft an der Seite Hans Mosers gespielt hat. Einmal war sie seine Frau, dann seine Schwester, seine Haushälterin, ein anderes Mal seine Wirtin. Und doch hätte Annie Rosar fast in Vergessenheit geraten können, wären ihrer Urenkelin Annie Rüdegger-Rosar nicht fast sechzig Jahre nach ihrem Tod die Tagebücher der Volksschauspielerin in die Hände gefallen. So lange lagerten sie unbemerkt auf einem Dachboden. Ihre Eintragungen räumen mit dem Mythos der gemütlichen »komischen Alten« auf und zeigen ein chaotisches Leben mit beruflichen Erfolgen und privaten Tragödien.
Die größte Tragödie war wohl, dass ihr über alles geliebter einziger Sohn 1943 mit 22 Jahren an der russischen Front gefallen ist. Das hat Annie Rosar – wie Millionen anderer Frauen in dieser Zeit – nie verkraftet. In ihrem Fall gerade auch, weil sie lange an die »Segnungen« des Dritten Reichs geglaubt und kurz vor Kriegsbeginn noch in ihr Tagebuch eingetragen hat: »Wir hoffen zu Gott, dass wir mit unserem gottgesandten Führer weiter den Frieden haben werden!«
Der größte Nazi in der Familie war ihr unglückseliger Sohn René selbst, der noch vor dem »Anschluss« illegal der Hitlerjugend beitrat und im Krieg, obwohl er die Möglichkeit hatte, in Wien Medizin zu studieren, auf eigenes Betreiben in die Wehrmacht eintrat. Das bezahlte er zu Weihnachten 1943 an der russischen Front »für Führer und Vaterland« mit seinem Leben. Annie Rosar war von da an eine gebrochene Frau, auch als vier Wochen nach Renés Tod dessen Witwe einen Sohn zur Welt brachte. Aber immerhin hatte die beliebte Schauspielerin nun einen (übrigens heute noch in Wien lebenden, achtzigjährigen) Enkel, den sie abgöttisch liebte.
Annie Rosar, 1888 in Wien geboren, stammte aus kleinen Verhältnissen, ihr Vater war Pferdetramway-Kondukteur und ein glühender Anhänger des antisemitischen Bürgermeisters Karl Lueger. Das färbte ab, in Annie Rosars Tagebüchern wird Hitler als »unser geliebter Führer« bezeichnet, und es gibt abfällige Bemerkungen über »die Juden«, die – wenn ihre Karriere einmal ins Stocken geriet – an allem schuld waren.
Aber so einfach ist die Geschichte nicht. Nicht nur, dass sie ihre Karriere vor allem dem jüdischen Theatermann Max Reinhardt zu verdanken hatte, waren auch zwei ihrer vier Ehemänner jüdischer Herkunft. Bis heute ist nicht geklärt, welcher von ihnen der leibliche Vater ihres Sohnes war. Hatte sie bei der Geburt angegeben, dass Renés Vater ihr dritter, jüdischer Mann war, so schrieb sie die Vaterschaft in der Nazizeit einem »Arier« zu. Um die Geschichte nach dem Krieg wieder umzudrehen.
Annie Rosar absolviert eine Handelsschule und arbeitet zunächst als Sekretärin, ehe sie ihre Leidenschaft für das Theater entdeckt. Sie weiß von Anfang an, was sie will: »Bin ich ein Genie, werde ich siegen«, schreibt sie im Tagebuch, »bin ich keins – dann stehe mir Gott bei, denn dann ist mein Leben vernichtet.« Nach kurzem Schauspielunterricht erhält sie erste Bühnenengagements. Dass es relativ lange dauert, bis die große Karriere kommt, liegt daran, dass Annie Rosar sich als Tragödin sah und auf deutschen und Wiener Bühnen, ja sogar am Burgtheater, in Klassikern auftrat.
Im Sommer 1912 bessert sie sich die Gage mit einem Engagement am Ischler Stadttheater auf, zu dessen Stamm- und Ehrengästen Kaiser Franz Joseph zählt. Der 82-jährige Monarch schläft ein, als sie mit Inbrunst die Christine in Schnitzlers Liebelei gibt, »worüber ich Tränen der Verzweiflung weinte und meinte, ich hätte ihm eben nicht gefallen. Eingeweihte trösteten mich damit, dass Seine Majestät während der einzelnen Akte meistens einzuschlafen pflege, aber am Ende des Aktes wieder erwacht.« Sicher wach blieb er nur, wenn seine Freundin Katharina Schratt auf der Ischler Bühne stand.
Erst Max Reinhardt erkannte, dass Annie Rosar eine große Komödiantin ist, und holte sie für komische Rollen ans Theater in der Josefstadt, wobei sie im Winter 1926 notiert, sich »lange nicht daran gewöhnen zu können, dass Menschen auch über mich lachen«. Der Typ der ältlichen, etwas fülligen Frau aus dem Volk, die oft grantelt, aber doch das Herz am rechten Fleck hat, wird fünfzehn Jahre nach Beginn ihrer Theaterlaufbahn zum Wegbereiter ihrer künftigen Erfolge. »Erst später erkannte ich, was es für ein Segen ist, die Leute zum Lachen zu bringen.« Das galt vor allem für den Film.
Erstaunlich, wie offen Annie Rosar ihr Leben in allen Details ihren Tagebüchern anvertraut. Und wie offen ihre Urenkelin Annie Rüdegger-Rosar gemeinsam mit der Historikerin Regina Jankowitsch* daraus zitiert: Annie Rosar heiratet zum ersten Mal mit neunzehn Jahren, doch die Ehe hält nur kurz. Als sie in finanzielle Schwierigkeiten gerät, gibt ihr ihre Mutter den Rat, sich einen reichen Liebhaber zu suchen. Das tut sie auch, einer ist der berühmte Schauspieler Max Pallenberg, es folgen nebst vielen anderen die Schriftsteller Lion Feuchtwanger und Ludwig Thoma. »Sie steht innerhalb kürzester Zeit in zweifelhaftem Ruf«, erkennt die Urenkelin anhand der Tagebücher, »weil sie sich auf der Suche nach finanzieller oder künstlerischer Unterstützung fast jedem Erstbesten an den Hals wirft. Sie bewirbt sich als Vorleserin, antwortet auf Annoncen wie ›Kavalier sucht Dame mit Herz‹« und verdient ihr Geld durch den einen oder anderen Liebesdienst, mit Vorliebe an verheirateten Herren, meist in kurzfristigen Affären. Gleichzeitig ist sie bigott, schließt ihre Eintragungen ins Tagebuch fast jeden Tag mit »Amen«.
»Dann ist mein Leben vernichtet«: Annie Rosar trat vorerst in ernsten Rollen auf, hier als Rose Bernd 1913 am Münchner Schauspielhaus.Auch die zweite Ehe wird nach kurzer Zeit geschieden, Ehemann Nummer drei stirbt überraschend mit 53 Jahren. Da lernt sie im Februar 1930 die Nummer vier kennen – über ein Heiratsinserat in der Neuen Freien Presse. Glücklich sollte sie auch mit ihm, dem höheren Beamten und Schriftsteller Franz Rebiczek, nicht werden. Der war ursprünglich Sozialdemokrat, passte sich in der Nazizeit den Gegebenheiten an und schrieb für das Hetzblatt Völkischer Beobachter.
Im Theater in der Josefstadt traf Annie Rosar auf Hans Moser, der ebenfalls von Reinhardt entdeckt worden war. 1929 spielen sie zum ersten Mal gemeinsam in Die Sachertorte, sie in der Rolle der damals noch lebenden Frau Sacher, er als Oberkellner. Vier Jahre später stehen die beiden Publikumslieblinge zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera. Von den insgesamt rund hundert Komödien und Heimatfilmen, die Annie Rosar vor, während und nach dem Krieg drehte, war sie in zwanzig Mosers Partnerin. Das war fast immer leichte Kost wie Ungeküsst soll man nicht schlafen gehen, 13 Stühle, Schwarz auf Weiß, Reisebekanntschaft, Meine Tochter lebt in Wien, Der Millionär und Der Herr Kanzleirat. Hervorstechend ist Hallo Dienstmann, eine der populärsten österreichischen Filmkomödien der Nachkriegszeit, in der die Rosar Mosers resolute Schwester spielt.
Während ihr Sohn im dritten Kriegsjahr immer noch an Hitler und seine Vasallen glaubt, kommen Rosar Schilderungen der in Dachau begangenen Verbrechen zu Ohren. Jetzt schlägt sie in ihren Briefen an den in Russland kämpfenden René ganz andere Töne an: »Wir sind alle Kinder Gottes, und erinnere Dich stets daran, was für prachtvolle und edle Menschen wir unter den jetzt so schmählich behandelten ›Juden‹ hatten – wenn die ›Deutschen‹ – hoffentlich nicht wir Österreicher – einmal dafür werden büßen müssen – was diese Menschen an ihnen verbrochen – dann wird es schrecklich werden.«
In vielen Filmen an der Seite von Hans Moser: Annie Rosar, hier in Der Millionär, 1944Annie Rosar musste sich nach dem Krieg einem Entnazifizierungsverfahren stellen, währenddessen sie zwei Jahre für den Film gesperrt wurde. Dass sie 1939 um Aufnahme in die NSDAP ersucht hatte, wurde ihr jedoch – ein sehr österreichischer Fall – nicht zum Verhängnis, »weil der Antrag bei den Behörden verloren gegangen« sei. Außerdem sagte ihr zweiter (jüdischer) Mann zu ihren Gunsten aus.
Die vierte Ehe wurde zwar nie geschieden, war aber eine Katastrophe, wodurch Annie Rosar in ihren späten Jahren einsam und depressiv war und Suizidgedanken hegte. Dabei hatte sie viele, meist prominente Freunde, in der Politik waren es die Bundespräsidenten Karl Renner (er war Trauzeuge ihrer letzten Ehe)...




